Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1636 (1.9.1923)
- Date
- 1923-09-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite # Wien, Samstag Ser italienisch-griechische Konslitt. Die griechische Antwortnyte. Athen, 31. August. (Preßbuvean.) Die griechische Antwortnote ist heute abends der italienischen Gesandtschaft durch den Chef der politischen Abteillmg im Mnisterium des Aeußern übergeben worden. In der Note wird erklärt, die hellenische Regierung erachte die in der italienischen Verbalnote enthaltene Behauptung der italienischen Regierung, wonach die hellenische Regierung die Verantwortung für die schwere Beleidigung Italiens treffe, als ungerecht und es fei ihr unmöglich, die unter Zahl 4, 5 und 6 der Verbalnote formulierten Punkte anzuneh m e n, die der E h r e und der st a a t l i ch e n Souveränität Eintrag tun. Nichtsdestoweniger erkläre die hellenisch Regierung in Ansehung des Umstandes, daß das abscheuliche Attentat auf hellenischem Territormnr und gegen Angehörige einer b efreundeten Großmacht, -die mit einer internationalen Mission betraut waren, verübt worden sei, stch zu folgendem bereit: 1. Die chllenisch Regierung drückt der italienischen Regierung in weitestgehender und amtlicher Form ihr Bedauern aus. Zu diesem Behufs wird der italienisch Gesandte den Besuch des Platzkommandanten von-Athen enrpsangen. 2. Die hellenische Regierung wird für die Opfer in der katholisch« Kathedrale von Athen einen Gottesdienst abhalten lassen, dem sämtlich Mitglieder der Regierung beiwohnen werden. 3. Aul selben Tage werden der italienischen Fahne in folgender Weise die Ehrenbezeigungen geleistet werden: Eine Abteilung der Athener Garnison wird sich vor die italienische Gesan'dtschst begeben und die italienische Fahne unter Leistung der vorschriftsmäßigen Ehrenbezeigungen grüßen. 4. Ten Opfern werden in Prevcsa bei der Ueberführung der Leichen auf ein italienisches Schiff die militärischen Ehrenbezeigungen in feierlichster Form geleistet werden. Die hellenffche Regierung erkläre außerdent, daß sie bereit ist,. aus Gründen d e r B i l l i g k e i t den Familien der Opfer eine gerechte Entschädigung zukornmen zu lasten, und daß sie gern die Mitwirkung des O b e r st e n P e r o n e annehme, die bezwecken soll, die Untersuchung durch zweckmäßige Informationen behufs Ausfindigmachung der Schuldigen zu unterstützen. Die hellenffche Regierung hoffe zuversichtlich, daß die italienische Regierung bereit sein werde, die Richtigkeit des dargelegten Standpunktes sowie ihr Entgegenkommen und ihren lebhaften Wunsch anzuerkennen, der italienischen Regierung in der entsprechendsten Weise * nugtuungzu gewähren. Unannehmbar; Rsm, 31. August. Die Agenzia Stefani meldet: Mmffterprästdent Mussolini hat heute dem Minffterrat den Wortlaut der griechischen Antwortnote zur Kenntnis gebracht. Er bezeichnete die Antwort als unannehmbar und erklärte, daß die entsprechenden Entischlüssr gefaßt worden seien. Die Minister für Marine und Krieg machten diesbezügliche Mitteilungen. Griechenlands entgegenkommende Haltung. Athen, 30. August. (Havas, verspätet emgetroffen.) Kurz nach Bekanntwerden der Mordtat in Albanien stattete der italienische Gesandte Akontagna dem Minister des Aeußern Alexandris einen Besuch ab, über -den jetzt Einzelheiten bekannt werden. Danach erklärte der Gesandte, daß der Anlaß seines Besuches ein außerordentlich ernstes Ereignis sei, das übrigens nichts an den Beziehungen beider Länder ändere. Nach dieser Einleitung teilte er dem Minister seine Informationen über das Verbrechen mit, forderte die sofortige Festnahme und exemplarische Bestrafung -der Schuldigen