Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1637 (2.9.1923)
- Date
- 1923-09-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bette 2 Wien. Sonntag Erklärungen Mussolinis. Mailand, 1. September. (Tel. der „Wr. Morgenzcitung".) Mussolini hat dem Ministerrat dort d e m o nstrativen Charakter des Unternehmens Hervorgeboben und mitgeteilt, die Ergreifung von Pfändern bezwecke, Griechenland zu detr nötigen Wiedergutmachirngen zu zwingen. Die italienische Regierung hat die griechische Regierung durch ihren Gesandten gewarnt und darauf aufmerksam gemacht, daß sie eventuelle gewaltsame Widerstände gegen das Vorgehen Italiens als Erklärung der Feindseligkeiten betrachten wurde. Weitere Rüstungen Italiens. Rom, 1. September. (Tel. der „Wr. Modenzeitung".) Der „Meffaggero" teilt mit, daß weitere Flotteneinh e i t e n in den Häfen von Spezia und Venedig den Befehl erhalten haben, sich zur Abfahrt in voller Kriegsausrüsiung bereitzuhalten. Wie gemeldet wird, sind für eventuelle Truppentransporte acht große Handelsschiffe gechartert und in den betreffenden EinschiffungShäfen bereitgeftellt worden. Das Geschwader des Admirals Soleri ist ebenfalls inrstande, nötigenfalls einen starken Bestand an Matrosen unt Munition und Waffen bereitzuftellen. Belagernngsrnstand in Griechenland. Paris, 1. September. (Wolfs.) „Petit Parisien" meldet aus Athen, daß über Griechenland der Belagerungszustand verhängt worden sei. Anssassnng in Athen: Eine deutliche feindselige Handlung. London, 1. Septmber. Das Reutersche Bureau meldet aus Athen: Ministerpräsident Gonatas hat erAärt, daß die Besetzung Korfus als eine deutliche feindseligeHandlung betrachtet werde, trotz der Erklärung des italienischen Gesandten. Gonatas fügt« hinzu, daß er den Streitfall dem Völkerbund unterbreitet habe und daß auf die zweite italienische Note keine Antwort gegeben werden wird. Gärung in Griechenland. Rom, 1. September. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Nach einer Athener Meldung des „Giornale d'Jtalia" herrscht in der griechischen Hauptstadt lebhafte Gärung. Der Kurs des Drachmen ist weiter gesunken. Das Geld wird von den Banken zurückgezogen. In gewissen Kreisen wird der Rücktritt des Kabinetts Gonatas verlangt und jeden Augenblick erwartet. Die Presse billigt die Weigerung der Regierung und setzt große Hoffnungen auf Entstand. Die Regierung erklärt sich bereit, eher auf die Macht zu verzichten, als Forderungen anzunehmen, die sie mit der Ehre der Nation für unvereinbar erachte. Auch in der Provinz werden Unruhen befürchtet. Die Gegner des jetzigen Kabinetts suchen die Lage auszunützen, um das revolutionäre Regime Gonatas zu stiirzen. Griechenland ersucht den Völkerbund um Intervention. Genf, 1. September. In der Note, die die griechische Regierung dem Generalsekretariat des Völkerbundes überreichen ließ, stützt sie ihr Begehren um Intervention des Völkerbundes in ihrem Konflikt mit Italien auf die Artikel 12 und 15 des Paktes. Der italienische Vertreter im Völkerbund Salandra erklärte aus Befragen über seinen Eindruck hinsichtlich des Schrittes Griechenlands, daß der Wortlaut der Note den Mitgliedern des Rates noch nicht zngesteltt worden sei, weshalb es ihm auch nicht möglich 'ei, sich eine Meinung darüber zu bilden. Ter Völkerbundrat nimmt Stellung. Genf, 1. September. (Schweiz. Dep.