Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1640 (5.9.1923)
- Date
- 1923-09-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1640 Wlvrr> Mittwoch Wiener Morgenzertung Ser Reg der -akoah in London. Montag siegte die Wiener Hakoah im lt-torr ° Park in London über den englischen Professionalklub Westham United mit 5 r 0 Toren. Näheres im Sportteil unseres Blattes. _ GosUbge an die amerikanischen Faden. New-Vork, 1. September. (I. C. B.) Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika C o o l i d g e hat durch Vermittlung der New-Norker Mteilung des Jüdischen Korrespondenz-Bureaus der amerikanischen Judenheit seine Glückwünsche zu dem nahenden jüdischen Neujahrsfest übermittelt. Das Schreiben des Präsidenten lautet: „Die Wiederkehr des Rosch-Haschanah, des jüdischen Neujahrs, das in diesem Jahre auf den 11. September fällt, ist immer eine Erinnerung an die Schuld, die die moderne Welt gegenüber dem jüdischen Volke und seiner wundervollen nationalen Kultur abzutragen hat. Dieses Ereignis ist von Bedeutung nicht nur für die Bevölkerung des jüdischen Glaubens und der jüdischen Rasse, sondern auch für alle diejenigen, die etwas von den glänzenden geistigen Schätzen des Judentums übernommen haben und die der Dienste teilhaftig wurden, die die Juden der Welt zum Wähle aller erwiesen haben." M gefährlicher Vorschlag des amerikanischen ßinwandemngsministers Davis. Aus New-dort wird uns berichtet: Der Vorschlag des Staatssekvetzärs für Handel Davis, in dessen Ressort auch das Einwanderungswefen gehört, daß in Hinkunft die amerikanischen Konsulate in den enropäis chen Auswanderungsländern das alleinige Recht haben mögen,Auswanderer zuzulafsen oder als ungültig zurückzuweisen, wird selbst in jenen amerikanischen Kreisen, die durchaus keine Freunde von Emwanderungserleichterungen sind, als sehr bedenklich und gefährlich beurteilt. Staatssekretär Davis begründet seinen Antrag damit, das; es unmenschlich sei, die Auswanderer ihre ganze Habe in ihren Wohnorten verschleudern, die beschwerliche Reise mit allen Widerwärtigkeiten mrb Quarantänen durchmachen zu lassen, um eventuell erst an der Landungsstelle zu erfahren, daß sie die Uebersahrt umsonst gemacht haben. Es müsse diesen Tragödien ein Ende gemacht werden. Nicht gering ist die Zahl jener Unglücklichen, die in Verzwiflung darüber, daß sie ohne eigenes Verschulden Vermögens- und heimlos geworden sind, Selbstmord verübten, um nur nicht nach Europa zurückfahren zu müssen, wo sie nichts anzufangen wußten. Aber die amerikanische Presse und insbesondere die jüdische Presse hält den Ausweg des Staatssekretärs bei aller Anerkennung der Uuhaltbavkeit der gegenwärtigen Zustände dennoch sür gefährlich, die amerikanischen Konsuln mit so weitgehenden Vollmachten und mit inappellablen Rechten auszustatten, über das Schicksal von Auswanderern zu urteilen. Würde der Vorschlag Mr. Davis Gesetz werden, so hätte der einmal zurückgewiesene Emigrant nicht einmal die Möglichkeit , das abschlägige Urteil durch eine höhere Instanz überprüfen zu lassen. Mit Recht weist unter anderem „Jawish Tribüne" auf die großen «Schwierigkeiten hin, die bei einzelnen Konsularstellen schon in den letzten Jahren den Auswanderern bei Beschaffung der Paßvifa bereitet wurden. Würden nun die Konsuln die ersten und letzten Richter darüber sein, ob ein Auswanderer für Amer:ka wünschenswert ist oder nicht, so müßte sich für diese unglücklichen Menschen eine Situation ergeben, die viel tragischer wäre als sie gegewvärttig in Ucbung ist. Während nämiich ein großer Teil der amerikanischen Konsuln bestrebt ist, die Einwanderungsgesetze nur vom amerikanischen Gesichtspunkt aus zu interpretieren, gibt es auch eine große Zahl von Konsuln, die sich, wie die Erfahrung gelehrt hat, von den R egiern ngen jener Länder beeinflussen lassen, bei denen sie akkreditiert