Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1637 (2.9.1923)
- Date
- 1923-09-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Mussolini hat sich als gelehriger Schüler der von ihm und seinen Getreuen so heftig gehaßten Kriegsdiplomatlr der Mittelmächte erwiesen. Er hat seiner Drohung an Griechenland rasch die Tat folgen lassen und nachdem er die griechische Antwort als unannehmbar erklärt hatte, einen Schritt getan, welcher als k r i e g e r i s ch e r Akt angesehen werden muß und eine Verhöhnung der von Italien akzeptierten Grundsätze des Völkerbundes darstellt. Wie aus Athen gemeldet wir-, überreichte Italien gestern nachmittags dem griechischen Außenministerium eine Note, worin erklärt wird, es seien Befehle für die Landung eines Truppenkontingents auf Korfu erteilt worden, da die griechische Antwort als Ablehnung der italienischen Forderungen betrachtet werde. Die Maßnahme hätte vorübergehenden Charakter und stelle keine K r i e g s h a n d l u n g dar. (!) Der griechische Außenminister erklärte, die Besetzung von Gebieten eines unabhängigen Staates könne nur als feindlicher Akt angesehen werden, der eine flagrante Verletzung der Verpflichtungen Italiens bilde. Die griechische Regierung hat sich nämlich sosorttelegraphisch am das Sekretariat des Völkerbundes mit der Aufforderung gewendet, in dem Konflikt den Satzungen des Völkerbundes gemäß als S ch i e d s r i ch t c r aufzutreten. In Athen wird betont, Griechenland habe nicht die Absicht, auf die italienische Provokation zu erwidern, da es mit einem Eingreifen des Völkerbundes rechne. WennW^-^dHenWMvMow ^als>-ohmnächtlg. Herausstellen sollte, hatte Griechenland das Recht, zu glauben, daß die ganze Idee des Völkerbundes Bankrott gemacht 'habe und es wäre dann genötigt, zu den: einzig möglichen Mittel Zuflucht zu nehmen, um sich gegen den italienischen Angriff zu verteidigen. Die griechisch»' Regierung erklärt, ihr Außenministerium sei von der italienischen Gesandtschaft verständigt worden, sie werde eine neue Note überreichen, die eine Frist bis 5 Uhr nachmittags geben werde. Me nun amtlich aus Rom gemeldet wird, ist die italienische Flotte schon um 4 Uhr nachmittags auf Korfu gelandet, worauf die Stadt und die Insel besetzt wurden. Der Besetzung von Korfu ging ein halbstündiges Bombardement der Insel, ohne vorherige Anzeige voraus, durch welches fünfzehn Personen getötet wurden. ^>ie Verwaltung der Stadt hat der.italienische Admiral Bell in: übernommen. Bei der Landung verlangten die Italiener die Uebergabe der Garnison und der Gendarmerie sowie der Kasernen und. des Kriegsmaterials. Die italienische Nachrichtenagentur Stefan: gibt eine Darstellung der Tätigkeit der italienischen Grenzkommrssion in Albanien, in welcher erklärt wird, -daß diese einer methodischen Opposition der griechischen Delegierten begegnet sei, so daß sie sich gezwungen sah, eine kategorische Ausforderung der B o t s ch a f t e r k o n f e r e n z an die griechische Regierung durchzusetzen, von der Obstruktion abzulassen; andererseits habe die griechische Regierung der Botschafterkonferenz einen Protest gegen die Tätigkeit des italienischen Generals Tellini übermittelt, den sie der systematischen; P a r.te i nähme z u g u n st e n A lbaniens bezichtigt -habe. Um das unerhörte Vorgehen Italiens zu rechtfertigen, welches die Okkupation der griechischen Insel Korfu vollzogen hat, die kraft des Vertrages vom Jahre 1864 unter den Schutz der Mächte gestellt ist, hat Mussolini an die italienischen ailstvärtigen Vertretungen eine Depesche gerichtet, in.welcher er erklärt, die Antwort Griechen/ lands, welche einer vollkommenen Ablehnung (!) der italienischen Forderungen gleichkomme, verseht Italien in die Notwendigkeit, der griechischen Res gierung ihre Verantwortlichkeit zum Bewußtsein zu brim gen. Demgemäß sei der Befehl zur Landung auf Korfu er. teilt worden, durch welche vo r übergehende Maß. nahmen Italien keine kriegerische Handlung sondern bloß den Schutz eines Prestiges beabsichtigt un: seinen Willen kundgeben will, die ihm -gebührenden Wiedergutmachungen zu erlangen. Italien wünsche, daß Griechenland nichts unternehme, was dep friedlichen Charakter dieser Maßnahmen zu stören -ge< eignet wäre. Das Geschehene schlüße Sanktionen durch di§ Botschafterkonferenz nicht aus, da die ermordett italienische Delegation deren Mandatarin gewesen ist. Ein< ähnlich lautende Proklamation hat Admiral Solar« der auf Korfu gelandet ist, an die Bewohner der Insel m lassen, und erklärt, die vorübergehende Besetzung werdiveiter friedlicher Natur bleiben, wenn nicht dil Haltung der Bevölkerung das Oberkommando zwinge, besondere Maßnahmen für die Sicherheit für die italienischen Truppen zu treffen. Eine italienische Darstellung Ger Besetzung Rom, 1. September: .