Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1633 (29.8.1923)
- Date
- 1923-08-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1688 ' Men, Mkiwoch Eschlosfen, nachdem ihnen die Regierung zugesichert habe,, daß ihre Mitarbeit die politische Seite der Palästina-i Frage nicht beeinflussen wird. Die Regierung habe <m* erkannt, daß sie nicht den Charakter von Vertretern haben, sondern nur von der Regierung ernannt! seien. Sie hätten also feine andere Eigenschaft als die arabischen Beamten in darr verschiedenen Aemtern. Sie wollen mit der Regierung zusamtnenarbetten, weit sie zurj Ueberzeugung gelangt sind, daH sie durch ihre Tätigkeit im Council für die Befreiung, des Volkes vom ökonomischen Druck wirken können. „Wir werden,'", schließt das' Schreiben, „auf diese Weise die Existenz des OolkeÄ so lange erhalten, bis seine Bestrebungen verwirklicht sind^ Lallte die Regierung unsere im Interesse des Volkes gestellten Forderungen nicht erfüllen, wird uns unser rationales Gesü hl diktieren, daß wir; demissionieren." _.;'i | f Jüdische Beamte aus Palästina für Syrien. Das Oberrab'binai von Palästina ist von den französischen Behörden ersucht worden, .80 jüdische.junge Leute zu empfehlen, die geeignet sind, Beamtettposten 'm den vcrschie-, denen RegicrungÄtopartemettts in Syrien zu bekleiden. <9. C. B.) Ein Geschenk Baron Rothschilds an Petach-TilNmh. Baron Ed m o n b Rot h s ch ild hat den Kolonisten von Petach-Tiöwah ein großes Loko mobil im Werte von 10.000 Pfund zum Geschenk gemacht. Vermächtnis eines palästinensischen Bankiers. Der jüdische Bankier Valero, ein Sepharde, der letztens gestorben ist, hat einen Betrag von 15.000 P f u tt d jüdischet: Jnst't^- tiouen in Palästina vermacht. (I. C. B.) Rundschau. Beginn der BSlkerbnudratMgung am 31. August. Genf, 28. August. Die erste Sitzung der 2 6. T ä g n u g dett Völker Ü u n d r a t e s ist cttdgültig auf dru 81. A ng u st angesetzt werden. Rene englische Minister. London, 27. August. (Reuter.) Ncvillc C l) a m- * c i* t a i n ist zum SchaHka u zler und Johnson H i ck s zum Minister für Gesu n d h e i t s w e s e n ernannt worden. Fords PMdentschaftsknndidntnr. Aus Neiv-Aovk meldet I. E. B.t Da Henry Ford in seinem letzten Gespräch mit Zeitungsmännern eine Fortsetzung des Kampfes gegen die Juden angesündigt hat, befragte die Redaktion des „W o r I d"' einige angesehene Amerikaner über ihre Meinung von Fords Propaganda und seine Aussichten als Präsidentschaftskandidat. Der Präsident der New-N o r k er Ha ndelska mm c r. Mr. KingSly erklärte, Fords Judenfeindschaft kann man nicht anders als Irrsinn bezeichnen. Seine Behauptungen von Ner Gefährlichkeit angeblicher „internationaler Inden" sind Hirngespinste. Der frühere amerikanische Botschafter in Berlin Mr. Gerard führte ans, es stünde schlimm um Amerika, wenn ein Mann wie Ford Präsident würde. Stresemann, der letzte bürgerliche Kanzler. London, 28. August. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) ,ß) ü ily T c legrap h" Vevöffentlicht ein Interview, das Dr. Stresemann dem Berliner Korrespondenten des Blattes gewahrte. Stresemann erklärte, daß, wenn seine Regierung zu Fall komme, er der l e tz t el> ürgerl i ch e K a n z l e r Deutschlands gewesen sei. Wenn sein Kabinett demissioniere, so würde nicht nur Deutschland, sondern auch ein Großteil Europas bolschvwisievt. Das deutsche Volk ist sehr geduldig, wenn cs aber nichts zu essen hat, wird es sich auslehnen. Wir werden unser möglichstes tun, um die gegenwärtige Krise zu überwinden. Im übriger: erklärte sich der Kanzler als Anhän ger einer Verstand i g u ugspolitiI zwischen F ran kreich, Engl