Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1634 (30.8.1923)
- Date
- 1923-08-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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GtHe 4_ Men, Donnerstag Die Smsrdung der italienischen Delegierten in Albanien. Ein Politischen Mond. — Italienische Bergettungsmaßnahmen. . Rom, 29. August. Hc&er die Ermordung der italienischen Militärkommission, die in Albanien mit der Absteckung der Südgrenze zwischen Griechenland u n d A l b a n i e n beschäftigt war, werden heute aus Athen Einzelheiten gemeldet. Die Ermordeten sind der General T e l i n i. der Oberstabsarzt C o r t i und der Leutnant B o n a e i n i. Der Chauffeur der Delegation und der Dragoman der Delegation sind ebenfalls erschossen worden. In. dem Bericht des Generalsekretärs der Grenzabsteckungskommission an die Botschafterkonferenz wird hervorgchoben, daß das Automobil mit der italienischen Delegation auf der von Janina nach Santi führenden Straße durch eine Falle aufgehalten und aus einem Hinterhalt beschossen wurde. . Die Leichen der getöteten Personen sind nicht durchsucht worden, was darauf hindentet, daß es sich um ein politisches Verbrechen handle. Die Unterfuchnng hat bisher kein Ergebnis gehabt. Ter französischen und der englischen Delegation scheint die Bevölkerung nicht dieselbe feindselige Haltung entgegenzubringen, die sie der italienischen Delegation gegenüber an den Tag gelegt hat. Antigriechrsche Kundgebungen in Italien. Mailand, 29. August. (Tel. der „Wr. Morgentzeitnng".) Die Aachricht von der Nicdermetzelnng der italienischen Militärmission in Albanien hat gestern zu feindseligen Kundgebungen vor dem griechischen Konsulat geführt, wo junge Leute in schlvarzen HeuÄen demonstrierten, das K o n s u l a t s ch i l d beschmutzten, das Wa p p e n f or tiruge n und auch eine Bombe ivarfen, die aber keinen Schaden anrichtete. In Florenz und anderen großen Städten sind T r a u e r k n n d g e b u n g c n veranstaltet worden. Tie italienische Flotte steht bereit. Rom, 29. August. In amtlichen italienischen Kreisen vewahrt man die strengste Diskretion über die Maßnahmen, die wogen der Ermordung der italienischen Mission in Albanien ergriffen werden sollen. Man erinnert daran, daß zur Stunde die italienische Flotte in der Adria in voller Bereitschaft steht. Die Zeitungen wenden sich mit großer Schärfe gegen die griechische Regierung, die als rndir e kte Anstifterin des Blutbades bezeichnet wird. Amtlich wird bestätigt, daß das Gemetzel der italienischen Miliw.rtnission auf griechischen: Boden sich ereignete. Beratungen des Wirtschastslamitees des Völkerbundes. Genf, 29. August. (Schweiz. Dep.-Ag.) Das Wirtschafrskomitee des Völkerbundes tritt morgen in «Genf zufainmen. Auf der Tagesordnung der Session stehen: Vorbereitung einer internationalen Konferenz über die Zollformalitäten, die Frage der Konkurrenz im Reisendenverkehr, Vereinheitlichung der Wechselgesetzgebung und Vereinheitlichung der Vorschriften über die internationale Statistik. Das Wirtschaftskomitee wird ferner seinen Vorschlag betreffend die Zusammenarbeit mit der interamerikanischen Oberkommission, die ihren Sitz in Washington hat, zu Prüfen haben. Bortragsreise Lloyd Georges nach Amerika. London, 29. August. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) „Daily Cronicle" teilt mit, daß Lloyd George am 29. September nach New-Pork reisen wird, wo er eine Reihe von Vorträgen zu halten gedenkt. Ein Angebot auf Bezahlung seiner Vorträge hat er abgelehnt. 