Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1643 (8.9.1923)
- Date
- 1923-09-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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,3 Silent Zum Abholen in der Expedition, II„Taborstr. 1-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien o. Oesterr. monatl. K 28.000 fsehe eh o-Ll Orakel: Won. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. Mk.70.000.Deutschland: Mon. Mk.l,000000. Frankr., Belgien: Monatl. Frcs. 8 H* Nach*ahlungen °W> Sei Preiierhohungen Vorbehalten Nr. 1643 Wiener Wien. Samstag. 8. September 1928 ^ichacne^iowaliil i tschecft’ K 1.20 Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien1 Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, S c h w e i x Md das übrige Ausland, monatlich Frcs. 3 "Redaktion u. Administration Wien, II.,Tafc»orstrassel-f3 Telephone: 4-4 *0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds*19-483,25-282 Tel-Adr.:,Morgenzeitung4' Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Neue deiM-französische Verbandlungen? — Kn amerikanischer Politiker für die Intervention Amerikas. Berlin, 7. September. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Während man über die zu ergreifenden wirtschaftlichen Notmaßnahmen berät, ist die Mark weiter rapid gesunken. Im freien Verkehr wurde heute nachmittags der Dollar mit 65 Millionen an der Börse gehandelt. S t r e s e m a n n hielt beim Festessen der auswärtigen Presse eine Rede, in der er unter anderem erklärte: „Nachgiebigkeit bei größtem Willen ist das Bild meiner Politik. Nachgiebigkeit in materiellen Fragen und UnNachgiebigkeit in der Wahrung der Freiheit Deutschlands gegen jedermann, der sie oder auch nur ein Stück von ihr bedroht. Die Welt wird uns nachgiebig finden m der Frage der Pistungen. Wer den Frieden will, wird leisten, IM mau billigevweise von uns verlangen kann." S Rheinländische Abgeordnete, die am EmPsaM einer Deputation aus den besetzten Gebieten teilmchmM'. haben, wie das „Düsseldorfer Tagblati" welliet, erkkärt, daß man unmittelbar vor einem direkten deutschen VerhandlmigscqrgHot an Frankreich und Belgien stehe. . . Die Nachrichten über «ein - bevorstehendes direktes Angebot find' nichtsdestoweniger yrit großer Reserve au^unehmen; viel näher liegt die Annahme, daß der passive Widerstand früher oder später zusam-me«- lbrechen muß. Der „Vorwärts" sagt in Besprechung dev Finanzmaßnahmen der Regierung, daß der jetzt beschrittene Weg vielleicht den finanziellen Zusammenbruch des Reiches verhüten werde. Die bereits getroffenen Vorkehrungen müßten aber noch durch folgende Maßnahmen ergänzt werden: . 1. Ansammlung eines ausreichenden Devisenfonds zur Stützung der Mark. 2. Abbau der Ausgaben. 3. Umstellung der Veranlagung und Erhebung der Steuern auf Gold. Diese Maßnahmen würden durch eine Notverordnung durchgeführt werden. Bestellung eines Kommissärs zur Erfassung von Devisen. Berlin, 7., September. Nach einer Verordnung des Reichspräsidenten bestellt die Regierung einen mit außero r d en t l i ch en V o l l m a ch t e n ausgestatteten K o mmissär für Devisenersassung, der befugt ist, Zahlungsmittel und Forderungen in ausländischer Währung, ausländischen Wertpapieren und Edelmetalle für das Reich in Anspruch zu nehmen. Der Komnlissär ist eine B e h ö r d e, die dom Reichswirtschaftsmmisterium untersteht.. Berlin, 1: September. Zu der Ernennung eines Reichskommissärs für Devisenersassung teilen die Blätter mit, daß dieser die Aufgabe haben werde, die in P r i v a t h ä n d e n befindlichen fremden Noten, Devisen,, ausländischen Wertpapiere und Edelmetalle, soweit sie nicht zu produktiven Zwecken benützt werden, zu erfassen und dem Reiche zuzuführen. Die abzuliefernden : Devisen sollen sofort zum Tageskurse bezahlt werden, und zwar je nach Wunsch der Besitzer in Pap reo mark oder in Goldanleihe oder überfestes Markts nto. Bei Umgehung der Verordnung übtt die Devisen« erfassung sollen drakonische Strafen, insbesondere