a n d und D e n t s ch l a n d. Wenn ein allgemeines Abkommen Mischendiesen Ländert: abgeschlossen würde, könnce der Fredde und Wohlstand in Europa wieder hcrgcstellt werden. London, 28. Ang-nst. (Wolfs.) Der Sonderberichterstatter des „Daily Graphic" hatte mit dem Reichskanzler Dr. Stresemann eine Unterredung, in der der Reichskanzler lebhaft für eine g e nt e -insa m e V e rstandiigung zwischen Frankreich, England, und Deutschland emtvat. Ein derartiges gemeinsames Uelbereinkommen sei der einzige Weg zur Wiederherstellun g der Ordnung, des Friedens uitd der Wohlfahrt in Europa. Lassen Sie uns, sagte der Reichskanzler, an der schnellen Lösung der entsetzlichen < Krise und an dem Wiederaufbau eines neuen Europa gemeinsam arbeiten iluslösung des Berliner kommnnWchen Betriebsriiteausschustes. Berlin, 28. August. Dos preußische Ministerium des Innern hat ans Grund des Gesetzes zmn Schutze der Republik den kommunistischen Zentralausschuß der Großbcrliner Betriebsräte emschließlich seiner Leitung und seiner Unterausschüsse für das preußische. Staatsgebiet au sg e l ö'st und v e-r b o t e n. Weitere polizeiliche und strafrechtliche Maßnahmen sind oingeloitet. Wiener Morgenzeitung. Zionist. Bezirksorganisation Brigittenau tz - "m.,, v " - > " ~ ~Tr -. . . ■■ --■ - Honte Mittwoch den 29. August I. J., 7 Uhr abends, im Saale der Toynbee-Halle, XX., Denisgasse 33 Massenmeeting Berioht der Kongressdelegierten. Herren L. Taubes, Br. J. Waldmann Die Nachsolgeschast Havensteins. Berlin, 28. August. (Tel. der „Wr. Morgenzeitung".) In politischen Kreisen werden als eventuelle Nachfolger des Reichsbankprästdenten Ha v e nsie t n der frühere Staatssekretär B e r g m a n n und die Bankdirektoren Schacht und Baffer mann genannt. Hin Urteil wegen versuchter Spionage. Leipzig, 28. August. (Wolfs.) Im Prozeß gegen den Journalisten Walter Oehmc ist heute mittags vom evstinstanzlirchen Senat des Reichsgerichtes das Urteil gefällt worden. Oehme wurde wegen versuchten Verrates militärischer Gehermn tffc und wegen ve rsu chtcr Spionage unter Anrechnung mildernder Umstände zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Das Gericht erblickte mildernde Umstände darin, daß es sich bei den strafbaren Handlungen nur um eilten Versuch gehandelt hat, der sichtbare Schäden nicht zur Folge gehabt habe. (Oehme stand unter -der Anklage, er hätte beabsichtigt, gewisse Pläne der R e ch ts p u ts ch i st e N sowie Verfügungen, die sich auf den passiven Wide r st and im Rlchrgebiet beziehen, einer ausländi-schen Korrespondenz zu. übermitteln. Daß durch solche Urteile das französische Mißtrauen nur gesteigert wird, scheint man in Deutschland nicht berücksichtigen zu wollen.) Bolen und der RinarMenverttag. Haag, 26. August. (.Havas.) Der B ö l -k e r b u n b* rat hat den I u t e r n a t r o n a l e n G e r i ch t s ho f um seilte Meinung über gewisse Fragen ersucht, die sich auf den Artikel 4 des Vertrages beziehen, der aut 28. Juni 1919 von -den alliiertet: und assoziierten Hauptmächten und Polen unterzeichnet wurde und unter dem Namen des M i li o r i t ä t s v e r t r a g e s bekannt ist. Ta die p o l n t s ch e R e g terung bem Gerichtshof ihren Wunsch, in dieser Angelegenheit gehört zu werden, lnitgeteilt hatte, hat der Gerichtshof beschlossen, die diesbezüglichen Ausführungen des polnischen Bert re? t e r s" e u t g e g e nz u tt e h m c tt; Zu Vertretern der Polnischell Regierung wurden der Professor der Universität Krakau Graf Rostwor o wski und Legationsrat B e r c n s o n bestellt. EmorÄmg der italienischen Zeiesierten i» Albanieu. Athön, 28. August. Die Mitglieder der i t a l i e n ischen