8ine abermalige Angabe der arabischen Dele. gation an die englische Kabinettslommisslon. London, 2S. August. (I. C. B.) Die palästinensische arabische Delegation hat sich abermals an die Kabinettskommission für Palästina mit dem Ersuchen gewandt, der Delegation die Möglichkeit zu geben, die Ansichten der palästinensischen Araber über die zukünftige Verwaltung des Mandatsgebietes der Kommission darzulegen. Dir Wahlen in Zrland. London, 28. August. (Reuter.) Nach den bisher vorliegenden Ergebnissen der irischen Wahlen haben die Regierung 16 Mandate, die Republikaner 4, die Landwivtepartei 2, die Unabhängigen 3 und die Arbeiterpartei 1 Mandat erhalten. Unter den Gewählten befindet sich der Chef der Staatsvegierung C o s g r a v e. An Stelle De Valeras fft Rutlege gewählt worden. Verurteilung eines deutschen Generals. Paris, 29. August. (Tel.-Komp.) Das Kriegsgericht des 20. Armeekorps hat den deutschen General Otto v. I ä g e r, der während des Krieges eine deutsche Jnfanteriebrigade kommandierte, wegen Plünderung und E i näscherung eines Dorfes in contumaciam zum Tode v e r u r t e i lt. Der Gerieral soll den Befehl zur Zerstörung des Dorfes gegeben haben, weil ans eitlen: Hause auf die deutschen Truppen geschossetl worden sei. Das Gericht stellte aber fest, daß der fragliche Schuß von einem deutschen Soldaten am eine Kuh absegsben twttfi*- Wiener Morgenzeitung._ Tagesbericht. 8m fernen Ästen. Der Pariser Orientalist Prof. Sylvain Levi, der durch sein antizion'istischeS Auftreten vor der Friedenskonferenz in San Remo in allgemeiner, nicht gerade freundlicher Evllmerung ist, ist vor etlichen Tagen von einer Weltreise zurückgekehrt, die ihn über Indien, wohin ihn Rabindranath Tagore eingeladen hatte, nach China, Japan, Sibirien und Rußland geführt und zwei Jahre in Anspruch genommen hat. Levhat einem Pariser Journalisten Mitteilungen öfter seine Erlebnisse gemacht, welche nun die Pcwffer Presse veröffentlicht. Shlvain Levi war in Kalkutta Gast der Universität, die von Rabindranath Tagore gegründet worden ist. Die Universität Dagores :)t einzig in ihrer Art. Die Vorlesungen werden im Freien abgehalten und die Dichter und Denker des indischen Volkes pilgern zu dieser Alma mater, um ihre Denkarbeiten mitzuteilen. Durch Nepal begab sich Levi a:vf den Himalaja, das ,^Dach der Welt". Bekanntlich ist dieses Gebiet für die Fremden verschlossen. Sven Hedin, der sich um die Erforschung des Transhimalaja als Erster verdient genmcht hatte, durchzog dieses Gebiet als Schashirte vcrllle'det. Aus diesen Gegenden erhielten die Alliierten in: Weltkriege eine Verstärkung von 30.000 Mann, doch bedurfte es dazu der ganzen Ueberredungs« kunst des Maharadscha von Giang, Chander Sahns- Her, denn nach der religiösen Uefterzeugung der GurkhoZ 'st ein Mann unrein und vom Bosen begünstigt, wenn es ihm gelingt, ohne Unfall über das Meer zu fahren. In: Staate Maissonr, näher dem Omanmeere als dem Golfe von Bengalen, erlebte Lcvi Festlichkeiten religiöser Art von emer Prachtentfaltung, die olle Erzählungen aus Taufennndeine Nacht in den «Schatte:: stellte. Besonders in der Nacht wirkten die Züge und Spiele vor dem Throne des Maharadscha in Fackelbeleuchtung unvergeßlich. Am interessanteste:: und einigermaßen überraschend sind die Mitteilungen Levis über die Zustände, die er in China vorgefunden hat. ,F)n Aun-Man," so äußerte sich der Gelehrte, „fanden wir China, w:e wir es schon in Schanghai vorfanden und in Mukden verließen; ein Land der Unordnung, der vollkommensten Anarchie, bietet es ein trauriges LZild. Tie alten Werte wurden hier verreichtet, ohne daß neue geschaffen worden wären. D'e Eisetribcchnzüge werden nach Gutdünken abgelassen. Wenig erfreulich für die Reisenden ist die Mahnung, die man ihnen mitgibt, sich tapfer zu wehren, im Falle der Zug angegriffen wird. Das Verlassen der Städte 'st durch diese Zustände für die Mehrheit der Bevölkerung praktisch eine Unmöglikeit geworden. China und Rußland sind jene Nationen, die alle anderen mit ihren Rüstungen übertreffen. Die Tätigkeit der Bandenchefs, der Herren dos Krieges, verursacht durch die großen willfährigen Armeen Unsicherheit im ganzen Lande. Die Soldaten werden mit Recht allgemein als Räuber und Banditen angesehen. In Wirklichkeit sind sie auch mchts anderes. Es ist ungemein schmerzlich für den Beobachter, welcher China liebt, das Land