-Ag.) Zn Beginn der heutigen Vormittagssitzung des Völkerbnndrates gab der Vorsitzende Baron Jshii bekannt, daß dem Generalsekretariat des Völkerbundes , von der griechischen Regierung wichtige Dokumente über den Konfli'kt mit Italien übermittelt worden seien. Diese Dokumente würden unverzüglich übersetzt und sobald als möglich den Mitgliedern des Rates zugsstellt werden. Stuf Antrag des Vorsitzenden beschloß der Völkerbundrat, sich heute nachmittags mit dieser Frage zu befassen. Jugoslawien fühlt sich ebenfalls bedroht. Graz, 1. September. Die „Tagespost meldet aus Belgrad: In hiesigen politischen Kreisen verlautet, daß sich infolge des griechisch-italienischen Konflikts auch die Beziehungen zwischen Italien und Jugoslawien verschlechtert haben. Italien nehme mehr oder weniger eine drohende Haltung gegenüber Jugoslawien ein. Nach hier eingetroffeuen Berichten habe ein Teil der italienischen Flotte in Pola Befehl erhalten, in der Richtung gegen Fiume und Dalmatien auszulaufen. Italien habe ferner 75 Waggons Munition, Waffen und Gebirgsartillerie in der Richtung nach Fiume geschickt. Auch Albanien marschiert aus. Nom, 1. September. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Nach Blätter Meldungen aus Valona sind die albanischen Polizeitruppen Mittel- und Nordalbaniens v>:*r de7 n v i c ch i s cft c n G renze vorgeschoben worden, v■ _Wiener Morgenzertung. ~~ Besorgnis in London. London, 1. September. (Wolfs.) Die Morgenblätter befassen sich eingehend mit -der durch die italienische Besetzung Korfus he rvorge rufe neu sehr ernsten Krise, wobei die Bedeutung Korfus als Flottenstützpunkt hervorgehoben und der Befürchtung Ausdruck gegeben wird, daß, sobald die italienische Regierung den Brand entfacht habe, dieser sich über den g a nzen Balkan ansbreitcn könnte. Die Blätter legen Italien nahe, es nicht zum Aeußersten kommen zu lassen, sondern 'tvcr Entscheidung Völkerbundes zuzu stimmen. Berlin, 1. September. (Tel. der „Wiener Movgenzeitung".) Wie die „V o s s i s ch e Zeitung" aus London meldet, wird von unterrichteter Seite im Zusammenhang mit der Entsendung eines englischen Geschwaders nach Korftr erklärt, wenn Mussolini nicht sofort vor der Autorität des Völkerbundes zurückweiche, fei England entschlossen, im östlichen Mittelmeer mit allen seinen Machtmitteln die Ordnung und den Frieden aufrechtznerhalten. Die „T i nt e s" bedrohen Italien mit einem internationalen Wirtschaftsboykott. „Daily Telegraph" kündigt den offiziellen Protest Englands gegen die Besetzung Korfus an. Auch die Stimmung der übrigen Presse ist vollständig zuungunsten Italiens umgeschlagen. Die Blätter bezeichnen es bereits als ein Staatsverbrechen, wenn Italien irgend welche Schritte gegen Griechenland nnternehmen sollte, ohne vorher England und Frankreich gefragt zu haben. Eine Rote der Botschasterkonferem an Griechenland. Athen, 1. September. (Havas.) Der französische Geschäftsträger hat dem griechischen Minister des Aeußern Alexandris die Note der Botschafterkonferenz überreicht, worin in schärfster Weise gegen die Anschläge, deren Opfer die Mitglieder einer mit einer friedlichen Mission betrauten Kommission gewesen seien, Protest erhoben wird. Die Botschafterkonferen; fordert die griechische Regierung auf, unverzüglich die Untersuchung behufs Feststellung der Verantwortlichkeiten einzukeiten, und macht alle Vorbehalte bezüglich der Sanktionen und Wiedergutmachungen, die sie eventuell verlangen werde. Alexandris erklärte, von der Note Kenntnis zu n ehitt e n. Er werde die Ergebnisse der von den griechischen Behörden mit äußerster Beschleunigung betriebenen Untersuchung der Botschafterkonferenz Mitteilen. Die Wahlen und die Juden. Die Wahlbewegung beginnt. Die groß? Versanrmlungstätigleit hat zwar noch nicht eingesetzt, aber die Parteianf« rufe beginnen aufzuflattern und man 'hört, wie bei solchen