Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1637 (2.9.1923)
- Date
- 1923-09-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Sonntag One. Pariser Modelle in Kostümen, Strassen- und Abendkleidern, Mänteln und Pelzen. I., KÄRNTNERSTRASSE NR. 34 Eingang Mavsedergasse 2. WIEN Slraßerchandel und gelegentlichen kleinen Diebstählen. Die Kinderhilfe des „Jdgeskom" ist völlig ungenügend. In den Kinderheimen dieses Hilfskomitees kommen häufig Fälle von Flucht der jüdischen Insassen vor, da ihnen die nichtjüdischen Kinder den Aufenthalt verleiden. Nach den Feststellungen der offiziellen Sanitätsstatistik gibt es in der Krim fast 7 9 Prozent tuberkulöse Kinder, in der letzten Zeit sind als Folge des Hungers auch die Malaria und Knochenerweichung im Fortschreiien begriffen. Das Judentum in der Krim leidet sehr unter dem Mangel an intelligenten jüdischen Kräften, welche unter dieser wertvollen Bevölkerung die nötige Selbsthilfe für die Besserung des jüdischen Lebens organisieren könnten. Zer Panama. Von Abraham Reisen. Bunimowicz hatte nicht viel „Stunden"; aber da er ein guter Hebraist war und nach der Iwrith b'Jwrith- Methode unterrichtete, kam er in gute Häuser, wo man ihm einen Rubel für die Stunde zahlte. Mit seinen Lektionen war er vier Stunden täglich beschäftigt und am Freitag und Samstag war er ganz frei; fo hatte Bunimowicz genügend Mittel, um zu „leben" und noch mehr freie Zeit. Daß er so viel freie Zeit hatte, empfand er nicht als besonderes Glück. Allein in der großen Stadt, ohne Verwandte, faß er tagsüber in den Aulagen, ein Buch in der Hand. Eine Zeitlang fetzte sich fast täglich auf die näm- . iliche Bank, die er wählte, in angemessenem Zwischenraum von ihm, eine junge Gouvernante mit einem schönen lockigen Kind, das neben ihr im Sande spielte. Bunimowicz hatte große Lust, mit ihr Bekanntschaft zu machen. Da aber die Bonne keine Jüdin tvar, fürchtete er einen Korb. Um den zu vermeiden, hätte er eine reinere russische Aussprache haben müssen; aber er verwechselte sehr häufig das „Sch" mit dem „S" und umgekehrt. Daher warf er nur verstohlene Blicke auf das Mädchen . . . An den Abenden hingegen verkehrte er in einem Kreise von Bekannten, denen er fast nahestand. In diesem Kreise gab es auch einige Mädchen. Cilli war die schönste unter ihnen. Aber es gab andere junge Männer in der Gesellschaft, denen sie Aufmerksamkeit schenkte. Bunimowicz dankte sie bloß für den Gruß, wenn er kam und reichte ihm die Hand, wenn er ging. Doch erblühte tief in Bunimowicz' Herzen der Wunsch, die schöne und lustige Cilli zu ' gewinnen. Einmal äußerte sie im Scherz, sie wolle bei Bunimowicz hebräisch lernen; sie liebe diese Sprache, ihr Vater sei ein großer Hebraist und sie selbst habe auch einmal hebräisch gelernt, sogar einige Vokabeln habe sie noch im Gedächtnis behalten. Aber diese Worte waren — darauf kam Bunimowicz bald — bloß Koketterie . . . Wozu soll sie denn hebräisch lernen, sie, die junge, fröhliche, lebenslustige Cilli? ... Die anderen Mädchen feiner Abendgesellschaft, hätten Bunimowicz nicht minder glücklich machen können, wem: sie ihm nur mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Aber, auch sie sprachen bloß anstandshalber ein paar Worte zu ihm, bloß, weil sie sich verpflichtet fühlten, eine dom Kreise angehörige Person nicht zu ignorieren. Bunimowicz hatte keine Hoffnung, Cillis Freundschaft zu gewinnen; daß er ihre Liebe gewinnen könnte, daran dachte er nicht einmal im Traum. In der ersten Zeit suchte er Mittel und Wege, um Aufmerksamkeit zu erregen. Einmal versuchte er sogar, seiner Gesellschaft einen