Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1634 (30.8.1923)
- Date
- 1923-08-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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„/. Nr. 1634 Men, Donnerstag__ Der Widersinn des Numerus clausus. Der Numerus clausus wird den uugarischon Machthabern immer unbequemer. Die Verlegenheit wächst von Jahr m »» besonders M Beginn ves Stuidiettiahves. So veröffeEcht der „Pester Kilo yd" M leidender Stelle unter dem Titel „Eine Frage, die nicht totgeschwiegen werden soll", einen Aussatz aus der Feder „einer hervorragenden Gestalt des ungarischen öffentlichen Lebens, dessen höchst charakteviWche A-nsfühvungen wir im ', Wgendon wiedergelben: Die Frage des Numerns clausus stand in der letzten Leit nicht auf der Tagesordnung. Nun wird sich aber durch die Strldieartermine wieder Muell. In: Sepdomlber wird bestimmt, wieviel junge Äenti« durch das schmale Tor des Numerus elausns auf ungarische Hochschulen gelangen können. Da gibt es verwickelte Rechnungen. Es gibt nämlich nicht bloß Juden, sondern auch getaufte Juden. Zählen die mit, Man liebt nicht, diese Dinge zu erörtern. Auch gibt es eine strittige Praxis der verschiedenen Universitäten. Budapest ist höchst orthodox, hingegen sollen Szeged nnd Pecs das Gesetz freisinniger auslegen, was wieder den Buldapeftern nicht recht -ist. Aber, wie gesagt, man spricht nicht gern davon. Denn schließlich ist es doch eine flagrtnte Verletzung des ^ersten Prinzips alles modernen Sdaatslebens, der RechtsgleiWeit aller Bürger. Die Rassonschützer scheinen gar nicht mehr stolz auf dieses ihr Gesetz zu sein, aber schließlich, es ist da und wirkt. Ein Teil der Opposition läßt 'den Kopf ein wenig hängen, sagt, es sei eine Schmach, alber man könne in diesem Augenblick nichts dagegen tun. Die meisten aber denken, es sollte gewiß nicht sein, aber es ist trotzdem. Und dann: wie sollte man anders den Andrang der Israeliten zu den Hochschulstudien eindämnwn? Die ungarischen MÄtelschuillehrer zeigten keine Neigung, ungerecht .zu seiu. lleberhaupt, wo Examinatoren nnd Examinanden .einander gegenüberst-chen, da gibt es in Ungarn keine konfessionelle Frage. Deshalb war wohl der Numerus clausus nötig? Der möge sich halten, solange er kann. Aber es ist bester, nicht viel darüber -zu spreche«. Wir haben genug br-ennendc Fragen zu lösen. Kommt Zeit, kommt Rat. Morgen ist auch ein Tag, nnd was dergleichen Moden inehr sind. Die Haltung der verschiedenen Kursbrüder ist aber nicht ganz vernünftig. Ihr Schrei ist, sie -mühten den Jude« die Position, die sie im wirtschaftlichen Leben einnehmen, entreißen. Dieses soll christlich werden. Man will den Inden also nur die Banken, die Fabriken, die großen -Kaufläden, die landwirtschaftlichen Betriebe usw. entreißen. Aber dopt braucht inan doch keine Universitätsstudien! Der Numerus clausus vermehrt, noch die Zahl jener, die den wirtschaftlichen Laufbahnen zudrängen. Es gibt keine Statistik darüber, über man kann* getrost sagen: von hundert Lehramtskandidaten bleiben hundert arm; von hundert Zldvokaten glückt cs gewiß 'nicht der Hälfte, sich ein auskömmliches Leben zu sichern; von hundert Ingenieuren geht es la.tmt dreißig mittelmäßig gut; von hundert Aerzten vielleicht nicht einmal so vielen. Hingegen von hundert Geschäftsleuten gibt cs gewiß einen höheren -Prozentsatz, denen es glückt. Dabei sind die meisten vcrhaltnismähig unabhängig, tun, was sie wollen, können, wenn es nicht klappt, ziemlich rasch ein neues Leben anfangen, brauchen sich um sehr wenige Leute zu kümmern, schämen sich nicht ihres Berufes, haben allerdings lein fixes Einkommen, aber dennoch ihr Auskommen. Das aber können die Rasscnschützler nicht ruhig mitansehen — und deshalb vermindern sie die Zahl der vorerwähnten Hungevleider... Wo steckt hier die Logik? Sie vermchrcn nur die 'Zahl derjenigen, gegen die sie eigentlich