Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1635 (31.8.1923)
- Date
- 1923-08-31
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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_Wiener Morgenzeit««s._St. August 1923 > Nr. 1635 Wen» man in Ungarn einem Jude» Mich steht. «rve 4 _' Dien, Freilag__ L c l b st in o r d beging. Micsey erhielt das Trafikrecht, das einem Juden bloß deshalb entzopeu wurde, weil dieser ein Jude war. Nachher wurde ihm (Micsey) ein K'ompagnttt bergestellt, ein Oberleutnant, der auch Jude getvesen, vielleicht auch heute noch Jude ist. Dann wurde dieser jüdische Oberleutnant im Namen der christlichen Brüderlichkeit entfernt und Micsey mußte die Trafik mit drei aktiven Offizieren teilen, darunter mit einem aktiven Oberstleutnant. Dieser bezieht auch heute seine vollen Bezüge und ist ein aktives Mitglied des Budapester Offizierskorps (Großer Lärm.) ^Die Hauptvertreter der Szegediner christlichen Richtung, Göm'bös und Genossen sind jetzt aus der Regierungspartei ausgetreten. Ungarn sollte achtgebeu, damit diese Herren niemals die Herrschaft in die Hände bekommen. Sie waren die Quelle sämtlicher Gewalttätigkeiten und aller unverantwortlichen Aktionen. Wir werden niemals vergessen, tvas diese d Herren im Laufe der letzten vier Jahre getrieben. Mue GehaltsfordrmiWv der öffentliche« AngesteVte». Budapest, 30. August. (Tel., d. „Wr. Morgenzeitung".) D ie Regierung hat die Gehälter der öffentlichen Augestellteu für den Monat um 20 Prozent erhöht. Die Beamten geben sich aber mit dieser Erhöhung n i ch t z u f r i e d e n, da sie keineswegs der wirklichen Verteuerung des Lebens entspreche, und verlangen eine 50prozentigc Gehaltsaufbesserung. Wie das „8 Uhr--Blatt" erfährt, schließen sich dieser Bewegung auch die Eisenbahner an, deren Forder u n g e n aber über die der Beamten noch weit h i na u sgehen. Tie Eisenbahner fordern, daß ihre Löhne auf der G o l d b a s i s festgesetzt werden und daß die beiden Eisenbahnerverbände. die anläßlich des letzten Streiks der Lokomotivführer aufgelöst wurden, wieder in ihre Rechte eingesetzt werden. Die Direktion der ungarischen Staatsbahnen wird sich mit den Forderungen der Eisenbahner anfangs September beschäftigen. Reform der WirchergenÄtsbarM. Budapest, 30. August. (Tel. d. „Wr. Morgenzeilung".) Heute erschien eine Abordnung der Budapester Kauftnannschast beim Justizministcr Tr. Nagy und stellte das Ersuchen, er möge seine letzte Verordnung über die Wucherg e r i ch t Z ö a r k e i t zurücknehmen. Der Minister versprach,' spätestens bis Mitte September eine Enquete e'inzu- Lernfen, aus der der Begriff des Wuchervcrbrechens.neu formuliert werden soll. Ausgabe von M.M-Kro«en-Roteir. Budapest, 30. August. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Wie die Abendblätter melden, werden demnächst neue Banknoten zu o 0 0.0 0 0 K. ausgegeben werden. Die Herstellung der neuen Banknoten ist schon so weit vorgeschritten, daß sie im Laufe der n ä ch st e n Woche in B e rk e h r g e s e'tz t werden. Ale». Las Ixsizft der Etaatsunternehmungev. Warschau, 30. August. (Tel. der „Wr. Movgenzek-ung".) Um die Defizite der Staatsunternehmungen, Post, Telegraph und Eisenbahnen, nach Möglichkeit zu vermeiden, hat der Ministerrat beschlossen, die Einnahmen und Ausgaben dieser Unternehmungen häufiger zu prüfen und entsprechend den Ergebnissen die Tarife jeweilig den Betriebskosten anzugleichen. Diese neue Methode wi.sü' Zunächst bei den Po st- und Telegrap^ntarifen angewendet werden, die am i. September neuerlich um 100 Prozent erhöht werden. Tie in der polnischen Presse mehrfach verbreitete Nachricht von der aus Ersparungsgründen bevorstehenden Liquidierung des Arbeitsministerrums wird offiziell als unrichtig bezeichnet. Rundschau. Me deutschrmtioimlen Scharfmacher. Der Ruf nach dem Diktator. Berlin, 30. August. (Tel.