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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-05 · Heft 1640 (5.9.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1640 (5.9.1923)
Date
1923-09-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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lnzelnnmmerKIOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition, II., Tab oratr. 1-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand fürWienn. Oesterr. monatl. K 28.000 Ts chech o-S I owakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. Mk.70.000.Deutschland: Mon. Mk.1,000000. F r ankr., Belgien: Monatl. Frcs. 8 MT Nachzahlungen *VB bei Preiserhöhungen Vorbehalten Nt. 1640 Me«. Mittwoch, 8. Setztember 1886 ..■■■■ .. .. ■ — rener rsehe«hb-älbWferX«l i tschach. K 1.50 Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon.75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administratioi Wien, II.,Taborstrassei—3 Telephone: 44-0*38,43-3-19, ab6Uhrabds.l9-483,25-282 Tel-Adr,: «Morgenzeitang* Wien O österreichisches Postspar« kassen- Konto Nr. 150.693 5. Jahrgang Zer griechisch-italiemsche Konflikt. England für die Autorität der Völkerbundes. — Ei« englisches Schlacht schiff vor Korfu. italienischen Aktion günstigen Stimmen, mehren sich. Ge wiß ist die italienische öffentliche Meinung von der Hab Die antisemitische Gewohnheitsfälschung. F. Wien, 5. September. Nicht allein der Judenhaß ist so alt wie das jüdische Schicksal der Zerstreuung, auch die antisemitische Verleumdung und Lüge darf für sich das gleiche hohe, oder wenig ehrwürdige Alter in Anspruch nehmen. Ihr Wesen ist sich gleich geblieben, nur die Methode hat sich jeweilig dem Zeitgeschmack und dem Stande der Technik angepaßt. Konnte im Altertum ein törichter Fälscher sein Publikum mit der Fabel auf die Juden hetzen, daß sie in ihrem religiösen Kult Eselsköpfe und ähnliche Embleme verwenden, so mußte später die BesHtldigung der Brunneuvergiftung und des Ritualmordes herhalten, um, von gewissenlosen Hetzern weiter verbreitet, der antisemitischen Hetze den erwünschten Schwung zu verleihen. In der letzten Zeit hat sich dieses Propagandamittel anscheinend einigermaßen abgenützt, und man begann rechtzeitig nach neuartigem Hetzmaterial Ausschau zu halten. Antisemitische Fälscher kommen nie in Verlegenheit, und so war ein solcher rasch zur Harw, um den Dummen, die nie fehlen, die „Weisen von Zion" vorzusetzen, dieses gefährlichste und gleichzeitig dümmste aller Machwerke, welches a posteriori „beweisen" will, daß eine anonyme jüdische Weltmacht die Geschicke der Welt in Händen habe, über Krieg und Frieden entscheide, sich des Hochkapitalismus der Bankiers wie des Kommunismus der Bolschewiken in gleicher Weise bediene und natürlich auch den letzten Krieg auf dem Gewissen habe. Es ist überaus bequem, die drückende Schuld von den Diplomaten und Militaristen, den Volksbetrügern und Nutznießern mißbrauchter Traditionen abzuwälzen und deur Judentum aufzuhalsen, das ja eine überlange Tradition zum Allerweltsprügelknaben prädestiniert hat. Kein Wunder, daß alle die Ritter vom Hakenkreuz, alles, was auf „völkische Belange" schwört, der gesamte rechtsreaktiouäre Klüngel mit Ludendorff an der Spitze, in dieses Horn zu stoßen begann, und es ist glücklich so weit gekommen, daß der amerikanische Milliardär und Narr Henry Ford sich durch eine Bearbeitung jenes Werkes die Legitimation geschaffen zu haben