und machte weitgehende Vorbehalte bezüglich der Entschädigungen, die im tverteren Verlaufe von Italien -verlangt werden würden. In seiner Erwiderung brachte der Minister des Aeußern das tieffte Bedauern der griechischen Regierung zum Ausdruck und gab dem Gesandten die außerordentlichen, von den Lokälbchörden bereits getroffenen Maßnahmen bekannt. # Kur; darauf verfugte stch der Minister persönlich zu dem Gesandten, um ihm neuerlich das Bedauern der griechischen Regierung auszusprechen, wobei er mitt eilte, daß behufs Durchführung der strengsten Untersuchung beschlossen worden sei, mittels eines Kriegsschiffes Ms Athen einen böheren Funktionär des Gendarmeriekommandos zwei hichere Offiziere der Militärjustiz und zwei Amtsärzte zu entsenden. Schließlich versicherte der Minister neuerlich, daß die Schuldigen, sobald man chrer habhaft würde, exemplarisch bestraft werden sollen. Die Blätter veröffentlichen Erklärungen des Ministerpräsidenten, worin -dieser seiner tiefsten Entr ü st n u g über die Mordtat Ausdruck gibt und die Ueberzeugung ansspricht, daß die Schuldigen keine Griechen sind. Die Beratungen der Botschafterkonferenz. Paris, 31. August. Wie der „Matin" meldet, haben die Beratungen der Boffchafterkonserenz über das an die griechische Negierung gerichtete Ultimatum sehr lange gedauert. So einmütig man die Tat verurteile, so sei man sich doch n i ch t g a n z e i n i g über die zu ergreifenden Maßnahmen, bezüglich deren britische Vertreter Einwendungen machte. England verurteilt Ataliens Börgehem London, 30. August. (Reuter.) In amtlichen Kreisen , M mag der AvM, daß die m Zusammenhänge M Wiener Morgenzeitung.' x'viembcr 1923 Nr. 1636 Magyaren". ««Werbung für geheime militärische Formationen. - Mehrere Verhaftungen. - 2er Fnnenminister Wer die Lütigkeit der „tzmachenden". Budapest, 31. August. In später Abendstunde verhaftete die Polizei gestern acht junge Leute, die teils B e a m t e, teils Mitglieder des Vereines der „Erwachenden M a g y a r e u" sind. Die Polizei traf große Anstalten zur Verhaftung dieser jungen Leute, die sich in einem Gasthaus in der Molnarg a s s e in der Nahe des Vereinslokales der „Erwachenden Magyaren" befanden. Eine Abteilung Polizei stürzte mit vorgehaltenem Revolver unter Führung eines höheren Polizeibeamten ins Lokal, umzingelte den Tisch, wo die acht jungen Leute saßen, mit dem Rufe: „Hände hoch!" Die Leute wurden von der Polizei umringt und in das in der Nähe befindliche Polizeiamt geführt, wo sie in Verwahrungs- Haft genommen wurden. Einige junge Leute, die gleichfalls Mitglieder des Vereines der „Erwachenden Magyaren" sind und sich in der Nähe des Gasthauses befanden, sähen die Eskorte, rannten sofort in das Vereinslokal und a l a r m t c x t e it d i e Leitung. Zwei junge Leute, namens Albert N a g y und Arpad R a a d, begaben sich auf die Bezirkshauptmannschaft, um im Interesse der Freilassung ihrer Kameraden zu intervenieren. Sie wurden jedoch gleichfalls in Verwahrungshaft genommen. Die übrigen leitenden Mitglieder des Vereines der „Erwachenden Magyaren", der Abgeordnete Stephan Lendvay, der gewesene Staatssekretär Franz B a l o g h und der Redakteur Lekel K a d a r begaben sich sofort zur Oberstadtbauplinannschaft, wo sie Erkundigungen über die Verhaftung ihrer Kameraden einziehen wollten. Es wurde ihnen jedoch jede Aufklärung verweigert. Hierauf wollten sie mit Julius Gömbös in Verbindung treten, damit dieser beim Minister des Innern interveniere. Sie fanden ihn jedoch nicht, woraüf sie den Abgeordneten Stephan Friedrich um Intervention ersuchten, was dieses jedoch rundweg ablehnte. Das Gebäude der O b e r st a d t h a u p t