Delegatiolt in der albanischen Grenzabstockungskomntission, General Telini, der Arzt Scorti und Lentltaut Cortati, sind aus hem Wege von Janina mich Santiquaraitta von Nnbekanntelt e r nt o r d e t worden. Auch der Chausfeitr und der Dragomanit der Tclegatiort wltrdcn getötet. Die hellenische Negierung hat unverzüglich dem italienischen Gesandten ihr Bedauern ausgesprochen. Anr anckische NviverWt in Bagdad. Jerusalem, 25. Atigust. (I. E. B.) Wie. aus Bagdad gemeldet wird, sind die Vorbereitungen für die Eröffnun-g der a rab ische n Un iv cr sitä t in B a g d a d abgeschlossen tvorden. König F a i s u l hat Professorelt aus Aegypten füv die verschiedenen Fakultäten eingeladen. Letzte Nachrichten. Die ungarische Regiernag verhandelt nicht «it der SWofitioa. Budapest, 28. Atlgust. Die Regierungspartei hielt henke abends -eine Konferenz ab. Mmistcr des Äonß-ern D a r nt v a r y, der den sich a.u!s llrl-cmb befiMichen Ministerprösidettten Grasen Bekhlett vertritt, bezeichneke die Meldungen einzelner Blätter über angebliche Verhandltt ngen der Re gier u n g mit dett - b ü rg>exl tch cm OP Posi-tiotn § pa rteien oder mit dett altderen oppositionellen Gruppen als jeder Grundlage cnibehreatde Ersindu-ngen die nur dett Zweck verifolgett, itt der öffentlichen Meinung des Landes MWrauett gegenüber der Negierung und der Regiertlltgspariei hervorzuvusett. Er ersuchte die Partei, die Regierung bei der Lösung der -ilhrer in der nahen Zukunft harreltden schweren Ausgabelt zu tmkerMtzen. _29. Atlgltst 1923 Seite 3 Tagesbericht. Ein historisches gubilstum. Gewöhltlich wird als Orgatt der seinerzeitigen jüdischest Autonomie in Pölert ttnd Litauen die Vierländershltode be> zeichnet und es ist wenig bekannt, daß die Judenschaft Litauens, welche heute eine gewisse Autonomie ihr ergeri nennen darf, schon einmal ein eigenes Autonomieorgan besaß, dett „Rat" des Gelneindeverbandes des Landes Litauen.^Es sint nun derade 300 Jahre her, daß dieser Rat, der das Exekutivorgan der gesamten litmtischen Judetcheit bildete, entstanden ist. Er konstitnierte sich ant 8. Elül 5383 (1623 nach der üblichen Zeitrechnung), wie aus seinen auf »ns gekommetrert, jetzt in einer russischen Ausgabe erschienenen, im Urie-'t hebräisch abgefaßten Satzungen zu etsehen ist. Es sind also jetzt gerade 300 Jahre seit der Gründung dieses Rates der litauischen Judenheit verflossen. Er ivar die Folge, einer langen Entwicklung der litauischen Judengemeinden, die bereits im vierzehnten Jahrhundert bedeutende autonome Rechte besaßen. Schon damals gab es in Litauen einzelne organisierte Gemeinden in den größeren jüdischert SiMmgetl, wie in B r c st - L i t o lv s k, Grodno, Luckaja und anderen, die bedeutende Privilegien Volt dem litauischelt Fürsten Witoft erhielten, vorltehmlich, was die selbständige Ordnung ihrer inneren Angekgenheiten betrifft. Sie hatten eigene Gerichtsbarkeit in zivilrechtlichen Fällen, ihre Gemeindevorsteher hatten das Arissichtsrecht über die Gemeittdemitglieder und durften sogar verbrecherische Elentente in B a n n lcgelt oder aus der Genteiltde ausschließen und „außer Gesetz" stellen. Diese Autonomierechte der litauischen Inden wtndelt in der Folge noch erweitert. So erhielten die Juden von Trock im Jahve 1441. ein dem Magdeburger Judenrecht ähnliches Privileg, nach welchem der von ihnert selbst gewählte „W o j t" nicht '.mr in Zivilsachen, sondern auch bei Kriminal vergehen zuständig war. Die jüdischen Geineindett erhieltett auch Zwangsstcuerrechte und es wurden ihnen auL den allgemeinen Gemcindveinnahmelt Zitschüsse gewährt. Als aber die Reaktion in Litauen tmrch verschieden ReUgionsbetveglutgett