Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1634 (30.8.1923)
- Date
- 1923-08-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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* % Wiener Morgerrzeitung. 80. August 1923 Nr. 163t Ae Rüstungen der Halenkreuzler. Die militärische Lrganisation. - Ludendorff als Sberkommandant. 2 Wien, Donnerstag Jas Senbild des Friedens. F. Wien. 30. August. Die Schüsse, lvelche da und dort in Europa krachen, find das beste Anzeichen dasür, in wie hohem Maße noch die Atmosphäre in unserem Erdteil geladen ist, der von sich behauptet, in das Stadium des Friedenszustandes eingetreten zu sein. Bor wenigen Tagen ist in Prag einer der Vertreter des früheren bulgarischen Regimes von meuchlerischer Hand hiugestreckt worden, und es konnte auch nicht einen Augenblick einem Zweifel unterliegen, daß dieses Attentat politischen Charakter habe. In diesen! Zusammenhänge bleibt es irrelevant, wie mail sich zu freut Regime Stambuliiskis stellen mag, der sicherlich die Methoden des Terrors angewendet hat, um sich und», seine Gefolgschaft in der Macht;n behaupten. Aber cs ist Tatsache, daß diese Herrschaft in ihrem offiziellen Charakter von keiner ausländischen Seite bestritten wurde, bis wieder eine Revolution kam. der es gelang, den Diktator zu stürzen und ein neues System zu etablieren. Für den Zustand politischer Labilität in Europa ist es' charakteristisch, daß wir noch immer in der Epoche der Revolutionen stecken. Mit der Demokratie wird da und dort der großzügigste Mißbrauch getrieben, wo sie nicht als politische Methode völlig negiert wird, wie in Sowjetrutzland. Aber um das Bild zu Vervollständigen, muß man auch die Haltung in Betracht ziehen, welche die europabeh:rrschenden Mächte diesen Erscheinungen gegenüber einnehmen und die keineswegs einheitlich ist: währenv Soiwsetrußlands Bemühungen, die Anerkennung als gesetzmäßige Macht zu erlangen, bisher stets noch Schiffbruch erlitten haben, haben andere revolutionäre Regierungen diese Anerkennung ohne Schwierigkeiten errungen. Auch die großen Mächte unterliegen dem Diktat der Umstände, die Diskrepanz der gegenseitigen Interessen lähmt ihre volle Monssähigkeit und es gehört eben in dieses Gesamtbild europäisch-politischer Labilität, daß auch die Entscheidungen der Großmächte nach jeweiligen Zweckmäßigkeitsgründen, nicht aber nach den allgemeinen Grundsätzen erfolgen, welche nach Kriegsschluß feierlich beschworen wurden. Revolutionen sind stets noch in der Geschichte ein Ventil der ausgespeicherton Bolksleidenschaft gewesen und oft haben sie in der Entwickelung einer bestimmten Periode das erlösende Wort gesprochen. Aber Revolution als Dauerzustand bedeutet eine ernste Gefahr, und Europa sieht vorderhand nicht danach aus, als wäre man vor revolutionären Ausbrüchen dauernd gefeit. Während der Mord in Prag die Atmosphäre auf dem Balkan erhellt, ist neuerdings ein politischer Mord geschehen. Einige Mitglieder der italienischen militärischen Kommission zur Grenzbestimmung zwischen Albanien und Griechenland sind in Albanien angeblich von griechischen Grenzposten erschossen worden. In Griechenland, wo gegenwärtig eine Gewaltherrschaft am Ruder ist, zeigen sich bedenkliche Gärungsevscheinungen, und der Haß gegen Italien, welches Albanien fördert, um sich einen Stützpunkt am anderen Ufer der Adria zu schassen, hat in jener Dcordtat ein Ventil gesunden. Schon werden antigriechische Kundgebungen aus Italien gemeldet, und der tatendurstige Faszismus, der auch gegen Jugoslawien mobil machen möchte, das in der Fiume-Frage auf seinem Anspruch beharrt, könnte leicht in Griechenland nach billigen Lorbeeren suchen, wenn nicht Mussolinis wenigstens bisher in Außensragen bewiesener realpolitischer Sinn sich mit der entsprechenden Sühne durch Griechenland zufrieden gibt. - Der Friede von Lausanne ist glücklich unter Dach gebracht, aber auf dem Balkan werden sich die Nachwchen der großen Erschütterung noch lange fühlbar machen. 