Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1638 (3.9.1923)
- Date
- 1923-09-03
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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9s. m Wien, Montag Wiener Morsenzettuns. 3. September 1923 Seite 8 Gestalten nur Palästina. Von R. Ben-Them. 2. Benjamin Hatemani, der Jeme-nite. Es waren trübe, kalte Tage in» Lande. Anfangs Dezember. Ausgestattet mit dürftigen Jnformatlonen aus dem Galuth und noch dürftigerer Kleidung, zitterte ich in meiner leichten Binse und dem Stadtschuhwerk tüchtig. Es war ganz früh, noch vor Sonnenaufgang. Meiner und meiner Chawerim erster Arbeitstag. Wir sollten in einem Mandelgarten rings um die Bäume Gräben machen, in die dann Dünger 'hineinkommen sollte. Bleischwer war die Haue, noch schwerer die tingeübte Hand, der Rücken, di« Füße schmerzten. Schwere Schweißperlen rannen von nnscren sorgenvollen Stirnen in die flachen, nicht tief genug gernachteit Gräben. Mit trüben Blicket: schauten wir — oder . eigentlich — wir wollten einander nicht anschauen. Und die unerbittliche Sonne stand imruer kaum in: Aufgang. Vom Mi tag feine Spur. Wie hielten es nicht lange aus und legten uns am Ende einer Bäumereihe nieder. Da erschien eine Figur, die uns im ersten Augenblick ^schreckte, so daß wir uns plötzlich ausrichteten. Sie ging aber ruhig, wie unbekümmert, weiter. Es war ein hagerer, schmächtiger, dunkler, tief brauner Jude. Dies erkannten wir an seinem Barte und seinen Schlästulocken. Er war leicht, mochte kaum 40 Kilogramm wiegen. Zwei schwarze Feueräugen blitzten uns eine Sekunde lang an itnd wir wußten nicht, war das Mitleid, Ratlosigkeit, Trost. Die schwerste Wolke wird leicht, der härteste Zucker zergeht und der erste Arbeitstag vergeht endlich auch. Endlich, endlich durften wir mit zerbrochenen Gliedern, aber mit stiller Hoffnung, nach Hause gehen. Wir trgfen ihn wieder. Wir grüßten ihn. Seine Antwort verstanden wir schwer, wenn wir sie auch fühlten. Sie war in dem arabisch-jemenitischen Hebräisch, das ein Unwissender schwer auffaßt. Wir befreundeten rins mit ihn:. Er hieß Benjamin. Er konnte auch ironisch und verbissen sein. Meistens, besonders wenn er unseren Aerger sah, war er zärtlich und lieb, tröstete uüs, und feine schwarzen Augen drückten Freundschaft, inniges Zusammengehören ans. Als Krn>d war er vom Jemen weggezogen nach „Erc-z Hak'doscha (heiliges Lpnd). Er war ein Arbeiter seit seiner Jugend. Sein Tempo war immer gleichmäßig und ruhig. Er besaß zwar weder den Langmut der slawischen noch die Gemütlichkeit der gernramschen Arbeiter, hatte aber einen, wenn auch eigenartigen, aber steten Rhythmus in der Arbeit. Manchesmal konnte er auch wild sein. Freitag uachiniltags, wenn er zum Sabbat eilte, oder vor einem Regentag, sah man da-? jüdische Ungestüm die Oberhand bei ihm gewinnen. Er arbeitete mit mehreren Jemeniten. Wie Wilde rasten sie. Die semitische Rastlosigkeit rang die orientalische Faulheit nieder, die Augen schivollen an, der Rnckett unaufhörlich gebückt, die Hände wie Windmühlen. 'Der ungestüme Jude erwachte. Meistens aber waren er und'die anderen aus Jemen ruhig, angesteckt von. der Faulheit der aribischen Wüstet: und der monotonen Melodien. * Es war eine kühle, friedliche Nacht. Eine frische, scharfe, dünne, durchsichtige Luft. Verklärt träumte der blasse Mond, schwamm leicht und schwebend. Die Sterne glitzerten hell. Ein blaues, blasses Licht ergoß sich über den weiten mit Hügeln und Bäumen umgrenzten Horizont. Vor: der Ferne rauschte ein kleiner, aber wilder Wadi (arabisch Bächlein). Die Kolonie schlief. Den traumhaften Schatten des „Schomcr" sah man nur manchmal vorüberhuschen. Ich näherte mich den Gehöften der Jemeniten. Abseits des Dorfes, kleiner und ärmer als die Kolonistenhäuser, ohne Garten und Hof ringsum, standen