Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1637 (2.9.1923)
- Date
- 1923-09-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Vene 4 Men, Sonntag_ Wiener Moraenzeilimg. ” 2. September 1923 Nr. 1631 kine faszrstische Geheimorgamsatwn. Warschau, 1. Septernber. (Tel. der „Weener Morgenzeitung".) Das OiMn der Sozialidemokraten „R ob o tn;!" veröffentlicht interessante Dokumente über die Existenz einer geheimen polnischen Faszistenorgantsation, die unter verschiedenen Deckmänteln als öffentliche Organisation arbeitet. Diese Organisation entfaltet eine starke Propaganda, um Mitglieder für ihre faszistischen Ziele zn gewinnen. Der „Robotnik" veröffentlicht auch einen Auszug aus einen: Zirkular, den die faszistische Organisation an die Vorsitzenden der Lokalverbände verschickt hat. In dem genannten Zirkular wird festgestellt, daß die Zentrale der faszistischen Organisation hauptsächlich gegen die sozialistischen Organisationen auftrete. Es sei' daher Pflicht aller faszistischen Organisationen, die Arbeiter auszuklären, daß einzig und allein der Fas z i s m u» ihre wirtschaftliche Lage verbessern kann. TMW-aErmitWe Hhantafien über die Fewish Agency. Aus Warschau wird uns geschrieben: Die antisemitische Presse beschäftigt sich gegenwärtig lebhaft mit dem Beschluß des 13. Zionistenkongresscs betreffs der Je wisch A g e n c y. In einer ganzen Reihe von Artikeln wird ans die Gefahr hingewiesen, die die Jewish Agency Polen bringen könne! „Przeglad Wieezorny" will feststellen, daß der Wiedevaufbau Palästinas so gut wie unmöglich fei, und der Zionismus nur nationalistische Ziele verfolge. Er trete gegenwärtig gegen die Emigration nach Palästina und für den Weiterverbleib der jüdischen Massen in ihren gegenwärtig:: Wohnländern ein, um an Ort und Stelle für die Erlangung von bedeutenden Privilegien zugunsten der Inden zu kämpfen. Ein bereits erkämpftes Prst vileg sei der Mi n d e r h e i t s v e r t r a g, den PoLn bei der Friedenskonferenz unterfertigen mußte. Durch die Einsetzung der Jewish Agency wurde eine allweltliche jüdische Repräsentanz geschaffen, die bei den Westmächten für den Ausbau der jüdischen Privilegien in Polen emtrcten werde. Die polnischen Juden werden jetzt in der Jewish Agency einen starken Rückhalt für ihre politischen Ziele gewinnen. Das Entstehen einer allweltlichen jüdischen Organisation bilde für Polen ein ernstes Problem, welchem d:e Regierung mit genügender Energie entgegentreten müsse. Zu bewundern ist die Gründlichkeit der Informationen, die der polnischen Presse als Grundlage für diese lächerlichen Auseinandersetzungen dienen. Ausländer Exporteure kaufen am vorteilhaftesten Gummimäntel erstklassiger Qualität und Ausführung bei Regmann, Gummimäntelfabrifc, Wien m II!.. Beatrixgasse 26 Tel. 585 III., Heumarkt 7 Vers erkauften, durch welchen sich Wien verpflichtete, )ie jü d ische n Gräber zu schonen. So ist . bekanntlich der Judenfriedhof in der Seegasse erhalten geblieben. * Hub noch eine Erinnerung wird wach, Jude, wenn dir der neue Straßennamen „Schlagbrückenufer" im Ohr klingt: das wahrhaft heroische Verhalten der 'irdischen Ghettofrauen in den letzten Tagen der grausamen Austreibung aus dem Ghetto über die Schlagbrücke. Es gibt ein unverfälschtes lebendiges Zeugnis dafür. Ein Tagsbuchblatt eines Schmarotzers, der es sich bei den Juden wohl schmecken ließ, des Herrn Matthias Abele, eines Bruders jenes argen Iudenhassers, des Hossekretärs und Dichterlings Christof Abele. Es ist in Kaufmanns Buch über die letzte Vertreibung der Juden aus Wien zitiert und wir setzen es hierher: „Kurtz vor dem Abzug hat mich ein Vornehmer Jud qurti Mittagmahl eingeladen, er hatte unlängster Zeit eine schöne junge Wittib geheurath, darbey sich seine zween mannbahre Söhn mit ihren jungen Weibern, welche von Prag gebürtig, gleichsals eingesunden. Ich sagte: Heunt