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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-30 · Heft 1634 (30.8.1923) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1634 (30.8.1923)
Date
1923-08-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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f ElozelnmnmerKIOOO Wien: Zum Abholen in der Expedition,II.,Tabor8tr.l-3, oder in einerVerschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Wiener Tschecho-Slowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. P o 1 e n: Mon. Mk.70.000.Deutschland: Mon. Mk. 500.000. Pranke.« Belgien: Monatl. Pres. 8 WM- Nachzahlungen 10 bei Preiserhöhungen Vorbehalten Dir. 1634 Wim. Annerstag. 30. August 1933 Tscnecho-8lowak»li Ischech. K 1.20 Italien: Monatl. 10 Lire, Rum a n i e n Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Pres. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19. ab 6 Uhr abds.19-483,25-282 Tel-Adr.: «Morgenzeitung“ Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 5. Jahrgang Das Bekenntnis zur Mivori- Menfrage. (Von unserem Warschauer Korrespondenten.) ' Bisher hat die polnische Oeffentlichkeit, insbesondere die Presse, das Bestehen von Minoritätenproblemen in Polen stets geleugnet. Wenn jedoch von irgendwelcher Seite auf das Minoritätenproblem in Polen die Aufmerksamkeit gelenkt wurde, so hatte die polnische Presse immer eine Antwort bereit: durch die Paragraphen 109 und 110 der polnischen Verfassung und die Zllfätze zum Versailler Vertrag sei das Minoritätcnproblem für Polen gelöst. Daß dem verfassungsrechtlichen Fundament mich die Durchführung der Grundbestimmnngen zu folgen habe, darüber wurde Stillschweigen gewahrt. Nun ist aber gerade in der letzten Zeit in der polnischen Presse eine merkwürdige Hellsichtigkeit dafür aufgetaucht, daß es in Polen, wo bekanntlich nach den statistischen Ergebnissen der letzten Volkszählung 30 Prozent der Bevölkerung aus nichtpolnifchcn Minderheiten bestehen, doch ein Minoritätcnproblem gibt, das eigentlich noch immer ungelöst ist. So hat sich jüngst das konservative Organ „Knrjer Polski", das gerade in den Angelegenheiten der nichtpolnischcn ^Nationalitäten bisher immer schamhaft sein Haupt verhüllte, mit dem Minderheitsproblem befaßt; cs erklärt nun in überraschend eindeutiger Weise, die bisherige Taktik gegenüber den Problemen der nichtpolnischcn Nationalitäten sei immer die der Defensive gegen die Minoritäten gewesen, da jeder Versuch der Minderheiten, ihre nationalen Rechte auf kulturellem Gebiete zu erlangen, als ein Angriff gegen Polen betrachtet worden sei, gegen den inansich wehren müsse. Das Minoritätenproblem sei bisher stets als politische In-" trige aufgefaßt worden. Noch weiter geht das Zeiktralorgan der Nationaldemokraten, die „Gazeta Warszawska", welche bisher das Bestehen eines Minoritätcnproblems stets geleugnet hat und auf einmal nicht nur das Vorhandensein dieser bisher negierten Frage zngibt, sondern unumwunden erklärt, den polnischen Parteien sei der Vorwurf zu machen, daß sie bisher für die Lösung dieses Problems gar kein Programm hatten. Dieser plötzliche Entdcckercifcr der polnischen Presse gegenüber den Fragen der Minderheitsrechte müßte in Erstaunen setzen, wenn man nicht wüßte, daß man in der. letzten Zeit in Polen durch die Anfmerksamkeit des Auslandes einen gewissen Anstoß erhalten hat, dem Minoritätcnproblem Beachtung zu schenken. Dieses Interesse von außen dürfte sich auch auf der bevorstehenden Tagung des Völkerbundes äußern. Eine bisher noch ziemlich verschwommene halboffizielle Meldung gibt sozusagen nrbi et orbi bekannt', daß von Polen gewisse Aufklärungen bezüglich der Durchführung der Minoritätenklausel des Versailler Vertrages gewünscht werden. Man muß ferner in Rücksicht ziehen, daß gegenwärtig intensive Auslandsverbindnngcn Polens durch die Verhandlungen über eine Ausländsanleihe bestehen, und da die nationalen Minderheiten in Polen vielfach als wirtschaftlich aktives Element für die produktive Auswertung der Anleihe und demzufolge für ihre Garantiestchernng in Betracht kommen, so werden sie eben ein Faktor, mit dein das kreditgewährendc Ausland rechnet. Es muß hervorgehoben werden, daß eine neue, von der bisherigen grundsätzlich abweichende, Einstellung ans das Minderheitsprobleui für die so dringend notwendige und dem Gedeihen des jungen polnischen Staates wahrhaft wünschenswerte wirtschaftliche Konsolidiernna