sie einsam, ungeordnet da. Benjamin hatte mich mehreremals eingeladen. Jetzt um Mitternacht kam ich. -Plötzlich hörte ich eigenartige, mir aus meiner Heimat so wohl bekannte, süßklingende, aber hier so sonderbare Däne. Töne des Sing-Sang des jüdischen Talmud-Lernens. Gleich den unserigen, gezogei:, von ewiger Sehnsucht und Hingabe, von ewigen: Weh und Wollen, weltvergessen zugleich, und hinreißend und stark. Nur hörte ich aus der Kehle des Jemeniten noch eine resigniertere, nachgelassenere, von: Diesseits abgekehrtere Jntonierung. Ich trat ein. Beim Scheine einer kleinen Lanrpe faß der magere, schwarze Jude aus den: Jemen, der Arbeiter Benjamin, und lernte Kabbala. Ein zerissenes, beflecktes Buch des „Sohar" lag vor ihm. Er erschrak bei meinem Eintritt. Ms er mich erkannte, erhellte sich sein Gesicht, und die semitische Gastfreundschaft erwachte. Das Zimmer war klein und schmal. Ein einziger Raum. Frau und Kind (er war erst 21 Jahre alt) schliefen in einem Sack auf hartem Lager. Arnrut, unsägliche Armut ruhte hier und eine stumme Klage schaute aus dem Gesicht jedes Gegenstarrdes und aus den schwarzen Augen des braunen Benjamin. Ich verließ ihn eiligst, da ich nochmals die meiner Seele so nahen Töne, die ewigen Töne hören wollte. Die ewigen Klänge, gleich im Westen, wie im Osten, im Munde des Kaftanjuden Polens und in der Kehle des schwarzen, mageren, arabisierten Juden aus dem Jemen, des schwer arbeitenden Benjamin. Hin Brief Mar Nordaus. Wir veröffentlichen , nachstehend einen Brief Max Nordaus. den uns Herr Jakob Landau, der iSchöpfer -des jüdischen Wanderbundes in Oesterreich, derzeitiger Leiter des Jüdischen Korrespondenzbureaius in New-Uork, in liebenswürdiger Weife zur Verfügung -gestellt hat, tveil wir glauben, daß der Inhalt auch heute noch für viele Jugendliche von aktueller Bedeutung ist. K a r l s b a d, den 7. August 1910. Sehr geehrter Herr iuti> lieber Gesinnungsgenosse! Ich bin mir meiner Verantwortlichkeit gegenüber ideal gerichteten, begeisterten Jünglingen, die meinen Worten Bedeutung beizumessen gewillt sind, zu lief bewußt, als d'aß ich es über niich gewinnen könnte, Ihre Fragen leichtblütig und obenhin zu beantworten. Ihr wertes Schreiber würde, um angemessen 'behandelt ztt werden, als Erwiderung tirte lange Abhandlung erfordern. Diese abzufasset habe , ich hier und jetzt weder die Zeit noch die notige Sammlung nnd Ruhe. Alles was ich augenblicklich tun kann, ist, einige kurz» Andeutungen zu titachen, in denen Sie, unter Entschuld:, gung ihrer dogmatischen Form, den Niederschlag langen oft schmerzlichen Nachdenkens über den von Ihnen angeregten Gegenstand sehen wollen. Es wäre falsch und' verhängnis-voll, jüdische und euro päisch: Kultur als Gegensatz zu konstruieret: und zr empfindet:. Dieser Gegensatz besteht nicht. Es gibt keine jüdische und keine europäische, es gibt nur eine menschliche Kultur, unter der ich die Gesamtheit der bis heut» erworbenen sichere,: Kenntnisse vor: den Wirklichkeiten de? . zu der auch die Menschen und ihre Gesellschaften gehöret:, uni> der Anwendung auf die Lebensführung der Gesamtheiten und der einzelnen verstehe. Das Judentum erwartet und fordert, daß seine intellektuelle Jugend sich diese Kultur möglichst gründlich aneignet. Strebende nnd begabte junge Junden sollet: sich zu durch ::nd durch gebildeten, in ihrem Fach tüchtigen Menschen ansbilden, so daß sie den Vergleich mit keiner anderen Jugend ztl. scheuer: haben, ohne sich zu fragen, ob sie ihre Wissenschaft oder Kunst hier oder dort auszuüben berufen sein werden. Die Mathematik, die Physik, die Chemie, die Logik, die Geschichte sogar, sind keine anderen für den Wiener oder den Palästinenser. Daneben soll der junge Jude allerdings Hebräisch in Wort und Schrift beherrschen, lernen und eine solide Kenntnis