'Aber auch im Herzen Europas gibt es der Ausbruchsherde genug. Die Inflation in Deutschland läßt das Gespenst der Arbeitslosigkeit in irnmer schärferen Umrissen am Horizont erscheinen, und es ist Herr Stresemann selbst, der die Gefahr des deutschen Bolschewismus an die Wand matt und sich als letzten bürgerlichen Kanzler Deutschlands bezeichnet, ivenn sein Kabinett Zusammenbrüche, und eine Erhebung des deutschen Volkes ankündigt, wenn es.so weit käme, daß der Hunger in D-eutschland die Oberhand gewänne. Wir haben kein Geld für spätere Nährungsmittelkäuse in Amerika, sogt Stresemann, und zur gleichen Zeit arbeiten die Kommunisten mit Hochdruck und Ludendorff sammelt seine Getreuen. Es sieht nicht gut aus in Europa und es wird noch gute Weile brauchen, ehe es einen Frieden geben wird, der wirklich diesen Namen verdient. Sesterreich. Die Wahlbewegung. Die Parteien sind noch immer damit beschäftigt, die organisatorischen Vorbereitungen für die Nationalratswahlelt zu treffen, so daß für die eigentliche Wahlagitation wenig Zeit erübrigt. Gestern vormittags waren die christlichsozialen Parteiführer int Parlament versammelt, um gewisse, mit bcn Wahlen zusammenhängende Fragen zu erörtern. Im Salon des Präsidenten Dr. Weiskirchner hatten sich Bundeskanzler Tr. S c i p c I, die Minister Dr. Kienböck, V a ritz o i n und Schmitz, der Parteisekretär Abg. Schönstcrner, Abg. K u n s ch a k und Bnndesrat Dr. H u g e l m a n n sowie mehrere christlichsoziale Gemeinderäte eingefundrn, nin die nachmittags stattfindende Reichsparteikonferenz vorzubereiien. Diese trat um 5 Uhr zusammen und nahm Berichte über den Stand der Wählbewegung aus den einzelnen Wahlkreisen und Wahlkreisverbänden entgegen. Auch die großdentsche Reichs- Parteileitung mit dem Parteiobmann Kan dl all d:r Lpihe hielt eine gemeinsame Beratung mit den führenden Mitgliedern des Landbundes ab, in der Richtlinien für die gemeinsame AiAe-n u o m i n-.i c r u n g und die Mandatsciusteilung ver- Paris, 29. August. Der Genfer Korrespondent des „M a t i n" erklärt, aus sehr guter Quelle folgende Einzelheiten über die Organisation der vaterländischen Stur m trupps in Deutschland erfahren zu haben: Die Führer sind Ludendorss und Hitller. Eine militärische Agentur steht unter der Leitung des Generalleutnants v. T u t s ch e r. Ein besonderes Archiv enthalte Angaben überallc wafsenfähigenMänncr. Die nationalistischen Gruppen sind in der Lage 60 Regimenter zu je 10.000 Mann aufzuftellen. Bon diesen Regimenter:: befinden sich 18 in Preußen, \ in Bayern, 7 in Sachsen-Schlesien, 5 in Baden, 6 in Württemberg, 3 in Pommern, 2 in Thüringen und 5 an der Küste der Nordsee. Von den vier bayrischen Regiluentern ist das Münchner Regiment Nr. 1 bereits komplett. Die Regimenter 2, 3 und 4 sind in Bildung begriffen. Waffen und Munition sind in Menge vorhanden. An der Spitze der Regimenter stehen gewese nehöhereOffiziere, die mit der Reichswehr in Verbindung stehen. Augenblicklich waren in ganz Deutschland 200.000 Mann bereit, unter Waffen zu treten. Der kritische 2. September. Hamburg, 29. August. Die hiesigen