anläinpfen. Allerdings träumen sie von neuen Numerus cl-aufus-Gchetzcu, von zu erbringenden Befähigungsnachweijen, von Lizenzen, aber leicht ist auch das nicht. Da -müßte -man zuerst unser ganzes wirtschaftliches Leben umstellen, und das ist hentz-ntage -unmöglich. Dabei handelt es sich um das Wohl und Wehe von Hunderttausenden. Was sollen übrigens Leute machen, denen man die gelehrten und die praktischen Lansbachien zum Teil sperrt? Solche Spannungen im Innern -des Volkslebens bereitet man vor. Auch hat sich in das Ersetz ein offenbarer Rechenfehler eingeschlichen. Man rechnet, -die Zahl der Juden beträgt fünf Prozent der G-csamtbevölkernna, also darf auch die Zahl der jüdischen Studenten nicht mehr als fünf Prozent der Gesamtstndierendcn ausmachen. Aber die lieber,zahl der.Juden sind Städter, müssen also einen -höheren Prozentsatz für die Berufe stellen, von »beiten die Rede -ist. Den Kursleuten scheint es jedoch nicht darum zu tun zu sein. Es genügt ihnen, wenn sie einige junge Menschen heräbwürdigen. Das dünkt sie schon ein Erfolg. - Was aber haben sie bisher erreicht? Hunderte nnd Hunderte von jüdischen Jünglingen zogen ins Ausland, um dort ihre Studien fortzufetzen. Das ist 'mißlich, bei der großen Freundschaft, mit der «man überall Fremde empfängt, bei den hohen Kosten der Studien und bei der Armut der meisten, die hina-uszogen. Was die zusammen gehungert haben, ist zmn Erbarmen. Aber welche Energien mußten -sie -entfaltet haben! Gewiß gingen nnd. gehen viele zugrunde, -und dies alles, um nu-x zu studieren. Es »st vielleicht nicht bekannt, wie es sich mit den Studien dieser Armen verhält. Ein Teil studiert, weil er nicht -anders kann, das sind die Schlemihls und die großen Talente. Die -müssen studieren, es ist ihr Berns und ihr Glück. Sie sind geborene L-erner und Lehrer. Natürlich schmuggeln sich auch Minderwertige ein, .die mi-tlaufe-n, aber die Mehrzahl kann das Lernen nicht lassen. Ein Teil von -ihnen, die Glück haben oder _ Wiener Morgenzettuirg. _30. August 1923 _Äeiie 3 Me Verschärfung der Zudenverordnuug n Ungarn. Aus Budapest wird uns berichtet: Die berüchWle Verordnung des Ministeriums des Innern, Z. 30.033, vom Jahre 1921, durch welche die BehaMung der Ausländer in Ungarn geregelt wurde, hat seit ihrer Herausgabe manche Wandlungen dnrchgemacht, aber stets nur im-Sinne und Geiste des christlich-nationalen Kurses. Laut dem ursprünglichen Text der Verordnung ist jeder Aus-' länder ohne Ausnahme verpflichtet, sich wegen einer Aufenthaltsbewilligung mit, einem Gesuch an die Polizei zu wenden, doch tvurde erm solche Bewilligung mrr in sehr beschränktem Maße ertem und bezüglich der nach'dem Jahve 1914 ^gezogenen Elemente" besonders streng gehcmdhabt. Die Origrnaliverovdnunjg machte in ihrem Text keinen Unterschiä» zwischen 'Rasse und Konfeffion ^er Ausländer. Einige Monate später wurde diese Verordnung im wesentlichen abgeändert, und es erschien die verrufene Judenverordnung sub Z. 20.000, in deren Sinne in erster Reihe die gaWscherr, ukrainischen und im allgemeinen alle ausländische« Juden aus dem Lande gewiesen wurden. ViÄe Hunderte Familien mit vielen tausenden Personen, die schon seit Jahrzehnten in Ungarn leiüen, waren gezwungen, das Land zu verlassen. Die lakonische Strenge dieser Verordnung wurde wohl nachher in der Praxis ein wenig gemildert, aber die Verordnung selbst stcht auch heute noch in Kraft und seit einiger Zeit zeigt sich abermals eine bedeutisame Bersch ä r s u n g in der Handhabung -der FremdenbehaMung. Trotz aller äußerlichen Scheidung zwischen den rechtsradikalen Rassenschützlern und der christlichen Mehrheit scheint man im Ministerium des Innern in diesem Punkte den Rassenschützlern den Beweis der einwandfreien Christlichkeit erbringen zu wollen. Abernrals ist ein als ^evtranliH'si" bezeichnet« Geheimerlaß an die Behörden ergangen — diesma tragt er die eigenhändige