find, so daß diese bei der Auslegung der amerikanischen EMwandernilgsgesetze sich weniger voin amerikanischen Standpunkt als vielmehr vom Bestreben leiten ließen, den europäischen Regierungen und ihrer Politik des chauvinistischen.Vorurteiles und der Rechtsnngleichhcit zu schmeicheln. Ans diesem Grunde wird der Vorschlag des Einwandernngsministers Davis vom größeren Teil der Presse auf das heftig st e b e k ä m p f t. 1.8 Millionen Waisen. Eine grauenhafte offizielle Statistik aus der Ukraine: Die Sowjetkommissariate haben, wie „Jewish Times" melden, einen offiziellen Bericht über die Waisenfürsorge in der Ukraine veröffentlicht, dessen Ziffc-rn geradezu grauenvoll sind. Danach wurden in der Ukra i n e 1,65 6.200 SB«is e rill nd Findelkinder registriert. Davon werden nur 14 Prozent von der Regierung oder von privaten Hilfspensionaten versorgt. Die übrigen leben vom Bettel, Diebstahl und allem, was ihrren nnterkommt. In den ersten sechs Monater: des Jahres 1022 wurden 20.317 Fälle von Verbrechen von vazierenden Kindern unter dreizehn Jahren gezählt. Bon der ermittelten Zahl der Waisen entfallen 40 Prozent flatf die Städte und 60 Prozent ans das flache Land. In Odessa und Nikolajew allein gibt es 116.000 Waisen und vagabundierende Kinder. Täglich findet man in den Häfen beider Städte Reichen von Kindern, die Hungers gestorben sind. Und Rußland führt Getreide ans!! Letzte Rachrichte«. Die Italiener besetze« weiter. Paris, 4. September. „Chicago Tribüne" meldet aus Athen, die Italiener hätten begonnen, TvupPenJn Santi Quaranta, nöbbhich von Kovn, zu landen. Die Nachricht fei noch nicht offiziell bestätigt. Man nehme jedoch an, daß die Italiener die Absicht hätten, die Küste des E p i r u s und wahrscheinlich auch das H r n t e r l a n d z u besetzen. Offiziell verlaute, daß die italiienifche Flotte auf der Insel Leros im Dodekanes eimen Stützpunkt eingerichtet habe. Der Hafen von Leros fei von Torpedobooten abgesperrt. Die gesamte Schiffahrt sei stillgelegt. »nchftadensdlel In der MM. In einem Budapester Blatt stellt ein alter Parlamentarier interessante Betrachtungen über Buchstabenspiel in der österreichisch-ungarischen Politik an. Er erinnert daran, daß es eine der wichtigsten Aufgaben der ungarischen Staatsmänner in der alten Monarchie gewesen sei, mit österreichischen politischen Faktoren zu verhandeln. Die berühmten Ausgleichskonferenzen mit ihren prickelnden Zwischenfällen, die ganze Generationen diesseits und jenseits der Leitha in Aufregung hielten, sind noch in Erinnerung. Nun ist es nicht uninteressant, darauf hinzuweisen, daß bei diesen Ausgleichs- Verhandlungen die Anfangsbuchstaben der Namen der miteinander unterhandelnden Staatsmänner in den wichtigsten Phasen immer die gleichen waren. Dieses Zusammentreffen hat in politischen Kreisen der Monarchie die Wirkung einer Art okkultistischen Vorbedeutung ansgoübt. Die Serie beginnt mit dem Grafen Andrassy, dessen Partner in Oesterreich Fürst Auersberg war, dann war auf ungarischer Seite Baron Banffy, der seine Ausgleichsverhandlungen mit dom Grafen Baden: zu führen hatte. Später standen sich^Doktor Wekerle sür Ungarn und Fürst Windischgrätz für Oesterreich gegenüber. Der Einsender dieser Betrachtungen knüpft nun an dieses interessante Zusammentreffen an und meint, daß jetzt, wo die österreichisch-ungarische Monarchie nicht mehr existiert und Ausgleichsverhandlungen nicht mehr mit Wien, aber mit Prag notwendig werden, das Alphabet mit seiner mysteriösen Duplizität wieder austritt. Bei den bevorstehenden Konferenzen in Genf wird Graf Bethlen mit dem Außenminister der Tschecho-Slowakei Dr. B e n e s ch zu verhandeln haben. Der alte ungarische Politiker klammert sich hieran und glaubt an dieses neuerliche Zusammentreffen die Hoffnung aussprechen zu dürfen, das; die Genfer Beratungen ebenso wie die