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Wiener Morgenzeitung · 1923-09-04 · Heft 1639 (4.9.1923) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1639 (4.9.1923)
Date
1923-09-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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, Mte 4 Wten, Dtaüttcvg -er gntrrnationale Polizelkongreß in Wien. Geistern um 9 Uhr vormittags wurde der Internationale Polttzerkorrgreß im großen Srtzungssaale des PolizeidirektionSgebändeS ans dom Schvttenring in lfoierlicher Weise durch den Arrvvger des Kongresses, Polizeipräsidenten Schober, er- Äftnet. Etwa ettt halbes Hundert Vertretet ist ans fremden Staaten ongemeldet, das für das große Interesse Zeugnis Mögt, 'das die Welt den Wiener Beratuuaen bezeugt. Die Krntzreßgäste wurden im großen Kuppelbau de? Hofes, der solchen PflaMnschmuck Asitzbe, empfangen und in den Be-- vatrmgssaal geleitet. Um 9 Uhr vormittags eröffnet« Polizeipräsident Schober den Kongreß mit einer Ansprache, in der er die Entwicklrrngsgeschichte des Kongreßgedankens skizzierte und dann foetfuhr: Die Notwendigkeit, gegen die seit dem Kriege ins ungeheure wachsende Woge der Kriminalitätä mit allen Mitteln einen Damm $u errichten, wird heutallgemein anerkannt; die Erkenntnis, daß gegen diese Woge nur dann erfolgreich ange- Lampfft werden kann, wenn sich die zur Bekämpfung bestehenden Institutionen die Hände reichen, bricht sich Bcchn, und die zahlreiche Beteiligung an rmserem Kongreß beweist, daß wenigstens die Poliyeidehörvden nahezu durchweg von dieser Erkenntnis durchdrungen sind. Es ist nickt zu leugnen, daß die Anforderungen, die der Krieg in allen Ländern an die Kraft, den Mut, di« Erfindungsgabe, die Ausdauer der Menschen gestellt hat, auch beim Verbrechen nicht ohne Wirkung geblieben sind und daß auch hier alle Mittel der Technik bereits Skiwendung sindem Nun haben sich sa die Sichecheitsbehördeu fet den einzelnen Ländern je nach ihrer bisherigen Entwicklung bemüht, Schritt zu halten und im eigenen Lande allmodernen Errungenschaften aufzubieten, um durch Re Unschädlichmachung des Verbrechens dem eigenen Volte zu dienen. Me diese Arbeit ist jedoch ohne Erfolg, wenn es nicht gelingt, die Regierungen der Staaten zu überzeugen,: daß die Polizeibehörden über die Staatsgrenzen hinweg zusammenarbeiten, einander jede Unterstützung, und diese ohne Formalitäten, leisten, kurz, m'n- «nander so operieren müssen, als ob eine Staatsgrenze nicht bestünde. Ein maßgebender Funktionär der Vereinigten Staaten, der mich heiler im Frühjahr besuchte, hat mir unter Borweis seines Passes gezeigt, daß ihm die Reise durch Europa vierzehn Millionen Kronen an B isageb ühr en lüstete. Diese Mitteilung -illustriert zur Genüge, welche.Barrieren zwischen den'Staaten aufgerichtet sind zur Dual der anständigen Menschen, zur Verhinderung der Tätigkeit der Polizeiibeamten; wir wissen äber alle, daß diese Schranken nicht existieren für den Verbrecher, der mit vorbereiteten gefälschten Dokumenten unerkannt und unbehelligt sede Grenze passiert. Die Mittel, die Art und Weise dieses internationalen Zusammenwirkens, die Beseitigung der bisherigen Hindernisse, dies bildet -den Gegenstand unserer Bevatnngen; die Hnuptfache -aber ist, wie ich-wiederhol«, die Reyievungen zu überzeugen, daß eine wirksame Bekämpfung der Verbrechen ohne dieses rrtternationale Zusammenwirken der Polizei unmöglich ist. Hierauf sprach BundeskaMer Dr. Seipel, welcher über die großen Aufgaben der Polizei sprach und zum Schlüsse sagte: „Ich brauche nur -daraus hinzuwöisen, daß in einer Zeit,' da die politische Lage es ratsam machte, einen Berufsbeamten an die Spitze der Regierung zu stellen, wir keinen besseren ge-, Wußt haben als den Wiener Polizeipräsidenten Schober." Ein instruktiver Vortrag über den Zweck des .Kongresses wurde vom Referenten Hofrat Dr. Schultz erstattet. . Hierauf berichtete Kapitän M. C. van Honten aus Doorn über die Versuche, die bisher in die Wege geleitet wurden, um ein planmäßiges Zusammenarbeiten der Kulturstaaten aller Länder zu organisieren. Der Referent schloß mit der Forderung nach einer vollständigen FretzügiMt der Polizei ohne zwischenstaatliche