Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1630 (26.8.1923)
- Date
- 1923-08-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2979076-2980477-2980711--15922-3002789- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
M. mr Merk, SoüMg Der Mordproreß Baur in München. Aus München wirv gEekbet: Jur Prozeß gegen die des MviÄes <m dem Studenten Baur angeklagten HakenkveuKer wurde der ehemalige Privatdogent Dr. Arnold Rüge, emer der wütendsten Pogromhetzer, als Angeklagter omvernommen. Rüge beftvrtt, mit der Ermordung des ihm als Spitzel und Erpresser verdächtigen Baur im Zusammenhang zu stehen. Auch die blutrünstige Aufforderung an di,e angeklagten MLglüder des Blücher-Bundes zur Ermordung einflußreicher Juden suchte Rrvge patriotisch um- «Äeuten. Er ser von dem Bnudesvorsitzenden Schäfer ersucht worden, das heilige Feuer in die Herzen der Juden p gießen. Nun treten dieselben Schäfer und Genossen als Ankläger gegen ihn auf. Jnfolgsdessen fei er jetzt von der Ansicht aLgekomrnen, daß er von den Juden verraten Morden sei. Die Verräter seien vielmehr jene Dunkelmänner in den vaterländischen Organisationen, die zum Teufel und zum Mammon hinabrücken. In der in Frage stehenden Rä-e habe er auf die Wichtigkeit der Fühverfrage hrngewties-en, und auf die Stunde, in der es notwendig sein werde, die falschen Führer zu erledigen. Er habe dabei Poincare, Dorten und Radek im Sinne gehabt. Die jungen Leute sollten deren Beseitigung in ihr Abe ndgebet aufnehmen. Auf Vorhalt des Vorsitzenden muß Dr. Rüge zugeben, daß er dabei auch die I u d e n g e m e i n t habe, doch will er nicht zur Ermordung einzelner bestimmter Juden aufgefordert, sondern die Juden lediglich in eine Reihe mit den anderen feindlichen Völkern gestellt haben. Kn neuer amerikanischer Prüfidentschaftrkandidat. Paris, 25. August. (Wolfs.) Nach einer Mldung der ^Chicago Tribüne" aus Memphis erklärte Senator Underwood, der feine Kandidatur für die Präsidentschaft aNkündigt, in einer Rede, die amerikanische Industrie brauche gegenüber Europa keine Schutzzölle mehr. Die Vereinigten Staaten hätten bei der R egelung der europäischen Angelegenheiten. Stellung zu nehmen. Amerika würde sich nicht damit begnügen, dem Haager Gerichtshof beizutreten. Es bedürfe einer machtvollen Intervention einer starken Regierung, um den Frieden zu erhalten. Eine neue Eisenbahnlinie in Kleinaßen. Paris, 25. August. (WoHf.) Wie der „Matin" aus Rom Meldet, werde demnächst in Paris Mischen Jtaltmi, England und Frankreich sin Abkommen über den Bau einer neuen, sehr wichtigen Eisenbahnlinie in Kle-ina>sien abge- Wosseik werden. Auslösung der Sobranie? Graz, 25. August. Die „Tagespost" meldet aus Sofia, der König habe das Dekret ülöer die Auflösung der Nationalver>s-amim!Imn-g unterfertigt. Die Nc-u,Wahlen -seien für die erste Hälfte des November auLgefchrivben worden. fraget Schake! ÄKeMV MÄMtrzefiung. