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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-06 · Heft 1641 (6.9.1923) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1641 (6.9.1923)
Date
1923-09-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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M», DomrerKa- 8m Wahlbewegung Lst steht nunmehr fest, daß die bürgerliche Einheitsfront, die der Bundeskanzler angeregt hat, ihic in G-teie rmark nnd Kärnten in der Form von eiicheitljchen Liften der Grvßdentfchen, der Christtichsozialen und des kSondbundes in Evschoimmg treten wird, in den übrigen Bundesländern werden mich die deut sch a n t isMit Nischen Blockparteien mit Sonderilist en i n den Wahltkampf ziehen. Dies war wohl schon am Ende der Borwoche sicher, gleichwohl benützte die „Fene Freie Presse" die gestrige ReichÄparteileitungssitzung der Großdeutschen, um in einem langatmigen Leitanffatz sich als unberufene und freiwillige Ber^kerin den nat io na l a nt is e m itischen Parieren anznbiedcrn. sie vor einer politischen Ehe zu warnen, die rtirfrt obne Ennönschimg bleiben könne. Das Matt der Getauften rmd Halbgetauften zeigt sich von eirrer geradezu rührenden Besorgnis für die Parteigrundsätze der Deutschnationalen, denen die Einheitsliste die Gefahr bringen könnte, daß die Berührung mit den eigenen, mit dcrr wirklichen Wählern unteribrochen werde. Benedikt gibt den Großldeutschon zu bedenken, daß ]tc sich doch auf ihre Wähler nicht so unbedingt verlassen können und daß sic ihnen auf Nimmerwiedersehen davonlanfen könnten, wenn sie jetzt christlichsazial Wahlen. Die Großdentsche Partei möge sich doch die Hartde frei behalten fiir eine bessere Zlckunst. Das Ass'rmAantenovgan rennt hier bewußt offene Türen ein, da die großdeutsche Reichsparteileitung eigentlich nur den Schlußpnnkt zu den verschiedenen Abmachungen der Landesparteileitunig zu setzen hatte und, wie bemerkt, die Großdeutschen nur in Kärnten und Steiermark für die Einheitsliste eintreten. Geradezu kästlich ist es, daß Benedikt die national-antisenritischen Parteien als die Träger einer freiheitlichen Weltanschauung anfpricht, wUreird sie doch die Ableger der re ichsde Nischen Rechtsreaktionäre sind. Er kann es eben nicht vergessen, daß sein Blatt a-nno Tobak das Sprachrohr der vereinigten deutschen Linken war, die zeitweise gute liberale Traditioiren pflegte. Um den Widerspruch aufzuzeigen, genügt es, die Persönlichkeit eines Herbst und die — eines Professors Zeidler einander gegemvberznst-ellm. Und schließlich muß doch auch gefragt werden, in wessen -kamen die „Nene Freie Presse" das große Dort führt, hinter ihr steht keine Partei und kein erheblicher Deik der Wiener BevAkemmg, in dessen Auftrag sie sich vermessen konnte, panische Zensuren ausznteilen. Die Beschlüsse dev Grozxdeutschen. In der Sitzung der grvßtdeutschen Reichsparteileitung wurden die verschiedenen Kandidatenlisten durchbevaten. Ferner wurde eine Vereinbarung mit den deutschrvcrtionalen Gewerkschaften wegen einer entsprechenden Berücksichtigung von Ge° werkschastsverlretern auf den Listen der Großdoutschon einstimmig genchmigt. Die BchchlnHassamg über das Ergebnis der «och schwebenden Verhandlungen in der Frage der Wahltaktik für die Wiener Gemeinderatswahle« (christlichnationa-le Einheitsliste) wurde der Wiener Landesparteileitung überlassen. Die Neichspartmleitnng faßte schließlich den einstimmigen Beschluß, mit der ChrMichfoftalen Partei ein Wahlkampfübereinkommen zu treffen, wonach sine ruhige und sachliche Führung des Wahlkampfes zwischen den beiden Parteien gewährleistet wird. Ein derartiges Uebere entkommen mit der Sozialdemokratischen Partei ist nicht zustande gekommen. Es scheiterte an den Bedingungen der Sozialdemokraten, wonach sich die Großderrtschen hätten verpflichten