Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1639 (4.9.1923)
- Date
- 1923-09-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ElnzelmnmnerKIOOO Wien: Zum Abholen in der Expe dition, II.,'Taborstr. 1 -3, oder inemerVerschleisstelle ^Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Ts ehe ch o*S I.owak e i: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. Mk.70,000.Deutschland: Mon.Mk.l.OOOOOO.Frankr., Belgien: Monatl. Pres. 8 Wiener BV Nachzahlungen bei Preieerhöbungen Vorbehalten Nr. 1639 Wien, Dienstag, 4. September 1923 ■B fsMe(ho>si(paKiiii < tschech. K 1.20 Italien: Monatl. 10 Lire, Rumänien Mon. 90 Lefy Bulgarien Mon. 75 Lewaj Schweiz und das übrige Ausland monatlich Pres. 3 Redaktion u. Administration Wien, II.,Taborstrassei—3 Telephone: 44*0-38,43-3-19, ab6Ührabds.l9-483,25-282 Tel-Adr.: ,Morgenzeitung“ Wien Oesterreichisches Postspar< kassen-Konto Nr. 1507693 5. Fahrgang Natur- und Menschenmacht. f. Wien, 4. September. Das entsetzliche Unheil, welches die blühenden Städte und Landschaften im Fernen Osten getroffen hat, bringt der unter tausenden selbstbereiteten Nöten seufzenden Menschheit in Erinnerung, welche Gefahren das Leben selbst darbietet. Die tückischen Krater, aus denen sich das Jnselreich Japan zusammensetzt, bedürfen keiner diplomatischen Vorwände und keiner regelrechten Kriegserklärung) unvermittelt begannen die unterirdischen Gewalten ihr mörderisches Werk, und in wenigen Minuten war Jokohama dem Erdboden gleichgemacht und die Flammen loderten um die Trümmer der unglücklichen Stadt. Alle Mächte scheinen sich mit einem Äale gegen das unglückliche Land verschworen zu haben: Erdbeben, Feuer und Springflut folgen einander stets unmittelbar, die Zahl der Toten soll in die Hunderttausende gehen, und her Umfang der Verwüstung ist zur Stunde nicht zu überblicken. Das japanische Jnselreich ist als sozusagen klassische Erdbebenzone bekannt, und die Geschichte weiß von - zahlreichen derartigen Unglücksfällen zu vermelden, die sich auf diesen: Boden ereignet haben. Aber gerade dieser Charakter des Landes hat die inbrünstige Liebe des Japaners zu seiner Scholle aufs höchste gesteigert, und auf diesem Boden hat sich ein Ahnenkult ausgebildet, der dort im Mittelpunkte des religiösen Lebens sieht und eine der ergreifendsten Emanationen der Pietät darstellt. Die Menschheit Europas ist durch eigenes Erleben verhörtet worden gegen frenwes Leid und ihre durch"^tägliche Sensationen abgestumpfte Phantasie reagiert nur schwer auf Hiobsposten, die aus so weiter Ferne zu ihr dringen. Hier aber tut es not, jenes unverschuldete Leid eines alten Kulturvolkes fühlend mitzuerleben und ihm Hilfe zu bringen, wo noch geholfen werden kann. Der große Krieg, welcher alles menschliche Mitgefühl ausgerottet zu haben scheint und der nur möglich war, weil eine wahnsinnig gewordene Welt, welcher das Resultat ihres nach Augenblickserfolgen hastenden und gottfernen Tuns über alles ging, hat anscheinend alle Maßstäbe verschoben. Das Menschenleben war billig geworden wie die Brombeeren, und Hekatomben wurden hingemordet, um eine Kote zu halten, Armeen zur Schlachtbank geführt, um einen zur Karikatur gewordenen Vaterlandsbegriff zu behaupten, der sich bei näherer Betrachtung als der Inbegriff von Absatzgebieten und Gewinnmöglichkeiten erwies. Dieser Krieg konnte nur geführt und „durchgehalten" werden, nachdem alle grundlegenden Begriffe einer wahren Kultur ausgemerzt waren, die Achtung vor der Heiligkeit, Einmaligkeit und Unersetzlichkeit des Menschenlebens aus dem Europäergehiru, das sich mit seiner Kultur so sehr brüstete, getilgt worden war und von ihn: ein Heidentum Besitz ergriffen hatte, das vergebens bemüht war, sein wahres Wesen mit Enblemen der Religion zu drapieren. Nun zeigt der Ausbruch der feuerspeienden Berge des japanischen Jnselreiches, daß es des Umweges nicht bedarf, wenn ein Aderlaß an der Bewohnerschaft dieser Erde geübt werden soll. Die Natur, die allen Errungenschaften der menschlichen Technik zum Trotz dann und wann noch immer als die feindliche Macht auf der Bildfläche erscheint, vollbringt von selbst ihr zerstörendes Werk. Die Zahl von hunderttausend Toten mag