Anlässen üblich, die lautesten Tone. Wahrend von christlichsozialer Seite das Seipelsche Samerungswerk in den lautesten Tönen gepriesen wird, um die Schäflein für das 'bürgerlich-christlichsoziale Programm zu gewinnen, haben die Sozialdemokraten einen Aufruf veröffentlicht, in welchem die antisozialen Maßnahmen des Sanierungswerkes unterstrichen, die Unterlassungen der Regierung auf dem Gebiete der Sozialpolitik einer vernichtenden Kritik unterzogen und dieser Haltung die Vorschläge der Sozialdemokraten en-tgegengehalten werden. Daneben wird in geschickter Weise auch an das antisemitische Register gerührt, wie ein eben zur Verteilung gelangendes Flugblatt des sozialdemokratischen Frausnaktionskomitees Hernals an die „Frauen und Mütter" beweist, welches in der Hauptsache mit der Gefahr eines zu befürchtenden Abbaues des Mieterschutzgesetzes operiert. Es wird darin nicht nur von den „christlichsozialen Schleppträgern der Börfenfuden" geredet, .auf einer Illustration erscheint eine nach Art der antisemitischen Mache gezeichnete Iudenkarikatur mit Schläfenlocken, den christlichsozialen Stimmzettel in der Hand, und zum Schluffe heißt es, bei der Aufzählung aller sich um Herrn Seipel scharenden Rückschrittler: ,L) b Iude oder C h r i st! Ein Z i e l!" Es ist dies die bekannte bequeme Methode, mit der Judenfrage auf sozialdemokratische Manier fertig zu Werdern, die Inden werden als Gesamtheit mit den Börsenjobbern und Ausbeutern identifiziert, für welche ldie Seipel-Partei tätig sein soll. Es kann von keiner Seite bezweifelt werden, daß es heute eine jüdische Ehrenpflicht ist, für die eigene Vertretung im National rat zu sorgen, um Verunglimpstmgen der jüdischen Ehre abznwehren und dir jüdische Bürgerschaft gegen den Bevsnch neuerlicher Entrechtungen zu schützen. Es ist dies eine Artfgabe, deren Dringlichkeit außer aller Erörterung stcht und deren Durchführung eine geschlossene Einheit aller jüdischen Gruppen gewährleisten muß. Wie wir gestern meldeten, ist es in der Slowakei gelungen, für die dort bevorstehenden Gemeindewahlen ein Zusamnten-- gehen der Orthodoxie mit dem nationalgesinnten Judentum zu ermöglichen. Wer die Trennnngstendengen der slowakisch-jüdischen Orthodoxie kennt, kann ermessen, ivas dieser Entschluß zu bedeuten hat. Was in der Slowakei möglich war — das Einigende in den Bordergrund zu rücken—, das muß auch in W i e n gelingen! Es liegt an der jüdischen Wählerschaft Wiens, dem jüdischen Elnheitsgedanken den Weg zu bahnen und auf solche Weise für eine jüdi sch e V e r t r e tu ng i m Nati onn (rat zu sorgen, welche über die Wahrung des jüdischen N -"7ec tr ny-;;’V-n; 2. September 1923 Nr. 1637 Sesterreich. Die FM für die Abgabe der Wühleranlage» biütter verlüngert. Da während der amtlichen Wähleraufnahme im August viele Wahlberechtigte von Wien abtvesend waren, konnten nicht alle Wähleranlageblätter eingefammelt werden. Um nun allen Wahlberechtigten die Gelegenheit zu geben, in die Wählerlisten ausgenommen zu werden, hat der Magistrat die Frist zur nachträglichen Anmeldung bis einschließlich Mittwoch den 5. d. erstreckt. Es wird gleichzeitig aufmerksam gemacht, daß diese Frist nicht mehr verlängert werden kann, da dir Wählerliste mit Rücksicht auf den für den 12. d. in Aussicht genommenen Beginn der Reklamationsfrist fertiggestellt sein ntuß. Di: Amtsstuben für die nachträgliche Anfnahnte in die Wähler' liste sind von 8 bis 2 Uhr und von 4 bis 7 Uhr. Die Reise des Bundeskanzlers nach Warfchm. Warschau, 1. September. Wie „Rzeczpospolita" meldet, trifft Bundeskanzler Dr. Seipel am 16. d. ii Warschau ent. Im Zusammenhang