pädagogischen Aufsatz vorzulesen, den er in einen Briefumschlag gesteckt 'hatte, um ihn einer hebräischen Zeitung einzusenden; aber nach der ersten Seite, die er gelesen und übersetzt hatte, mußte er aufhören — int# das hatte gerade Cilli auf dem Gewissen. „In der Uebersetzung verliert die Sache!", meinte sie. Bunimowicz wurde rot, schob den Aufsatz wieder in den Umschlag und sandte ihn nicht an die Zeitung ab. * An einem Hellen Sommertag schleuderte Bunimowicz durch eine der elegantesten Straßen der Stadt und betrachtete die Schaufenster. Vor einem Hutgeschäft mit vielen Spiegelscheiben blieb er sichen, musterte sich aus Langeweile, bemerkte, daß er recht dürftig aussah und beschloß, einen neuen Hut zu kaufen. Er trat in den Laden. Ein großes schlankes, blondes Mädchen kam ihm entgegen, ein vorbereitet liebenswürdiges Lächeln für ihn auf den Lippen. Bunimowicz gefiel das Mädchen. Zugleich aber erschrack er: das Mädchen wird am Ende den höchsten Preis fordern; und Bunimowicz konnte nicht feilschen. Glücklicherweise aber hatte er genug Geld in der Tasche. „Ein Panama gefällig?", fragte das Mädchen und wurde dabei noch reizender. «MWMvi.UZEM^ _Wkeriev Morgenzeitung. _S. September 1923_ Nr. 1637 Der letzte Rußenzar und die Judenpogrome. Gtne Unterredung Lopuchin-Witte. In seindv jüngst erschienenen Memoiren erzählt der gewesene Polizeidirektor des altert russischen Regimes Lopuchin von einer, wie er sagt, sehr interessanten Unterredung mit dem Grafen Witte, der ihn in den Winter- Palast cingeladen hatte, um mit ihm über die In densrag c zu beraten. Es war am 22. Jänner 1906, schreibt Lopuchin an dieser Stelle, als ich gegen 2 Uhr nachmittags in das Kabinett des Grafen Witte kani. Er empfing mich sehr iiebenswürdig und sagte, daß er sich deshalb an mich wende, weil ich früher im Polizeiministeriutn das Ressort der j ü d ischen A u g e l e g r n h e i t e n innegehabt hätte und daher in der Lage gewesen sei, die Geschichte und die,'Lage der Juden in Rußland zu studieren und die verschiedenen nationaljüdischen Organisationen und ihre politische Bedeutung kennen zu lernen. Er machte mich mit der allgemeinen politischen Lage bekannt und wies auf die Notwendigkeit hin, im Auslande eine Anleihe dnrchzusühren. Er legte mir dann zwei bestimmte Fragen vor: „1. Welche Konzessionen müßtet: bezüglich der gesetzlichen Lage der Juden gemacht werden, um einerseits die jüdisch e n B a n k i e r s i m A u s l a n d für die russische Anleihe zu interessieren und andererseits die revolutionäre Gesinnung der Juden Rußlands zu dämpfen. 2. Mit welchen jüdischen Z e n t r a l o r g a n i s a t i o n e n hätte man sich zu verständigen, um mit Hilfe der vorerwähnten Konzessionen zu erreichen, daß die jüdischen Massen sich der revolutionären Bewegung fernhalten." Ich war außerordentlich überrascht, daß ein fo kluger und erfahrener Mann wie Witte an die Existenz eines jüdischen politische »Zentrums glaube, «welches im geheimen das universelle Judentum dirigiere und in der Lage wäre, mit einetn Wink oder einem Wort das Judentum in die Revolution hineinzuwerfen oder es von ihr abzulenken. Ich erklärte ihm, daß eine ähnliche Organisation, wie er sie vermute, nur in den antisemitischen Legenden existiere und daß in Wirklichkeit das Judentum womöglich noch mehr geterltund zersplittert ist wie die christliche Welt. Die bei den Juden Rußlands beobachtete Solidarität, klärte ich Witte weiters aus, ist nichts anderes als das Ergebnis der Willkürherrschaft, unter welcher sie leide. Ich wies Witte int besonderen nach, daß keinerlei nationale, religiöse oder