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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-06 · Heft 1641 (6.9.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1641 (6.9.1923)
Date
1923-09-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Einzelnummer K 1(100 W i e n: Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr.l-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28,000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Ts ch e c h o-S I owa k e i: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. Mk.70.000, D c u t s c h 1 a n d: Mon.Mk.1,fl00000.F rankr., Belgien: Monatl. Fr cs. 8 mp Nachzahlungen bei Preiserhöhungen Vorbehalten Nr. 1641 — .. Wiener Morgenjeitung Wien. Donnerstag. 6. September 1923 TachQcho-Slowcmal Ischech. IC 1.20 Italien: Monatl. 10 Lire Rumänien Mon. 90 Lei Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrig« Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II.,Taborstrassei—-3 Telephone: 44-0-38.43-3-19. ab6Uhrabds.l9-483,25-283 Tel.» Adr.:,Morgenzeitung“ Wien O österreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 6. FaHrgang Re AnterveuülmpflW des Böller bundes. Zer italienisch-griechische Konflikt vor dem BMerdundrat. Dos Rnde der Bndavester Komödie. (Bon unsereni Budapester Korrespondenten.) Finita la eomedia. Es kam, wie wir es voraussagten. Gie mit großem Tamtam in Szene gesetzte Untersuchung gegen den Verband der Erlvachendon Ungarn ist an den in Ungarn so berüchtigten toten Punkt angelangt. Die ungarische Regierung, die dem Ausland gegenüber eine Heldenpose annahm und durch ihre bezahlte Presse im Jn- und Ausland schon die Freudenbotschaft verbreiten ließ, daß' die Bethlen-Negierung nun endlich zur Auflösung dieser gefährlichen Nebenregierung zu schreiten entschlossen sei, hat abermals klein bleiben müssen und den Erwachenden noch überdies ein regelrechtes amtliches Wohlverhalstmgs-zeugnis ausgestellt. Wie bei allen früheren ähnlichen Affären wurden auch diesmal einige bezahlte Kreaturen und irregesührte Jünglinge der Staatsanwlatschaft überantwortet, und als die Polizei ernstlich an die Erfüllung ihrer Pflicht schritt uud sich auch der Führer der Evlvachenden Ungarn bemächtigen wollte, da erschien der Chef der Nebenregierung Oberst Paul Pronah beim Minister des Innern, mit dem er eine Stunde lang unter vier Augen konferierte. Das Ergebnis dieser Konferenz war, daß die Untersuchung in dieser gegen die Retz terung und gegen den Trianonex Vertrag gerichteten Verschwörung plötzlich abgeschlossen wurde. Der stellvertretende Ministerpräsident Josef V a ß beeilte sich, nach dieser Konferenz em-em Journalisten gegenüber auch sofort zu erklären: „Diese Angelegenheit gehört wohl in das Resiort des Ministers des Innern. Soviel kann ich jedoch mrtteilen, daß der Ministerrat sich nnt dieser Angelegenheit überhaupt nicht beschäftigt hat und sich auch gegenwärtig nicht befaßt. Die ganze Affäre hat eine glatte-Erledigung erfahren. ' Es ist ganz überflüssig, ihr eine weitergehende Bedeutung be izumessen." Erinnert mau sich au die Rede des Innenministers RakovszkY in der Nationalversammlung, in der er die aufgedeckte Verschwörung in den schrecklichsten Farben schilderte und feierlichst erklärte, daß die Regierung diesmal dem Verein der Erwachenden Ungarn rücksichtslos an den Leib rücken werde, so wird man ermessen können, welch