V erwögen sst rasen verhängt werden. Zur Durchführung seiner Maßnahmen sollen den: neuen Reichskommissar die Organe der Landesregierungen zur Verfügung sichen. Amerika soll die Neparationsschukd festsetzen. Ein Vorschlag des amerikanischen Politikers Ophan. London, 7. September. Das Reutevsche Bureau melAek aus Chicago, daß der Schatzmeister Nes repuUikanischen Nationalausschusfes Ophan, der t>or kurzem «ms Europa zurückgekchrt ist, die Absicht hat, President Cool-idge zu ersuchen, in die Reparatronsfchwierigkeiten ein zu greifen und evnen Vorschlag zu machen, um Europa wieder auf eine gesunde wirtschaftliche Grundlage zu stellen. OpHan begibt sich nächste Woche auf Einladung des Präsidenten Coolidge nach Washington, um Aber seine Beoibachtuugen der europäischen Verhältnisse Bericht zn crstatten. Ophan wird Präsident Ec>olidge empfehlen, den Kongreß zu ersuchen, dem Präsidenten die Befugnis zu erteilen, eine Kommifsivn a m e r i l arris ch e r G e sch ä f t s l.e ü t a zu ' ernennen. ferner empfehlen, daß, nachdemvinmal der Betrag festgesetzt worden ist, die Vewinigton Staatep Frankreich ersuchen sollen, diesen unverzüglich anzunOmen, und' daß im Falle einer französischen Weigemng die Vereinigten Staaten Frankwich sofort ersuchen sollen, seine S ch u lden an Amerika zu zahlen. Französische Reguisittoncn im besetzten Gebiet. Düsseldorf, 7. September. In Düsseldorf hat -re Stadtverwaltung den Vorschlag der französischen Basetzungsbehörde auf wöchentliche Requisit i o n s l e i st u n g e n a b g e l e h n t. Die Besetzungsbehövde erklärte darauf, daß sie dann wieder zu Wegnahmen übergehen würde. Gestern wirrde bereits ein Transport von 3 2 Milliarden Mark im Hofe des alten Rathauses weggenommen. 41 der dmtschamerikanifchen Petvoleumgesell-, schuft gehörige, mit Benzin gefüllte Fasste stnd gestern von den Franzosen weggenommen worden. dlns dem städtischen LeiHaus wurden 2 3 Milliarden Mark beschlagnahmt. Ferner besetzten die Französin eine Druckerei und nahmen 160 Milliarden mit. In Hamborn wrlrden 30 Milliarden Mark, in Mühlheim ein Betrag von 6 00 Milliarden Mark weggenommen. Besetzung dev Krupp-Werke? Berlin, 7. September. Die Zeche ,/Langenbram" wurde gestern von Infanterie und Pavzerautos besetzt. Dir Belegschaft ist in einen Proteststreik getreten. Die Kohlenhalden wurden von den Franzosen mit Stacheldrähtex umzäunt. Bei der Firma Krupp erschien gestern eine französische Kommission, die die gesamten Werke einer eingehenden -Besichtigung unterzog. Gerüchtweise verlautet, daß die Krupp-Werke von den Franzosen besetzt würden, wofür die vor eitrigen Tagen eingetrofsinen Bataillone bestirmnt seien. Die nächste Nummer der „Wiener MorgenZeitung" erscheint Montag de« 1«. September vormittags, zur gewohnten Stundq. Ein abschreckendes Beispiel. F. Wien. 8. September. In Zeiten, da der Gedanke der jüdischen Eigen- -estimmung seine Auferstehung noch nicht gefeiert hatte und der politische Liberalismus oder, was man dafür hielt, eine starke Position im politischen Leben behauptete, mochte es angängig sein, daß die jüdische Wählerschaft ihre Interessen verschiedenen liberalen oder demokratischen Gruppen anvertraute uni> sich durch deren Erwählte vertreten ließ. Aber jene Zeiten liegen lange zurück. Die jüdische Auffassung hat seither in vielen Hinsichten tiefgehende Aenderungen erfahren, und der von allen Seiten vorwärtsstürmende Antisemitismus trug mit dazu bei, die jüdische Selbstbesinnung zu wecken und die Ueberzeugung immer mehr zu verbreiten, daß eine kraftvolle Vertretung der jüdischen Interessen nur durch jüdische Mandatare besorgt werden könne. Auch hat die Wirksamkeit der jüdischen Volksvertreter in den verschiedenen verwaltenden und gesetzgebenden Körperschaften verschiedener Länder bewiesen, wie richtig der Weg ist, welchen die jüdische Politik beschritten hat, und wie notwendig dieser Schritt zur Selbstbesinnung gewesen ist. Die jüdisch-politische Assimilation mußte' scheitern und was noch von