seines Volkes in Vergangenheit und Gegenwart erlangen. Das genügt im Alter des Werdens. Dem Alter der Reife bleibt die Ausbildung in Sonderfächern Vorbehalten, wie cs die Kenntnis des Türkischen und Arabischen wäre. Die Frage, ob die Jugend sich für die Altswanderung vorbereiten soll, ist eine -hochernste. Sie ist nicht allgemein, nur individuell und konkret zu beantworten. Für Intellektuelle, für Angehörige der freien Berufe ist zurzeit noch kein Bedarf und also auch kein Boden in Palästina. Dort gehören heute Bauern, Industriearbeiter und Kapitalisten hin. Dort muß zunächst eine materielle Kultur ausgebaut und ein reges Wirtschaftsleben geschaffen werden. Sind diese vorhanden, dann wird auch Nachfrage nach Geistesarbeitern entstehe:: und es wird die edle Aufgabe der jüdischen Jugend Europas sei,:, dieser Nachfrage zu entsprechen. An tatsächliche Auswanderung denke heute nur, wer entweder begeistert genug ist, unr -dem zionistischen Ideal mit Aufopferung jedes anderen Ehrgeizes körperlich zu dienen, wie Jakob für Rahel, das heißt, als Arbeiter hintern: Pfluge und im Viehstall, oder wer die -Mittel besitzt, um mit Aussicht auf Erfolg einen selbstständigen Betrieb landwirtschaftlicher oder gewerblicher Art in Palästina zu begründen. Die anderen müssen -damit rechnen, daß sie bestimmt sind, ihren Lebensweg in ihren Geburtsländsen zu machen. Aber sie brauchen darum nicht Zn stillen Nächten... In stiqeu Nächten, weißt du, wenn alles uiu mich schweigt und schläft nnd ititt leise Schatten über die Weißen Wände wehen und draußen der Mond über weißes Gewölk hinhnscht, da liege ich oft rücklings hingestreckt und wage mich nicht zu rühren und bin ganz wach und träume mit offenen Augen zur. Zimmerdecke empor und hinaus in das Stück Hellen Himmels, das um mein Fenster hängt, lind ich hebe den Arm und lasse die Finger hin und her schlenkern, ob ich denn wirklich tvachc. Ja, ich habe so viel und so vieles geträumt und ich vergaß darüber,.daß ich wachte! Ja, aber ich bin ganz wach und liege rücklings hingestreckt und wage mich nicht zn rühren. Ich sehe zur Zimmerdecke 'hinauf, die so grau über mir hängt und ich' schaue in eilten lichten Kreis darin. Und der lichte Kreis dehnt sich, wird größer und wird wieder kleiner. Und ich wundere mich darüber. Und dann erinnere ich mich, daß er der Widerschein der Oellampe ist, die dort in der Ecke brennt. Und ein Flämmchen, denke ich, zittert zart und dünn dort in der Ecke. Und dann erinnere ich mich noch, daß vor einem Jahre mein Großvater gestorben ist... Und da ist es mir, wie wenn ich den Lichtkreis oben atmen hörte, mir zuatmen, und daun ist es mir, wie wenn ich ihn weinen hörte, ganz leise weinen. Und wenn das Flämmchen dort ht der Ecke anfknistert, ist es mir, wie wenn ich ein feines, fernes Schluchzen spürte... Und ein fernes, fernes Wehen schlägt an meine Stirn nn-d mein Auge sieht tu eine weite, weite Ferne. Und ich denke: Es stand ein Haus, ein kleines winziges Häuschen mit rosigroten Mauern und einem blutigroten Tor, das stand am Ufer eines kleinen stillen Flusses. Und nicht weit davon führte eine Brücke über den Fluß. Und vor unseren Fenstern, denke ich, haben sie ihn niedergeschossen, Chaim, den Spängler. Dort fiel er hin. Und -es kamen viele Leute unfc sprachen leise imteinander. Und die alten Weiber seufzten laut in die graue Dämmerung hinaus. Und im Zimmer war es eisigkalt. Uyd sie sagten: Es ist Chain:, der Spänglcr, ja, er ist es. Und sie gruben die alten grauen Gesichter in ihre fetten und feuchten Schürzen... Und das war eiir Summen und Murmeln vor unseren Fenstern an jenem Abend, denke ich noch. Und als ich mich leise hillgeschlichen hatte urid durchs Fenster hmausscch, bemerkte ich ein blechernes Blinken im schneegrauen Abend und eine herrische Stimme rief: „Tragt ihn