ein wichtiger Faktor ist. Denn Bcvölkerungsgrnppen können in einem Staate nur dann ihre volle produktive Leistungsfähigkeit entfalten, wenn ihnen auch die grundlegenden sozialen und nationalen Lebcusbedingnngcn gesichert sind. Es ist also anzunehmen, daß die in der Polnischen Presse hervorgetretene Aufmerksamkeit gegenüber dem Minoritätenproblcm sich.zu dem Willen nach ernster Lösung desselben verdichten wird. Von den Nalionaldcinokraten, deren chauvinistisches politisches.Programm sich bisher durchaus nicht als der Staatsgcsanitheit förderlich ervüescn hat, ist natürlich trotz Per Auslassungen der „Gazeta Warszawska" in dieser Hinsicht nichts zu erwarten. Aber die polnischen Parteien der übrigen Gruppen wären imstande, dem Problem mit viel weniger getrübten Sinnen ins Auge zu schauen. Run hat sich bekanntlich in der letzten Zeit die polnische Sozialdemokratie in^ihrem Kampfruf gegen die Reaktion auch mit der Notwendigkeit einer Aenderung London ist enttäuscht. Ae AMmgen der Alliierten wertlos. — Belgiens Antwort nur ei« Scho der franröfifchen. — Cin neuer deutsches Angebot? London,. 29. August. Das Reutersche Bureau meldet, der E t n d r it cf, den die belgische Note in maßgebenden Kreisen hervorgerufen habe, sei der, daß sie die .Lage nicht sehr vorwärts gebracht habe und daß das Ruhrproblem sicher nicht der Losung nahe gebracht sei. Man bedauere, daß die Note den britischen Vorschlag einer / internationalen Sachverständigenkommission nicht erwähn e, und sei der Ansicht, daß die E rk l ä r u n g c n der Alliierten bezüglich der Summe, die sie vou Deutschland zu erhalten wünschten, in Wirklichkeit ohne Wert seien und daß die gesamte RePara t i o n s f r a g c vom Gesichtspunkte der äußersten Z a h l u n g s f ä h i g k e i t D c n t s ch l a n d s aus geprüft werden müsse. London, 29. August. Ter diplomatische Berichterstatter des „Daily T e l e g r a P h" schreibt, in britischen .Kreisen herrsche allgemein die Ansicht, daß die belgische Note nicht dazu beitrage, eine praktische Vereinbarung unter den Alliierten zu fördern, und sehr enttäusche. Die belgische Note, schreibt das Blatt, enthält kein weiteres Mort über den Vorschlag, eine internationale Sachverständigenkommission cinzuberufen. Belgien beharrt also wohl auf seiner Politik vom 30. Juli. Hinsichtlich des Rnhrg c h i e t e s ist die belgische Note n u r c t it Echo der französische n. DeuffMand bereitet M sestzs AngeSgi bar? Paris, 29. August. Der Berliner Berichterstatter der „Chicago T r i b n n c" will erfahren haben, daß man in Deutschland die Atmosphäre nach den letzten Erklärungen Poincares für gereinigt halte. Wahrscheinlich werde ein neues deutsches A ngebot zur endgültigen Lösung der Reparationsfrage erfolgen. krhShte BerkaMimgsbereiMast in Frankreich? Berlin. 2N. August. (Tcl.-Komp.) Die „Bossische Zeitung" meldet aus Paris: Die hiesigen amtlichen Stellen äußern sich heute weniger bestimmt über die Behauptung, daß van deutscher Seite eine Fühlungnahme angestrebt werden sei. Es habe sich nicht um eine amtliche Sondierung gehandelt und diese sei auch nicht in Paris unternommen worden. Bei dieser Gelegenheit wird auch betont, daß die französische Negierung jederzeit zu Unterhandlungen mit der deutschen Regierung bereit sei. Man präzisierte diesen Standpunkt ausdrücklich dahin, daß Frankreich ohne Rücksicht ans den passiven Widerstand Deutschlands bereit sei, der deutschen Regierung jede gewünschte A n sk l ä r u n g zu geben, vorausgesetzt, daß die deutsche Rcgicrung den Wunsch, eine solche zu erhalten, auf normalem, diplomatischem Wege zu erkennen gebe. Aufgabe der passiven Widerstandes? Wie der „Sozialdemokratische Parlamentsdienst" meldet, fand gestern eine Sitzung des Abweh rausfchuss e s beim Reichskanzler statt,. in der der W i l l e der Ru h r b e v ö l k e r u n g zunr Ausdruck gebracht wurde, den passiven Widerstand aufzugeben, falls sich Frankreich bereit erklärt, die A u s g e w i e f e n e n -zurückkehren zu lassen und die Gefangenen frei; u geben sowie der Bevölkerung alle notwendigen Sicherheiten für Leben und Dasein zu bieten. Lar Programm des neueu englischen Zchatzkanzlers. London, 29. August- (Tel.