Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1637 (2.9.1923)
- Date
- 1923-09-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wletter MokWizettüntz t. September 192b M. 1687 Wen, SvMickg Gelte * klävmvg des Ministers des Innern in der Na-> tianalverfammlung ließ vermuten, daß auch diesmal die Regierung nicht die Macht haben werde, endlich zur Auflösung dieses gemeingefährlichen Verbandes zu schreiten. Die ganze Art, wie die Hausdurchsuchung im HauptLdkale d:s Verbandes durchgeführt wurde, bewies, daß die Polizei mit halbvevbundensn Augen ihres Amtes waltete. Ms die Polizei das Haus rmrzingelte, befand sich im Bevbandslokal auch der berüchtigte Oberst Paul P ro na y, der jedoch ungehindert das Lokal verlassen und den Polizeikordon passieren konnte. Die ganze Ausbeute dieser nach außen hin strengen Hausdurchsuchung war ein lächerlich dürftiges Paketchen mit Schriften und weiter nichts. Am besten charakterisiert wird diese polizeilich: Amtshandlung durch die folgende Feststellung eines liberalen Blattes: ,Mrs dem ftsbechafen Hasten und Treiben, das heute den ganzen Dag Wer im Gebäude der OöerstadthauptmanuschÄst zu'bemerken war, glaubte man Schließen zu dürfen, daß für den heutigen Abend entscheidende Schritte bevorständen. In den späten Nachmirtagsstunden zog in der Tat ein starkes Polizeiaufgebot *um Hauprlokale des Verbandes der Erwachenden Ungarn, und es hatte -den Anschein, als sollten die Iniassrn der testen Burg dieser Veveinigung endlich doch ausgchoben werden. Nach einer Stunde zog d'e. Prüzri w'-eder ab. der Kordon wurde aufgelöst und aus dem Gebinde wurde nur ein Paket mir Schriften nach d?r Po'.'zr'' gebrach:. Um 8 Uhr fand eine kurze Konferenz beim Lber'radlliauptmann statt, und dann hocke auch die Permanenz in der Kriminalabteilung auf. Kurz: Nach den großen Vorbereitungen wieder kein entscheidender S ch r i t t." Hingegen haben die Führer der Erwachenden Ungarn wieder di: Pose der Angreifer angenommen. Der Abgeordnete Melchior T i ß, der während der .Hausdurchsuchung anwesend war, äußert: sich einem Journalisten gegenüber: „Ueber gewisse Sachen darf ich nicht reden, aber so viel soll festgenagelt werden, daß die ganze Sache nicht anderes als ein G e w a l t st ü ck ch e n des H e r r n M i n i st e r- Präsidenten ist, yrit der er sich bei den Tscheche n Sympathien erwerben will." Im übrigen geht es im tHauptlokal der Erwachenden Ungarn nach wie vor lustig und frohgemut zu. Kaum hatte die Polizei das Gebäude verlassen, zeigten sich in den Fenstern des Vereinslokals bereits die höhnisch lächelnden Gvsicht:r der dort verbliebenen Mitglieder und zur selben Zeit wurde über dem Tore demonstrativ die Trikolore gehißt. Auflösung der „Erwachenden Ungarn"? Budapest, 1. September (Tel. der „Wr. Morgenze-ltung".) Die Polizei geht daran, sestzu stellen, ans welcher Quelle die Erwachenden das Geld für ihre Werbungen und für ihre anderen ausfallend großen Ausgaben erhalten haben. Heute nachmittags wurden die sülch Mitglieder des Exekutivkomitees der Erwachenden Magyaren, darunter die Abgeordneten H e g e d ü s und H i r sowie Ivan Hcjjas und Paul Pronay, als Zeugen zur Polizei vorgeladen. Oberstadthauptmann A n d r e j k a begann die Verhöre in ben späten Nachmittagsstunden. Das Exekutivkomitee, welches seit einigen Monaten die oberste fraget REk Schuhel Leitung des Vereines der Evwachenden innehat, soll nach Mitteilungen ans Polizeikreisen von den geheimen Werbungen weit mehr unterrichtet sein, als man es anfänglich angenommen hätte. Durch das Zeugenverhör soll die Schuld der genannten Persönlichkeiten an diesem abenteuerlichen