fort!" „... Fort!" hörte ich nur. — Und am nächsten Morgen kamen viele Leute und standen wieder Um unisere Fenster und sahen sich an und zeigten aus einige rote Flecke im Schnee. Es stand ein Häuschen, denke ich, am Ufer eines kleinen stillen Muffes. Und nicht weit davon ftihrte eine Brücke über den Fluß. Und hinter dem Häuschen war ein kleiner Garten und darin wuchs ein kleiner Pflaumenbaum. Und hinter dom Häuschen lagen weite Wiesen und da spazieren gegen Abend die „Bet-Hamidrasch-Bachurun" und erklärten einander schwierige Talmudstellen. Und in den vielen Weidensträuchern spielten wir Chederjungen „Verstecken". — Es war... cs stand... denke ich, und ich weiß nicht mehr, was ich denke. Und ich sehe wieder zur Zimmerdecke enrpor und schone in einen lichten Kreis darin. Und ich erinnere mich, lvas Reb Jossel der Lange uns eimnal sagte: König David sagte er, fft nie gestorben; wie cs geschrieben sicht: „David, der König Israels, lebt und besteht." So sagte es uns Kinder einst Reb Jossel. Und am selben Tatze erzählte uns Chasja, die „Rebbetzin", als Reb Jossel ins Bet-Hamidrasch ging, so Seltsames von den Toten. Es war in der Dämmerung, an einen: jener Wintertage, wo uns der Schnee bis an die Knie reichte. Und als Chasja die Dicke sagte: „Kinder, wenn ihr heute ruhig seid, erzähle ich euch etwas," rückten wir eng zusammen, damit nies lvarm wurde, und blieben ruhig. O, sie erzählte uns in jenen Wmterdämmerungen viel. Und wir Wieben ganz ruhig und lauschten irgendwo hin, irgendwo hinaus, in die graue große Dämmerung hinaus. In der niedrigen Chederstube war es ganz dunkel, und der Schnee, der bis an das Fenster heranre-ichte, schimmerte so, seltsam weiß herein. Nnd Chasja nahm den Platz des Reb Jossel ein und begann: Wenn die Menschen sterben, irren sie ein Jahr lang unsichtbar in der Welt umher und finden keine Ruhe, ein Jahr lang. Ueber alle Gräber hin irren sie und finden nichts das Ihrige, ein Jahr lang. Und sie suchen und suchen es, ein Jahr lang. Und wenn dann die Zurückgebliebenen nach einem Jahr ein Oellämpchen für sie auzünde-n, so kommen sie alle um dieses Oellämpchen zusanmren und wärmen sich daran und erzählen einander von ihren Irrfahrten, jeder von der seinen. Und dann kauern sie ganz still Um das Lämpchen und reden kein Wort mehr. Und sie weinen ganz leise und schluchzen ganz fein, jeder für sich. Ja, es soll schon vorgekommen sein, daß man auch ein Lachen gehört hat, aber ein gräßliches Lachen, so daß der, der es zuerst gehört hat, vor Schrecken gestorben ist. So sitzen sie um das Lämpchen hemm, bis der Tag vergeht und — da steigt das kleine Oelflämmchen ans und fliegt durch die Dämmerung hin, bis an den „guten Ort", und weist jedem sein Grab. Und jeder findet seine Ruhe -und sie suchen nicht mehr, ein Jahr lang... Und Chasja die Dicke schwieg und wir alle schwiegen und schwiegen, als schon Reb Jossel lange zurückgekehrt war. Und dam: wurden die beiden großen Lampen angezüudet und aus den langen Tisch gestellt und jeder nahm sein Buch... Ich aber sah den ganzen Abend in die schwarze verhauchte Scheibe, die ein mattes Schimmern in sich trug, und dachte immerzu, wie es doch ausschauen mag, wenn die Toten ttim das Oellämpchen kauern und einander von ihren Irrfahrten erzählen. Und ich wollte einmal ihr stilles'Weinen hören nnd das gräßliche Lachen. „Aber ich werde nicht dabei sterben wie jener, der es znevst gehört hat, nein, o nein!" sagte ich leise vor mich hin... Ja, in stillen Nächten, weißt du, tvenn alles um mich schläft und schweigt nnd mir leise Schatten über die weißen Wände wehen, liege ich rücklings hingestreckt und tvyge mich nicht zu rühren und bin galh lvach und träume mit offenen Augen zur Zimmerdecke empor und hinaus in daS Stück schwarzen Himmel, das um mein Fenster hängt. Jaakow Meschorer-Slintze-r, -