(BAsKteteingetroffen.) Dir Stefan: v: ^entlicht -folgende ' Mitteilung: Eins italienische Eskader ist vor Korfu erschienen und hat die Uebergabe der Stadt verlangt. Da nach Ablauf der gestellten Frist der Aufforderung, die w e i ß e F a h n e zu hissen, nicht entsprochen' ivorden 'war, obwohl man zu deren Bekräftigung mehrere blinde Schüsse abgefeuert hatte, ergab sich die Notwendigkeit, aus Schiffsgeschützen kleineren Kalibers einige Schüsse gegen die Festung in Korfu abzugeben. Hierdurch sind etwa 10 Bürger, die sich in der Festung befanden, verwundet worden. Nachdenr auf dem Schlosse die weiße Fahne aufgezogen worden war, wurde mit der Landung der Truppen bc. gönnen, die sich in vollkommen geordneter Weise vollzog. Schließlich wurde die italienische Fahne auf Schloß und Festung gehißt. Der Präsekt und der Bürgermeister trafen im Einvernehmen mit dem italienffchen Gouverneur Maßnahmen zur Aufrechthaltung -der öffentlichen Ordnung. Die Ruhe wurde nicht gestört. Es wird ausdrücklich festgestellt, daß die Verantwortung für die durch das Feuer der italienischen Schiffe erfolgte Verwundung mehrer griechischer Bürger ans die griechischen Behörden zurückfällt, (!) die in vollständiger Mißachtung der von den italienischen Schiffen gemäß dem internationalen Gebrauch ergangenen Warnungen es verabsäumt hatten, zu veranlassen, daß die Bürger das Hauptfestungs werk Kcirfus verlassen. Korfu ganz unter italienischer Verwaltung. Rom, 1. September. (Tel. der „Wr. Morgenzoitung") Me der „Messaggero" meldet, hat Italien mit der militärischen Besetzung von Korfu auch die Verwaltung der Insel einschließlich des Zolldienstes übernommen. Tie italienische Negierung beabsichtigt, die Sanktionen wegen der Weigerung Griechenlands nur auf die Besetzung von Korfu zu Bef ch ranken, wenn die griechische Regierung k e i ne. V e r w 'i ck ln n gen herbeiführt. Die Besetzung wird unter dem Schutze der Schiffe fortdauern, bis die griechische Regierung alle Forderungen der italienischen Regierung bewilligt haben wird. Der Ausflug nach Kocht. F. W i e n, 2. September. Bor zehn Jahren hätten sich wohl Politiker und Diplomaten gefunden, welche an dem Vorgehen des zum Ministerpräsidenten avancierten Faszistenhäuptlings die politische Geschicklichkeit bewundert hätten. Aber dazwischen liegen ein paar Jahre .grauenvollsten Kriegserlebens und Kriegssterbens und man hat Gelegenheit gehabt, zu sehen, wie leicht die Lawine ins Rollen gebracht werden kann, die dann erst nach Hekatomben blutiger Opfer und nach der Verwüstung eines Erdteils zum Stillstand gekommen ist. Der Kommandant der Schwarzhemden hat eine gewisse Originalität in der Art bewiesen, wie er sich, allerdings, unter der Duldung und Mithilfe von zivilen und militärischen Behörden, allmählich die ganze Staatsmaschinerie untertänig zu machen wußte; nun, da er seinen Tatendrang aus außenpolitischem Gebiete beweisen möchte, erweist sich Herr Mussolini als kläglicher Kopist. Er hat mit seinem Ultimatum die Methoden Berchtolds unseligen Andenkens nachgeahmt, und die Art, wie er nun Wiedergutmachungen fordert, erinnert allzusehr an Poincares Vorbild in der Ruhrbesetzung. Nur muß hier an einen Unterschied erinnert werden, der allzusehr in die Augen springt, als daß er übersehen wevden könnte. Während Frankreichs Legitimation zur Besetzung des Ruhrgebietes umstritten ist und Poincare -wenigstens die ihm genehme Interpretation des Versailler Vertrages zu Gebote steht, bedeutet die Besetzung der griechischen Insel Korfu, die überdies unter internationalem Schutze steht, eine brutale Verletzung des Friedenszustandes. Die Erklärung, daß die Besetzung nur zeitweilig ist und einen friedlichen Charakter, trage — zur Bekräftigung .dieses Charakters sind ,. 