-Komp.) In einer Versammlung der Landesverbandsvorsitzenden der Deuts chnationalen Volkspartei wurde ein neues politisches Programm für diese Partei ausgestellt. Danach werden die T e u t s ch n a t i o n a l e n gegenüber der Regierung Stresemann in einer entschiedenen Opposition verharren. Das Programm fordert Vergeltung sm a ß n a h m e n gegenüber den französischen und belgischen Gewalttaten, Ausweisung der französischen und belgischen Mitglieder der Entente-Kommissionen, Einstellung sämtlicher Leistungen aus dem Versailler Vertrag, Ernennung eines Diktators, Schutz der Landwirtschaft bei der Steuerzahlung und Verhinderung der Einwanderung fremdstämmiger, besonders oft jüdischer Personen. Las Verfahren gegen Roßbach - eingestellt Berlin, 30. August. (Tel.-Komp.) Das Verfahren gegen den Freitorpsführer Roßbach in Angelegenheit des sogenannten Reichswehrb'Locks Roßbach, in Magdeburg ist, wie die Blätter berichten, eingest eilt worden, da sich eine Beteiligung Roßbachs an den Vorgängen in Magdeburg nicht habe Nachweisen lasten. Roßbach bleibt jedoch weiter in'Untersuchungshaft. Im Zusammenhang mit der Flucht E r h a r d t 8 twrrde End», der vorigen Woche in Berlin ein Bruder Aus Na ah'wird uns gemeldet: Vor einigen Tagen mußte ein patriotisch-christlicher Journalist, der in dienstlicher Angelegenheit nach Naab gekommen ist, es am eigenen Leib verspüren, was es heute in Ungarn bedeutet, einem Jude st ähnlich zu sehen, geschweige denn, wirklich ein Jude zu sein. Es handelt sich um das recht unangeuehiue Abenteuer des Redakteurs Julius Ujfaluffy, der gemeinsam mit dem ge! w c s e n e n Mi n i st e r Al bert B a r t h >a unter dein Titel „Ungarischer Viehhande!" ein Fachblatt herausgibt. Ueber seine Erlebnisse in Raab gibt der genannte Journallist in seiner Anzeige an das Ministerium des Innern folgendes bekannt: Ich war zusammen mit dom gewesenen Minister Albert B a r t h a in G r o ß - K a n i z s a, um dort den Pferdeexportmarkt vorznbereiten. Darm fuhren wir in derselben Angelegenheit nach Raab, wo Wir auch die Presse informieren wollten. Ich saß im Dpeisesaal des Hotel Royal, als drei Männer — es waren Erwachende Ungarn — sich meinem Tische näherten, um niich zu iusnllleren. Ich rief den vor dem Hotel postierten Wachmann herein, damit er mich vor den Angriffen schütze. Dieser Schutzmann führte mich jedoch, ohne meine Mgreifer zur Answeisloistung aufzufordern, ans die Wachstube. In der Wachstube wurde ich von dem diensthabenden Polizisten in der gröblichsten Preise insultiert und unter den unflätigsten Bcschünpsinigtn geschlagen. Auf des seit Erhardls Flucht verschwundenen und unter dem Verdacht der Fluchtbegünstigung steckbrieflich verfolgten M a s s o w v. P r i n c e v c r y a f t e t. Beschlagnahme von mehr als einer Billion Mark durch Vis Franzosen. Düsseldorf, 30. August. Gestern ist von den Franzosen ein Geldtransport von einer StUtoit u n d drei M i l l i a r d e n S t a d t g e l d e r n weggenommcn worden. Ter kaum wieder he rgc stell re Geldverkehr wird dadurch kurz vor dem Monatswechsel auf das schwerste. c rschüttert. General D e g o u t t e hat die Entgegennahme von Beschwerden a bg c l e h n t. Durch Vermittlung des Ortskommandanten wurde ihm mitgeteilt, daß eine Aufrechterhattung des Zahlungsverkchres bei diesem Vorgehen der