Unterschrift des Mnifters dej Innern Rakovskh —, durch welchen die Judenverord nung eine neuerliche Verschärfung erfährt. Bisher wur den die Aufenthaltsbewilligungen an Ausländer von dei Polizei evtellt, der neue Erlaß verfügt mm, daß dii Verlängerung der AusenchaltsbewWitzung ausschließlick das Recht des Ministeriums des Innern ist. Mer nicht etwa für sämtliche Ausländer ohne Unter schied der Rasse und der Konfession gilt diese Verfügung Der Gcheimerlaß bestimmt -nämlich wortwörtlich: „Die Polizei kann fortan die Au send haltsbewilligung jüdischer Petenten nicht verlängern, sondern weist die Par. teien jüdischer Konfession, falls si< gegen die Verweigerung Einwendung er erheben, an das Ministerium , bei Innern." An nicht jüdische Ausländer erteilt die Polizei nach wie vor Verlängerungen von Anfenchaltsbe-willigungen. Das Ministerium des Innern hat Wohl bisher seit Wirksamkeit dieses letzten Gcheimerlasses in einer Anzahl von Fällen jüdischen Petenten, die sich darum bewarben, die Aufenthaltsbewillignngen verlängert, aber viel große, ist die Zahl jener Fälle, in denen selbst angesehene Fabrikanten und Großkansleule, weil sie Juden sind, gezwungen wurden, sofort, nach dem ihnen die Entziehung der Ausenthaltsbewilligung bekannt wurde, das Land zu verlassen. Das alletrotz Trianon und trotz aller Zusagen Bechlens, daß die ungarische Regierung keinen Unterschied in der Behandlung der Inländer nnd Ausländer mache! sehr begabt sind, wird draußen bleiben. Ist das ein Gewinn für Ungarn? Ein anderer Teil wird sein Diplom nach Haufe bringon, um es hier noftrifizieren zu kaffen. Man verlangt schon ein Gesetz dagegen. Manche werdet: auswandern, manche die Laufbahn wechseln, manche zu verlorenen Existenzen werden. Ist das ein Gewinn? Darum Räuber und Vöörder? Un>d ist es für die christlichen Studierenden gilt? Schwerlich. Das sind unverständliche Eltern, die es ihren Kindern gar zu leicht ntachcn. Honte fühlt «der Nichts,ude, daß er es in vielem leichter hat als die Inden. (St;, 'braucht nicht zu fleißig, zu begabt und zu gewissenhaft fein, um den Juden den Rang abzulanfett. Zn'tneist hat der Jude die Partie, bevor sie begonnen, ljalb oder ganz 'verloren. Das mag für die Begünstigten ganz angenehnr sein, aber gut ist es nicht. Es det-eviovier-t die Rasse. Es bringt also genau das Gegenteil des 'beabsichtigten Effolts hervor. Fühlt man, daß man bevorzugt wird, so wird man 'demoralisiert. Die sind mit tragischer Blindheit geschlagen, die die Nation auf diese Irrwege locken. Jeder Mensch, der vorwärts kommen will, »muß wissen, daß, er sich bis zum äußersten ausgeben muß. Das wissen die Unterdrückten. Daher ihre Energie. Die hohe Begabung des Ungart-utns wird durch diese Art des Rass-cnschutzcs -sehr geschädigt. Mit Verhätschelung und Auspäppeltlng bringt -man keine starke Generation hervor. llnd ist es für die jungen Leute vorteilhaft, wenn sie in eine Raser-.'i des Hasses gehetzt werden, die alle ihre noblen nnd guten Instinkte bedroht? Kommt es denn ans die innere Dualität Der zu Schützenden gar nicht an? Aber es ist schwer n-mzu-kehven. Man denke doch, »die einzige Schöpfung des christlichen Kurses! Man darf doch seine eigetr-e Blamage nicht eingestehe-n. Und wie ist es dann mit den: Prestige der Urheber -des Gesetzes, den Vätern der neuesten Rasicnfchützler? Das muß doch unter allen Umständen gewahrt bleiben. Solange es ebeir -möglich' ist. Solange die Vernunft nicht -wieder Herrscherin wird auf allen Linien. Sowc-it .der anonyme Verfasser. Dazu ist nur zu bemerken, daß diese Feststellungen natürlich nicht bloß für Ungarn ihre Richtigkeit haben, sondern »für jedes andere Volk, welches ans solche mittelalterlich reaktionäre Weise Massenschutz" -treiben möchte. Bezeichnend für dorr in Ungarn herrschenden Terror ist i-m übrigen «auch die Anonymität, -in welche sich der Verfasser des Artikels hüllen zu - müssen