Wohltätigkeitsovganisation imstande wäre, ans die revolutionäre Denkungsart des jüdischen Proletariats einen Einfluß zu üben. Es sei einfach ausgeschlossen, sich mit irgend jemandem zu verständigen, um dadurch eine Beschwichtigung der aus ihrem Laus getretenen jüdischen See herbeizuführen. Diese Beschwichtigung wäre hingegerr meiner Meinung nach sofort erreicht, wenn die Versprechungen des Manifestes vom 17. Oktober strikte eingehalten würden und die Rechtsgleichheit in Kraft träte. Ich widersprach seinem Plan von Konzesfionen, von beschränkten Rechten, ein Plan, der nur mit M i ßtrauen von allen jüdischen Kreisen, den revolutionären, den bürgerlichen und den Finanzkreisen, ausgenommen werden müsse. Witte antwortete mir irr recht verworrener Weise, daß die Durchführung der Rechtsgleichheit — die allerdings in dem Manifest vom 17. Oktober enthalten ist — ein Fehler wäre, den die Juden selbst beklagen würden, weil sie den Antisemitismus in Rußland stärken würde. Ich machte hierauf die Bemerkung, daß die Negierung nicht gut von den Juden gewährten „Rechten" sprechet könne, so lange sie diese nicht einmal gegen die Pogrome schützen mag, und fügte hinzu: Sic stehen am Vorabend furchtbarer P o g r o m c. Die detaillierten Mitteilungen, die ich nun vorlegte, schienen Witte so sehr 31t überzeugen, daß er mich ganz bewegt fragte, wer für diese Bewegung verantwortlich sei. Ich antwortete, daß nteiner tiefen Ueberzeugung nach, es zwei Faktoren sind, die zum Entstehen und zur Erstarkung dieser Bewegung Leigetragen habet:, und zwar die Organisationen der Schwarzen H n n d e r t s ch a f t e n und der A n t is e m i t i s m u s der Regierung. Der letztgenannte Faktor schien mir noch viel schwerwiegender, weil dieser Antisemitismus aus seinem Wege über alle Grade der Hierarchie sich schließlich zu einem Appell zum Pogrom verdichtet, dessen sich dann die Schwarzen Hundertschaften mit Ivährer Lust bemächtigen. Witte richtete dann an mich die Frage, wer meiner Meinung nach an hoher Stelle de:: Samen für Pogrome gesät habe. Anstatt direkt zu antwortet: erzählte ich ihn: die folgende Tatasache, die ntir eitler meitter alteret: Mitarbeiter berichtet hatte. Hier gibt Lopuchin eine Unterredung dieser Persönlichkeit mit den: zum Gouverneur von Rostow ernannten General Dratschewski wieder, bei dem sich der Gewährsmann Lopuchins beklagt hatte, daß es so schwer sei von der Regierung allgenreine politische Direktiven 31t erhalten. Ich erhielt meine Direktiven, erwiderte Dratschewski, von Sr. Majestät Persöttlich. Ich hatte gestern die Ehre vom Kaiser ettrpsangen ztt werden, der im Laufe des Gespräches zu mir sagte: „Sie haben in Rostow und in Nachitschewan viele Juden". Ich bemerkte hieraus, daß viele Juden Ivährend der Ausschreitungen und der Pogrome zugrunde gegangen sind. „Rein", antwortete die Majestät, „ich dachte, daß ihrer viel mehr zugrunde gegangen wären." Ich meinte nun, setzt Lopuchin seine Erinnerungen fort — Witte gegenüber, daß Dratschewski diese Phrase! des Kaisers offenbar als eine Aufs 0 rderung h t nnahm, sie dann, kaum in Rostow angelangt, den: Poli-. zeipräfekten weitergab, der sie den K 0 minissären' mitteilte, welche sie den Offizieren und diese wieder' den Agenten hinterbrachten,, welche schließlich den Marktfahrern zu verstehen gaben, daß man jetzt ohne Gefahr' über die Juden herfallen könne. Ich klärte ferner Witte darüber auf, daß man sich nicht begnügte durch die lokalen Behörden freit Pogrom zu inspirieren, daß es sogar im Polizeiministerium eine eigene Institution gab, die damit war, den Pogrom zu predigen und zu diesem Zwecke mit