für manchen Großschlächter des letzten Krieges wenig Imponierendes haben; für Menschen, die sich ihres Menschentumswieder bewußt werden möchten, umfaßt sie einen. unerschöpflichen Born jener unbegreiflichen Tragik/ die dem Leben nur fruchtbar gemacht werden kann, wenn sie zu Einkehr mahnt und wieder das Leben achten lehrt. Die Frage, ob der Mensch von Natur aus gut oder böse sei, mag bis aus weiteres theoretisch unentschieden bleiben; aber unbestritten ist, daß die wirklichen oder vermeintlichen Führer der Menschheit nichts zu tun .unterlassen haben, was die Menschen verroht, und vorgesorgt haben, daß die bestialischen Instinkte in ihnen nicht versiegen. Die Katastrophe in Japan und das unübersehbare Leid, welches sie auslöst und das sich unvermittelt dem Jammer der noch immer nach Tausenden -und Abertausenden zählenden Opfer des Krieges - und der pogromistischen Nachkriegsbestialität gesellt, müßte wie eine laute Mahnung an die Völkerwirken, die sich stolz die Kulturträger der Menschheit neunen: eine Mahnung an die wahre Bestimmung des Menschen ohne .UnJMchiep. pM.-FMe. Herkunft und Die Crdbebenkatastrophe in 12 Aiidte zerstört. - Fn Tokio und Fokohama 299.999 Tote. London, 3. September. (Wolfs.) Zur Erdbebenkatastrophe in Japan wird weiters gemeldet: Eine Reihe von Vulkanen ist in lebhafter Tätigkeit. Gestern um 9 Uhr erfolgten -in Jokohama mehrere Erdstöße. Folgende Städte find teilweise oder vollkommen durch das Erdbeben oder durch Fen-ersbvünste zerstört worden: Jokohama, Tokio, Fukagawa, Senji, Tokosoka, Afakusa, Kanda, Honda, Schitawaya, Atami, Gotemomba und Hakone. Anscheinend ist das ganze Land von drei Meilen nördlich Osaka und Kobe bis nach Sendai im Norden heimgesucht worden. Die letzte Zählung ergab in Tokio und Jokohama 20 0.0 00 Tote. Tokio brennt noch immer. Der hier angerichtete Schade ist so ausgcdchnt, daß die Regierung zeitweilig nach Osaka oder Kioto übersiedeln dürfte. Durch Explosion des Arsenals in Tokio wurden mehrere tausend Menschen getötet. Außerdem kamen 8000 Arbeiter durch den Einsturz des Fugo- Tunnels und 600 Menschen durch Einbruch des Sasako-Eisenbahntunnels ums Leben. Nach Berichten eines Augenzeugen stürzten in Tokio die Gebäude wie Kartenhäuser ein und die Stadt glich einem Flammenmeer. Eine Explosion folgte auf die andere, während Schreie des Entsetzens die Luft erfülltem. Was Erdbeben und Feuer unzerstort ließen, wurde von der Sturmflut weggeschwemmt. Das kaiserliche Palais, das nur zum Teil beschädigt wurde, ist für die Flüchtlinge geöffnet worden. London, 3. September. (.Tel.-Komp.) Nach einer Meldung aus Schanghai, bestätigt es sich, daß die Zahl der Opfer weit größer ist, als ursprünglich angenommen wurde. In Tokio und Jokohama allein soll sich die Zahl der Getöteten auf 10 0.0 0 0 belaufen. Durch die Explosion des Arsenals in Tokio sind mehrere tausend Personen ums Leben gekommen. Die 700 Personen, die durch den Einsturz des 175 Meter hohen Asakusa-Tuvmes getötet wurden, waren Flüchtlinge, die in der allgemeinen Panik im Turm Zuflucht gesucht hatten. Die Hafenstadt I t o ist durch eine Sturmflut zerstört worden. Der Eisenbahut u n u e l Sasa ko, der größte Japans, ist zusammengebrochen, während gerade ein Zug hmdurchfuhr. 600 Menschen kamen ums Leben. Die Sturmflut, die das Erdbeben begleitete, war von solcher Heftigkeit, daß man 1 befürchtet, ihre Reaktion werde auch noch an der pazifischen Küste Amerikas Schaden anrichtem Die sterftörungen in Tokio. London, 3. September. (Tel.-Komp.) Der Korrespondent des „Daily Expreß" in Osaka meldet, daß hon den 15 Stadtbezirken Tokios sieben gänzlich zerstört worden sind. Die Zeitung „Nichi-Nichin", deren Druckerei als einzige erhalten geblieben ist, ist wieder erschienen. Die übrigen Ze.i1ui.gen werden provisorisch in Osaka herausgegeben, wo viele ihre Bureaus und Druckereien haben. Der Kaiserpalast hat nur wenig Schaden gelitten. Der Funkentelephonische Anruf von Osaka an das Marineministerium in Tokio ist unbeantwortet geblieben, was darauf schließen läßt, daß dieses zerstört ist. Das Geschäftsviertel ist fast völlig vernichtet. Beim Ausbruch des Erdbebens hatten sich Tausende von Personen in den Mansabashi-Bahnhof geflüchtet.' Das riesige Gebäude brach aber plötzlich zusammen und begrub die Flüchtlinge unter seinen Trümmern. Die sogenannte heilige Insel Enoskima ist infolge des Erdbebens versunken. London, 3. September. (Tel.