m a n n s ch a f t, wohin die Verhafteten später zur Einvernahme gebracht wurden, ist die ganze Nacht hindurch strenge bewacht und jedermann der Eintritt verboten worden. Die .Polizei traf auch sonst große Vorsichtsmaßregeln. Dazu meldet „A z E st": Die Anzahl der Verhafteten beträgt zwanzig. Sie werben beschuldigt, seit Wochen'; Anwerbungen für staatsgefährliche, geheime militärische Formationen vorgenommen zu haben. Bei den: Verhör vor der Polizei gaben sie an-, daß siebewaffneteFvrma- "1 ionen bilden wollten, welche nach Befreiung der abgetrennten ehemaligen ungarischen Gebiete dort die Verwaltung hätten übernehmen sollen. Bei den Hausdurchsuchungen sind genaue Verzeichnisse der bereits angeworbenen Mitglieder gefunden worden. Ein Teil der Verhafteten war in verschiedene in den letzten Jahren vorgekommene Straftaten verwickelt, ohne daß ihre Beteiligung an diesen Verbrechen nachgewiesen werden konnte. Eine Interpellation in der Nationalverfammlung. In der heutigen Sitzung der Nationalversammlung hat der Abgeordnete Melchior K i s ch, der gleichfalls zur Vereinsleitung der „Erwachenden Magyaren" gehört, vor der Tagesordnung an den Minister eine Anfrage gerichtet, weshalb diese Mitglieder des Vereines der „Erwachenden Magyaren" verhaftet worden seien, und erklärt, daß das Ganze nur als Vorwarck diene, um den Verein der „Erwachenden Ungarn" auslösen zu können. Er verlange Aufklärung vom Minister des Innern, weshalb man die Führer und-Mitglieder des Vereines der „Erwachenden Ungarn", die keinerlei sträfliche Tat begangen haben, verhaftet habe. Minister des Innern Rakovszky antwortete. Dem Abgeordneten sind zwei wesentliche Jrrtümec unterlaufen. Der erste Irrtum ist, daß er glaubt, daß die Verhafteten durch keinerlei ernste Straftat kompromittiert und daß sie unschuldige Leute seien. Der zweite Irrtum ist, daß er glaubt, daß die gestrigen nächtlichen Verhaftungen mit dem Verein der „Erwachenden Ungarn" als solchen im Zusammenhang stehen. Die Leute, die in dem Gasthaus in der Molnargasse verhaftet wurden, haben eine sehr schwerwiegende staatsfeindliche Strafhandlung vorbereitet. Ich habe in meinen Händen Beweisstücke, und zwar sebc objektive Beweise, und ich kayn mich heute über die Details im Interesse der Untersuchung, nicht auslassen. Ich kann die Details der Strafhandlung nicht verraten. Doch in sehr kurzer Zeit werden die Herren Abgeordneten es wissen, um was für einen Strafakt es sich handelt. Ich will nur hinzufügen, daß, als die Fäden dieser StrafhandlUng in unsere Hände gelangten, wir überhaupt nicht wußten, daß die Teilnehmer an diesem Verbrechen Mtglieder und sogar Beamte des Vereines der „Erwachenden Magyaren" sind. Die Herren leisten dem Verein der „Erwachenden Magyaren" einen sehr schlechten Dienst, indem sie diese Verbrechen mit dem Verein in Verbindung bringen. Ich mache die .Herren Abgeordneten daraus aufmerksam, daß sie sich selbst einen schlechten Dienst leisten, wenn sie versuchen, diese Leute zu verteidigen. Weitere Erklärungen über die Untersuchung. Sowohl der Minister des Innern Rakovszky wie auch der Polizeirat Dr. Andreka, der die Untersuchung führt, erklären im „Magyarorszag"*daß zwischen den Verhaftungen, die im Zusammenhang mit einem angeblich geplanten Anschlag auf das Cafe Club vorgenommen wurden, und zwischen den Verhaftungen der Erwachenden-Gruppe in dem „C s o s z o"-Rsstaurant in der Molnargasse kein Zusammenhang bestehe. ZweiEr wachende wurden tatsächlich in der Nähe des Lustspieltheaters, also nicht weit vom Cafe Club, festgenommen und bei ihnen Revolver, Gummiknüttel und Boxer gefunden. Außerdem sind aber 20 Mtglieder des Vereines der