einer geheimen Druckerei tet* sehen war. Meine Mitteilungen übten auf Witte eine geradezu! verblüffende Wirkung atts. Er hatte nunmehr gar keinen! Zweifel darüber, 'daß hinter seinem Rücken der Kaiser; einen Teil seiner Untertanen verhetze, um den anderen Teil' zu überfallen, und daß in der nächsten Nachbarschaft des! Kabinetts, in Ivelchem der Premierminister sich über die geeigneten Mittel zur Versöhnung des Regimes mit einem; ganzen Volk unterhielt, ihm untergebene untergeordnete; Agenten der Macht sich damit beschäftigten, dieses Volk p' massakrieren, in der Ueberzeugung, damit dom Willen des obersten Herrn des Staates zu entsprechen. ,Hm, ein Panama! Es ist ein gewagter Schritt. . . i ein Panama. Wieviel kostet er?" I Das Mädchen nahm einen Hut aus dem Regal, hielt ihn behutsam zwischen schmälen, langen Fingern und setzte ihn Bunimowicz auf. ,Zier ist ein Spiegel! Ach, er paßt ausgezeichnet!", flötete sie. Wirklich?", fragte Bunimowicz naiv. „Das sehen Sie nicht? Ein Panama muß paffen." ,Mas kostet der Hut?", fragte Bunimowicz im Singsang der Gemara und erschrak zugleich hestig über seine Koloratur. Das Mädchen nannte den Preis. Es war fast so diel, wie Bunimowicz gerade im Vermögen hatte. * Abends kam er in seine Gesellschaft. „Seht nur!", ries CM überrascht aus, „Bunimowicz hat sich einen Panama gekauft!" Alle liefen herbei. „Wirklich ein Panama!" Die Herren m der Gesellschaft wurden eifersüchtig. Cilli nahm Bunimowrez familiär den Hut ab, probierte ihn an und suchte einen Spiegel in: Zimmer. „Ach! Ein Panama ist mein Ideal!" Bunimowicz strählte vor Glück. „Wissen Sie," sie faßte ihn bei der Hand, „bei einen: Panama gibt es keinen Unterschied itt der Form; wir Frauen könnet: genau die gleiche Fasson tragen; nur das Band muß in ein breiteres pertauscht werden." „Ganz richtig!", stimmte ein anderes Mädchen bei, setzte auch den Hut aus und auch ihr paßte er sehr gut. Tann probierten ihn die Herren an. Sie fragten nach dem Preis. Einer bewies große Sachkenntnis in Pauamahüten. Er erklärte, es gebe Panamahüte, die 150 und mehr 1 Rubel kosteten, ein anderer, der mißtrauische!: Gemütes war, betrachtete den Hut und glaubte feststellen zt: können, es sei kein echter Panama, sondern eine Imitation von Panamastroh; aber Cilli verteidigte den Hut: ,M ist ein echter Panama! Ich kenne Panamastroh. Ach!" schloß sie flötend, „ein Panama ist mein Ideal." Und mit dem Hut in der Hand wandte sie sich an Bunimowicz und lobte ihn: „Sie haben bei mir viel, sehr viel gewonnen." „Ach, eine solche Kleinigkeit," Bunimowicz lächelte glücklich. „Ja, natürlich," Cilli ging auf ihren Platz, „ein Hut ist nicht die Hauptsache, aber ein Panama ist n:ein Ideal." Und Bunimowicz fühlt;, daß er ihr näher gekommen :var; den ganze:: Abend lächelte sie ihn an; und als die kleine Gesellschaft aufbrach, fragte Cilli: „Wo wohnen Sie, Bunimowicz? Haben wir vielleicht denselben Weg?" Auf dom Heimwege fragte sie ihn un: das Schicksal seines pädagogischen Aussatzes. Er antwortete ihr, daß er jetzt ein Buch über diese Frage schreibe. „O, ein ganzes Buch!", rief sie melodisch aus, „Sie sind also nicht nur ein Lehrer, sondert: auch ein Schrift, steller. Das gefällt mir." * Ein halbes Jahr später hatte sich die Gesellschaft uw zwei Personen verringert; es fehlten Bunimowicz und Cilli. Erst im nächsten Sonnuer traf man sie wieder. Sie waren schon Mann und Frau. Er trug seinen eilten gewöhnlichen. Strohhut, sie seinen Pona mahnt; nur die Iittfe Seite war heräbgebogen und der Hut hatte eine andere Schnur, eine breitere und hellere. (Aus dem Jüdischen übertragen von S. S.)