gewaltigen Druck H e j j a s, P r onah und Friedrich aus die Regierung auszuüben vermochten, wenn diese vom Minister des Innern als so furchtbar staatsgefährlich Üezeichnetc Affäre mit der soeben tzitierten Erklärung des stellvertretenden Ministerpräsidenten ihren Abschluß finden konnte. Die öffentliche Meinung Ungarns und des Auslandes ist allerdings durchaus nicht so beruhigt, wie es der Vertreter des Ministerpräsidenten haben möchte. Die Untersuchung l>at vielmehr Doku nt c u t c s i ch e rgcst e ll t, aus denen hervorgeht, daß der Minister des Innern, als er die Staatsgefährlichkoit der Verschwörung in den schwärzesten Farben schilderte, keinesfalls zu weit gegangen war. Die Polizeilichen Erhebungen haben die an die Angeworbenen ausgefolgten Legitimationen und „offenen Befehle" zutage gefördert. Diese Legitimationen haben auf dem Kopf die Firma: „Verband der E r w a ch e n d e n Ungarn, Budape st, Sektion für nationalen Schutz, Detachement P r o n a y - H e j j a s, Z e n t r a l k o m m a n d o." Die erste Seite dieser Legitimation ist ein Passepartout für den Inhaber, der ihn: den Eintritt in alle Versammlungen des Verbandes ermöglicht. Auf der zweiten Seite ist die Einteilung des Betreffenden in eine bestimmte Gruppe der „A u f st ä n d i s ch e n Arme e" verzeichnet. Die dritte Seite stellt einen regelrechten Waffen paß aus, der den Besitzer berechtigt, die genau umschriebene Waffe „w ä hreud der Dauer des Kriegszustandes im Dienste und außerhalb des Dienstes zu tragen und zu gebrauchen". Am deutlichsten jedoch spricht der offene. Befehl, der folgenden Wortlaut hat: „Die kämpfenden Truppenkvmmauden, Behörden und bürgerlichen Personen sind verhalten, den Inhaber dieser Legitimation während des Kriegszustandes der weitestgehenden Unterstützung teilhaftig werden zu lassen. Der Inhaber dieser Legitimation ist berechtigt, auf dem durch die aufständische Armee besetzten Gebiet die Eifenbahnzüge sowie andere Verkehrsmittel ln Anspruch zu nehmen und sich auf dem besetzten Gebiet frei zu bewegen. Er ist berechtigt, jedermann in Hast zu nehmen und ihn behufs AusweiÄeistnng dem nächsten Kommando zu übergeben." Man sieht also, daß der Jnnemuinister' ganz recht hatte, als er die öffentliche Meinung alarmierte und sich auschickte, diesem gefährlichen Treiben ein Ende zu bereiten. Welleicht Wie er sein Bochahen auch ausgeführt, Die Entscheidung vertagt. Genf, 5. September. (Tel.-iKomp.) Der Schweizer Prefse-- telegraph meldet: Der Völkerbunidrat beschäftigte sich in der heutigen Vormittagssitzung mit dem griechisch-italienischen Konflikt. Er kam auch heute noch zu keiner Entscheidung. Salandr a (Italien) stützte sich in seinen Erklärungen hauptsächlich auf die Tatsache, daß Italien der allein zur Klage berechtigte Teil sei, weil es der verletzte Teil sei, und daß die Botschafterkonferenz die allein zuständige Stelle wäre. Italien könne die Zuständigkeit des Völkerbundes nicht anerkennen. Der griechische Delegierte Politis machte demgegenüber geltend, daß die Angelegenheit in ihrem Aüfangsstadium allerdings in den Wirkungskreis der Botschasterkonferenz gefallen wäre, Italien habe es aber durch seine Haltung selbst bewirkt, daß die Sache heute nicht mehr die BotschafterkonferenK allein angche. Der BölLerbundpakt sei ebenso von Italien wie von Griechenland unterzeichnet tvorden. Die Besetzung