Besatzungsbehörden unmöglich wird. Die städtischen Kassen haben von heute an den Zahlungsverkehr eingestellt. Ae Fiumaner Frage. Jugoslawiens Antwort. Graz, 30. August. Die „Tagespost" meldet aus Belgrad: Gestern hat die jugoslawische Regierung die e n dgültige Antwort bezüglich der neuen italienischen Vorschläge in der Fiumaner Frage abgesendet. Die Note umfaßt drei Abschnitte. Im ersten Teil wird von der jugoslawischen Regierung sestgestellt, daß Italien Baros und das Delta als jugoslawisch anerkannt habe. Sodann beantragt die Regierung, daß die R ä u m u n g des Hafens von Baros und des Deltas binnen fünf Tagen nach Ueberreichung der Note zu erfolgen habe. Im letzten Abschnitt nimmt die jugoslawische Regierung den Antrag Italiens an, daß die Verwaltung der Stadt Fiume voll der p a r i t ä t i s ch e n K o m m i s s i o n zu führen ist. Ae Wahlen in Wand. Dublin, 30. August. (Reuter.) Nach den bis Mitternacht vorliegenden Ergebnissen der Wahlen in die gesetzgebende Versammlung haben die Regierungspartei 2 7 Sitze, die Republikaner 9, die Unabhängigen 7, die Arbeiterpartei 14 und die Partei der Pächter 4 Mandate erhalten. Unter der: Gewählten befinden sich der Minister des Aeußern der Freistadtregrerung F i tz Gerald und De Valera. De Va l e r a vereinigte auf sich dreimalso viel Stimmen, als stir die Wahlen notwendig gewesen wären. Auch sein Gegner, der Unterrichtsminister MacNeill, wurde gewählt. Der Präsident des Freistaates, Cosgrave, vereinigte eine Stimmenmehrheit von 12.000 Stimmen auf sich. -Mlh Herold" vor der Vnftellnng? London, 30. August. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) Das Zentralkomitee des Gewerkschaftskongresses und die Exekutive der englischen Arbeiterpartei haben bei einer Besprechung über die kritische finanzielle Lage des. Parteiorgans „Daily Herald" beschlossen, dem im September in Ply manch stattsindenden Gewerkschaftskongreß die Einstellung des Blattes ab 1. Oktober vorznschlagen. An unsere geehrten Abonnenten in Deutschland! Wir bringen zur Kenntnis, daß wir uns infolge der neuerlichen Entwertung der deutschen Mark genötigt sehen, die monatliche Bezugsgebühr für Deutschland ab 1. September 1923 auf 1 «UHU« Mark zrr erhöhen. Dl« Verwaltung^ der „Wiener Morgenzeitung". meine Hilferufe kam Stadthauptmann Eduard Schiller, der in jener Nacht Journaldienft Halle, irr das Wachzimmer. Ich hoffte bei ihm Schutz zu finden, doch hallte ich mich furchtbar gctänscht. Als er mich znr AuSweiSleistuug a-uffordertc, bvüllte er mich an, ich möge ihm vor allem sagen, welcher Konfession ich sei. „Römisch-katholisch,," antwortete ich und fügte hinzu, daß das Wohl nicht zur Sache gehöre. Als ich dann hinzufügte, dtß ich Katholik bin und auch. Zeit meines Lebens war, wurde der Stadthaupliuauu Puterrot vor Wut mw schrie: „Sie Ingen, Sie v erst unken er Jude." Hierauf überfielen' mich iu seiner Anwesenheit die int Zimmer befindlichen Polizisten und der eine führte mit solcher Wucht einen Schlag ans mein linkes Auge, daß es blutunterlaufen und furchtbar angeschwollen war. Drei Tage lang lag ich in Raab krank und stand in ärztlicher Behandlung. Meine Anklage richtet sich gegen beit Stadthauptmann und die Schutzleute, die mich so schwer insultiert haben, bloß weil ich einem Inden angeblich ähnlich sehe. Wir befürchten sehr, daß Herr Ujsalussy mit seiner Anzeige wenig, Glück haben wird. Die Erwachenden Ungarn haben heute wie ehemals eine große Macht in Ungarn, und Minister wagen cs, selbst wenn sie cs wollten, nicht, gegen die Erwachenden vorzugchen, denn sie fürchten selbst, von ihnen als Inden