sollen, auf ihren Plakaten und Flugblättern das Hakenkreuz als angebliches Zeichen der Gewalt nicht anzuwenden und mit der Nationalsotziabistischen Partei keinerlei Wahldoreinbarnngen zu schlichen. Die bisherigen großdeirtschen Abgeordneten L n m m p, «Eollarz, Kraft und Dr. Schmidt haben eine nenrr- Kche Kandidatur ab ge lehnt. In Niederöstarreich ist mi Diertel ober dem Wienerwald Abg. Dr. Urs in Listenfuhrer, «im Waldviert-el Lckndtagsabgeordneter Koppensteiner, im Viertel unter dem Manhartsberg Abg. Dr. Zeidler. Im Viertel unter dem Wienerwald ist wie bisher Minister Doktor Schürff Listenführer. Im 1. Wiener Wahlkreis wird Parteiobmann -HaüdeMammerrat Kan dl als Lfftenführer kandidieren. Die chrrstlichsozialen Krrdidaten. Die Christlichsozialen müssen nrit der Ausstellung ihrer Kandidatenliste noch einige Zeit zuwarten, weil sich in den einzelnen Waihlbezirken Schwierigkeiten ergeben. Man wehrt sich in der eigenen Wählerschaft gegen die Aufstellung monarchistischer Kandidaten und auf dem flachen Lande sicht man nur ungern Kandidaturen von Doktoren der drei weltlichen Fakultäten, aber auch der geistlichen Fakultät. Präsident Dr. Weiskirchner gilt bereits als abgesagt, er wird nicht mehr kandidieren und, wie bekannt, eine leitende Stellung in der neugegvündeten Oeste rre ichffch-jugoslawischen Bank übernehmen. Sollte die Partei bei den Neuwahlen die relative Mehrheit erlangen, so wird sie, dem Vernehmen nach, den ehemaligen Staatssekretär für Kultus Abg. Miklas, den salbungsvollsten Sprecher des Nationalrates, für die erste PrÜsidentenstelle des Hauses kandidieren. Auch der gewesene Minister für soziale Verwaltung Abg. Dr. Re sch wird sich nicht wieder um ein Mandat bewerben, er scheint wogen seines aufrechten sozialen Empfindens bei der neuen Strömung m der Partei mißliebig geworden zu sein. Endlich trägt sich noch Abg. Parti? mit Micktrsitsgedanken, die angeblich «"sschlienl'ch persönlicher Natur sind. Wiener: Mvrgenzerrnnfli xr. ^ftyetntvovL 9CVt xvase in Japan. Keine Millionen Tote. London, 5. September. (Tel. der „Wiener Morgenzeitnng".) Die Zahl der Toten in Japan wird jetzt mit 600.000 angegeben. Die Berichte, nach denen die Zahl der Toten zwei bis drei Millionen betragen, werden als n n richtig bezeichnet. Die Zahl der O b d a ch l o s e n wird ans drei Millionen geschätzt, der Sachschaden ans fünf Milliarden Dollar. Siebentausend Spitalrtranke «mgekomme«! San Francisco, 6. September. (Wolfs.) Hier liegt eine Meldung vor, wonach mehr als 7000 Patienten im UniversitätZsPital in Tokio während des Erdbebens umgekommen sind. Die Größe der Verwüstung in Totio. London, 5. September. (Wolfs.) Ente drahtlose . Meldung ans Tomioka besagt, daß nach S ch ä tz u ngen der Polizei in Tokio 500.000 Menschen getötet und 300.000 Hä ns er zerstört worden sind. Bei den Straßenkämpfen in Tokio wurden zahlreiche Koreaner getötet, die beim Plündern ergriffen wurden. Einige Inseln, unter anderen die Infel O sh i m a im Süden Japans, sind in den Fluten spurlos verschwunden, auch wird aus Peking gemeldet, daß die Inselgruppe B o n i a, 800 Kilometer von Japan entfernt, aus 20 Inseln mit 12.000 Einwohnern bestehend, i m Meer versunken ist. Außer Tokio und Iokohama wurden folgende Stätdtr zerstört: Oda Ware, Chiba, K o j a m a, I t o, I o k o s u k a und Sh imo j a. Das Neutersche Bureau berichtet aus Osaka, daß schätzungslveise eine Summe von einer Milliarde Pfund für die Wiederaufbauaribeiten in Japan erforderlich sein werde. Der Prinz-Regent hat 100 Millionen Aen für Hilfszw:cke zur Verfügung gestellt. Die Srdnung in Tokio kehrt MM. Paris, 6. September. In Osaka eingelangte Meldungen aus Peking besagen, daß in Tokio allmählich die Ordnung zurückkehre. MMtärfkiMUtze sichevn den Nachrichtenaustausch Zwischen, Osaka und Tokio. Die Regierung beabsichtige, ihren