Ausgleichsverhandlungen von anno dazumal zu einer Verständigung führen werden. Ganz zufrieden war man, meint der ungarische Buchstabendiplomat, seinerzeit in Ungarn mit den Ergebnissen der österreichisch-ungarischen Verhandlungen wohl selten, aber man befand sich trotzdem halbwegs wohl dabei; man könnte immerhin zufrieden sein, wenn auch diesmal die Ergebnisse der Ausgleichsberatungen nicht schlimmer ausfallen würden. Wenn Bethlen zu diesen Verhandlungen nichts anderes mitbringt als den gleichen Anfangsbuchstaben seines Namens mit denjenigen Benesch', dann ist es um das Ergebnis der Verhandlungen gar zu schlecht bestellt. Ein Protest der südafrikanische» Juden gegen die Beschrönknng der Immigration. Ter in Pretoria stattgefundene Kongreß der südafrikanischen Iewish Board ' of Dcputies; beschäftigte sich hauptsächlich mit der Frage der Einwanderung nach Südafrika. Mr. Bonzicn S. Herrsch aus Johannesburg erklärte, die Regierung habe die für die Asiaten vorgesehenen Bestimmungen des Einwanderungsgesetzes auf Europäer angewendet und diese falsche Anwendung habe die Einwanderung ins Land unmöglich gemacht. Wahrend der drei Monate von Jänner bis März 1923 seien nur zehn jüdische Immigrant e n cingetroffen. Der Kongreß beschloß eine Protestresolution gegen diese Sachlage, die der Regierung unterbreitet werden wird. (I. C. B.) Der K« Klux Klan im Staate New-Vork verboten. Eine oberstrichterliche Entscheidung. Ans New-York wird uns gemeld-eu Die Kn Klux K l a n - OrgamsalionE im Staute Nöw-Aork und die ihr an« gegliederte Frauenorganifation „Camelia" meldeten sich behördlich als eine La g e u organisation au. Als sie die nach dem neuen Gesetz des Staates Ne»v-Nork notwendige Bedingung zur Führung ihrer Organisationen erhielten, änderten sie eigenmächtig das Dekret dahin ab, daß sie auch als G e h e i morganisationei: bestehen könnten. Deswegen wurde nun dijs Gerichtsverfahren gegen die beiden Organisationen eingeleitet und das oberste Gericht des Staates New-Iork hat nun entschieden, daß durch diese Abänderung die Bewilligung für die beider: Organisationeil zunichte gemacht sei und daß außerdem str afg eri chtliche Verfolgung wegen Betruges einzn'treten habe. Nach der: Gesetzen des Staates New-Novk seien -Raglans- H ANZÜGE in feinster Qualität fl » zu billigsten Preisen bei ■ Heinrich Weinberg, >., Singerstrasse 6 I 5. September 1923 Seite 3 -:--—. .. ..’;v Geheimo rganisertionen verboten und jede Org-aMMon müsse die'Namen ihrer Mitglieder veröffentlichen. Da die Ku KluH iMu--Ovganifa!tion dieser Bopschvilft nicht enHwochen haVe^ fei sie zn verbieten. Me kpidemie in der französischen Armee. Paris, 4. September. (Wolff.) Wie ver „Oeulvve" meldet, Hai die n-ntter der BevsaMsv Garnison Eonde Dysenterie-Epidemie auch auf die Pariser Garnison übergegriffen. Die EpiidsMbe Weint auch' bei den französischen Truppen im Rheinland und an Stet Ruhr zu herrschen. ‘ Der internationale Polizelkongreß. Der Mädchenhandel. In: Verlaufe der Verhandlungen referierte der Vorstand des polizeilichen Sittenamtes Regierungsrat Dr. H. Weinbergsr über Prostitution und Mädchenhandel. Er erklärte, die Behandlung der Frage der Prostitution sei ein Gradmesser der Kultur des Staats- und Rechtsgebietcs. Die Prostitutionsftage - ist eine Seite der sozialen Frage und nur mit ihr lösbar, sie hat mit Moral nichts zn tum Es gilt nicht den Kampf gegen die Unmoral, sondern gegen ihre Begleiterscheinungen, Kuppelei, Zuhältertum, Mädchenhandel und gegen die Gesundheitsschädigungen. Redner kann sich die Lösung der sozialen Frage nur durch Hebung des Kulturnrdoaus denken, demgemäß auch die Lösung der Prostitutionsfrage. Der Mädchenhandel, oft geleugnet, besteht. Er hat abgenommen, namentlich durch die internationalen Uebereinkommen. Mädchenhandel sollte eigentlich „Frauen- Handel" heißen wird strenge bestraft