immer mächtiger wurde und Hattd in Hand damit die wirtschaftliche und soziajle Lage der Inden sich verschlechterte, schlossen die Gemeinden einen engeren Verband, unt ihre Rechte zu schützen. So wurde vor dreihundert Jahren in Brest der erste. „Rat des Gemeindenverbandes in Litauen" begründet. Der Staat unterstützte dieses Exekutivorgan, das ja seinen' Verkehr mit der Judenschaft wesentlich vereinfachte. Nur in wichtigetc Fragen, welche die ganze Judenheit der ztt dieser Zeit bereits vereinigten Staaten Polen tmd Litauen betrafen, nahmen die Vertreter des litanischen Rates an der Vierländersynode teil. Sonst versammelte sich der litauische Rat alle zwei oder orei .Jahre — jedesmal in einer anderen Stadt -- zur Erledigung der läufendett Angelegenheiten des litanischen Judentums. Er setzte die Höhe der Abgaben fest, regelte die Beziehungen ver einzelnen Genteinden untereinander tmd in ihrem Inneren, behandelte die wirtschaftlichen, religiösen mtd sozialett Fragen. Die nngünsttge Entwicklung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse im Lande zersetzte jedoch allmählich das ttrsprünglich feste Gefüge dieses Organs der jüdischen Atitoitomie und nach llOjährigcm Bestände löste sich der Rat auf. Die letzte Konferenz fand im Jahre 1764 statt. Die Sommerfreude» der blinden Frau. Sprach matt im Winter mit der blinden Frau, denn ftnfzte sie wähl utancheAnal: „Wentt es mtr wieder ivarm wäre! Ich iverde ja den blauen Himmel auch nicht fthen und die Bluattett und die gvünen Bäume, aber ich werd' doch nicht mehr frieren müssen. Es wird ein ganz anderes Leben sein . . . Wenn man von der Arbeit femum-t, kann mau sich ein bißchen >in dett Park setzett, ansrtchett, spreche^ hören . . ." Der Sommer ist gekommen. Er hat der Blinden tricht viel Freude gebracht. Denn schon -im Vonftühlüng verlor sie ihre Apbeit, die Wirkkvarenifabrik vcrtümdert dett Be-lr-ieib ttttd unter den ersten, die vnt-lassen lmtrden, war tta-türlich die Blinde. Sie lebte seither so gttt es ging vo:t der ArbLitslolsemtnierstützting. Es. gittg .nicht gut. Ein paar mitleidige Frauen, die das Elend aus ltt-a-her Nachbarschaft ntiianfaihen, Hälsen der jüdischen Schwester eimträl mit ein wettig Geld, .mit eilt paar Kilogramm Mehl older mit ein paar Handreichungen, tvenn die kränkliche Fratt der' Pflege bMtvste. Es ging ttichk gttt, wahrhaftig nicht — aber es ivar doch noch nicht die B-evKvüWnng. Die ist jetzt here-ittgebrochen. Denn die Arbvt'tslostttnttterstützung ist „ans", die Frist ist übgelansen. Und nirgends auch mrr eitt schwacher Hossttungsschimitrer, Arbeiit ztt finden. Es seiertt ja so viele Sehende, wer sollte die Blinide ruseit. Die kärgl'ichett Nkvtgroschen, mit bitterer EntbchvtMg bezahlt, schwinden dahin wie Schnee itt der Märzenisotrnc. Jedett Abeatd schleicht die Bbmde zn einer Nachbarin mit ihren Ban'knotett mtd läßt sie zählen, ilüßt zitternd nachprüfen, ob man fl; rkicht betröget: hat. Niemand betrügt sie — dennoch rückt unerbittlich der' Tag Heran,, da die Fran mich tticht mehr das Brot bezahlen kamt, betrieben vot: der Attgst versucht-.' die Arbeitslose, was sie noch me getan. Sie gncg zu roctt Frauen, die ihr Hilfe geliehen, trm einen Rat, .um zu erbitten. Aber sie klopfte.an verschlossene Türett. Der Sommer hatte alle hiimusgelockt, ans Meer, in die Berge, an die blattet: Sectt und die dttnklett Wälder. We-nn von dort eimnal ein Grldanke zur blinden Iran zttrückflog, dann beischwichtigtett sie die Sorge glcich: es ist ja Sommer, da wird sie es schon gut haben. So.war auch diese Hoifsttung zunichte gcüvordett. Das Schlimmste alber War, daß die Wäsche tmd die. Kleider, die