Sib nach Kioto zu verlegen. Die Lage des Lebensmittelmarktes sei bounvtchigend. Plünderungen seien an der Tagesordnung. Die Springfluten und Vulkanausbrüche dauern an. Ausgedehnte Hilfsmaßnahmen sind im Gange. lieber das Schicksal der fremden Kolonien liegen zumeist g ü n st i ge N a ch r ich 1 cn vor. Neue krMöße. Nach einer Meldung ans Tokio wurden dort Dl?M tag zwei neue Erdstöße verspürt. Mehrere h u nde r t Häuser, die noch aufrecht standen, sind z usammen gebrochen. Jo k o h a m a und Tokio sind vollständig von Truppen e i n g e s ch l o s s e n. Die Truppen sind gegenwärtig damit beschäftigt, die Leichen in den Straßen wegznränmen. Diese werden einfach in die noch brennenden Häuser geworfen, was unter den obwaltenden Umftänbcu das einzige Mittel fit, um Epidemien zu verhüten. Man glaubt, daß zwe i Iahre nötig sein werden, um Tokio und Jokohama wieder anfzubauen. Der italienische Botschafter getötet. Atom, 6. September. Beim Erdbeben in Japan wurde auch die italienische Gesandtschaft in Tokio und das ftalienische Konsulat in Jokohama zerstört. Hierbei fand der italicnifchc Botschafter De Martina den Tod. Das übrige Persona! wurde gerettet. Glne Springflut an der kalifornischen Aste. Paris, 6. Septom'ber. Ucfiev San Francisco wird ans San Pedro an der kalifornischen Küste gemeldet, daß dort eine gewaltige Springflut aufgetreten sei, durch die mehrere Schiffe zugrunde gegangen feien. Offenbar Handel: es sich im eine Au s Wirkung des japanischen Erdbebens. Erdstöße ans Wperu. Paris, 6. September. (Havas.) „Peti: Journal" meTDfl aus London, daß auf C y p e r n mchrerc Er d st ö s; c verzeichnet worden sind. Sesterreich. Lie Sanierung der Bundesbahnen. Der Schlußbericht des englischen Begutachters Svr Acworth, der gegenwärtig in London weilt,/ist in Wien ruxh nicht emgetroffen. Nach den aals London eingelangten Meldungen a'ber wind die Ueberprtffung des Beirichtes über die Sanierung der Bundesbahnen im Laufe der nächsten Woche beendet fein. Dies ist der Augenblick, wo die Gefprechungen über die Bestellung eines Generaldirektors der Bundesbahnen in ein entscheidendes Stadium treten werden. Es sind daher die bisherigen Meldungen über Kandidaturen für den Posten des GenevaMrsktors als verfrüht zu bezeichnen. Bei den Verhandlungen mit den für die Besetzung des Generaldirektorspoftens in Betracht kontmenden Pevsoneir ergibt sich die Notwendigkeit, daß diese die Ansichten Sir Acwovchs genau kennen lernen, zumal ja der künftige Generaldirektor den Bericht des englischen Begutachters vielfach zur Richtlinie für feine Amtsführung nehmen muß. Ans diesem Gnu-nde erscheint es erklärlich, daß die entscheidenden Verhandlungen 'der Regierung mit den Anwärtern ftir die GeneraldirMorsftelle der Bundesbahnen nicht fri'cher einfetzen können, bis der Cndbericht Sir Acworths vorliegt. Reumann verzichtet aus eine Wiederwahl zum Bürgemeifter. In einer an seine Favoriiener Wähler gerichteten Zuschrift teilt Bürgern;.üstrr Jckob Reumann mit, daß er zwar bei dm bcvorstebcnden Gcmcindera'swahlen wieder V§ L'.ftensührer van Fcwari'en kcndidicren, daß er aber nicht mehr in der Lage sein werde, für weitere fünf Jahre das Amt eines Bürgermeisters zu übernehmen. Cr müsse daher schon jetzt bitten, hierfür eine andere Persönlichkeit in Aussicht zu nehinen. Er ^gründet diesen Entschluß damit, daß er mit Eride dieses Jahres das 70. Lebensjahr vollendet. Remnann gehörte dem Wiener (Aemeinderate seit dem Jahre 1890 an, wo er zusammen mit Schuhmeier gegen die Luegerei sehr tapfer die Interessen seiner Wählerschichten verfocht. Als Nachfolger R e nmanns auf dem Bürgermeisterstnhl werden genannt: Präsident Svitz, den seine Partei schon seit Jahren auf einen mehr repräsentativen Posten stellen will; Dr. Renner und schließlich Bizebürgermeister Emmerling. Die endgültige