müssen wir uns letzen, oder von einander das Urlaub nemmen. Wer weiß wann wier widerum zuämn'.enkommen. Daraus fingen bemelte dreh Weiber bitterlich und dermaßen zu weinen, daß mir auch, zwar wider meinen Willen, aus natürlichem Mitleiden, die Augenthräucn herabliefsen. Ich tröstete sie so viel ich konnte: WollB ihr allhie bey uns und bey den euerigen zu verbleiben, so begebt euch in Heilsambe Schloß der Christenheit, und lasset euch tausfett, da könnet ihr ruhig schlaffen. Ihr Antwort aber war: Sie wollen sich ehender lieber lebendig verbrennen lassen, als ein Nadelspitz von ihren Glauben w e i ch e n. Ich bedachte bei mir, diese verdambte Teufels Märtyrer verharren in ihrer Boßhoit und Hartneckigkeit biß über die Ohren, ich wollte ehender einen Mohren weiß machen und baden, als; dergleichen jüdisches Geschmeiß von ihrem Jrrthum sauber?, und reinigen." So macht die dankenswerte Straßenumbennenung ein. Stück Wiener Judengeschichte lebendig unb weckt cchchMstwe Erinnerung an teuere jüdische Menschen einer fernen Vergangenheit. O. A. Ne erste MlttonferenZ für Wischen Gesundheitsschutz. Aus Berlin nteldet I. C. B.: Montag den 27. August, abends, wurde im. Logeuhause zu Berlin die erste allgemeine Konferenz für jüdischen Gesundheitsschutz unter der Führung der Gesellschaft „Oze" feierlich cSssnet. Anwesend waren 70 Delegierte aus allen Ländern der Welt sowie Vertreter zahlreicher jüdischer Organisationen. Auch drei Gesellschaften aus Palästina, „Hadassah", „Waad Hibriuth", „Krankenkasse", waren durch Delegierte vertreten. Auch Prof. E i n st e i u nahm an der Eröffnung teil. Bros. L. Ros enth al (Berlin) eröfsnete die Tagung und führte aus, die große Notlage der Iudeuheit Rußlands zwingt die Berliner Gruppe der ehemaligen Mitarbeiter der „Oze" in Rußland, die Arbeit zu erneuern und fortzuführen. Cr gab einen Rückblick über die Tätigkeit der „Oze" im Interesse der jüdischett Volksgesundheit in früheren Jahren und gedachte der verdienstvollen verstorbenen Leiter der „Oze"- Arbeit. unter anderen des Präsidenten der Petersburger „Oze", Dr. Kaufmann, des Vizepräsidenten G. Goldberg und des Dr. Machower (Wilna). Hierauf wurde Prof. Albert Einstein durch Zuruf zum Ehrenpräsidenten der Tagung gewählt. Die, Versammlung bereitete Einstein eine stürntische Ovation. Prof. Einstein dankte für die ihm erwiesene Ehrung und führt aus: Vor uns steht eine Organisation, deren Tätigkeit und Ziel eine Solidarität aller Teiledes jüdischen Volkes in der ganzen Welt in einer der wichtigsten Fragen, der Frage der Volksgcsundheit, zeigen. Ich halte diese Frage für äußerst wichtig, nicht allein für die Judenheit. Deshalb verdient diese Tagung die Sympathie der ganzen Welt. Nach verschiedenen Begrüßungsansprachen wurden Telegramme der Gesundheitssektion des V v l k e r b u n b c § verlesen sowie ein Begrüßungsschreiben des bekannten Erfinders des Tuberkuloseheilmittels Prof. Wassermann. Die Wähl des Präsidiums ergab folgendes Resultat: Ehrenpräsident Prof. Albert Einstein; Ehrenmitglied des Präsidiums Dr. M. Gran; Ehrenmitglieder der Konferenz der hebräische Dichter Saul Tschernichowski und der jüdische Publizist Dr. Chaim Schidlowski. Mitglieder des Präsidiums sind ferner: Dr. Lewi (London), Dr. Schabad (Wilna), Dr. Lewin (Warschau), Dr. M. Schwarzmann (London), Dr. Gergel (Berlin), Dr. M. Kreinin (Berlin) ttnd Prof. L. Rosenthal (Berlin). Hierauf hielt Dr. M. S ch w a r z m a n n das erste Referat über: „Die Aufgaben des jüdischen Gesundheitsschutzes als nationales Problem." Er sprach von den typisch-jüdischen Krankheitsveranlagungen und über den jüdischen physischen und geistigen Typus. Er gab der Befürchtung Ausdruck, daß die ungeheuren Leiden der Ostjud'enheit zur vollen Degeneration des Judentums führen könnten. Die Zwangsevaknicrungen im Kriege, der Bürgerkrieg und die Hungersnot haben den