Beginnen festgestellt werden. Das Organ der Extremradikalen „A Nap" wendet sich in seiner heutigen Abendausgabe in heftigen Worten gegen die Regiegierung. Das Blatt schreibt, daß Ministerpräsident Bethlen gestern mit seiner vertrauten Umgebung die Modalitäten der Auflösung des Vereines der Erwachenden Magyaren besprochen habe. Es wurde angeblich beschlossen, die Verordnung bezüglich der Auflösung Sonntag nachnnttags zu publizieren, damit die christliche Presse bis Montag abends keine Gelegenheit habe, ihren Protest laut werden Zu lassen. Die Vereinslsitung habe aber beschlossen, nach der Auflösung des Vereines unverzüglich jene Dokumente zu veröffentlichen, welche über die Verbindung der früheren Regierungen zum Verein Aufschluß geben. Die Vereinsloitung wird auch Mitteilen, welche Unterstützung der Verein offen und insgeheim von den Regierungen, darunter auch der gegenwärtigen, erhalten habe. Das Blatt vertritt die Auffassung, daß die Regierung am Vorabend der Genfer Besprechungen der kleinen Entente mit dieser Aktion aegen die Erwachenden schmeicheln möchte, um sich ihrer Unterstützung in der Anleihefrage zu versichern. artenherg Tr attner Ti of Graben 29 Vor der Eröffnung der neuen Loholifdten grosse Okkasion in original engl. Raglans, Waterproofs, Bademänteln,Badepyjamas, prima Zephirhemden, Socken, Strümpfen, Handschuhen ReinseideifKrawatten K 40.000 Reinseiden Hemden . . K SSo.ooo Va ^epbirpyjamas . . . K I80.000 50s Der Verkauf findet nur im KlezzaRin statt Das Slnlen der HochschAerrahl. Aus Budapest wird uns berichtet: Gehr auffallend ist ein Communique, das in den letzten Tagen sowohl in den liberalen als auch in den der Negierung nahestehenden Blättern der christlich-nationalen Einheitspartei mit großer Aufmachung erschienen ist und den Stempel der Inspiration von seiten -der Regierung an sich trägt. In diesem Communique heißt es unter anderem: „Die Zahl der Inhibierten an den Universitäten ist stark zurückgogangen. Bei den Quästnren ist nirgends mehr das gewohnte Drängen und Anstellen der Studenten bemerkbar. Besonders in den Provinzhochschulen zeigt sich ein äußerst auffallendes Sinken der Zahl der Hochschüler. Offenbar betreten immer weniger junge Leute die wissenschaftliche Laufbahn, so daß der Numerus clausus völlig illusorisch wird, weil die veränderten Zustände und Verhältnisse be« schränkende re Kautelen schaffen als jedes Gesetz es vermöchte. In Budapest ist die Lage in dieser Beziehung nicht nm vieles anders als in der Provinz. Die Erscheinung tritt an der philosophischen und juristischen Fakultät in demselben Maße zutage wie an der medizinischen Fakultät. Das sind Erscheinungen, die vom Gesichtspunkt der - magyarischen Kultur außerordentlich bedauerlich sind." Und nun kommt die wichtige S ch ln ß «f 0 lge r n n g dieser inspirierten Mitteilung: „Im übrigen ist der Plan ausgetaucht, daß in -dieser überaus wichtigen und einer dring« lichen Lösung erheischenden Frage so rasch als möglich eine Enquete der in Betracht kommenden Faktoren einberusen werden soll." Wie ges-agt, sind diese inspirierten Ausführungen auch in den Blättern des christlichen Kurses mit auffallenden Lettern gebracht worden. Hätte Graf Bethlen diese Enquete nicht am Tage vor seiner Genfer Reise, von welcher er die große Ausländsanleihe heiinibringen möchte, lanciert, so könnte man an diese wehmütigen Feststellungen die Hoffnung knüpfen, daß man in Ungarn an maßgebender Stelle sich bereits der destruktiven Wirkung des Numerus clausus bewußt geworden sei. So aber muß man, bis sich nicht das Gegenteil erweist, auch diese Sache als ein Anleihe-Werbemanöver