Hakenkreugler plane:: am 2. September in Hamburg auf der Moorweide eine Sedan-Feier mit Festgottesdienst. Sie wollen dabei 42 Kampf'verbände aus Norddeutschland zusammeuziehen. An die Teilnehmer ist die Anordnung herausgegeben worden, mit leichter Bewaffnung zu erscheinen. Sie haben einen Drohbrief an den Polizeisenator geschickt, in dem sie ihm Mitteilen, daß sie mit Waffengewalt das Hissen der Harenkreuzfahnen aus dem Rathaus erzwingen werden, lvenn er die Feier verbieten sollte. Aus verschied» nen anderen. Gegenden Deutschlands kommen Meldnnger über ähnliche Rüstungen der »Hakenkreuzler zun 2. September. Auch Stinnes tut mit? Berlin, 29. August. Nach einer Meldung der „Roter Fahne" hat in der Billa des Generals Ludendorss id Ludwigshöhe bei München eine Besprechung stattgefunden, an der Stinnes und der ehemalige Leite: der O r g e s ch, E s ch e r i ch, sowie andere Pevsönlichkeiter des r e ch t s st >: h e:: d e n D e u t s ch l a n d s teilgenommcr haben. Wie die „Rote Fahne" hierzu berichtet, v e rsucht sich Stinnes der Hake::kre::zler zu v c r> sichern, um die jetzige große Koalition durch eine o f f e. ne Diktatur abzulvsen. Verbot aller Sedm-Feier» in Sachsen. Dresden, 29. August. (Wolff.) Das Ministerium de? Innern hat alle zur Feier des Sedantages geplanten Versammlungen und Umzüge Verbote n. Die Wiener Hakenkrenzputschiften. Montag abends fand in Weigls Etablissement eine Devsammümg der Wiener Hakenkreuzler statt; der bayrische Hakenkrenzagi-tator Streicher hielt eine »Hetzrede, in welcher er Stresemann beschimpfte und für Wahlenthaltuna der österreichischen Nationalsozialisten eintrat. Die österreichischen Hakenkreuzler müßten sich bereit h ci I i c n, wenn Deut s chlands Besrciungsstunde schlage. Bor dem Versammlungslokale hatten sich Kommunisten und Sozialdemokraten angesammelt, die den Versuch unter« nahmen, in das Lokal einzudringen. Es kan: zu einem Z usammenstoß zwischen den Hakenkreuzler:: und ihren Politi« schen Gegnern, worauf die Wache einschritt und den Szenen ein Ende machte. Einige Personen wurden verhaftet. einbart wurden. Die Sozialdemokraten worden behnfs Aufstellung der Kandidaten für die Nationalratswahlen am 12. September in Wien eine Reichskonferenz und bald nach den Wahlen, in der ersten Hälfte November, ihren ordentlichen Parteitag abhalten, auf welchem die parlamentarische Taktik der Partei mit Rücksicht auf den Ausfall der Wahlen ststgeleat werden wird. Dr. Grimm — Leiter der KredttseMou. Minister a. D. Dr. Grimm wurde als interner Stellvertreter des Bundesministers für Finanzen auch mit der Oberleitung der K r editsektion des Bundesministeriums für Finanz'.':: betraut. Tschechoslowakei. Benesch beim Papst. Rom, 29. August. lTel. der „Wiener Morgen- Zeitung".) Der ffchccho-flowakische Außenminister Doktor Benesch ist heute vom Papste in P r iv a ta u d i e n z empfangen worden. Die Folgen des Bergarbeiterstreiks. Prag, 29. August. (Tel. der „Wiener Morgcnzeitung".) Die Folgeerscheinungen des seit nunmehr 14 Tagen währenden Streiks der Bergarbeiter beginnen sich immer fühlbarer auszuwirken. Die Porzettanfabrrk in Brüx hat den Betrieb eingestellt und die Glasfabriken in: Brüxer Bezirk waren gezwungen, die Produktion sehr stark zu drosseln. In Obcr-Lenthensdorf werden die Spinnereien und Webereien gleichfalls in dieser Woche ihre Betriebe stillegen müssen. Im Ministerium für öffentliche Arbeiten finden u nverbindliche Beratungen mit den Vertretern der Industriellen statt, die jedoch nur i n f o r m ai: v c :t Charakter