Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1639 (4.9.1923)
- Date
- 1923-09-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2980477-2980720--16022-3002898- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
me t MM, Drensmtz Nie Wahlen. Wr einen antisemitischen Wahlblock in Wien. Morgen läuft die F r i st ab, die der Wieler Magistrat jenen Wahlberechtigten, die während der Zeit der amtlichen Wähleraufnahme von Wien abvesend waren, gesetzt hat, nnt ihre Aufnahme in die Wählerlisten zu erreichen. Am 12. d. beginnt die Neklanationsfrist und bis Mttwoch können nach n a chrägliche Anmeldungen im Rathause in der Zeit von 8 bis 2 und von 5 bis 7 Uhr unter Mitnahme von Heimatsdokumenten und des Meldezettels vollzogen werden. Wahlberechtigt ist jeder »hne Unterschied des Geschlechtes, der im Tage der Wahlausschreibung, das ist der 81. Juli,!n der Gemeinde seinen ordentlichen Wohnsitz hatte, österreichischer Bundesbürger ist und vor dem l. Jänner 1928 das 20. Lebensjahr überchritten hat. Der Nationalrat wird in seiner kurzen Herbstagung noch rasch eine ziemlich geringfügige llenderung des neuen Wahlgesetzes bechließen müssen. Es hat sich nämlich entgegen den urprünglichen Abbauplänen der Regierung die Notvendigkeit ergeben, auf dem flachen Land in Niederlsterreich einige Bezirksgerichte bestehen zu lassen, und tun müssen die beziiglichen Orte, die aus der Wahlordnung ausgelassen worden tvaren, wieder darin aufgerommen werden. Die Verhandlungen zur Bildung einer bürgerlichen Wahlgemeinschaft werden fortgesetzt, MS Bestreben ist vor allem daraus gerichtet, einen entisemitischen Wahlblock für den Wahllreisverband Wien zustande zu bringen, der Einheitslisten sowohl für den N a t i o n a l r a t wie für Mn Gemeinderat Vorschlägen soll. Das Endziel, hie Beseitigung der sozialdemokratischen Mehrheit im Katharrse, erscheint nicht unerreichbar. Bei den letzten Nationalratswahlen erhielten in Wien die Sozialdemokraten nur 46.99 Prozent der abgegebenen Stimmen, wahrend sie im Gemeinderat über mehr als üvei Drittel aller Mandate verfügen. Die Christlichpzialen bekämen damals 30.58 Prozent der abgegebeten Stimmen, die Großdeutschen 9.50, die bürgerliche KrbettSpartei 3.33, die Kommunisten 1.51, die Demodaten 1.01, die Jüdischnationalen 1.98 und He Tschechen 4.08 Prozent. Wne einfache Überlegung lehrt, daß kleinere Nachpen durch Zusammenschluß auf nicht unerheblichen Mandatsgewinn bei den Gemeirweratspablen rechnen Nnnen. Dasselbe gilt auch für die Dohlen Mm Nationalrat, wo die Christlichsozialen d» ganzen Bundesgebiet 43.86 Prozent, die Sozialdemokraten 35.32 Prozent und die Großdeutschen 1&82 Prozent auf sich vereinigten. Die Jüdischnationalen und Demokraten blieben zwar ohne Vertretung im Hause, doch schielten sie mehralsl Prozent aller ^gegebenen Stimmen. Sie hätten daher auf zwei Nationalratsmandate Anspruch gehabt. Die Wahlzahl wäre sicherlich bei der Hauptwahl mindestens einmal zu erreichen gewesen, wenn die beiden Gruppe« eine gemeinsame Liste tzkenrigt hätte, und sie hätten dann wohl auch im Ermittlungsverfahren noch ein Restrrrmenmandat erhalten. Dies mag als ein str die kommenden Wahlen dienen. Pole«. MttrWmWt« Glombknrki Wer den Nnmerns clausus. Warschau, 3. SepLsmber. (Tel. der ,Wiener Movgswzeittmg".) Unterrichtsmiuffter Gkombinski eMartc emem Vertreter der antisemitischen „RzeczPospMa", daß der Numerus clausus aus der Grundlage der Verordnung vom 30. Juli 1920 saWsch