Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1635 (31.8.1923)
- Date
- 1923-08-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 1636 Wien, Freitag Wiener Morgenzeitung.__31. August 1923 Seite 3 Ae Apposition am zionWnkonVeß. Die Berichte der Delegierten Lr. Waldmann und Laubes. In einer Versammlung der Brigittenauer Zionisten echatteten die Delegierten des Bezirkes, die Herren Doktor «Israel Waldmann und Lobl Taubes, ihren Bericht über den jüngst stattgehabten Karlsbader Kongreß. Herr Dr. Wald mann, der. bekanntlich der Op Position angehört, welche sich am Kongreß zu einer neuen de m o- Aratischen Fraktion Kusammenschloß, führte im wesentlichen ans: Der 13. Zionistenkongveß war -der schönste aller bisherigen Kongresse, denn es haben Ideen, Weltanschaunngen auf dieser denkwürdigen Tagung gegeneinander gekämpft. Die Opposition betrachtet sich' als Wärter der alten zionistischen Ideologie, welche von einem großen Teil der Majorität verlassen tverde. Ihr oberster Grttndsatz sei: die E i n h e i 1 d e s j ü d i s ch e n nationalen Lebens in den Ländern der Zerstreuung und in Palästina. Die Trennung des Judentums tu Palästina 'vom Judentum in der übrigen Welt ist unzionistisch, der Verzicht aus nationalpolitische Arbeit in den jüdischen Zentren sei v e rde rbli ch. Die Opposition vertrete den Standpunkt, daß nur Zionien die Heimstätte in Palästina im nationalen Geiste aufbanen können. Alle anderen, welche aus philanthropischen Gründe:: am Ausbau interessiert sind, seien gegen die Einheit aller Juden und können daher N::r unter größter Gefahr für das Palästina-Werk an der politischen Verantwortung für unsere nationale Heimstätte beteiligt werden. Die Opposition betrachte das jüdische Volk nicht als Protektionskind, sondern als Kontrahenten der englischen Regierung. Niemals dürfe man auf die große Errungenschaft verzichten, daß wir endlich Subjekt der Politik geworden sind. Der Weg derer, gegen welche sich die Opposition gebildet habe, sichre zur Geheimdiplomatie und erniedrige zur Angst vor jüdischen Massenaktionen. Roder befaßt sich sodann mit der Bedeutung -des jüdischen Palästina für die Mandatarmacht. Nur unter jüdischer Adresse habe England Palästina erlangt, welches es zum Schutze des Suez- Kanals dringend benötigte. Der Emlvand, daß wir jene Geldmittel aufbringen müssen, die wir im JäM 1917 versprochen haben, sei hinfällig. Damals habe es noch eine unversehrte Oosterreichisch-amgarische Monarchie und ein unversehrtes Rußland mit zahlungsfähigen jüdischen Bürgern und' tauglicher Valuta gegeben. Wenn man die geänderten Verhältnisse in Betracht zieht, so habe das Mische Volk mit der aufgebrachten Summe von einer Million Pfund Sterling weit mehr getan, a l s e t w a F r a n k r e i ch, das bis nun seine amerikanischen Kriegsschulden noch nicht gezahlt habe. > Keineswegs wolle die Opposition die 'Mitarbeit der Nichtziomsten verhindern, es sei aber nur die w i r t s ch a f t- Sesterreich. Die Wahlen. Die vom Bundeskanzler Dr. Seipel aus-gegebene Parole, ,-wahltaktischer Zusammenschluß aller ans den: Boden des Genfer SaniernngA^kes stehenden Parteien", weist allen Wahlbosporchrrngen, die in den letzten Tagen abgehalten lvurden, die zu befolgende Richtung. Daß die Wahlschlacht ans der Plattform „für oder gegen Genf" geschlagen werden wird, steht wohl außer Zweifel. Eicklärte Gegner des Völkerbundpaktes sind nur die Sozialdemokraten, die Ko n:mu n iste n und die Nationalsozialisten. Diese drei Gruppen werden bei den Wahlen getrennt marschieren und wohl vereint geschlagen werden. . Im nicht marxistischen Lager ist man jetzt vor allem darauf bedacht, die Einheitsfront in der Weise herz-nstellen, -daß zunächst die einander näherstchenden Parteien