jüdischen Volksorganismus erschüttert. Jetzt ist die Konzentration aller Kräfte des Weltjudentums nötig, um die geschwächten jüdischett Volkskräfte aufzubauen. Ter Referent schlug die Schaffung einer überparteiischen Weltorganisation vor, die auf nationaler und demokratischer Grundlage aufgebaut sein soll, so daß eine ausbauende nationale Arbeit ermöglicht wird. In der zweiten Geschäftssitzung erstattete der Sekretär F r i o d m a n n den Bericht des Zentralbureaus. Betreffs der Organisation berichtete er, daß das Zentralbureau sämtliche bis jetzt existierenden „Oze"-Organisationett in Litauen, den Kreisen Wilna, Bialystok, vereinigt und Neuorganisationen in Lettlaitd, Beßarabien, Rumänien, ferner Komitees in Paris und London geschaffen hat. Das Zentralbureau hat auch bei den zentralen Hilfsorganisationen (Pariser Exekutive, War Viktints Fonds, Londoner Ukrainische Föderation, Joa, Alliance Jsraelite, Joint) dnrchgesetzt, daß sie die nötigen Mittel für die Nußlandarbeit beveitstellen. In Rußland und in der Ukraine wurden 83 medizinische Anstalten und Kindersanatorien eingerichtet. Das Budget beläuft sich auf 20.000 Dollar monatlich. Die Arbeit wird an 28 Stellen geleistet in einem Gebiet mit 209.000 jüdischen Einwohnern (hauptsächlich im Gouvernement Jekaterinoslaw). Dr. A. Rosenthal hielt ein Referat über den Gesundheitszustand der jüdischen Bevölkerung in Osteuropa. Wenn auch die Juden laut statistischen Tatsachen ein« geringere Sterblichkeit als ihre Nachbarn aufzuweisen hatten so existieren dafür spezielle jüdische Krankheiten, wie Favus Trachom, Rcrvcnerkrankungeu usw. Der Krieg und die nach, folgenden Wirren haben die Lage katastrophal verschlimmert der Hunger und die Pogrome sie auf die Spitze getrieben. Nur mit den vereinten Kräften des ganzen Volkes kann hier ein Wandel zum Guten erreicht werden. Dr. M. Gran schilderte, unter welchen schweren Bediugungeu die Arbeit angefangen wurde und wie dennoch beträchb liche Erfolge erzielt werden konnten. Die Sowjetmacht, die überhaupt sehr beschränkte Mittel für Gesundheitsschutz anfwcuden kamt, unterstützt nur organisierte Gruppen der Arbeiter- und Fachvereinigungen. Da die jüdischen Massen keiner Klasse angehören, waren sie in dieser Beziehung sehü schimm daran. Dieser Masse hat nun „O z e" medizinische Hilst gebracht. Besonders berücksichtigt wurden die medizinischen Einrichtungen in den jüdischen l and wirtsch aftlich en Kolonien in Südrußland. Die größte Arbeit wurde den K i n^ dern geleistet. In seinem Bericht schätzte Dr. M. Gran die Verluste der russischen Juden im Weltkrieg auf 50.000 Tote, 100.000 Invalide; 200.000 Witwen und Wais e n sind verblieben. Dazu kommen e i n c M i l l i o n Flüchtlinge, die zusammen ein Vermögen von etwa drei Milliarden Goldrubel eingebüßt haben. In den Jahren 1918 bis 1020, da Bürgerkrieg und Pogrome das Land durchtobten, hat sich die Zahl der Geburten um 150.000 Seelen vermindert. In den Pogromen ftnb 100.000 Seelen itmge* * komme tt, wonach wieder 100.000 Witwen und W a is e n verbliebet: sittd. Die Pogrome haben noch ungezählte Ver letzte und Invalide gebracht. An Hunger (1921-22) sind 100.009 Juden gestorben. Alle diese Ursachen haben die jüdischen Volkskräste zer» stört. Die Krankheiten haben sich in ungeahntem Maße ausgebreitet. * Eine „Sze"-Ausste!lung in Berlin. Berlin, 1. September. (I. C. B.) Im Rahmen der in Berlin stattfindcndett Weltkonferenz für Gesundheitsschutz findet im Palmengarten des Logenhauses in der Kleiststraße eine von der Gesellschaft „Oze" arrangierte Gesundheitsausstellung statt. Auf berfetOen sind Diagramme und Bilder zu sehen, die den Gesundheitszttstand der Juden in den osteuropäischen Ländern widerspiegeln. Auch die Gesellschaften „Ort", „Hadassah" und „Kipath Cholint" (Palästina) sind an der Ausstellung beteiligt. In der Aüendsitzung vom 28. August hielt