des Grafen Bethlen ansehen, der im Auslände darauf Hinweisen will, daß er 'bereits Schritte eingeleibet habe, um den Numerus clausus, der ganz besonders auch im Auslande als eine Schande -der ungarischen Gesetzgebung beurteilt wird, aus der Welt zu schaisfen._ Polen. Veränderungen im Kabinett. Warschau, 1. September. Der Präsident der Republik hat die Demission des Handelsministers Kucharski, des Finantzminffters Linde und des Ministers für öffentliche Fürsorge Barowski angenommen und zum Handelsminister Ingenieur S Zyklon) ski, zum Finanzminister Kucharski und zum Minister für öffentliche Fürsorge Smolski ernannt. [Schiffmann II.. Taborstraße 48 Telephon 47-1-79 En gros En detal „SchlagbMemrfer." (Anläßlich der Namensänderung einer Leopoldstädter Straße.) Die Häuserzeile links des Donaukanals, zwischen Ferdinandsbrücke und Aspernbrücke, erhält einen neuen Namen: Sie wird künftig „Schlagbrückenufer" heißen. Für die jüdische Bevölkerung werden Erinnerungen an eine kurze Spanne Zeit wachgerufen, die schwer war und heroisch. An sie aus diesem Anlässe zu erinnern, scheint zweckmäßig. Jenseits der Schlagbrücke befand sich, wie bekannt, das zweite Wiener Judenghetto „Im Werd". Hoffnungsfreudig zogen anno 1625 die Juden über die Schlagbrücke in das neue Jndenquartier. Das noch erhaltene „Grundtbuech über den Juden-Gezürckh' enthalt» der Schlagpruckhen in der unteren Wörth gelegen anno 1632" gibt Ausschluß über den Umfang dieses Judenbezirkes. Zwei schiefe Häuschen in der Tandelmarktgasse, die sich an einen schmalbrüstigen, bizarren Mittelbau lehnen, sind die überlebenden Reste des damaligen Ghettos. Es gibt allerdings noch ein Denkmal der Judenstadt jenseits der „Schlagpruckhen": Das teuerste Haus der jüdischen Menschen von damals, die Synagoge, welche aber heute — Leopoldskirche heißt. * Gehst du Jude längs des „Schlagbrückenufers", so erinnere dich an das Leben der Ghettobewohner von damals. Jrn Morgengrauen schwärmten sie mit ihren Packen über die Schlagbrücke ans dem Ghetto in die gar nicht liebenswürdige Wienerstadt, die zum Exempel während der Türkenkriege die Ghettobewohner den Brandkugeln der Janitscharen ansgesetzt ließ und ihnen nicht gestattete, sich hinter die schützenden Mauern Wiens zu flüchten. Beim Herannahen der Nacht kehrten sie über die Schlagbrücke in das Ghetto zurück und sie hatten wahrlich Anlaß,^tagsüber unr das Schicksal der zurückgelassenen Angehörigen besorgt zu sein. Insbesondere die Herren Studenten aus den Burschenquartieren in der Nosenbursengasse kamen wiederholt, ihren Uebermut zu letzen und — ihre Taschen zu füllen. Und dann kam einer aus dern Geschlechte des Leib Pfefferkorns ein Meschnmed aus Prag, der sich drrrch Angebereien, durch Verbreitung phantastischer Lügen über das Treiben der Juden im Ghetto leichten Erwerb schuf und den Menschen „Im Werd" Angst, Schrecken und schließlich schweres Leid brachte. Da er aber überdies Kirchengut stahl, wurde er gemeinsam mit zwei katholischen Spießgesellen zum Tode durch den Strang verurteilt. Am Fischmarkt sollte die Exekution vor sich gehen und zahlreiche Ghettobewohner kamen über die Schlagbrücke, um dem Strafgericht über ihren Quälgeist beizuwohnen. Der Meschnmed hatte bis zum letzten Augenblick gehofft, die Jesuiten und andere hohe Gönner würden ihn befreien. Als aber der Scharfrichter sich anschickte, ihm den Strick um den Hals zu legen, bespuckte der Delinquent das hingereichte Kruzifix und bekannte sich zum Judentum. Die erste Folge war ein furchtbares Blutbad unter den jüdischen Zuschauern. Die zlveite aber war jene entsetzliche siebenfache Folterung des