fixe Abkommen treffen. In der vorgestrigen gemeinsamen Konferenz der Reichsparteileitung der G r o ß d e n t s ch e n und der Führer des L a n d b n n d e s kam es in den lvahltaktischen Fragen zu einer grundsätzlichen Einig:::: g. Demnach werden diese Parteien in allen Wahlbezirken und Wahlkreisverbänden, wo nicht noch weiterreichende Vereinbarungen mit anderen Parteien erzielt werden, :::it gemeinsamen Listen anftveten. Nach eine::: Berichte der „Deutsch-österreichischen Tageszeitung" hält die überwiegende Mehrheit der Großdeutschen eine Wahlgemeinschaft mit den Christi i chsozia l e n n i ch t f ü r e r ö r t e r b a r. Nur in wenigen Bundesländern, wie zum Beispiel in Kärnten und Steiermark, ist man anderer Ansicht. Die Frage ist den einzelnen Ländern, beziehungsweise der: Wahlkreisverbanden Mt überlassen. In Steiermark ist die Angelegenhsit noch nicht ertdgnltig geklärt. In: allgemeinen ist also die sogenannte bürgerliche Einheitsfront als abgelehnt zu betrachten. In Tirol haben dies die Christlichsozialen übrigens schon selbst getan, und in einigen Bundesländern, wie zum Beispiel in Wien und Niederösterreich, ist von christlichsozialer Seite überhaupt'kein Anbot an die Großdeutschen erfolgt. l i ch e Al itarbeit möglich, und z w a r i::: Wege des Keren Hajessod. Hingegen sei es ausgeschlossen, Nichtzionisten an der politischen Repräsentanz, an der Jewish Agency, zu beteiligen. Redner zitiert den Artikel 4 des Mandats, wonach bis ans weiteres ausschließlich die Zionistische Organisation von der Mandatarmacht als jüdische Agentur anerkannt fei. Wohl werde in diesem Artikel nahegelegt, die „Mitarbeit aller Juden zu sichern", das bedeute aber nicht, -daß nichtzionistische Elemente in die Jewish Ageny anszunehmen sind. Die sogenannte Erweiterung der Jewish Agency" sei ein Phantom. Die n i ch tz i o n: st i s ch en P a läst i n a - F reun d e wollen keine Verantwortung tragen und Sokolow habe dem Kongreß bewiesen, daß die Mandatarmacht selbst an der Erweiterung der Jewish Agency desinteressiert sei. Redner kritisiert hieraus scharf die gegenwärtige zionistische Politik. Wir seien heute nur mehr Englands Blitzableiter für die Spannungen im Orient. Die Opposition erkenne an, was Präsident W e i z m a n n geleistet habe für das schwierige Werk von der Balsour-Deklaration bis zur Ratifizierung des Mandates, und würdigte seine Verdienste um das Wachstum des Keren Hajessod. Gleichwohl habe sich die Opposition bei seiner Wiederwahl der Abstimmung enthalten müssen, weil sie die bisherige Politik in Palästina für falsch erachte ünd besorge, daß diese Politik zum Bankrott führe. Schließlich erklärt Dr. Waldmann, daß die demokratische Fraktion die Einheit der Zionistischen Organisation anerkenne und mit allen Kräften für den Keren Hajessod arbeiten wer d e. Vor dieser Rede Waldmanns, lvelche die Haltung der Opposition kennzeichnelc, sprach der zweite Delegierte der Brigittenau, Herr Löbl Taubes, in entgegengesetztem Sü:ne. An der Hand des Mandates, dessen wichtigste Bestimmungen er volkstümlich erläuterte, verfocht er die Ansicht, daß die Zionistische Organisation abzulösen sei von dem jüdischen Volke, da Palästina nicht einer Partei gegeben worden sei, sondern den: gesamten Judentum. Es nrüsse Ernst gemacht werden mit dem jüdischen Weltkongreß, und jeder verantwortungsvolle Zionist habe dafür zu sorgen, daß der Beschluß, den jüdischen Weltkongreß zustande zu bringen, diesmal n i ch t a:n Papier bleibe. Die sogenannte „Erweiterung der Jewish Agency", welche übrigens unter wichtigen Sicherungs- Maßnahme:: beschlossen worden sei und eine Entrmtionalisterung des Palästina-Werkes nicht befürchten lasse, nrüsse ehestens durch eine I e w i s h A g e n c y a b g e