eines Teiles der Gebiete 'eines VAkerbundmitgliedes -durch ein anderes sei ohne Zweifel ein Vorgang, der den Bestimmungen der Artikel 12 und 15 'des Völkervnndpaktes zuwiderlanfe. Es sei nun am Rate, zu entscheiden, welchen Standpunkt er einnehmen wolle. Die Anerkennung der italienischen These wäre W B.SLN.ichtung des Völkerbundes. Präsident Jshii schlug die Vertagung der Aussprache auf eine spätere Sitzung vor, worauf Lovd Robert Ceeil erklärte, er hoffe, die nächste Sitzung werde morgen stattfinden und die MitglicÄer des Rates Würden diesen Zwischenfall zum Anlaß nehmen, um die Artikel 10, 12 und 1F des Paktes zu studieren. Er 'bat, diese Artikel in englischer und französischer Sprache nochmals zu verlesen, was durch den Dolmetsch des Rates geschah. Nach der Verlesung betonte Lord Robert Cecrl, daß diese Artikel sich in allen Friedensverträge n befänden und die Grundlage der Neno r d n u n g Europas darstellten. Präsident Jshii versprach, nach Möglichkeit die nächste Sitzung für morgen eiuzuberufen. Genf, 5. September. In den Wandelgängen des Völkerbuudpalastes bildete der italienisch-griechische Konflikt weiterhin das Hauptgespräch. Besonders bemerkt wird, daß die belgisch e D e l e g a t io-n Präzise Instruktionen erhalten halbe, wonach eine I u t e r v e n t ionsPflicht bestehe. Die meisten Delegationen sind auch der Ansicht, daß der Völkerbund die Frage behandeln müsse. Es ist sogar möglich, daß die Völkerbund Versammlung -ihrerseits zum Intervention s ge such Stellung nimmt, falls es notwendig sein sollte. Brasilien und llrusnov solidarisch mit Rallen. Rom, 6. September. Die ■ „Tribüne" meldet, daß Brasilien und Uruguay ihre Vertreter beim Völkerbund beaustragt hätten, solidarisch mit der italienischen Vertretung vorzugehen, so daß, wenn Italien ans dem Völkerbund -austrete, auch diese beiden Staaten folgen würden. Manien gegen Griechenland. Rom, 5. September. Die Agenzia Stefani. erhält von der a l b a n i s ch e n R e gier u -n g ans Tirana folgendes Telegramm: D i-c A n t w o r t G r i e ch -e n l a n d s an die Bolschasterkonferenz, durch die die Ehre der alb anisch en Nation verletzt wird, vergrößert die Entrüstung gegen die griechische Barbarei. Die Regierung hat die ihr angemessen erscheinenden diplomatischen Maßnahmen getroffen. wenn nicht die ,Gömbös - Fr red rich - GrupPeso viel Dolche gegen die Negierung im Gewände hätte. Einer der vergistetsten Dolche ist der Text der kriegerischen Rede Horthys, deren Veröffentlichung von der Retz i e r u n g i.n hibiert wurde, die aber als Pendant zu den oben beschriebenen Dokumenten von niederschmetteruder Wirkung ist. Diese Rede Horthys beweist, daß zwischen dem ungarischen ungekrönten König Horthy und den irredentistischen rechtsradikalen Rassenschützlern ehf i n n ig e r Kontakt besteht. Sie beweist ferner, daß Horthy absolutistischer als der größte Autolraten'monarch die Pläne der Bethlen-Negierung jeden ÄugenKick dnrchkveuzt und sich nicht auf seine Regierung, sondern Mf ßeme- Offitzi-ersLetachemenLs Aitz^ krNiiruagen Mussolinis über die öuheee Lage. Rom, 5. September. Die Agenzia Stefani meldet: Im M i n i st e r r a t e gab Ministerpräsident M u s s olini kurze Erklärung^ über die letzten Ereignisse in der auswärtigen Politik. Die äußere Lage, sagte der Ministerpräsident, >woist seit den letzten 24 «Munden nichts besonderes Neues