Meschnmed am nächstfolgenden Sabbat, die des näheren zu schildern wir mit Rücksicht auf die Nerven unserer Leser unterlassen. Diese in Wien noch nicht dagewesene allmähliche Zerfleischung eines Menschen bei lebendigem Leibe mußte übrigens späterhin auch die christliche Bevölkerung bitter büßen. Fanatische Dunkelmänner, Werkzeuge der Jesuiten, veranstalteten späterhin ähnliche öffentliche Folterungen unter grausamsten Qualen an unschuldigen Menschen, ja halbwüchsigen Kindern, denen man angedichtet hatte, sie hätten ein Kruzifix mit einer Nadel durchstochen, um eine Gotteslästerung zw begehen. Die Memoirenbücher Schlagers enthalten Urkunden über jene furchtbaren Folterungen katholischer Jünglinge und Mädchen, die man zunächst auspeitschte, ihnen, sobald sie erholt waren, auf dem Hochgerüst vor dem Schottentor eine Hand oder einen Fuß abhackte, nur sic erst späterhin durch Hinrichtung zu erlösen. -r- Und in diesen Jahrzehnten des dunkelsten Mittelalters mit den sadistischere Orgien des Räderns, Riemenschneidens, Verbrennens, des Zwickens mit glühenden Zangen, des Ausreißerrs der Zunge war die bedrängte Judensiedlung jenseits der Schlagbrücke wahrhaftig ein Emporium der Kultur und Menschlichkeit. Welch reiches geistiges Leben in der armseligen bürge! Halachisten unb Kabbalisten stritten um den Vorrang. Leuchten der talmudischen Wissenschaft wurden aus rühmlichen Judenzentren bezogen. Es gab noch nicht die Errungenschaften der Technik, welche die rasche Verbindung zwischen Menschen der verschiedensten Erdteile durch Eisenbahn, Telegraph und Telephon herstellt, und doch waren die Juden weitester Entfernung miteinander innig verbunden und standen.zu einander. So mag daran erinnert sein, wie der Vorsteher des Ghetto „im Werd" Abraham Levi Oettingen bis nach Regensburg ans Hoflager des Kaisers eilte, um Rettung für die bedrängten Juden des fernen Mantua zu erwirken. Und als im Jahre 1670 die bevorstehende Austreibung der Juden aus dem „Werd" unter Trompetenschall in Wien angekündigt wurde, waren kaum drei Wochen später Boten aus Hamburg und Altona zur Stelle, welche reiche Hilfeleistung für die Opfer ankündigten. Eine kurze Spanne Zeit, kaum 45 Jahre, durften die Juden in diesem zweiten Wiener Ghetto hausen. 1625 zogen sie über die Schlagbrücke in dieses Judenquartier, um dessen Zustandekommen sich aus fiskalischen Gründen Ferdinand der Zweite und bezeichnenderweise insbesondere der Förderer der Ghettoidee, der Jesuitenpater Wilhelm Germain L a m o r m a i n i, bemüht hatten. Anno 1670 trieb sie eine blutige Judenhatz bis auf den letzten Greis und Krüppel auf die Landstraße hinaus. Bei anderer Gelegenheit wurde in diesem Blatte erzählt, welche Leiden bei den einzelnen Etappen der Austreibung, bei dem jedesmaligen Spießrutenlaufen aus dem Ghetto über die Schlagbrücke, unsere Vorfahren zu erdulden hatten. Und es sei nur an den Wortlaut der Bittschrift erinnert, welche die restliche Judenheit im Juni des Jahres 1670 überreichte, die schildert, wie „Eltern von den Kindern abgerissen, Greisen Arm un' Bein gebrochen, gemordet worden" und wie die Vertriebenen „das Leben gleichsam fiir ein Straff un' den Todt fite ein Erquickung halten müssen". Doch sei gestattet, aus diesem Anlässe wieder an die wirklich herrliche Tat der Söhne des unvergeßlichen Koppel- Fränkel zu erinnern, die in den unbeschreiblichen Wirren und Drangsalen der Plünderung und Austreibung ihre Familien im Stiche ließen, bei den jüdischen. Ghettobewohnern hastig die letzten Barbeträge sammelten, mit einem straffen Beutel, der 4000 Gulden entbielt. beim Magistrat -.ericbütwn und . einen Re-