Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1640 (5.9.1923)
- Date
- 1923-09-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Lette 2 Wien, Mittwoch Wiener Morgenzertung. o. sopoemoer -er. rE Rundschau. Ae Katastrophe in Zapan. Tokio, 3. September. Ter Marinemimster schätzt die )ahl der Toten in Tokio allein auf 150.000. bieomie Takahashi und 20 Mitglieder der Regierungsxrrtei fanden den Tod, als sie gerade eine Sitzung rbhielten. Die Obdachlosen in Tokio und anderen Städten 'ind ohne Nahrungsmittel. An der Küste wurden >urch die das Erdbeben begleitenden Sturmfluten große Zerstörungen angevichtet. Städte wurden weggeschwemmt. Me Leuchttürme in der Bucht von Tokio sind unbrauchbar geworden, infolgedessen ist die Schiffahrt sehr gefährdet. Aus Osaka wird berichtet, daß der Kaiser und die Kaiserin in Sicherheit sind. Das ainrerjkanische Marineamt hat eine drahtlose Mitteilung vom Befehlshaber des amerikanischen Flottengeschwcü>ers im Stillen Ozean erhalten, worin es heißt, daß er acht Zerstörer mit Lebensmitteln und Arzneien abgesandt habe. Millionen Tote. London, 4. September. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitnng".) Tie Meldungen aus Japan nehmen immer phantastischere Formen an. Eine Nachricht aus Peking spricht heute von 2 Millionen Toten, eine andere Meldung ans Osaka will von 3 Millionen Toten, davon für Tokio allein 300.000, wissen. Da bisher die japanischen Behörden kern Communique über den Umfang dcr Katastrophe veröffentlicht haben, sind natürlich die M i tteilungen mit Vorsicht aufzunehmen. Nach einer Meldung aus Osaka haben die Behörden mit großen Berproviantierungsschwierigkeiten zu kämpfen. Die ausgehungerte Bevölkerung plündert die vorhandenen Vorräte. Die Lebensnüttelpreise steigen. Die wilden Tiere im zoologischen Garten wurden getötet, da die Gefahr bestand, daß sie ansbrächen. Paris, 4. September. Ern heute nachts in London eingelangtes Telegramm des irr Osaka erscheinendes Blattes „Asaki" besagt, die Zahl der Ohfer der Katastrophe erreiche 3 0 0.0000. Die Uebevlebenden feien von Hungersnot bedroht. Der Prinzregent leite von dem Palais Akasaka aus die' Hilfsaktion. Das Kaiferpaar sei im Sommerpalais MMo in Sicherheit. Das Gerücht von einer Ermordung des Premierministers Danvamoto finde keine Bestätigung. Tie Hauptursache des Brandes von Tokio sei der Bruch der Gasrohre. Infolge des Einsturzes der Häuser seien fast sämtliche Druckereien, darunter auch des Blattes „Asaki", sowie zahlreiche Fabriken und Spitäler vernichtet und Hunderte von Menschen getötet worden. Namentlich in: Bahnhofe Uyero, wo 8 00 0 von der Panik ergriffene Menschen zusammengedrängt waren, sei eine große Zahl durch den Einsturz des brenneuden Bahnhofsgebäudes ums Leben gekommen. Amerikas HW. Washington, 3. September'. (Reuter.) Der japanische Botschafter hatte mit dom Präsidenten Coolidge und dem Staatssekretär eine Konferenz, in welcher darüber beraten wurde, wie die Bereinigten Staaten Japan Hilfe leisten kömiten. Präsident Coolidge hat an das amerikanische Volk einen Aufruf erlassen, worin die Bevölkerung aufgcfordert wird, Japan Hilfe zu leisten. Das neue javanische Kabinett. Paris, 4. September. (Wolfs.) Wie die Blätter melden, ist das neue japanische Kabinett gebildet, und zwar hat Admiral Da ma moto das Präsidium und das Aenßere übernommen, Baron Goto das