auf. Meine gestrigen Erklärungen haben, wie man vorausschen kennte, in England und in Genfer Kreisen eine gewisse Erregung verursacht. Sie hatten den Z w e ck. gewisse ausländische Elemente, die den von Griechenland versuchten „Kartentaus ch" angenommen haben, an eine e r n st e Erwägung der Frage zu mahnen. Im sicheren Bewußtsein unseres Rechtes warten wir mit fester Ruhe aus die Entscheidungen, die der Völierbnndrat fassen Wird. Mussolini teilte schließlich die offizielle Bestätigung der Reise des Königs von Spanien nach Rom mit, die im letzten Drittel des Monats November erfolgen wird. Diese Nachricht werde vom italienischen Volke mit lebhafter Befricd-gung ausgenommen werden. Die Botschasterkonferenz skr eine Unter« snchnngrlotnmisslo«. Paris, 5. September. Die Agenoe Havas öÄI" Es scheint, daß sich die BotschaftevkonferenZ im Prinzip für die Einsetzung einer Untersuchungskou^ Mission ausgesprochen halbe. Sie hat aber aus Achtung vor dem Bölkerbundrai keinen Beschluß gefaßt. Mehrere Mitglieder haben überdies den Munscb geäußert, die Weisungen ihver Regierungen oinzuholen. Der „T c m p s" erklärt, der britische Delegierte im Völkerbundrat habe sich für eine aus Neutralen bestchende Nntersuchungsrommlssion ausgesprochen. Paris, 5. September. (Havas.) Die Botschasterkonf-ereuz hat heute über die griechische Antwort beraten und folgendes zu Protokoll genommen: 1. Griechenland nimmt, falls seine Verantwortlichkeit für die Mordtat in A l b a n'i e n nachgewiesen wird, alle von der Konferenz fcstgefetzten W i e d >e r g n t m a ch n n g e n an. 2. Griechenland schlägt die Bildung einer Unters u ch it n g s k -o m m i f s i o n vor, bic sich ans den Delegierten jener Mä-cht-e zusammensetzen soll,, die in der Abgrenz u n g s k o m in i s s i o n für Albanien vertreten sind. Die Konferenz stellte fest, daß es Grundsatz des internationalen Rechtes sei, daß die Staaten fiir politische Verbrechen und Attentate, die. auf ihrem Gebiet begangen lverden, die V e r a n t w o 11 it tt g tragen. Sodann schritt sie unverzüglich zur Beratung der. Modalitäten für die Untersuchung. Sie wird noch vor Sancstag wieder zusmmnentveten. Die Entscheidung ist dem B ö l r eb n n d :n i t n c t c i 11 worden. FugoMwien mobilisiert? Berlin, 5. September. (Tel.-Ko-Mp.) Wie an? Danzig gemeldet wird, haben die a-n der dortigerl technisch e n Hochs ch n l e immatrikulierten S t udenten südslawischer Staatsangehörigkeit Einberufungsbefehl c erhalten nntfind bcrelis in ihre Heimat abgereist. Die Blätter sehen darin ein Zeichen für die Mobrlisiernng Südslalviens anläßlich des ita-lierkilsch-griechischen Konfliltes. In Ungarn herrscht nicht die von der Nationalversarumlung eingesetzte Regierung, sondern eine dem Frieden gefährliche Offiziersmaffia. Zu registrieren wäre noch das in politischen Kreisen kursierende Gerücht, daß das plötzliche Umfallen der Regierung und der Polizei in der Affäre der Putschisten auf ein Kompromiß zwischen der Regierung und der christlichen Opposition zurückznführen sei. Um den Preis, daß Friedrich von der Verlesung der ominösen Horthh-Redc a'bsehe, hat die Regierung ihvevseits von einer weiteren Verfolgung des Verbandes der Erwachenden Ungarn Abstand \ genommen. Bei Friedrich kann man allerdings nicht wissen, wie lange er den Pakt einhalten wird.

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