meint, sich nur die Präsidentschaft der Vereinigten.Staaten zu bewerben. In diesem entfesselten Chorus durfte das führende Organ der österreichischen Christlichsoziälen nicht beiseite stehen. Die „Reichspost" ist zwar seit Jahr und Tag sozusagen zum Regierungsorgan avanciert, ist das Sprachrohr des österreichischen Bundeskanzlers, aber sie muß darum nicht weniger das betätigen, was sie „Christentum" nennt und was sich merkwürdig genug von den Postulateu allumfassender Menschenliebe abhebt. So hat sie vor einiger Zeit mit dem Abdruck eines wirren Gestammels eingesetzt, das sich als das Elaborat eines jüdischen Autors gibt, um den dummen Kerl desto leichter zu ködern, und diese Expektorationen irgend eines anonymen Hakenkreuzlers mit perfiden Bemerkungen versehen, welche ihren Lesern vor der „jüdischen Gefahr" gruseln machen sollten. So hat sich das Fälscherblatt nicht gescheut, dem Vorkämpfer für jüdisches Recht und menschliche Freiheit, dem gewesenen französischen Minister und Gründer der „Alliance Jsraelite Universelle" Adolphe Cremieux Worte in den Mund zu legen, die wie ein Abklatsch aus den „Geheimnissen der Weisen von Zion" wirken. Israel wirft sein Netz über die ganze Erde, der Tag naht, an dem alle Neichtümer der Welt in jüdischem Besitz sein werden, und so weiter mit Grazie. Das saubere Blatt ist. an dieser Stelle alsbald entlarvt worden, und mutig, wie sie ist, ist die „Reichspost" ausgekniffen. Nicht, ohne sich auf eine neue Fälschung zurückzuziehen. Sie hatte behauptet, in dem Gründungsaufruf der „Alliance" stehe ein Satz, der von einem neuen messianischen Reich spreche, das an Stelle des Reiches der Kaiser und Päpste treten solle, und dieses Zitat in ihrem Sinne ausgeschlachtet. Um der Lüge Glaubhaftigkeit zu geben, führt sie an, der frühere Herausgeber der „Oesterreichrschen Wochenschrift", der gewesene Abgeordnete Dr. Bloch, habe die Echtheit jener Stelle nicht, zu leugnen vermocht; als sie dann eine Berichtigung erhielt, verweigerte sie unter dem Vorwand, üese entspreche nicht dem Preßgesetz, den Abdruck, nicht ohne wieder festzustellen, daß der zitierte Satz sich wohl nicht iu dem Aufruf der „Alliance", sondern in einem Aufsatze Cremieux in dem Pariser „Archives Jsraelites", )em späteren Organe der „Alliance" vorfinde. Der Satz selbst ist völlig unverfänglich in seinem Inhalt, lber nicht einmal das ist das Wesentliche. Wesentlich ist üelmehr, daß sich in dem genannten Blatte — die pReichspost" zitiert mit scheinwissenschastlicher jGründ- Ueber Ansuchen 'der italienischen Delogierten aus der Vö l k erbuNdoersammlung' ist die Verhandlung des italienisch-griechischen Streitfalles auf kurze Frist vertagt worden, um den Italienern die Möglichkeit zu geben, aus Rom genaue Informationen omzüholen. Die Situation wird am besten durch Meldungen aus London sowie durch eine Nachricht der Schweizerischen Presseagentur illustriert, wonach England unter allen Umständen daraus bestehen werde, daß die Kompetenz des Völkerbundes zur Schlichtung des Streitfalles durchaus eingehalten werde. Ein italienisches Blatt veröffentlicht eine von der italienischen offiziellen Presseagentur iweiterHegebeiie Nachricht, welche einen griechischen Obersten mit der Mordtat in Zusammenhang bringt. Dieser Oberst Botzaris wird beschuldigt, den M o r d an den Mitgliedern der italienischen Kommission gemeinsam mit dem Obmann eines e p i r o t ischen Komitees organisiert und zu dessen Ausführung