Grenzbeschränkungm. Es müßten Polizerzeniralen in allen Ländern errichtet werden, denen die Verpflichtung unmittelbaren gegenseMgen Zusaminenarbeirens obliege. lieber die Frage der Polizeiattaches .referierte der Delegat des Minisieirums des Innern in Belgrad Regierungsrat Banko witsch. Der .Krieg habe das Verbrechertum internationalisiert. Wogen der gesteigerten Erfahrung der Verbrecher und der unzulänglichen poll'izeili» chen Verhältnisse ist die Verfolgung des Verbrechers schwieriger als vor dem Kriege. Da die Entsendung wegen der Häufigkeit der Fälle untunlich ist, überdies ein Polizeiorgan in einer gänzlich fremden Stadt großen 'Schwierigkeiten begegnet, ist die Schaffung der Stelle von Polizeiattaches bei diplomatischen Vertretungen ein Gebot der Notwendigkeit. Die Italiener und auch Jugoslawien haben die Institution schon geschaffen. Auch Ungarn, Rumänien und die Tschecho-Slowakei haben schon Polizeivertreter in Wien. Redner empfahl seinen in Wien gemachten Vorschlag, in der Stadt, deren Polizei durch ihre in jedem Sinne mustergültige Organisation der ganzen Welt als Beispiel dient, der Aichnerffmulm der .twnareßteilnehnier. Der Nachmittag. Gestern nachmittags halben die Mitglieder des im-cv* nationalen Pokzettoriyresses unter Führung des Polizeipräsidenten Schober einen großen Teil des neuen Poli.zeipalastcs in der Roßauerlände besichtigt. Nach cinstünd-igom Rundgaug, der di« Mitglieder des Kongresses ungemein befriedigte, begaben sich die Mitglieder in den runden Kuppelsaal des Hauses, wo die kommissionellen Beratungen unter dem Vorsitz des Polizeipräsidenten Schober bei zahlreicher Beteiligung begannen. -Hofrat Dr. Schultz erläuterte die Petita seines Referats eingehend, und nach einer Debatte, au der sich Graz, Budapest und die Niederlande beteiligt hatten, wurde beschlossen, dom Plenum einen Antrag, dorzulegen, daß die auf dem Kongreß vertretenen Polizeibehörden sich verpslich« tat, jotoekt es die Gesetze des Lanides zulassru, Verhaftungen Wiener Morgen-ettmtg. 4/fr ■ttirin—* -- 4 AAO Nr. 1680 Mitteilungen aus dem Publikum. Möbelfabrik J. Spira Feine 619 Wlül. III., MMlüWM |—Z >Vohnungselnr!chtungen. (Ecke Karl Lchwetghofergasse Wichtig für Messebesucher!'MW preiswerte Möbel""""' renommierte Kunsttischler- und Tapeziercr-Möbelhauö Platsche? Co.. Wien, IX.. 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'Pülizcibur.ean. z,u errichten und in jedem Lande einen forrespondenzberechtigten Beamten, zu bestimmen. Schließlich wurde der Vorschlag van Honteus für das Plenum angcnom'ineu, daß eine ständige Organisation der auf dem Kongreß vertretenen Länder > geschaffen werde, .daß diese £'i'«- ganffation sich Statuieu gebe und von ihrer Entstehung den Reg-ierungen Mitteilung mache. Auch in jedem Lande soll eine. Polizeizentrale errichtet werden. Die Regiernngeu sollen dienicht allzn hohen Gelder für die Schaffung der Zentralen bei-- stellen. Der Vorschlag des serbischen Regievungsrates Doktor Bankoivitsch aus Schaffung der Stellen eines Po'l'iseia-ttachessand nach eingehender Debatte nicht die Billigunig der Kommission. Heute. ym halb 0 Uhr vormittags werden die Pleuarberatuugen' fortgesetzt. Rachnnttags werden die Dichecheitswachlaserne. in der Pramergasse, die Am-tsdruckerei, das PoliM-mufLum' und das. Evkvu,nun.gsam't besichlt!iAt. WO» bringt das neue Schuljahr? Fortschritte der Schulreform. Am 1. September hat das im Zeichen der Schulreform stehende neite Schuljahr an den Wiener Volks- und Bürger» schulen wieder begonnen. Auf ein Jahr intensivster Arbeit und großen Erfolges kann der Wiener Stadtschulrat zurück» blicken. Ein^ stattliche Reihe ausländischer Kommissionen und Fachleute hat während des abgelaufenen Schuljahres in Wien geweilt, um die Ergebnisse der Glöcklschcn Schulreform an der Quelle kennen zu lernen. Sie alle haben ohne Vorbehalt anerkannt, daß Wien heute ait der Spitze der Schulreform steht. England und Frankreich, die Schwsiz und Italien, Rußland und die Ukraine, Nordamerika und selbst das Kapland haben, wie der P-täsident des Wiener Stadtschulrates, Nationalrat Glöckl, gestern nachmittags in einer Pressekonferenz ausführte, Lehrer nach Wien entsendet, um die Wiener