angesehen und behandelt zu tverden. Tagesbericht. Zur Geschichte der christlichen FudenmMon in Femsalem. Bon Klothilde Benedikt. Bor wenigen Tagen wurde in diesem Blatte an. läßlich des Jubiläums der Mission in Jerusalem die Frage aufgeworfen, welche Erfolge wohl die Mission im Verlauf ihrer hundertjährigen Tätigkeit gehabt haben rnag. Da wir seit dem leidigen Auflauchen der Million in der Wiener Seegasse besonderen Anlaß Hallen, uns mit dieser Frage zu beschäftigen, suchte ich mich bei einer hochintelligenten jungen Dame zu informseren, die seit langem in Jerusalenr lebt. Ich stieß aber auf die Zurückhaltung und Verschlossenheit,, die uns bei jedem echten Orientalen begegnet. „Wollen sie doch nicht gegen die Mission schreiben, sie ist sehr gut gegen arme Juden, sie zwingt niemanden zum Uebertritt; bevor die Zionisten sich so großartig um Palästina kümmerten, war sie notwendig", usw., waren die ausweichenden Antworten. Die Dame erzählt mir, daß ihre Tanten,' Onkel,. Großtanten, Großonkel, die Gärtner- und Nähschulen der Mission hätten besuchen müssen, sie selbst und ihr Vater noch das ausgezeichnete Missionsspital, das absichtlich eine koschere Küche und Jüdinnen (Wohl getaufte?) zu Wärterinnen habe. Doch hätte sich trotzdem niemand von ihrer Familie „bekehrt". „Jetzt haben wir das alles zum Glück nicht notwendig", sagt die junge Dame, „jetzt haben wir dank den Zionisten selbst ausgezeichnete Spitäler und Schulen". Ich frage hierauf, ob dem: nie einer ihrer Bekannten und Freunde zum Christentum übergetreten sei: nur einer, ein Oljähriger Apotheker, Reb N. N., der eiumal sehr reich gewesen war, dann Bettelarm wurde. „E rhat sichebengeh o l f e n". Sonst wisse sie nur von ein paar armen Witwen aus kleineren Städten, die ihre Kinder behufs besserer Ausbildung der Mission iu Jerusalenr übergeben hätten, die aber dann s ä in t l i ch e w i e d c r z u m Iudentu m zurückgekehrt seien. In ganz ähnlicher Wxise berichtet über die Mission Ludwig August Frankl in der Geschichte seiner Palästinareise, Ende der fünfziger Jahre. Frankl war sozusagen der zweite Zionist, den ich kennen lernte, da mein Jugendgespiele Theodor H e r z l damals kaum das Wort Zionismus gekannt haben dürfte. Der allererste war aber ein sehr rnerkwü'rdiger Mensch, D r. Brüh l, ein glühender Katholik, Korrespondentder katholischen „KölnischemZeitung". Aus Gerechtigkeitsgefühl verlangte er die Rückgabe des Heiligen Landes an die Juden und schickte eine Propaganda- Broschüre an alle deutschen Fürsten, was er um so leichter konnte, als seine Enkelin mit den: regierenden Herzog von Sachsen Meiningen verheiratet war. Er dürste trotzdem jüdischer Abstammung gewesen sein, obwohl er aus Münster, dem Hort des norddeutschen Katholizismus stammte und von seiner jüdischen Abkunst nie etwas wissen wollte. Ludwig August Frankl war, was man heute einen jüdischen Nationalisten nennen würde; ein Ring, dessen Inschrift seiner Sehnsucht nach Palästina Ausdruck gab, kam nie von seinem Finger; diese seine Sehnsucht spiegelt manches Gedicht wieder und durch die Errichtung der L ä m m e l - S ch u l e, die sein geistiges Werk ist, hat er den Zionistischen Organisationen vorgearbeitet und innige, heute leider zerissene Fäden zwischen Jerusalem und der hiesigen Kultusgemeinde angeknüpft, welche Kuratorin der Schule war. ~ Diese Schule wurde von der Mission geradezu als ein Schlag ins Gesicht empfunden, oa nun endlich Judenkindern Gelegenheit gegeben war, in einer jüdischen Schule modernen Unterricht zu genießen. Trotzdem kam ihm die Million bei seiner schwieriaen Aufaabe sehr