griechische M i l i t ä r p e r s o n e n delegiert zu haben. Gleichzeitig meldet ein griechisches Blatt, durch die erste Untersuchung sei festgesiellt worden, daß der albanische Bandenführer Danud Hodja, auf dessen Kopf ein Preis ausgesetzt worden war, anr Tage vor dem Morde zusammen mit einem albanischen Polizeisunktionär in jener Gegennd bemerkt worden sei. Alle diese vagen Behauptungen vermögen natürlich nichts zur Entspannung der Situation beizutragen. Alan muß abwarten, wie sich der Völkerbund zu der Frage stellen, beziehungsweise ob Italien sich bereit erklären 'wird, dem Spruche des Völkerbundes Gehorsam zu leisten. Die Beratungen des BMerbnndrates. Genf,.4. September. Der Volkevbundrat beschäftigie sich in seiner hentige-n'Sitzung mit den: italieni'sch-griechffchen Konflikt. Die Grieche n haben neue Vorschläge eimcichen lassen, die miter anderen: voeschen, daß der Völkerbundrat aine u e u t r a l e K o m m >i s s i o u zur Ueberwachung der gerichtlichen Unterisuchung in Griechenland und der Bestr-asung der Mörder der italienischen Offiziere einsitze und daß der Völkerbundrat eine aus drei hohen Gevichtspersonen, einicnr 'Griechen, einem Italiener und c'hi'C'iu Neutralen, zusammengesetzte Kommission beauftrage. sich binnen kürzester Frist in Genf zn versammeln und die Höhe der Entschädigungen, die Griechenland für die Familien der Opfer zn bezahlen habe, fesWsetzen. Des weiteren ist die griechische Regierung einverstanden, daß in einer Schweizer Bank 50 Millionen italienische Lire deponiert werden, umt die unverzügliche Bezahlung der festgesetzten Entschädigung zu sichern. Salandra erklärte, er müsse genaue Instruktionen seiner Regierung ablvartkn. In Völle rbuudkreisin hat man den Eindruck, daß angesichts der weitgehenden Zugeständnisse der griechischen Regierung eine E n t s p a n n u n g eingetreten sei. Mussolini droht mit dem Austritt ans dem Böllerbund. Rom, 4. September. (Stefani.) Zu Beginn der heutigen Sitzung des Ministerrates gab Ministerpräsident Mussolini einige kurze Erklärungen über die auswärtige Lage ab. Der Mimsterpräsident erklärte: Die Lage in Korfu ist vollkommen n o r m a l, die Bevölkerung ruhig und die Besatzung für jede Eventualität hinreichend. Die öffentliche Meinung Eurolichkeit Arch. isr. 1861, 25, S. 600, 651 — weder ein Allssatz von Cremieux noch ein Wort jenes Inhalts vorfindet, ebenso wie der Band 25 gar nicht im Jahre 1861 erschienen ist! Dr. Bloch, der gegen die „Reichspost" eine Berichügungsklage einbrachte, ist sachfällig geworden aus rein formalen Gründen, wie wir an anderer Stelle ausführen. Darum tut es not, hier festzustellen, daß das Organ des Bundeskanzlers, der unlängst in seinem Schreiben an die jüdische Orthodoxie „als katholischer Priester" das Eintreten für die ewigm Ideen der Religion so warm begrüßt hat, wieder einmal schamlos gelogen hat, um eine antisemitische Verleumdung neuerdings aufzuwärmen. Ueberflüssig zn erwähnen, daß wir, denen Judentum keine Verlegenheit, sondern stolzes Bekenntnis und tung eines großen Teiles der englischen Press« überrascht und aufs schwerste betroffen. Ich hoffe, fuhr der Präsident fort, daß di» empfindliche Lektion von politischem Realismus, die uns soeben von der anderen Seite des Ka. nals zuteil wurde, das italienische Volk endgültig vor der Krankheit konventioneller Phrasen heilen wird. Was den Völkerbundrat anlangt, so hat er die Absicht kundgegeben, die Aufgabe an sich zu ziehen, die