Entscheidung wird wohl erst nach den Nationalratswahlen fallen, deren Ausgang auch entscheidend für die politische Taktik der Partei in dieser Körperschaft sein wird. Erreicht der antifcmitische Block die Zweidrittelmehrheit, so evscheint es als ziemlich wahrscheinlich, daß die Sozialdenroikratell aiff die Politik im Bund weniger Gewicht legen und sich mehr auf idas Wiemr Nathans zurückzichen werden. In diesem Falle werden sie Seitz oder Dr. Nenner zum Wiener Bürgermeister wählen. Die „weiße" Justiz. Budapest, 5. September. (Tel. der „Wiener- Morgen» zeisirng".) Die' öönigjllche Tafel verkündete nach dreitägiger Derfctt&Uusa -br Urteil wenen den SchrÄtjsteller Zvltan Ssasa. ————^D^——B—wnvim— den das Strafgericht im vergangenen Jahre zu pveieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt hatte, weil or im Wiener ,^J ö v ö" oiniige Artikel über ungarische Zustände verötsfentlichte. Die Verteidigung hatte auch der zweiten Instanz den Wahrheitsbeweis angeboten, . wurde aber ebenso wir in der ersten 'Instanz zu rück gewiesen. Die Tafel erhöhte die Straft: ach viereinhalb Jahre Gefängnis und 800.000 iSt. Geldstrafe. Der Mitangeklagte Redakteur G ergely Nnrrde freigesprochen Ans Budapest wird uns weiter berichtet: Vor der königlichen Tafel stand houie der Cgegleder Journalist Mich. Ivan, den das Cßegleder Strafgericht zu 11 Tage Gcsänguis vevuvteÄt hatte, weil er die Wahl eines jüdischen B ewerbers zum Kreisärzte in einem benachbarten Ort zum Anlaß nahm, das ganze Judentum in den Kol zu zerren. Die Anklage lautet auf Aufreizung gegen eine Relligionsgemcknschäft, das Strafgericht a'ber fällte sein Urteil ivegen Aufreizung gegen eine Gesellschaftsklasse, und in der Begründung wurde sestgestellt, daß das Judentum als solches eine einzige Gesellschaftsklasse bilde. Die königliche Dafel hob dieses Urteil auf und zog den Journalisten toegen Aufreizung gegen eine Religiou zur Verantwortung. In der hsntigen Verhandlung hielt der Verteidiger Maeordueter Ulain eine Hetzrede gegen das Judentum und berief sich auf ein Urteil des Budapester Strafgerichtes, welches den Journalisten Kadar fveigesprochcn habe, als dieser in einem Artikel behauptete, man ntüssc sämtliche Juden aus Ungarn mit der P e i t s ch e h i n a u § t? e i ib c u. Jvo-n wurde hierauf f r e i g e f p r o ch e n. Die ButschaKre. Die kleinen Diebe hangt man. Budapest, 3. September. Die Staatsanwaillschafi ha^ heute hrnlsichtlich der wegen staatsfeindlicher Uiutr.io'be in Haft genommenen Apor-Vogel und Geuasseu den Antrag gestellt, daß über die acht Personen wegen des Verbrechens der Anwerbung von Truppen die Präventivhaflt verhäuga und die Untersuchung durchgesührt werde. Die Staatsanwaltschaft verweist darauf, daß aus den Akten hervorghe, daß die Beschuldigten ohne Wissen der Regierung Truppen anwerben wollten, um das sogenannte Sz ek lcr Heer zu o r ga n is i c r>eund mit dessen Hilfe Siebenbürgen zurückznerotb er n. Dafür, daß die Beschnld'igteu die Regierung gvwaltsnnr entfernen Wollten, liegen Wohl Verdachtsgründe, jedoch keine prozessualen Beweise vor. Wie sich die Sache in Wirklichkeit verhält, geht aus dev Presse der E r w ach ende n hervor. So schreibt „S z oz<ri": „Die Regievuirg käme in eine arge Verlegenheit, wenn die Aussagen, welche in dieser Angelegenheit von; Oberstleutnant P r o n a y uuto Hauptucann Bacho bei der Polizei zu Protokoll gegeben wurden, veröffentlicht würden. Die V e r e i n s l e >i t u n g d e'r Erwache n d c n hat bisher trefe Diskretion bötvaihrt und Wird nur im Fältle der äußersten Notwendigkeit zu jener ©affe der Indiskretion greifen, welche nicht nur großes Aufschen ov-.i regen, sondern die Loge der Negierung Wethlen ■ bei der kleinen Entente wäwLlich erschüttern würde." ■«ttSSäwE^f HB

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