tragen. Jugoslawien. Annahme der italienischen Finmaner Vorschläge. Belgrad, 29. August. (Tel. der ,Wiener Morgenzeitung".) Die Regierung hat beschlossen, die ihr gestern von der italienischen Regierung unterbreiteten Vorschläge zur Lösung der Fiumaner Frage anz u n e h:n e::. Ulain und Lendbap kommen vor das Erricht. Budapest, 29. August. Der Jmnmnitätsansfchuß befaßte sich in seiner heutigen Sitzung mit den Inununitätsangelegenheiten der Abgeordneten Ulain und L e:: dvah. Abg. Ulain war nicht erschienen, dagegen . brachte Abg. Lendvay die Bitte vor, von der Suspendierung seines Jmmnnitätsrechtes Abstand zu nehmen, da er in dieser Inununitätsangelegenheit nur eine politische Bexation sehe. Der Immunitätsausschuß beschloß jedoch in beiden Angelegenheiten die S u s p e n d i e r n n g d e s I m m u n i t ä t s r c ch t e s und stellte der National-, Versammlung einen diesbezüglichen DringlWeitsantrag. Die Nationalversainnrlnng hat in ihrer heutigen Sitzung diese Awräge des Immunitätsausschusses angenommen. „KlkltlirnnterstStzmig." Der „mißbrauchte" Kultusminister. Budapest, 29. August. In der heutigen Sitzung der Nationalversammlung wies Kultusminister Graf Klebelsberg die von dm: Journalisten und Schriftsteller Kadar gegen ihn in einer Versammlung erhobenen. Beschuldigungen zurück. Dieser hatte erklärt, ein Neffe des Ministers, Engen K l e b c l sber g, habe infolge Protektion des M i n i st e r s eine A u s f u h rb e w: l l i g u n g für Bohnen erhalten; bei der Voruntersuchung solle jedoch festgestcllt worden sein, daß der Waggon G ä n s c l e b e r n enthalten habe und daß cs den: Neffen auf diese Weise gelungen sei, als Gegenwert der „K u l t n r u n t c r ft it tznn g" des Onkels für sich einen großen Nutzen zu erzielen. Der Minister erklärte, er Hobe jenen Eugen Klebelsberg niemals gesehen. Der Minister habe, nachdem er in einigen Fällen konstatiert hatte, daß Unbekannte seinen Mrmen mißbraucht (?) haben, sämtliche zuständigen Stellen davor gewarnt, angeblich (?) von ihm stammende Projektionen zu berücksichtigen. Redner habe auch den 'Auftrag erteilt, gegen Kadar die Strafuntersuchung einzuloiten. Polen. ^Reorganisation der polnischen Staatsbahnen. Warschau, SO. August. (Polnische Stimmen.) Wie die „Gazeta Warszawska" erführt, sind Verhandlungen im Zuge, die sich auf eine Sonderstellung und Reorganisation der polnischen Staatsbahnen nach kaufmännischen Grundsätzen beziehen. Di< -snahM des Universitätsbetrieber. Jassy, 28. August. (I. C. B.) Untcrrichtsminister A n» g h e l e s c u versicherte einigen Professoren gegenüber, daß am J. Oktober die Vorlesungen an sämtlichen Universitäten des Landes ausgenommen werden. König Hnsiein gegen das englische Palästina' Mandat. Ans Jerusalem nveldet I. C. B.: Unter den Auspizien der christlich-mohammedanischen Gesellschaft hat am 22. August eine Konferenz arabischer Vertreter aus allen Teilen Palästinas stattgesundeu. Der Sonderdclegiert e des »Königs H u s f c i n, S a y i d A b b a s e l Mal k i, der soeben in Palästina eingetroffen war, erklärte, König Hussein verlange ein unabhängiges Palästina, das der arabischen Föderation angehören soll. Der englisch-aräbischc Vertrag werde dementsprechend geändert werden müssen, da ihn sonst König Hussein nicht unterzeichnen wird. Sayid Abbas el Malki versprach, König Hussein werde die Antwort, die Es E n g l a n d e i n treffen w ird, den A r a >b e r n P a l ä st iu a s. b c rate n. König »Htlssein 'betrachte alle Palästinenser, als Mitgli«der >der Panara'bischen EäMederatian.