Innere. Zum .Handelsminister wurde I n o it h c und zum Kviegsminister Tanaka ernannt. Sesterreich. Die Wahlen. Die Großdeuffchen halten heute im Parlament eine Reichs Parteileitungssitzung ab, in der die Kandidatenliste endgültig festgestellt werden wird. Der großdeutsche Wahlaufruf und die Kandidatenliste der Großeutschen Volkspartei sollen schon in der allernächsten Zeit veröffentlicht tverden. Einige der bisherKn 'Abgeordneten, so Professor Zeidler, werden aus der Lffte ausscheiden, dafür kommen einige neu« Namen auf die Liste. Unter anderem wird der Parteiobmann Handelskanrmerrat K a n d l im ersten Wiener Wahlkreis kandidieren. Auch der gewesene Handelsminister Kraft dürfte ans Gesundheitsrücksichten von einer abermaligen Bewerbung um sein Grazer Atandat äbsehen. Tie Grgßdeutschen rechnen damit, datz trotz des Salzburger Beschlusses die Nationalsozialisten ihre Stimmen der großdeuffchen Liste zuwenden werden. Um den Nationalsozialisten das Eintreten für die Großdeutschen leichter;u machen, wird im Wahlkreis Hietzing der Führer der deutschnationalen Eisenbahner Ertl auf der großdeutschen Liste auf aussichtsreicher Stelle kandidiert werden. Wie das „Neuigkeits-Weltblatt" meldet, soll Bürgermeister Reumann für den Gemeinderat wegen seines hohen Alters — er erreicht heuer das siebzigste Lebensjahr — nicht mehr kandidieren. Tschecho-Slowakel. Der Pergarbeiterstreik. Staatliche Anforderungen sämtlicher Kohlenvoräte Prag, 4. September. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Wie das „Prager Tagblatt" meldet, hat in den Mittagsstunden das Ministeriuin für öffentliche A r ö e i t e n 'die großen Prager Kohlensirmen telephonisch darauf aufmerksam gemacht, daß sämtliche K o h l c n v o r r L t e dem Ministerium zur Disposition gestellt werden müssen. Weiters wurde den Kohlenfirnten bekanntgegeben, daß sich das Ministerium weitere Maß-' nahmen je nach Bedarf Vorbehalt. Oeffentliche Unternehmungen, Krankenhäuser, Elektrizitätswerke, Bäckereien usw. erhalten Kohle bis auf weiteres wie bisher zugeteilt. Tiefe Verordnung des Ministeriums, die vorläufig den c'mzelueu Großsirmen nur telephonisch bekauntgege-ben nurde, tritt ab heute nachmittags bereits in Kraft. Jugoslawien. Paftr in Paris. Paris, 4. September. Der jugoslawische Ministerpräsident Pa sic ist hier eingetroffen. Sein Aufenthalt wird nur von sehr kurzer Dauer sein, da er von seiner Negierung nach Belgrad berufen worden ist. Ungarn. Die PutschaMe der Erwachenden. Budapest, 4. September. (Tel. der „Wr. Morgenzeiiung".) Das amtliche Communique der Polizei über die Verhaftungen in der neuesten Verschwörungsaffäre ist sehr knapp gehalten und enthält wenig unbekannte Taten. Es wird erwähnt, daß der wegen unbefugter Werbung verhaftete Oberleutnant A p o r eigentlich Vogel heißt ustd wegen B e st e ch u n g von einer Provinzstaatsantvaltschaft verfolgt wird. Die polizeiliche Mitteilung behauptet, daß der Zweck der Werbeaktion nicht einwandfrei festgestellt werden konnte. Großes Aussehen rief heute mittags in der Nationalversammlung das Erscheinen des Oberleutnants Pronah hervor, der in dieser Angelegenheit als H a u p t b e t e i l i g t e r eruiert wurde. Pronay suchte den Minister des Innern Nakovszkh und zog sich m.t diesem zu einer langen Konferenz zurück. Pronay hat für die Verhafteten interveniert. Drohender Kohienardeiterftreik. Budapest, 4. September. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Im ungarischen Kohlenbergbau schweben seit geraumer Zeit Lohndifferenzen, zu deren Schlichtung heute der Handelsminister eine Konferenz in die Nationalversammlung einberufen hat. Eine Einigung ist nicht z u st a n d c g e k o m m e n. Die Vertrauensmänner der Arbeiter erklärten, in den Streik zu treten, falls ihre Forderungen bis Mittwoch nicht bewilligt werden. Polen. Pole» im Völkerbundrat? Warschau, 3. September. (Tel. der ,Mieuer Morgenzeitung.".) Wie in hiesigen gut unterrichteten Kreisen verrcntct, soll Polen auf der gegenwärtigen Session des Völkerbundes für sich eine Stelle im Völkerbundrate in Anspruch nehmen. In diesem Falle würde Schweden aus dem Völkevbundrat ausschckten. Die Forderung Polens soll von Frankreich unterstützt werden. Als polnischer Kandidat in dem Völkerbundrat wird der gewesene Staatspräsident Marschall Pilsudski genannt. Der Sejm tritt anfangs Sttober zusammen. Warschau, 3. September. (Tel. der ,Miener Morgenzeitung".) In der letzten Beratung des Ministerpräsideuten W i t o s mit dein Sejmmarschall R a t a j wurde beschlossen, in nächster Zeit teu Sejm zu einer kurzen Session oinzuberufen. In der zweiten Hälfte dieses Monats sollen nur die Scjmkommissionen tagen, das Plenum dagegen wird erst fiir anfangs Oktober einbernfen werten. In den nächsten Tagen soll Sejmnrarschall R a t a j mit den Führern der oppositionellen Klubs Beratungen abhalteu, um iit Angelegenheit der bevorstehenden Regierungsprojekte eine Verständigung herbsizufühvem. ' Wechsel im Eisevbahnmiolfterium. Warschau, 3. September. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Der Staatspräsident hat den Cifenbahnpräsideuten von Kattowitz Mostowski zum Eiseniütchnmimster ernannt. Wie verlautet, soll das Portefeuille für öffentliche Arbeiten der Abgeordnete Br hl (Wrtos-Partei) erhalten. Seine Kandidatur wurde bereits dem Staatspräsidenten vorgeschlagen, letzterer weigerte sich jedoch, seine Unterschrift unter das Eruemmngsdekret zu setzen. Eine Parteisufion. Warschau, 3. September. (Tel. der „Meiner Movgenzüturig".) In einigen Tagen finden Parteikonferenzen der D onibs ki-Gruppe und dev Wyzwolenie-Partei statt. Wie in gut unterrichteten Kreisen verlautet, dürften die beiden Konferenzen eine Fusion der beiden Parteien beschließen. Eine interparteiische Kommission ist bereits mic der Ausarbeitung eines F u s i o n s P r o g r a m m s -beschäftigt. England und Palöftina. Bedeutungsvolle Stellungnahme eines konservativen Abgeordneten. Aus London wird uns gemeldet: Ein führendes Mid glied der Konservativen Partei und einer der bekanntesten Rechtsanwälte Londons, E. P. Hewitt, Mitglied des Parlaments, veröffentlicht im „Jewish Chroniele" einen Auffatz über „Palästina und die nationale Ehre". Die antizionistffche Bewegung sei ein antisemitisches Produkt. Sogar das Kolonialamt ln in den letzten Zeiten der Koalitionsregierung von diesem Gift nicht frei gewesen. Habe man sich doch bemüht, den eigentlichen Sinn der B a l f o u r - D e k l aration zuungunsten der Juden um zu deuten. Die prozionistische Politik kann nicht geändert werden. Sie brachte England im Kriege große Vorteile unk muß bei behalten werden. Adan spricht von den Arabern und nimmt sich ihrer an. Aber es sei die z i o n i st i s ch e Immigration welche deren Position im Lande bei weitem gebessert habe Für England aber ist die Politik einer nationalen Heimstätte nicht nur eine Ehrensache geworden, sonderr auch eine Frage von großer politischer Bedeu. tung. Der Artikel, der von großer Judenfreundschast zeugt -ist um so beachtenswerter, da er von einem Mann stammt der am rechten Flügel der Konservativer sitzt, deren eigentliche Meinung die „Morning Post" ja son^ zu vertreten behauptet. Die Tagung des Völkerbundes. Genf, 4. September. (Tel. d. „Wr. Morgenzertung.^ Der Schlve iberische Preßtelegraph meldet: Heute vor mittags wurden die Präsidenten der sechs Komm'ffsioner gewählt. Hierauf vertagte sich die Völkerbuudversammlunj auf Donnerstag vormittags. Heute vormittags und an beit folgenden Nachmittage! werden nur die Kommissionen tagen. M o r g e i vorinitta g s findet die ursprünglich ffir heute äuge» setzte Sitzung des Völkerbundrates über den italienisch-griechischen Konflikt statt. Die Wahl der Präsidenten. Genf, 4. September. In der heutigen Völkerbundver sammlu-ng wurden Lord Robert C e e i l, Viscount I s h i i H a u o t a u x, Graf De G i m e n o (Spanien), F o r t o (Venezuela) und P u st a (Estland) zu V i z e p r ä s i ö c n ten gewählt. Ferner wurden die Präsidenten der sechs Kommissionen bestellt, und zwar: 1. Kommissim (juridische): Bundesrat Motta; 2. Kommission (technisch» Organisation): Mahavadja Jam Saheb of Nawanvgar (Indien): 3. Kommission (Abrüstung): SMrnmnt (Polen)', 4. Kommission (Budget und Finanzen): Dr. Nincic! 5. Kommission (soziale und allgemeine Fragen): Mello Brance (Brasilien); 6. Koirnmistion (politische Fragen^' Paul Hhmans (Belgien). Paldwin reift »ach Sens. London, 3. Septemiber. (Reuter.) Wie die Blatte melden, tverde Ministerpräsident Baldwin seinen Auf. enthalt in Mx-les-Bains wahrscheinlich dazu benützen, um nach Genfzu reisen. Poincare wird antworte». Paris, 4. September. Der „Matin" schreibt halb» amtlich, Poincare werde demnächst die Bedingung e n nennen, unter welchen die Verhandlungen, die Stresemann fordert, möglich sind. Die Rheinlandrkommisfion will den vasfiven Widerstand brechen. Paris, 3. September. Nach einer Blättevmeldung aus Koblenz hat die Rhemlandskommistion beschlossen, in der Absicht, die Organisation des Widerstandes gegen ihre Befehle seitens der deutschen Verwaltung rm besetzten Gebiet zu brechen, eine Ordonnanz herauszugeben, deren wichtigste Bestimmung lautet: Die Delegierten der Rhemlandskommission in den einzelnen Bezirken können von jedem Dokument Kenntnis nehmen oder nehmen lasten, das für deutsche Verwaltungen, die innerhalb ihres Bezirkes bestehen, bestinrmt ist, wenn Grund zu der Vermutung vorliegt, daß diese Verwaltungen eine Tätigkeit ausüben, die sich gegen die Befehle der Rhemlandskommistion oder gegen die Interessen der Besatzungsarmee richtete. Beschlagnabmtes Selb. Paris, 4. Septsntber. (Wolfs.) Nach o'mer Blätter» Meldung aus Aachen haben gestern die Belgier in dem gesamten von ihnen befetzten Gebiet Requisitionen von Markbetvägsn vorgenommen. In den verschiedenen Fil.alen der ReichSbank wurden 850 Milliarden beschlagnahmt. Eine internationale Eisenbahnkonferenr in Rallen. Wie aus Rom berichtet wird, wird in der zweiten Septemberhölfte in'Roneegno eine internationale Eisenbohnkonscrcnz stattfinden der die meisten Staaten bereits eingeladen wurdep- . .