-Komp.) Nach einem Bericht aus Osaka hat die Regierung den Belagerungszustand üfcr ganz Japan proklamiert. Ein zentrales Hilfsbureau ist geschaffen worden. Einer der Kundschafterflieger ist von Tokio, zurückgekehrt. Er berichtet, daß es schwierig sei, ein Bild von den Verwüstungen zu geben, weil durch den Rauch die Aussicht erschwert ist. In Tokio ist ein erheblicher Lebensmittelmaugel eingetreten. Man glaubt aber, daß es den energischen Maßnahmen der Regierung gelingen wird, eine Hungersnot zu verhüten. Wie verlautet, ist das Ausländerviertel in Tokio ziemlich verschont geblieben/da es auf einem Hügel gelegen ist und dadurch wenigstens von der Springflut uck) der allgemeinen Panik verschont wurde. Lsaia zerstört. - Tausende Tote. Paris, 3. September. (Wolfs.) Nach einem Tele» gramm aus Osaka hat der Gouverneur von Jokohama feinen Kollegen in Osaka und Kobe folgendes Funkentelegramm gesandt: „Meine Stadt ist durch Feuer und Erdbeben zerstört. Die Verluste an Menschenleben werden aus 10.000 geschätzt. Alle Verkehrsmittel sind zerstört. Wir haben kein Wasser und keine Lebens mitte?. Schicket uns sofort Lebensmittel!" Nach einem weiteren Telegramm aus Südjapan sind die S t ä d t e und Dörfer z w i s ch e n T o k i v und Osaka so gut wie zerstört. London, 3. September. Wiedas Reutersche Bureau aus Osaka meldet, ist -in ganz Japan das Kriegsrechi proklamiert worden. Nach einer drahtlosen Meldung des Dampfers „Korea Maru" sind in Jokohama 2 0 0.000 Menschen obdachlos u n d o h n e N a h r u n g. London, 3. .September. (Wolfs.) Wie chas Reuterscke Bureau aus Osaka meldes, sind in Tokio von 15 Stadtteilen zehn zerstört worden. Die Leichen häufen sich in den Straßen. Die Zahl der Opfer sei derzeit noch nicht abzuschätzen. Berlin, 3. September. Von amerikanischer Seite wird mitgeteilt,. daß alle Kabelwege von Japan über Amerika nicht funktionieren. Sie seien wahrscheinlich durch das Erdbeben zerstört. Man sei jetzt auf die Wege über Sibirien und Hongkong —Singapore angewiesen. - Weitere Erdstöße. Paris, 3. September. (Wolfs.) Wie „Echo de Paris" mitteilt, haben die seismographischen Apparate in Paris in der vergangenen Nacht einen zweiten, fast ebenso starken Erdstoß verzeichnet/ wie jenen, durch den Jokohama zerstört worden ist. AmerikanMe Hilfe für Japan. Washington, ,3. September. (Tel.-Konch.) In der Botschaft, die Präsident Coolidge, wie schon gemeldet, dem japanischen Prinz-Regenten gesendet hat, heißt es unter anderem, daß die gesamten Hilfsquellen der amerikanischen Nation Japan zur Verfügung sichen. Von Port-Arthur sind heute 18 amerikanische Zerstörerboote mit Hilfspersonal nach Japan abgegangen. Auch die amerikanischen Spitalsschisfe in den Philippinen und in San Francisco haben Weisung erhalten, sich nach Japan zu begeben. Das amerikanische Note Kreuz, das über eine ausgezeichnete Hilfsorganisation verfügt, hat einen Mobilisierungsbesehl erlassen. Die an der Küste des Stillen Ozeans gelegenen Bezirke sind angewiesen worden, die größtnröglichste Anzahl von Aerzten und Sanitätsmaterial nach Japan zu entsenden. Die Teilnahme Sesterreichs. Bnndespräsident Dr. H a i u i f ch hat dem kaiserlich japanischen Gesandten K n m a t a r o Honda sein w ä r m st e s Beileid anläßlich der Elementarkatastrophe, von der Japan heimgefucht wurde, ausgesprochen. Ferner erschien Gesandter Pogatscher ans der japanischen Gesandtschaft, um int Namen der Bundes r e gierung ebenfalls den Ausdruck des herzlichsten Mitgefühls anläßlich der schrecklichen Katastrophe zu übermitteln. Desgleichen hat Bürgermeister Reumann in einem Ivarmen Schreiben kondoliert. Glauben, die Kriegsaxt zu begraben, Menschenliebe — und Verbrüderung an die Stelle des selbstzerfleischenden Hasses treten zu lassen, brüderliche Hilfe zu über: und die Heiligkeit des.Mmschenlebeits wieder aus den Thron zu setzen in: Sinne der ewigen Ideale, welche bisher die jüdische Lehre vergebens ihren tauben Ohren gepredigt hat.