in solch einem Zustande zu sehen, mitten in einer Krise, deren Ansgang ganz ungewiß ist. Ich hatte eine Unterredung mit dem Präsidenten der Republik und mit dem Ministerpräsidenten, die beide von ihrem Sitze fliehen nmßten. Die gegenwärtige Regierung wird von den Vertretern der europäischen Staaten unterstützt, die sie in ieder Weife mißbrauchen. Eine Konkubine des Präsidenten der Republik soll nach deffen Abreise die Fremden in der Bildung der neuen Regierung entscheidend unterstützt haben. Ich bin durch Sibirien und Rußland zurückgekchrt. Ms Mitglied der Petersburger Akademie erhielt ich leicht die Erlaubnis zur Durchreise. Der transsibirische Zug verkehrt einmal wöchentlich und man kann ohne besondere Schwierigkeiten einen Platz darin erhalten, wenn man nur über die nötige Menge Rubel verfügt. Für zwei Tage Aufenthalt in einem Moskauer Hotel mittleren Ranges muht» ich eine Rechnmrg von einer Mill: arde, 617 Mill ionen Rubel begleichen. Man braucht zu einer Fahrt mit der Straßenbahn fünf Millionen Rubel. Die Armee ist stark und macht überall den Eindruck vorzüglich disziplinierter Maßen. Die Zucht wird in der russischen Armee mit größter Strenge gehandhabt. Ein Missetäter, der die Todesstrafe verdient hat, wird binnen 24 Stunden abgeurtM und gerichtet. In den Laboratorien und in den Museen arbeitet man unermüdlich. Die russischen Gelehrten zeigen einen heroischen Eifer bei ihrer Arbeit. In Rußland ist alle Welt angestellt und arbeitet, Männer sowie die Frauen, doch sind die Gehälter und Löhne mehr als unzureichend. Ich schätze das Existenzminimum in Rußland auf wenigstens vier Milliaru unlm Leser in Polen und Deutschland! Infolge des tiefen Aursstandes der polenmark und Reichsmark find wir genötigt, in nur teilweiferAnpafsung an diehohen Selbstkosten die Bezugsgebühren der „Wiener A^orgenzeitung" für Polen und Deutschland @*ir ab 1. September 1923 wie folgt zu erhöhen: Polen: RIonatsabonnement polrr. Markt 70,000 Deutschland: „ Reichsmark 300.000 WmHlitiK Bet „Mm älotpitilunf _30. August 1923_Nr. im de n Pro Kopf und Monat. Man ist hier weit davon entfernt, die Studien so billig als möglich zu .gestalten, wie dies in Indien der Fall ist, wo ein Student für Unterricht, Der- Pflegling und Unterkunft nicht mehr als 20 bis 38 Rnpien zu bezahlen hat, die kaum 40 Franken monatlich ergeben." Shlvain Levi wird mit der wissenschaftlichen Ausarbeitung seines ans der Reise gewonnenen Materials in allernächster Zeit beginnen. Man erwartet von diesem Werk eine wertvolle Ergänzung unserer Kenntnis über die Gebiete, die Levi bereist hat. Das „trockene" Kuropa. „Europa muß im Jahre 1930 trocken sein!" Dieses ZiÄ schwebt der „World Prohibition und Reform Federation" von Washington al§ Endziel der Antialkohokbewegung vor Angen. So versicherte wenigstens Herr Hohenthal, der internationale Sekretär für Europa, vor einigen Tagen in einer Konferenz in London, von wo er sich nach Kopenhagen zur nächsten Konferenz des Weltbundes der Mkoholigegner ftögab. Herr Hohenthal hat erst vor kurzem seine Propagandarerse durch Europa beendet, im Verlaufe welcher er in Deutschland, Italien, der ■ T s ch e ch o - S l o w a k e i, O e st e r r e i ch und Ungarn propagandistisch tätig war. Mr. Hohenthal ist mit den Ergebnissen dieser seiner Arbeit während dreier Monate auf dem Kontinent zufrieden. Hierbei kam ihm feine Kenntnis der deutschen Sprache sehr zustatten, denn mit dieser Sprache kam er überall durch. In Italien bediente er sich der englischen Sprache und seine Vorträge wurden ins Italienische übertragen. In Oesterreich, erzählte er weiter, ist die Tvocken'leginrgs-Propaganda vor zwei Jahren entstanden, und an der Spitze des Komitees fite Oesterreich stehe der Bnndes- Präfident Dr. Hain i sch. Bei beim letzten Ant i alkohol k o ngreß in Wien habe der österreichische Vizekanzler die 700 aus allen Weltteilen erschienenen Delegierten namens des Kanzlers begrüßt. F i n n l a n d, führte