bereits bestehe. Die Hochschulen können im Sinne des ArMls 86 der genannten Verordnung mn Zustimmung des Unterrichtsministeriums die Zahl der auszunchmenden Studenten beschränken. Infolge 'des riesigen Zustromes der Nuiversiiatshorer und des Mangels freier Lchrplätze seien Universitäten gezwungen, die Zahl der Studenten einzuschränken. Abgesehen von dem Gesetzes Projekt über die Einführung des Numerus clausus, welches bereits vor: der Unterrichtstommissiou beschlossen wurde, stimme er zu, daß tm Sinne der oberwähnten Verordnung, die Univerfitätsbeyördon die Beschränkungen faktisch nach Notwendigkeit und ihrem Gutdünken einfuhren. Nach diesem Interview hat der Unterrichtsrninister somit den Numerus clausus f a k t i s ch eingeführt, bevor er noch vom Sejm beschlossen worden ist. Me neue englisch-polnische Bank. Warschau, 3. September. In Warschau wird demnächst die Eröffnung einer neuen Bank unter dem Rainen Warschau-Loudon-Bank unter Beteiligung englischen und polnischen Kapitals stattfinden. Das Grüudungskapital beträgt 25 Milliarden Mark. Das englische Syndikat desselben Namens ist mit 200.000 Pfund Sterling an der Bank beteiligt. Die Bank wird sich lhauptsächlich mit der Finanzierung von Industrie und -Handel beschäftigen. Unter den Gründern befinden sich Sir Gongh und Moultün aus London sowie Knapp und Karpinski aus Warschau. Wiener Vrorgenzerrung. mm 4111 Mailand, 3. September. (Tel.-Komp.) Der „Corriere della Sera" verbreitet das Gerücht von einer griechischen Regierungskrise und einer unmittelbar bevorstehenden Umbildung des Kabinetts Gonatas. Zainis hat die Mitglieder des revolutionären Komitees zu sich berufen, um mit ihnen über die neue Regierungsbildung zu beraten. Der italienische Viilkerlmnddelesierte bei Mussolini. Rom, 3. September. (Stefani.) Das Mitglied der italienischen Delegation des Völkerbundes, Minister Giurati, ist heute vormittags aus Genf hier eingettoffen, um mit dem Ministerpräsidenten Mussolini über wichtige Fragen zu sprechen, deren Verhandlung durch den Bölkerbundrat bevorstcht. Die Besprechung mit dem Ministerpräsidenten, die sofort im Palais Chigi stattfand, dauerte länger als eine Stunde. Giurati wird noch heute abends, mit eingehenden Instruktionen versehen, abreisen. Der Völkerbund muß entscheide«. London, 3. September. (Tel.-Komp.) Die Zeitungen zeigen sich ungehalten Wer die Athener Meldung, wonach Italien beit Schiedsspruch des Völkerbundes ablchnt. Die „£ i itt c s" schreiben, daß der Völkerbund unter keinen Umständen und unter keinem Vorwand sich beiseite schieben lassen wiivde. Dies sei der englische Standpunkt, den Lord Curzon Püincare anläßlich seiner Unterredung am Freitag bekanntgegeben habe. 20.000 itallrnischeHoldaten ans Korfu gelandet. London, 3. September. (Reuter.) Me „Daily Mail" aus Athen meldet, beträgt die Gesamtzahl der auf Korfu gelandeten italienischen Truppen 15.000 bis 00.000 Manul, Vier P'anzerschiffe und etwa zehn leichte Einheiten sind eingetroffen. Die griechischen Behörden von Korfu werden an Bord eines Kriegsschiffes gefangen gehalten. Ftalienische Flottenkonzentratlon. Konstantinopel, 3. September. (Tel.-Komp.) Die italienischen Torpedoboote, die sich in Smyrna befinden, haben Befehl erhalten, sofort nach der Adria abgugehen, um sich mit der dort konzentrierten italienischen Flotte zu vereinigen. Der italienische Rechtsstandpuntt. Rom, 3. September. (Wolfs.) Die Agenzia Stefan! veröffentlicht folgerte Mitteilung: Einige Blatter haben die Ungewöhnlichkeit des Falles hervorgehoben, daß die italienische Aktion Ms Korfu sich auf neutralem Boden vollziehe. Demgegenüber wird Nachstehendes bemerkt: Tatsächlich hat der _4. Vepkemver 1923 Nr. 163$ in Griechenland. Londoner Vertrag vom 14. November 1863 die Neutralisierun». der Jonischen Inseln anläßlich ihrer Vereinigung mit Griechenland festgelegt. Diese Neutralisierung ist dann durch den Artikel 2 des Londoner Vertrages vom 29. März 1864 auf die Inseln Korfu und Paxos beschränkt worden. Letzterer Vertrag ist indessen zwischen Oesterreich-Ungarn, Frankreich, England, Preußen, Rußland und Griechenland abgeschlossen worden; Italien hat ihm jedoch weder zu gestimmt noch ist es ihm beigetreten. Die Verpflichtung, die Neutralisierung des Gebietes von Korfu 31t achten, kann daher ausschließlich den Staaten auferlegt werden, die an diesem Ueberemkormnen beteiligt waren, nicht aber Italien. Diese Frage kann wohl nur aufgeworfen werden, wenn es sich um eine kriegerische Aktion handelt; die italienische Besetzung stellt aber eine bloße Zwangsmaßnahme dar, keineswegs aber eine kriegerische Handlung. Andererseits schließt, wenn die Neutralisierung die Verpflichtung nach sich zieht, keine Kriegshandlung auf neutralem Gebiete vorzunehmen, dies nicht aus, ein solches Gebiet zu einem nichtkriegerischen Zwecke zu besetzen. Es darf nicht vergessen werden, daß, wenn es in Kriegszeitcn erlaubt ist, sich eines neutralen Gebietes als Verbindung s w e g e 8 z u bedienen, gerade die durch die Neutralisierung Korfus gebundenen Staaten während des Weltkrieges die Insel dazu benützt haben, auf ihr Landungen vorzunehmen und militärische Streitkräfte zu unterhalten. Auf der Insel wurde stzgar das Oberkommando der serbischen Armee installiert. Von allen Gesichtspunkten aus betrachtet, steht daher die Besetzung der Insel Korfu zu nichtkriegerischen Zwecken nicht im Widerspruch zum Völkerrecht utt> ist somit vollständig rechtmäßig. gugoslawieu will neutral bleiben. Graz, 3. September. Die „Ta g c s p 0 st" meldet aus Belgrad: Die griechische Regierung hat durch ihren Geschäftsträger bei der Belgrader Regierung die Anfrage stellen lassen, welcheu- Stcmdpunkt das Königreich S. H. S. im Konflikt' mit Italien einnehmen wolle. Die Belgrader Regierung hat beschlossen, st r e n g st e Neutralität zu wahren, da Gefahr bestehe, daß sich der Konflikt auf die Balkanländer ausdehnen kölmte. Wie das Blatt weiter meldet, ist für morgen nachmittags in der gleichen Angelegenheit eine Sitzung des Ministerrates unter dem Vorsitz des Königs einbevufen. Bulgarien Met. Pari-, 3. September. (Tel.-Komp.) Ter „Jntransi» geaut" erfährt aus Konstantinopel, daß ' nach Berichten von Reisenden, die aus Bulgarien in Konstantinopel angekomnren sind, in ganz Bulgarien militärische Borbercituttgen getroffen werden. Die italienischen Munitionstransparte seien gegenwärtig von Konstantinopel nach Burgas und Varna nntevwcgs. Die Putschverschwömng der krlvachende; Ungar«. Aus Budapest wird uns berichtet; Es ist gar kein Avetfel nlehr darüber möglich, daß die Bevschwörnng zum Sturze der BechlerEegievung und der Wiederherstellung der Integrität des Vorkrie-gs-U-ngarn der St. Stephans- Krone — so hirnverbrannt auch der zweite Teil des Putschplanes auch klingen mag — von den Führern der Erwachenden Ungarn ausgeheckt, organisier und gefördert wurde. Eine -Hausdurchsuchung in der Privatwohnung des geschästsführenLvn