mit diesem bevor stehenden Besuch des Bundeskanzlers in Warschau Hot! der Außenminister Seyda mit dem östereichischen B vollmächtigten in Warschau, Post, eine Unterredung Tschechoslowakei. Der Bergarbelterstrett. Prag, 1. September. Der „Soziademokrat" erfährt, daß infolge des Bergarbeiter st reiks mehrere große Jndustrieunternehmungen ihre Arbeiten wegen Kohlenmangels einstellen mußten, so die Mannesmann-Werke in Komotau, die Chemischen Werke in Aussig und die Email-Werke in Brünn. „Ceske Slovo" meldet, daß infolge Kohlenmangels die rechtzeitige Eröffnung der Zuckerkampagne gefährdet erscheine. Wie die Blätter weiters melden, verlangen di; Kommunisten wegen des Scheiterns der Verhandlmtgen mit den Bergbaunnternehmern die sofortige Einberufung des Abgeordnetenhauses. Jüdische Kolonien in Karpathorntzland? Der tschech» flotvakischen Regierung ist ein Projekt voryelegt worden, eine Anzahl von Kolonien jüdischer Bauern in Karpathorußlcmd anzulegen. Dos Projekt stammt von einer Gruppe jüdischer Bauern und wird von einer Bank unterstützt. Der Landwirtschaftsmimster Hodza, der dem Plane wohlwollend gegenübersteht, erklärte dem I. C. B.-Vertreter, seine Regierung würde die Ausdehnung der Tätigkeit des ,/Ort" auf' die jüdischen Kolonien in Karpathorußland, wo mehr als 36.000 Juden auf dem Lande leben, begrüßen. Der Minister werde jederzeit Gesellschaften, die die Verbreitung der Landwirtschaft unter den Irden bezwecken, unterstützen. (I. C. B.) Ungarn. Beihle« wieder optimistisch. Budapest, 1. September. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Ministerpräsident Bethlen fuhr heute über Wien nach Genf. Vor seiner Abreise erklärte Bethlen, daß er mit den besten Hoffnungen abreife und sehr viel von den Ergebnissen d;r Genfer Verhandlungen erhofft.' Wenn dies nicht der Fall wäre, würde er überhaupt nicht Wegreisen. Der Fuftizminifter als Hetzer. Selbst ungarische Richter protestieren! Budapest, 1. September. (Tel. der ,-Wiener Morgen» zeitung".) Justizminifter Dr. Nagh hat an die OberstaatsanvxAtschaft eine Zuschrift gesendet und in dieser drei Belohnungspreise zu je einer Million Kv'vnen für denjenigen Staatsanwalt gestiftet, dent es gelingen wird, einen P r e i s t r e i b e r größeren Stils unter Anklage zu stellen und verurteilen zu lassen. In der Zuschrift vertritt der Minister den Standpunkt, daß die E h x c der ungarischen I nstiz (?) davon abhänge, ob es gelingen wird, nicht nur Marktfrauen und Kellner, sondern auch große Schädlinge zu bestrafen. Die Zuschrift des Ministers wurde in den heutigen Morgenblattern publiziert und rief allgemein großes Aufsehen hervor. In den Mittagsstunden erschienen die Mitglieder der B u d apester Staatsanwaltschaft vor dem Oberstaatsanwalt St rache und baten ihn, beim Minister wegen Zurückziehens des Preisausschreibens zu intervenieren. Minister Dr. Nagy teilte ans Ersuchen des Oberstaatsanwalts mit, das er den auf die Belohnung bezüglichen Teil seiner Zuschrift insofernc abändern wolle, daß nicht die einzelnen Staatsanwälte, sondern der Verein der Richter und Staatsanwälte die Millionenbelohnung erhalten soll. Der Putschplm der Erwachenden Ungarn. Aus Budapest wird uns gemeldet: Die Erhebnn» gen der Polizei in der Affäre des aufgedeckten Putschplanes, laut welchent eine bewaffnete Truppe znnt Sturz der Regierung einerseits und zur Durchführung irvedentistischer Pläne andererseits angeworben werden sollte, haben bisher ergeben, daß die Fäden dieser Ber- I schwörung in die Z e n t r a f c d c § B e r b a tt b e g bei* ’ (v r ir. o ch nt b c n .11 n g a r n f ii h v c Smm; hio (ivv•