Fragt zu entscheiden. Das ist vollkommen unzulässig. Die italie» nische Delegation wird daher daran festhalten, daß der Völkerbund rat aus dreierlei fundamentalen Grün» den vollkommen inkompetent ist, über eine Fragt zu urteilen, die über die Grenzen der Klauseln des Paktes, auf die sich Griechenland beruft, h'mansgeht. In der Vor^ aussetzung, daß der Völkerbundrat trotzdem seine Zuständigkeit erklären sollte, würde Italien sich vor das Problem gestellt sehen, im Völkerbund zu verbleiben oder aus zu« treten. Ich habe bereits die Entscheidung im Sinne der zweiten Möglichkeit getroffen und ersuche den Mnisterrat, sich zu erklären,-rwb er den gestern Gmratl erteilten formellen Anweisungen zustimmt, die durch Sa» landra im Völkerbund des näheren wechen gekennzeichnet werden. Der Ministerrat erteilte seine vollem n d u n b e» dingte Zustimmung zur Haltung des Minister Präsidenten. ... ... .. kngland für die stritte Einhaltung de« Böllerbundtzattes. Gestern abends verlautete in orientierten Kreiselt, daß die italienische Delegation in Genf von: Ministerpräsidenten Mussolini Instruktionen erhalten habe, die Kompetenz des Völkerbundes in diesem Streitfälle nicht a n z u e r k e n n e n und einer eventuellen diesbezüglichen Diskussion im Rate oder in der Versammlung nicht beizuwohnen. Diese Nachricht hat bei den verschiedenen Delegierten starke Beunruhigung hervorgerufen. Man versichert, daß die e n g I i s ch e D e l e g a t i o n sowie die Vertreter der britischen Dominions fest putsch!ossen sind, dahin zu wirken, daß die Bestimmungen dieses Paktes st ritte ei n gehakte n werden. Auch die Delegierten der nordischen Staatell wollen darauf dringen, daß dem in rechtsgültiger Weise voygebrachten Ersuchen Griechenlands entsprochen werde. Da eine offizielle Bestätigung der italienischen Stellungnahme zur Stunde noch nicht vorliegt, wird die Lage als ernst betrachtet. Auch wird erklärt, baß Salandra beantragt habe, die auf Dienstag zur Behandlung dieser Angelegenheit angesagte Sitzung des Völkerbundrates auf Mittwoch zu vers ch i e L e n, um das (Eintreffen des mit den Instruktionen verschonen italienischen Delegierten Giurati abzuwarten. Englische Maßnahme». London, 4. September. (Tel. der „Mouer Morgeuze» tung".) Ein englisches Schlachtschiff ist, wie hier gemeldet wird, vor Korfu erschienen. Gleichzeitig hat sich der e r st e Lord der englischen Ad m i r a l i t ä t Amery zum Kommando der englischen Mittelnreerflotte nach Malta begeben. sittliche Aufgabe ist, wahrhaftig keine Ehre darein setzen, mit der „Reichspost" in Polemiken einzutreten. Es geht bloß darum, den Verleumdern das Wasser abzugraben und durch die Entlarvung ihrer Praktiken zu verhüten, daß neues Lügeumaterial gegen das Judentum mobil gemacht werde. Die unsaubere Affäre aber beweist wieder deutlich, wie nötig es ist, daß von jüdischer Seite alles vorgekehrt werde, um für eine jüdische Vertretung im Nationalrat Sorge zu tragen, die Attacken aus den jüdischen Namen abwehren soll. Die antisemitische Einheitsfront besteht bereits, ob sie nun in wahltechnischer Forni zustande kommt oder nicht, und cs wäre eine unverzeihliche Schuld, wenn das Judentum Wiens sich nicht zu den Wahlen aut einer Linriae» Vlattwrm aruVVütrtL. Pas begmnt ihre Haltung zu ändern und die der E>>WWMSS»SSSS>WW»»MW>SS^MSMMSM»SWWS»S«SSSUSSlS>MHSS»SW»S»WSSSW»SW»>>>»W«WSSSS»S»W>W»SWUSSWSSWS>IS»WM>»»M»

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