ihr vorhanden ist, sind nichts anderes als kümmerliche Reste. Aber sie hat noch nicht völlig abgedankt und da und dort zeigt sich noch ein letztes Aufflackern des verschwelenden Flämmchens. Eine infolge ihrer Würdelosigkeit unerfreulichste Erscheinung bietet das deuffche Judentum von Prag dar. In der Tschecho-Slowakei sollen demnächst die Gemeindewahlen stattfinden und alle Parteien in der Nachbarrepublik gehen mit wahrem Feuereifer an die Werbearbeit. Auch das vokkÄ>ewußte Judentum der Tschecho-Slowakei bleibt hinter den anderen Gruppen nicht zurück, und es ist mit Sicherheit darauf zu rechnen, daß aus den Gemeindewahlen eine Kräftigung der politischen Stellung des tschechoslowakischen Judentums resultieren wird. Aber die j deutschtümelnden Juden aus Prag, die sich „deuffche Demokraten" nennen und die nichts gelernt und nichts vergessen haben, haben einen anderen Weg gewählt. In Prag haben die vier deutschbürgerlichen Parteien — j es scheint dort mehr deutsche Parteien, als Deuffche zu geben — eine Wahlgemeinschaft gebildet und ein; Deutschnationaler, ein Christlichsozialer, ein deklarierter Hakenkreuzler und zwei deuffche Demokraten, von denen einer auf den gut jüdischen Namen Doktor Eckstein hört, werben gemeinsam um Mandate. Dieses seltsame Bündnis, in welchem wieder die als deutsche Demokraten verkleideten Inden der gebende Teil sind, weil nämlich die deutschen Arier in Prag niemals die Möglichkeit hätten, aus eigener Kraft einen Nichtsozialdemokraten dnrchzubringen, hat den Zweck, die deutsche Sache in Prag zu befestigen. Die Juden sollen sich zun: Stimmvieh hergeben, um jenen Parteien Mandate in der Prager Gemeindestube zu sichern, welche den Rummel gegen Rektor Steinherz inszeniert haben, welche die wüsteste Hakenkreuzlerpropaganga treiben, in ihrer Schmierpresse sich an Besudelungen des jüdischeil Namens nicht genug tun können, nicht miibe werden, die Rassenfrenrdheit und Inferiorität des Judentums zu betonen und ihre Hetze auch auf österreichischen Boden übertragen. Man muß wirklich gespannt sein, ob es den würdelosen Prager Kasinojuden gelingen wird, jüdische Schäflein in dieses Gehege zu locken. Der Fall an sich ist bezeichnend genug, um aus dem lokalen Nahmen herausgehoben und mit jüdischen: Licht beleuchtet zu werden. Er ist ein abschreckendes Beispiel dafür, zu welcher Würdelosigkeit das krampfhafte Bestreben führen kann, sich an fremde Rockschöße zu klammern. Man darf, ohne der Uebertreibung und des Schönfärbens geziehen zu werden, sagen, daß ein solches Unterfangen in Wien glücklicherweise bereits zu den Unmöglichkeiten gehört. Die jüdischnationale Erziehungsarbeit ist nicht vergeblich gewesen und die Lästigkeit der jüdischen Mandatare im Nationalrat und Gemeinderat hat auch den Widerstrebenden die Augen .geöffnet, daß es notwendig ist, sich mannhaft der «MMN A wehren daß es jüdische Würde erfordert, offen Farbe zu bekennen, und daß nur* auf solche Weise sowohl dem Judentum wie der Allgemeinheit am besten gedient wird. Die Judenschaft Wiens wird durch die bevorstehenden Wählen vor die Aufgabe gestellt, einen Be-, weis ihrer politischen Reife zu erbringen. Es muß unter allen Umständen dafiir gesorgt werden, daß das Judentum Oesterreichs sowohl im Parlament wie im Gemeinderat seine entsprechende Vertretung erhalle, und es müssen alle Richtungen, die innerlich zur jüdischen Sache stehen, Zusammenwirken, um diesen Er- Lu ermöglichen. Wir Kursen nicht dulden, daß m Fragen der staatlichen. Politik und der Gemeindever» waltung Entscheidungen fallen, welche die jüdischen Interessen so stark tangieren, ohne daß unsere Wortführer gehört werden, und wir dürfen nicht zulassen, daß sich eine antisemitische Hetze mit und ohne Hakenkreuz ungehindert austobe, während wir, Vollbürger und Stuerzahler, wir, ohne deren Wirtschaftstätigkeit dieser Staat undenkbar wäre, zur unwürdigen Rolle des stummen und passiven Zuschauers verurteilt werden. Es geht um die jüdische Ehre und um das jüdische Recht.