werden, besonders, -wenn es sich um eine geschlechtlich unbescholtene oder jugendliche Person handelt. Jetzt werden Frauen und Mädchen ans Ländern mit schlechter Valuta durch Versprechungen gut bezahlter Stellen in Länder mit guter Valuta gelockt. Dagegen hat sich die Polizei« direktion schon seit 1920 gewendet, indem sie bei Paßrrteilungen an weibliche Personen die. Art der Stellenvermittlung genanestens prüft, Erkundigungen über im Ausland angeboren« Dienstposten einholt. Ein tief durchdachtes Referat erstattete Sektionschef des griechischen Ministeriums des Innern Dr. jur. Konstantin G a r d i k a s über den Geist des internationalen Strafrechtes und die Organisierung des Kampfes gegen die internationalen Verbrecher. Zu Begim: des zweiten Beratungstages veranstaltete Polizeipräsident Schober eine Trauerkundgebung für Japan aus Anlaß der Erdbebenkatastrophe. Der Kongreßreferent Hofrat Dr. Schultz brachte die von der Kommission gefaßten Beschlüsse formuliert zur Verlesung und stellt folgende Anträge: Der Kongreß erklärt die Errichtung einer womöglich sämtliche Länder umfassenden polizeilichen Organisation für notwendig, die sich im wesentlichen aus diesem Zweck dienenden polizeilichen Zentralstellen in de:: einzelnen Ländern und einem internationalen Zentralpolizeibureau zu« sammenzusetzen hätte. Dam: lagen folgende Vorschläge vor: 1. Den Kongreß Permanent zu machen unter dem Namen „Commission Po« liziaire Internationale", wenn alle Anwesenden als Privatpersonen Mitglied werden. 2. Wahl einer Verwaltung mit Sekretariat (womöglich Standort Wien). Feststellung der Statuten. Schriftliche Bekanntgabe der Konstituierung an die Staaten, mit der Bitte, in jeden: Staat eine Zentralstelle zu errichten. Ferner hielt der Kopenhagener Polizeiinspektor Jörgensen einen sehr interessanten Vortrag mit praktischen Experimenten über ein ferndaktyloskopisches Verfahre n. Die weiteren Verhandlungen betreffen internationale Verkehrssprachen und einen einheitlichen Kodex für die Polizei. Der dritte Messetag. Im Messepalast herrschte zeitweilig so großer Andrang, daß der freie Verkehr behindert war. In Lederg a l a nteriewaren wurden bereits namhafte Umsätze erzielt. Italiener und Amerikaner"legten großes Interesse für Reiseartikel an den Tag, in denen ebenso wie in Damentaschchen bedeutende Schlüsse getätigt wurden. Eine der feinsten Pariser Boulevardfirmen placiert« große Aufträge in Ledevwaren, Galanteriewaren und Ranchrequisiten. Für Silberwaren und Bijouterien liegen Anfragen^ von Ungarn und Polen, Frankreich, Rumänien und Spanien vor. Sehr befriedigend ist der Geschäftsgang in der Uhrenbranche. In Stil m öbel n wurden aussichtsreiche Verbindungen mit England angebahnt. In der Papiermeffe zeigt sich Interesse speziell für künstlerische Vorsatzpapiere, Külörpapiere, Ansichtspostkarten.Jn diesen Artikeln kamen Abschlüsse nach Italien. Jugoslawien und Spanien zustande. In Schreibwaren, vor allen: in Bleistifte::, zeigten sich Italiener als Einkäufer; von Buwauartikeln ivur.dey Rechenmaschinen für den Balkan bestellt. In Schirmen und Schirmgviffen wurden recht befriedigende Geschäfte erzielt, so mit fchlveilzerifchen, italienischen, französischen und orientalischen Kanflenten. In der neuen Hofburg konnte die S ch a: bu ndLe d: ri n d u str i e beffiedigende Resultate erzielen. Ball- und Luxusschuhe wurden von Franzosen und Italienern bestellt, auch Schuhmaschien fanden Abnehmer. Sbhr günstig ivaren die AbfchWe in der Krawattenbranche. Hier wie fast in allen übrigen Zweigen der B e k l e i <b n ngsind u st r i e, in ivelcher namhafte. Abschlüsse erfolgten, traten iu größerer Zahl Italiener als Käufer auf, eine Erfcheiuimg, itvelche in diesem Umfange noch be-i keiner der voraugeheirden Messen zu beobachten livar. uSRiumu U.X ttiSchiffmann II., TaborstraSe 48 Telephan 47-1-79 En gffos En dflil,