Prof. L. R ofenthal ein Programm-Referat über „die Aufgabett des' jüdischen Gesundheitsschutzes". Die gesamte Arbeit auf dem Gebiete des jüdischen Gesundheitsschutzes muß nach der Ansicht des Referenten durch eilte starke Organisation geführt werden. Als eine solche Organisation soll „Oze" gelten, die hierzu die internationale Anerkennung des Völkerbundes, des Rotett Kreuzes und der anderen internationalen Instanzen erhalten soll. Tie Hauptaufgabe soll die sattitär-prophylaktische Tätigkeit sein, die Hauptaufmerksamkeit der physischen Gesundung der jungen Generation (Kinder- und Mutterschutz, Schulhygiene, Sport lisw.), dem Kampf mit den sozialen nnb spezifisch jüdischett Krankheiten (Tuberkulose, Trachom, Vavus usw.) gewidtnet werden. Dr. Schabad (Wilna) referierte über die hygienische Aufklärungsarbeit und schlug vor, daß durch eine reiche Broschürenliteratm sowie durch eine ausgedehnte Propaganda dttrch Presse und Schule die Aufklärungsarbeit geführt werden soll. Eine Fraktion, die hauptsächlich aus linksgerichtetctt Elcnteuteu besteht, trat für die Uebernahme auch der pädagogischen Arbeit in die Kompetenz der „Oze" ein, insoferne diese mit der eigentlichen Gesundheitsarbeit im Ztrsantmenhattg steht. Verschiedene Delegierte sprachen sich eutschiedetr gegen diesctt Vorschlag aus und bezeichneten ihn als eilten Versuch, politische Streit fraget! in ben Kreis der „Oze"-Tätigkeit einzubezichetr. Es wurde ein Permatteuzausschtiß gebildet, dem alle Streitfragen zur Lösttttg übertragen wurdet:. Der Joint und die hebräischen Tarbuthschulen. Die Warschauer Abteilung des Joint Distribution Commitiees erhielt von der New-Aorker Leitung des Joint die Anweisung, 800 0 Dollar an die hebräischen Tarbuthschulen in Poleg, sowie 5 00 0 Dollar an die L e h r e r s e nt i tt a r e in Warschau nnb SB 11 tt a auszuzahlen. Wie erinnerlich, hat der Beschluß des Joint, die Tar'buthschulen nicht mehr zu unterstützen, dagegen die Subventionen an die I i d d i s ch istensch tt l e tt weiter auKzuzahleu, in der jüdischen Oeffentlichkeit Aufregung und Proteste hervorgerufett. Es wurde sogar beschlossen, eine Sonderdelegation nach Newsyork zu entfenben, um durch einen Appell an die amerikanische Oeffentlichkeit eine Zurückziehung .dieses Beschlusses zu erwirket:. (I. C. B.) Ein Buch David Pinskis in Polen konfisziert. Int Verlag „Arbeiterheim" erschien ein Vertreter des Presseamtes und kousisgierte eine größere Anzahl Exemplare des letztet: Novellettbuches von David Piuskt. Die Konsiskalion erfolgte aus dem Grunde, weil Pinski in einer der Novellen, „Die Wand" betitelt, die tragischen Vorgänge beim Einzug der Polet: in Pins t, wo zahlreiche angesehene Iu.deu ermordet wurden., geschildert hat. Sitatten. M ZeHstverwaltung feer Nrr«Wen. Warschau, 1. September. (Poltt. Tel.-Ag.) Aus K o w u o wird gemeldet: Der l i t a u i s ch c M i tt i st c rp r ä f t de n t'hielt bei der Eröffnung der l a n b w i r tschas 11 i ch c tt A u s st e l l u n g eine große Rede, ui' welcher er unter anderem ansführte, daß Litauetl für die Atrfrccht'erhallnng seiner U tt a b hängigkeit einer 01* waff nete u Armee und voller politischer Harmonie bedürfe. Ans diesem Grunde seiet: den nationalen M i n d e rh e i t c it in Litauen die S e l b st v e r w a l t u n g s r e ch t o zn geben, Ae jedoch mit den Interessen der litauischen Staatsverwaltung nicht kollidieren dürftet:. Zur äußeren Politik übergehend, erklärte der Ministerpräsident, . daß Litauen als kleiner Staat aus friedliche nt W c g c zur Lösung aller Konflikte schreiten tnüsse, doch dürfe.man dabei nicht aus den: Auge verlieren, daß die Lösung nicht die Jniercsscu des Landes und das Prestige des Staates beeinträchtiget: dürfe. Schließlich erklärte der Atinisterpräsideul, daß nicht zu vergessen sei, daß W i l u a, die Hauptl stadt Litauens, noch it i t befreit fech.