Erwachenden Ungarn verhaftet, die einen bewaffneten Putsch gegen die Regierung vorbereitet haben. Einzelheiten werden von der Polizei streng g e h e i m g e h a l t e n. Gin führendes Mitglied der Erwachenden, der berüchtigte Redakteur und Abgeordnete Stephan Lendvai-Lehner, erklärt dagegen, daß die Verhaftungen und die amtlichen Communiques nichts anderes als ein grober Bluff sind, aus dem Anlaß der Genfer Reise des Grasen Bethlen, damit das Ausland die Konsolidierungsbestreb u n gen des Grasen Bethlen sehen könne. iwlienisch-griechffchen Zwischenfall ausgestellten Forderungen Italiens zu sehr ü b e r e i l t u n d z u hart seien. Stimmen der englischen Presse. London, 31. August. Die Presse besaßt sich eingehend mit dem italienisch-griechischen Konflikt und ratet der italienischen Negierung Mäßigung an; sie tritt für die Verweisung der Streitfrage an den Völkerbund ein. In einer Meldung des Reuterschen Bureaus heißt es, dem Vernehmen nach beabsichtige die b r i t i.s che Re g i erung für den Augenblick keinerlei Aktion. „Morning Post" schreibt, es sei'nicht nur ein italienisches, sondern ein europäisches Interesse, daß vollste Buße für das begangene Verbrechen geleistet werde. Es tväre aber furchtbar, wenn ( durch das Verbrechen Europa in erneu neuen Krieg ge- ■ stürzt würde. Italien möge daher seinen Impuls durch kühleh Urteil kontrollieren lassen. ,>W estminster! Gazette" schreibt, Italien werde erkennen, daß in; dieser Frage Größeres auf den: Spiel steht als seine nationale Ehre. Sin Friedenskongreß in Freiburg. Mitte August fand in Freiburg im Breisgau die Zui sammenkunft des dritten internationalen demokratischen Kongresses sü.lt. an der über 600t) Männer uitfc- Frauen teilnah men. Das Hauptmotiv der Veranstaltung bestand dann, einen mündlichen Gedalckenanstansch zwischen den , französischen un* den derltschell FriedenssrellN-den herbeizuführen. Marc G a g n i e-r, der'geistige Vater des Kongresses, hatlc sicherlich in dieser Absicht eine deutsche Stadt WW.Schauplatz der Beratungen gewäW. Zur Debatte standen die aktuellen Fragen des Pazifismus, in erster Reihe das Problem der Reparationen, der Rulhrbesetzuug und der Beziehungen zwischen Deuffchen und Franzosen im allgemeinen. Es wurden Vorschläge unterbreitet, tote ein Modus vivendt für die Denffchen an der Ruhr und am Rhein sowie im übrigen besetzten Gebiet geschaffen werden könnte, und es fand allgemeine Zustimmung, daß Deutschland in den Völkerbund ausgenommen werden möge, welcher Körperschaft die Lösung der Frage der Reparationen und der interalliierten Schulden zu übertragen sei. Sagnier erklärte, daß er als guter Franzose, der das Wohl Frankreichs im Auge habe, mit Besorgnis einer etwaigen erzwungenen Zerstückelung Deutschlands entgegenfche. Die deutsch-französischen Unterhandlungen hätten eine überwältigei de Mehrheit von der Notwendigkeit überzeugt, zu einer Verständigung zu gelangen. Auf -der Freiburger Konferenz sei es freiem Rationell klar geworden, wie eng sie durch die geographische Lage, -das nationale und politische Leben verknüpft sind, nicht w-eNiger durch ihre gemeinsame Aufgabe, die Zivilisation und die Kultnr zu fördern. Sie Flumauer Frage. Graz. 31. August. Die „Tagespost" meldet aus Belgrad: üiau) Berichten aus Rom findet heute vormittags eine Vollsitzung der paritätischen Kommission statt, in der die endgültige Lösung der Fiumaner Frage zu erwarlen ist. Mussolini hat erklärt, das; Italien einige Punkte seiner letzten Forderungen geändert habe und das; die südslawischen G e g e n >v o r s ch l ä >g e berücksichtigt;vorde>l seien. Man erwartet, das; das Ueberei-nk-ommen heute perfekt wird. .