15 Menschen erschossen worden -r-, ist zu plump, um' nicht durchschaut zu werden, und vergebens wird Herr Mussolini versuchen, aus drei eine gerade Zahl zu machen. Die griechische Regierung hat alles in ihren Kräften Stehende getan, um den Konflikt aus der Welt zu schaffen: sie hat Italien alle schuldigen Ehrenbezeugungen, eine weitgehende Sühne und sogar die Möglichkeit der Mitwirkung seines Delegierten bei der Untersuchung des unglückseligen Mordes angeboten und die gesamte Affäre gemäß dem Statut des Völkerbundes sofort diesem Tribunal unterbreitet. Aber Herr. Mussolini will mehr; er fordert das Unmögliche, weil es ihm nicht um Sühne, sondern um die Provokation geht. Er will Griechenland auf die Knie zwingen, um aus dem Morde politisches Kapital zu schlagen, er fordert eine bestimmte Summe als Entschädigung für einen Mord, als ob Menschenleben mit Geld ausgewogen werden könnten und scheint offenbar auf eine Verwicklung der Sachlage zu spekulieren. Man kann nicht wissen, was alles geschehen kann. England und Frankreich sind wegen der Ruhrfrage uneinig und vielleicht wird sich die Möglichkeit ergeben, im Trüben zu fischen. Daß man in Italien an alle Eventualitäten denkt, beweist die Nachricht, daß sich weitere Flotteneinheiien in Italiens Kriegshäfen in Kriegsausrüstüng bereithalten, daß ein zweites italienisches Geschwader ausgelaufen ist, beweist vor allem Mussolinis scheinheilige Erklärung, daß man eventuelle gewaltsame Widerstände gegen Italiens Vorgehen als Erklärung der Feindseligkeiten betrachten werde. Verhandlungen hat Mussolini von Vorneherein ausgeschlossen, er hat so schnell operiert, daß für solche keine Zeit gelassen wurde, er diktiert und fällt vor der von seinem Gesandten gestellten Frist von wenigen Stunden in griechisches Land ein, um die Erfüllung seines Diktats mit Gewalt zu erpressen und versucht dabei, die gesamte Verantwortung Griechenland aufzuhalsen. Es liegt natürlich auf der Hand, daß Griechenland, zermürbt durch einen unglücklichen Krieg und durch die Revolution im Innern, unfähig ist, etwas Ernstes gegen den ungleichen Partner zu unternehmen. Aber die Gefahr liegt darin, daß die Staaten auf den: Balkan durch eine Aktion Italiens, durch welche der gesamte mühselig aufrechterhaltene Status auf der Halbinsel verschoben werden könnte, in einer oder der anderen Richtung in Mitleidenschaft gezogen werden müßten. Jugoslawien kann nicht ruhig Zusehen, wenn Griechenland überfallen wird, für Albanien und Bulgarien ergäben sich manche Gelegenheiten und eine Verwicklung auf dem Balkan könnte auch in den bolschewikischen Faszisten die Lust rege machen, die bessarabische Frage cmf ihre Weise aufzurollen. Äber auch die Ententegenossen Italiens kommen purch Mussolinis kriegerische Extratour in eine Situation, die ein Eingreifen erforderlich macht. England, welches in den Krieg gezogen ist, um Belgiens verletzte Neutralitätsrechte wiederherzustellen, England, das . vor Jahrzenten Korfu au Griechenland abgetreten hat, kann dieses Attentat auf den Frieden um so weniger ruhig dulden, als auch die englische Seegeltung im Mittelmeer in Mitleidenschaft gezogen wird und Korfu als maritimer Stützpunkt keineswegs ohne Bedeutung ist und auch Frankreich würde sich in diesen: Falle genötigt sehen, in einer für Italien unangenehmen Weise Farbe zu bekennen. Das von Mussolini angezcttelte Abenteuer' beweist wieder einmal, wie gefährlich es ist, wenn ein Systen: des skrupellosen Extremismus ans. Ruder gelangt und die Grundsätze der Demokratie verleugnet werden. Aber es kann nicht sein, daß die Welt zulasse, daß die Pläne des Obersten aller Schwarzhemden reifen. Es wäre nicht allein ein Bankrott des Völkerbundes, wie es in der griechischen Note au diesen heißt, wenn die Mächte, die dessen hauptsächliche Träger sind, dieses Beginnen zuließen, es wäre der. totale Bankrott der gesamten europäischen Politik und ihre restlose Absage an die Grundsätze, die die Westmächte während des Krieges verbündet haben, und von denen sich immerhin ein Abscheiu in den Völkerbund hinübergerettet hat.