glaubt. Rundschau. Zeutschland und der Völkerbund. Schweden zu einer Intervention bereit. Berlin, 29. August. Der schwedische Staatsminister nnd Delegierte Schwedens beim Völkerbund, Branting, empfing ans seiner Durchreise nach Genf den Berliner Vertreter der Schweizerischen Depeschenagcntur und erklärte bezüglich des Beitrittes Deutschlands zum Völkerbund: Jetzt, wo anscheinend gewisse Brücken zwischen der neuen Regierung Deutschlands und derfranzösischen Regierung gebaut tverden, wäre cs eine sehr schwierige Sache, von außen her in diese Annäherung oder in die ein wenig gebesserten Verhältnisse einzugreifen. Man muß daher die Frage der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund mit schr großer Vorsicht anfassen. Offenbar gibt es nach meiner Meinung cittclc It rheit für die sofor,tige Aufnahme Deutschlands, und zwar, wie kch glaube, ohne neue Bedingungen. Natürlich dürfte es Frankreich nicht gerne sehen, wenn Deutsch, land in den Völkerbund hineinkommt, aber es ist selbstverständlich, daß ein Volk von 60 Millionen im Herzen Europas nicht außerhalb des Völkerbundrates bleiben kann, sondern den ihm gebührenden Platz einnhmen muß. Wir müssen unseren Glauben - an eine bessere Zukunft bekennen, und dazu gehört ein Bölkrebund mit den Vereinigten Staaten, Rußland und Deutschland. , Schon daß man in Genf t? r? v a t i m über diese Frage verhandelt und vielleicht eine verbreiterte Stitumung in dieser Richtung feststellen kann, ist ein Fortschritt. Wenn es möglich sein wird, einen Schritt weiterzugehen, so wird man Schweden dazu bereit finden. Doch dann bedarf cs auch in Deutschland einer versöhnliche» und verstehende n Stimmung gegenüber dem Völkerbünde. Ae Eröffnung der Nationalversammlung von Angora. Ans Konstantinopel wird gemeldet: Die zweite türkische Nationalversammlung wurde vor einigen Tagen in Angora eröffnet. Die nengewählten Abgeordneten legten den Eid nach der neuen Formel ab, welche lautet: „Ich schwöre im Namen Gottes, kein Ziel zu verfolgen, das im Gegensatz zürn Glück und Wohl des Vaterlandes und der Naü-'n steht, und -der nattonaleri Souveränität unentwegt treu zn bleiben." Ein Zwischenfall ergab sich, als ein?lbgeordneterdagegen protestierte, daß M n stap h a Ke m a l Pascha das Mandat von Smyrna bekleiden solle, während er schon in Angora gewählt sei. Die Nationalversammlung entschied sich schließlich provisorisch für das System der zwei M a n d a t e. Hierauf wurde Mustapha Kemal Pascha mit allen ge-getc eine einzige Stimme (die seinige, da er selbst für Ismet Pascha stimmte) zum Vorsitzenden der großen Nationalversammlung gewählt. In seiner Antrittsrede -gab er eine Darstellung des Beginnes, ^der Schwierigkeiten und des schließlichen Sieges der nationalen Bewegung. Er betonte, daß die anatolischcn Erfolge in erster Reihe dem neuen System zu versanken seien, auf dem die R e k o n st r n k t i o n des türlischeu Reiches aufgebaut wurde, und beendigte seine R-cd-e mit der Schlußfolgerung, daß diä moderne Türkei nunmehr alle Garantien für ein zukünftiges Gedeihen besitze. Bezüglich der äußeren Politik hob Mustapha Kemal hervor, daß das Reich sich von den Gefühlet: der Freundschaft und der Hochachtung für die Nachbarländer nnd alle übrigen Mächte leiten lasse und in die neue Periode des Friedens mit dem aufrichtigen Wunsche nach Ruhe eintr-ete. In der dritten Sitzung wurden die Bolkskommissärc, die bisher von Mustapha Kemäl, als Präsidenten dev Nationalversammlung, ernannt toorden sind, von der Nationalversammlaung selbst gewählt. Demnächst soll ein Gesetz eingebracht werden, daß die Art der Designierung und der Wahl der Bolkskommissärc, ferner ihre Verantwortlichkeit seststelletc wird. Ae KMnettsbilduug in Fapmr. Tokio, 28. Angnst. (Reuter.) Graf N-amamo t o hat de» Auftrag ztlr iKadittettsbildutt-g angetiattt-men. Im tkhiffmann II., TaborstraSe. 48 Te!ephon*47*1»79 En gros En detail