Schul» reform an der Quelle zu studieren. Für Anfang Oktober sind zu demselben Zwecke 20 Lehrer aus Spanien und 40 aus Norwegen angeMldet. ' Schon nach den Ergebnissen des ersten Schulreformjahres kann konstatiert werden, daß an den Schulen die größte Lehr- und Lernfreudigkeit herrschte, und daß es mit Unterstütnrng der Elternvercinig-UNgen geln-ugen ist, jede politische Differenz aus-zuschalten und die Schule zu entpolitisieren. Auch äußerlich kennzeichnet sich der Fortschritt der Schub reform: 18 Milliarden Kronen wurden aufgewendet, um Schulgebäude herzürichten; in 2 00 Schulgebäuden wurden umfangreiche Arbeiten durchgeführt, 18 Schulgebäude wurden zu den bisherigen mit elektrischem Licht versehen. Ferner wurden zwei neue Schulzahnkliniken —^- zu den sieben bestehenden — errichtet. ' Ganz nMartig präsentieren sich die Schulbücher. Die Fibeln erhalte» die Kinder umsonst, obwohl jedes Buch auf 86.000 Krone» zu stehen kommt. Das Buch ist kindertümlich gehalten, seine Grundtendenz ist, Freude zu bereiten. Es enthält die Lcbeiwgeschichte.zweier Wiener Kinder. Die Lcseschrift ist die Steinschrift, woraus sich - dann die Fraktürschrift entwickelt. Jedes Kind erhält mit dem Büche einen Setzkasten, so daß es sich jeden Buchstaben Herausschneiden kanni An Stelle des Lesebuches ist die Klässenlektüre eingeführt. Mir n c u e Schülerbihliotheken sind 197 Millionen Kronen vorgesehen. Schon in der nächsten Zeit werden von der Genieindo zehn neue Schulkinos, nur für Schulzwecke, errichtet. Je zehn Schulen werden ein Kino erhalten, fiir die kein Entgelt zu zahlen sein wird. Füx die Lehrerbibliotheken sind 141 Millionen vorgesehen, das pädagltgische Institut kostet der Gemeinde 197 Millionen Kr-nen. : . Der neue Schülerkatalog bringt ejne Vereinfachung der KlassifiktRio«. Die Ginheitsmittelschule wurde dieses Jahr um iM -il.ui:« erhöht, so daß jetzt also 43 Klassen, bestehen. 8« SUederilfterreich werden die Mauten aufgehoben. Um die nötigen Mittel für die Verbesserung dcö Straßennetzes zu erzielen, griff man in Niederösterreich zu der geradezu mittelalterlichen Form der Einhebung bon M a u t £ K- Diese haben sich besonders in der unmittelbaren Umgebung Wiens nicht nur als schwere Be lästigung des Fluiden- und Ausflugsverkehres, sondern auch al^ unerwünschte Verteuerung der Zufuhrev nach Wien erwiesen. Auch die anderen Städte Nied^rösterreichs hatten unter diesem Mautshstem, das noch dazu ebenso rücksichtslos wie unorganisiert gehandhabt wird, zu leiden. Die Gemeinde Wien hat sich nun beniüht, eine Aufhebung der Mauten zu erzielen, und die darüber eingeleiteten Verhandlungen zwischen Wien u it b Nieder Ö st c rreich sind siunmehr beendet. Die Wiener tZemeindeverwaltung hat sich Mit Mcksicht darauf, daß durch die umfangreichen Zufuhren in der Nachkriegszeit viele Straßen Niederösterreichs arg mitgenommen wurden, bereit erklärt, einen einmaligen Beitrag von z w e i M i l l i a r d e n K r o n e n für die Ausbesserung der niederösterreichischen Straßen zu leisten, unter der Voraussetzung, daß die niederösterreichische Landesregierung dafür sorgt, daß noch im September die ' Einhebestellen für die Mautgebühren ausgelassen werden. Der städtische Finanzausschuß hat dieser Beitragsleistung zugestimmt. Das Land Niederösterreich wird sich um so mehr beeilen müssen, die Aiautcii aufzuheben, da es damit der bereits anhängigen K f a g e auf V e r f a s s u n g s w i d r i g k e i t dieser Einrichtung znvovkonnnen. und sich so wenigstens die Blamage, die die erzwungene Aushebung mit sich '-'fuNc wird ersparen können. knthaftlmgen in der MordaUre Avvosai. Wie gem^bdet. wird, sind die chnter dem VerdachtL der Mitschuld cm. der Ermordung des Studenten Karger, welcher, wie erinnerlich, im Walde bei Nenlengbäch von seinem früheren Hakenkrenzgenossen N ö v o s a t ermordet wurde, in Haft gewesenen Iulins^ Brunner, Karl.Jugend feind, Anton Leit-' ner, Gustav Mark, Anton Sauer und Johann W e n z i n a auf freien Fuß gesetzt. Der Täter Rudolf N o v o s a t sind der gleichfalls schwer beschuldigte Heinrich Freund bleiben bis zur Berhandluu'g iu bandesgerichtlicher Haft. .. -t'*

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