Mr. Hohenthal weiter aus, ist bi? hellte das c i nzi gc w i r kl i ch t r ockene Land in En« ropa. Die internatiottale Konferenz seines Weltbundes wird gr. rade in bezug auf Finnland eine interessante Frage zur Diskussion stellen. Dieses kleine Land, welches sich aus eigener Kraft zi: einem streng durchgeführten Alkoholverbot aufgerafft habe, wird durch eine Pression von seiten Frankreichs und Spaniens gezwungen, dieses Alkoholverbot unwirksam zu machen. In: den Handelsverträgen zwischen Finnland und Frankreich, beziehungsweise Finnland und Spanien, soll Finnland gezwungen werden, die Wein ein fuhr aus den genannten Ländern zu gestatten, weil sonst die Fischeinfuhr aus Finnland in die bezeichneten vertragsschließenden Länder gleichfalls verboten würde. Mr. Hohenthal meint, daß ein solches Vorgehen eine sonderbare Auffassung vom Selbstbestimmnngsrecht der einzelnen Nationen bekunde. Jüdische Stimmung im Film. „©ft und West" mit Mali Picon und Jakob KaNch. Wenn ich.irgendwo jüdische Flltusujets angekündig: sah, so wich in gewöhlllich in weitem Bogen ans; denn was mir zu der Zeit, da ich noch auf das jüdische Sujet im Film hereinfei, geboten wurde, war zumeist schlecht kostümierte, lächerlich sentimentale Judenleidpoesie, mit Pogromszenen, Sabbatsagen und allerlei schlecht gestellten Milienmätzchen durchsetzt. Selbst in den Judensilms, die Sch ildk rau t als Darsteller brachten, wie in: „Shhlock von Krakau", verblaßte die von echte«. Kunst getragene Darstellung Schlldkrants in vem Wust von Kostümfarce, Sentimentalität und schlechter Aenßerlichkeit. Nun habe ich mich nach langer Zeit -nieder an einem jüdischer: Film herangetrant, well der Name einer Darstellerin, Mali Pieon, mich anzog. Ich -oar angenehm überrascht. Der Film „Ost und West", zu dem Sidney Gold in und Eugen Preiß das Sujet geschrieben haben, atmet in der Darstellung echtes jüdsches Wesen, wirkliche jüdische Stimmung. Die Handlung selbst ist einfach; hohe literarische Ansprüche befriedigt sie — man könnte sagen, Gott sei Dank — nicht. Ein echt amerikanisch erzogenes reiches jüdisches Mädchen kommt mit ihren: Vater in ein kleines polnisches Städtchen ins Hans ihres Oheims. Das Enfant terr'ble stiftet in den: in der Stille der Tradition eingesponnenen Leben der Kleinstadtjuden durch ihre Einfälle allerhand BevkegenhL".en; eitler dieser Scherze geht schlimm ans, da das kleine Mädchen bei einer zun: Spaß veranstalteten Hochzeit durch die Eheformel und d'e R'ingzeremonie nach jüdischem Gesetz wirklich die Frau eines armseligen Talmudbochers wird und, um frei zt: werdet:, vot: ihm den Scheidelbrief erhalten muß. Aber — der Talmudjüngling (Jakob Kalich) liebt das Amerikanermädel und will ihr die Scheidung nicht geben. Dieses Unglück dauert fünf Jahre, b s der Junge ans der polnischen Kleinstadt in Wien sich äußerlich und innerlich griindlich — mausert. Er wird ein berühmter Schriftsteller, Orientalist, trägt Kleider vom ersten Schneider, ab und zu eme Hornbrille und kriegt natürlich zum Schluß — seine Frau. Dieser äußere Nahmen der Handlung wäre ja nun nicht gerade überwältigend (die Stoffgrundlage ist mir aus einer Novelle der Bernstein-Kompert-Zell bekannt, deren Antor und Titel mir momentan nicht einfallen), manche Scherze der Molly-Mäli machen in ihrer szenisch mimischen Darstellung einen etwas derben Eindruck, w'e zum Beispiel eine übrigens recht unmotivierte Bariattte der Szene vot: der keuschen Strsanue. Was mich aber an diesem Film fesselte, ist die echte jüdische Stimmtmg, die 'tt Bild, Mimik, Geste und Ton einheitlich festgehalten wird. Dabei ist lveder aufdringliche Pachelik noch seichte Sentimentolllät des nvimischen Ausdrucks zu merkett. Gerade das nmß freud'g hervorgehoben werden. Das Milieu, lote es hier dargestellt ist, vermittelt diesmal echte Stimn:nng, tticht Aerger. Sogar die Musik, die Voülv'egend au8. jüdischen Bolksmotiven zusaitnnengcÜLllt. fft, paßt sich der Stimmung gut ai%