Direktors des Verbandes Viktor Apor hat ein 0riginaldokument zutage gefördert, das folgenden Wortlaut hat: „Herrn Viktor Apor, Budapest. Wir bevollntächtigen Sie, auf dem Gebiete des ganzen Landes mit vollem Wirkungskreis in besonderem Aufträge vorzugehen und zrt dem bewußten Zweck Anwerbungen vorz »nehmen. Gezeichnet; Ga'cho. Hejjas. Pvonah. Viktor A p 0 r ist ein bezahlter, mit der Führung der Geschäfte betrauter Angestellter des Verbandes der Erwachenden Ungarn, ddr den Auftrag feiner Brotgeber getreulich, wenn auch ungeschickt ausgeführt hat. Was ist jedoch geschehen, nachdem die Polizei diesen hochwichtigen Fund gemacht hat? Apor und einige unreife, arbeitsscheue Burschen, die sich anwerben ließen, wurden in V e r>- w a 1) r ungs h a f t genommen, während die eigentlichen Verschwörer, Hejjas und Pronay, in Freiheit bleiben. Pronay wurde Wohl einvernommen, aber über feine Aussagen wird nichts verlautbart. Hejjas konnte die Vorladung nicht zugestellt werden, weil er von Budapest ab- 'm fen d und wahrfcheinl-ich in der Provinz agitatorisch tätig ist. Das ganze behördliche Oktue läßt jedoch die Rassen- ' schützler ganz kalt. Sie verfügen über so wichtiges, die Re gier u n g ko nt p r 0 m i t t i e r e n d e s M ater i <11, daß sie ganz genau wisselt, daß sie in eilter Auseinander-- Ssetzung mit der Negierung den Sieg über diese davontragen müssen. Einer der führcirden Rassenschiitzler, Abgeordneter Melchior K i ß, stößt bereits die Drohung ans: „Bethlen möchte Herpn Bencsch den Kopf der Erlvachenden als G e s ch e >t k n a ch Genf bringert, aber die Austösung des Verbandes wird ihnt nicht gelingen." Die Leitung dkes Verbandes der Ertvachcuden Ungarn beschloß, falls die Regierung mit der Auflösnug vorgehcn sollte, den offenen Kamps mit der Regierung aufzunehnwn iwtb den Bluff ausz»decke». Sie U'ird in Ungarn und im Auslände 'alle D 0 l u m e n t e v e röffentlichen, durch lvelche die enge Verbrüderung zwischen den Erwachende n n-n d der R e g t e r u n g einwandfrei festgestetlt und nachgewiesen wird, welche ernsten Unterstützungen den Eru'achenden von der Regierung offen und im (geheimen zuteil geworden sind. tzine Kriegsrede Horthtzs. Budapest, 3. SePtentiber. (Tel. der „Wiener Viorgett» zeituug".) In politischen Kreiselt herrscht große Aufregung wegen einer kriegerischelt Rede Horthys iit K'arczag. Zu der Rede kündigte Horthy einen baldigen Krieg an und gab der Hoffnung Ansdruck, daß es der ungarischen Armee binnen knrzent möglich sein werde, den altert Glarrz der Stephanskrone wiederherzrtstellert und die vort beit Nachbarn geraubten Gebiete des Landes zttrückzngetviuuen. Die Rede durfte von Budapester Zeitungen aus außenpolitischen Gründett nicht veröffetttlicht werden. Deru Abgeordneten Stephan Friedrich gelang es, von ben Stenographen den vollständigen Text der Rede zu erhalten. Er sandte honte vormittags den Text den Abendblättern zwecks Veröffentlichung zu, den Blättern wurde aber angederttet, daß im Falle einer Veröfferttlichung die Negierrrng mit der Konfiskation Vorgehen würde. Friedrich erklärte dem Berichterstatter des „Uj Nomzedek", daß er Dienstag in der Naiionalversamnrlung eine Interpellation einbringen und die Rede unbedingt vorlesen werde. Außerdem will Friedrich die neuesten Berhaftungeit zur Spräche bringen, denn, wie er erklärt, bestehen zwischen der Regiernng und den wegen der unbefugten Werbungen verhastetett Erwachenden seit zwei Jahren enge Zusammenhänge.