I ö st w e rden, die der Weltkongreß aller am Palästina-Aufbau interessierten Inden w ä h l e n w i r d. Das Blatt weiß weiters zu berichten, daß zwar zwischen Christlich-sozialen und Großdeutschen über die loyale Form der Wahlkampagne ein sogenanntes Burgfr i e d e n s a b k o m m e n geschlossen wurde, ein ähnliches Uebereinkomrnen zwischen den Sozialdemokraten und den G r o ß d e u t s ch e n sei jedoch an ^der geradezu unerhörten Forderung der Sozialdemokraten" gescheitert, die den Nationalen sogar das Tragen des H a-k e n kreuz e.s verbieten wollten. Hiezu ist zn 'bemerken, daß der Landbund in Steiermark, wenn es dort zur Aufstellung einer christlichsozial-großdeutschen Einheitsliste kommen sollte, mit einer So:: der liste in den Wahlkampf emgreifen will, weil er sich dort einen Mandats- -gewmn aus Kosten der Christlichsozialen erhofft. Entgegen dieser Meldung der „Deutsch-österreichischen Tageszeitung" läßt sich das christlichsoziale „Neuigkeit s-W eltb latt" von unterrichteter Seite mitteilen, daß in: G e g e n t e i l n: i t d e n: Z n st a n d e k o::: m e n einer Einheit s l i st e z n rechnen s e i. Insbesondere in Wien sei die Stimmung der führenden Großdeutschen e uts chi cdon sür die Ei::heitsli st e, schon mH Rücksicht aus die gleichzeitig stattfindenden G e- :u e i:: d e r a t s w a h l e n. Wenig Aussicht auf einer: taktischer: Zusammenschluß der beiden großen nichtsozialdemokratischen Partien bestehen nur im Waldviertel und in Oberösterreich. ~ ■ So rosig, wie es dieser Stinrmnngsbericht darstellt, sind vorderhand die Aussichten für das' Zustandekommen der antisemitischen Einheitsfront gerade nicht, da nicht nur die oberöfterreichrschen, sondern auch die Tiroler Christlichsozialen die Einheitsliste äbgelehnt haben, und auch die christlichsozialen Bauern in Niederösterreich wenig Neigung zeigen, den Herren Dr. U r s i n, Dr. Zeidler und Konsorten zn Markdate:: zn verhelfen. Ir: Wien, wo man eventuell die Sozialdemokraten bei den Gemeinderatswahlen niederzuringen hofft, ist allerdings, vorausgesetzt, daß noch rechtzeitig eine Vereinbarung iiber die Austeilung der Haut des erst zu erlegenden Bären zustande kommt, eine anLife::: i t i s ch e W a h l g e m e i n s ch a s t, welche die Christlichsoziale::, die Großdeutschen und die Nationalsozialisten umfassen würde, ziemlich wahrscheinlich geworden. Nachträgliche Aufnahme in das Wählerverzeichnis. Es sei nochmals darauf aufmerksam gemacht, daß all: Personen, die ihr Wahlanlageblatt noch nicht ausgesüllt haben, bis einschließlich Montag den 3. September die Wähleranlageblätter im Neuer: Wiener Rathaus und bei den lnagiftvatischen Bezirksämtern abgeben können. An dieser: Steller: können auch die erforderlichen Drucksorten behoben und sofort ausgesüllt werden. An: besten erfolgt die Abgabe der Wähleranlageblätter bei den: Bezirksamt des Wohnortes. Personen, die irr: Wählerverzeichnis des Jahves 1920 nicht oder wenigstens nicht unter ihrem gegenrvärtigen Wohnort eingetragen waren, haben ihre Wahlberechtigung durch Dokumente nachzuwersen. Ta vielen Personen vielleicht nicht bekannt sein dürfte, ob sie im Wählerverzeichnis 1920 eingetragen waren, so wird es sich einpfchlen, vorsichtshalber immer die erforderlichen Dokumente, wie Meldezettel, Heimaischein, Optionsp dekret oder eine andere amtliche Urkunde, ans der Alter und Bundesbürgerschaft zu ersehen ist, mitzunehmen und sie bei der Abgabe des Wähleranlageblattes vorzuweiscn. Die Wähleranlageblätttr können bei den vorgenannten Stellen täglich von 8 b i s 2 U h r und v o n 4 b i s 7 U h r, am Sonntag de:: 2. September von 8 bis 12 Uhr abgegeben werden. Ser burgenländische Landtag. Der burgenländische Landtag hielt gestern eine fuv\ Geschästsordnungssitzung ab. Im Einlause befanden sich folgende von der Landesregierung vorgelegte Gesetzentwürfe: Wahlordnung für den burgenländischen Landtag, Wasserrechtsgesetz, burgenländische Gemeindeovdnnng und- (tzesetz betreffend Hebung und Förderung der Tierzucht im Burgenlande. Weiters wurde ein von sämtlichen Parteien Unterzeichneter Antrag betreffend Auflösung des b u r g e n l ä n d i s ch e n Landtages eingebracht. Die Vorlagen und der Antrag wurden den Ausschüssen zugewiesen. Tschechoslowakei. Verhandlungen wegen Beilegung des Bergarbeiterftteikr. Prag, SO. August. (Tel. der „Wr. Morgenzeitllng".) Der Zentralstreikansschnß der Bergarbci-ter fand sich heute aus Einladung des Ministeriums fiir öffentliche Arbeiten ' zu einer informativen Beratung ein. Nachdem sich die Grubenbesitzer 'des norÄveftböhmiischen Braunkohlenreviers bereit erklärt hatten, in Verhandlungen einzutreten, wurde von seiten des Streikausschusses gefordert, daß das Ministerium seine:: Standpunkt bezüglich der Regelung der Köhlen pre ise präzisiere. Soktionschef Dr. Fischer .verwies ans die Antwort des Ministerpräsidenten an die koalierten Bevgarbeiterdeübände vom 24. Arrgust 1923, in loelchen: der Standpunkt der Regierung angesi'chrt und der EinMug 'beider Parteien genügend freies Feld belassen wurde. Die verschiedenen Möglichkeiten einer Einigung werden in der Bergbau-dlbteilung des Ministeriums für öffentliche Arbeiten ständig erwogen und berechnet. Die Berechnungen werden bei neuerlicher Eröffnung der Verhandlungen den stveiteüden Parteien zur Verfügung 'gestellt lverden. Das Mmisteriun: für öffentliche Arbeiten steht in dauernden insornlativen Beziehungen mit den beteiligten Faktoren, damit die erforderlichen Dorarlssetzuugen für eine siiedliche Einiglmg rechtzeitig gesichert» und geltend gemacht lverden können. Ungarn. Die Minoritätensprache in der Schule. Budapest, 30. August. Der llnterrichtsminister hat eim. Verordnung iiber die Awveudung der M i n o r i t ä t sspräche als H n terrichts s p rache in den staatlichen und - Gemeinde-Volksschrrlen erlassen. Die Regierung hat bereits vor einiger Zeit eine Verordnung publiziert, wonach in den staatlichen nnd Genreiüde-Bolksschulen solcher Gemeinden oder Schrrlbezirke, wo die Zahl der ein und derselben Minoritätssproche augehörigen? Lernpflichtigen 40 erreicht oder wo die sremdsprachigen ungarischen Staatsbürger die Mehrheit der Bevölke-' rnng bilden, die Muttersprache der betreffenden Minderheit in einer entsprechenden -Zahl von Schulklassen als Lehrspräche anzuweuden ist. Die nun erlassene Verordnung des Kultusministers ist nun die Durchführung lstezu und stellt drei Schultypen ans: 3. Schulen, in welchen die Unter« r i ch t s s p r a ch e die betreffende M i n o ritäte n HP r a ch c ist, tvobei aber die ungarische Sprache ordentlicher nud obligater Lehrgögenstand ist; 2. g c:n ischte Schu le.n n:it Unterricht in der ungarischen und in der Minoritätensprache; 3. Schulen mit rein ungarischer Lernsprache, wobei aber die betreffende Minoritätensprache ordentlicher und obligater Lehrgegenständ ist. Die Muttersprache ist aber nach Bedarf als Hilfssprache neben der nugarische:: Unterrichtssprache in allen Schultypen anzuwenden. Der k o n s e s s i o n e l l e U n: e rricht erfolgt in sämtlichen Schultypen in der Aiutterspräche. Sömbös. die Quelle aller GswaWriskeiteu Lärmszenen in der Nationalversmnmlnng. Budapest, 30. AtMst. (Tel. der „Wr. Morgenzta.") - In der heutigen Nationalvcrsarninlung brachte Abg. Ludwig S zil a g y -i die Tragödie ^des kriegsinvallden Oberleutnants > Miesey zur Sprache, 'der vor drei Tagen im Parlament GC^RSumungwerkauf Im Illareoliaus [Schiffmann II., Taborstraße 4L Telephon 47-1-78 En gros En deiail