-Komp.) Der neue Schatzkanzler Nevile C h a m b c r l a i n erklärte dein Korrespondenten der „Times", daß er keine neue Finanzpolitik cinführcn Werde. Was 'ihn am meisten beschäftige, sei die Wiederherstellung normaler wirtschaftlicher Verhältnisse in England, das heißt, vor allein die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Die Frage der Arbeitslosigkeit sei' gegenwärtig das größte Problem, vor daS England-gestellt'fei. Dieses Problem sei aber mit der Gesamtlage in Europa eng verwachsen und könne durch bloße Diskussion nicht gelöst werden. Er HKffe, daß es in der nächsten Zeit möglich sein werde, eine Harmonie zwischen England, Frankreich, Belgien und Italien herzustellen, damit sine endgültige und befriedigende Lösung der Reparations- und ' Schutbenftwge Munden werde. Aber wenn auch eine solche Regelung in'nächster ZMnft zustande komme, so würde England gleichwohl im kommend'" v’m'er an der Arbeitslosigkeit zu leiden haben. . - Ar deutsche Ander. Berlin, 29. August. (Wolfs.) Die Kosten der Lebens» Haltung haben sich vom 20. bis 27. b. unc 57 Prozent erhöht. Die Reichsindcxziffer beträgt demnach für den Anfang der laufenden Woche. 1,183.434 gegen 753.733 in der Vorwoche. Dir strhShnvß der deutschen Mhntarkse. Berlin. 28. August. Der Rcichsderkebrsmin-ister hat vont 1 September ab die S ch l ü s s c l z a h l im Personenverkehr von 150.000 auf 600.000 und int Güterverkehr von 1,2 cnft 1,8 Millionen Mark hinausgcsetzt. Frankreichs «nhransdentn«,. Fast Null. . Paris, 29. August. (Wolfs.) „Iournee Industrielle^ veröffentlicht folgende Ziffern über die Kohlen- und K okse infuhr aus dem Ruhrgebiet nach Frankreich und L u x e m b u r g in der Zeit vom 11. bis 20. August: Kohle 34.500, Koks 67.200 ttnd Braunkohle 600, insgesamt 102.300 Tonnen. der bisherigen Nationalitätenpolitik befaßt. Man sollte nun meinen, daß die Erkenntnis einer unumgänglich notwendigen Lösung dieses Problems bei der sich so gern als die fortschrittlichste Partei bezeichnenden Sozialdemokratie einigermaßen ernst zu nehmen sei. Wie aber sieht es in Wirklichkeit aus? Da wirft der sozusagen offizielle Kommentar, den das Zentralorgan der' polnischen Sozialdemokratie zu' dem bereits erwähnten Communique mitteilt, ein grelles Schlaglicht auf den methodischen und taktischen Charakter dieser tm Kommunique so breit unterstrichenen Forderung der polnischen Sozialdemokratie. Dort heißt es: „Während das Verhältnis der gegenwärtigen Koalition zu den Ukrainern und Weißrussen durchaus feindselig ist, -da diese ausschließlich bäuerische arme und schutzlose Bevolkerungsteilc sind, handelt die Koalition gegenüber den Inden ganz anders, weil hier die finanzielle .Stärke der jüdischen Plutokratie und ihr riesiger internationaler Einfluß im, Spiele stehen. Deshalb ist die Koalition nur mit dem Munde antisemitisch und das nur zu Hause in ihrer Presse. In Wirklichkeit aber gibt es keine Regierung, die dem jüdischen Kapital so unterworfen wäre wie die reinpolni-sche gegenwärtige Koalitionsregierung. Diesem Umstande.haben wir es zu verdanken, daß die Aktion für die Einführung des Numerus clausus, Ivelche mit so viel Lärm in Szene gesetzt wurde, in einem bengalischen Feuerwerk aufgegangen ist". Man greift sich an den Köpft hier werden niäft nur die Lügen von den „internationalen anonymen" Einflüssen des Judentums aufgcwärmt, sondern das Hauptorgan der polnischen Sozialdemokratie macht es sich zur Aufgabe, die Nationaldemokraten zu provozieren, daß sie die Durchführung des Gesetzentwurfes über den Numerus clausus beschleunigen! Wenn im Herbst die Nationaldemokraten das Numerus clausus-Gesetz, welches geradezu einen Faustschlag gegen die nationalen Minderheiten bedeutet, ihren Propagandazwecken zuliebe durchsetzen sollten, so werden sie sich darauf berufen können, daß die am weitesten linksstehende polnische Partei sie dazu ermuntert hat. So sieht also bei Licht besehen das 'Nationalitätenprogramm der polnischen Sozialdemokratie ans. Sie stellt cs als Locknittel'zum Wählerfang auf und in Wirklichkeit zeigt sie sich in einein Momente, in dein man in Polen zu erkennen beginnt, daß das Minoritätenproblem ernst und aufrichtig gelöst werden müsse, als unehrliche Verfechterin von parteiagitatorischen Interessen, die dem Staate schaden müssen, nur um den „reinen" Polonismus der Herren Liebermann und Diamand zu wahren. Man sieht an diesem Beispiel, wie . sich auch die polnischen Sozialdemokraten gleich ihren Genossen in anderen Ländern von rein taktischen Erwägungen leiten lassen und ihre Prinzipien im Stiche lassen, wenn es um ein klares Bekenntnis in der Lkudenfrage geht.

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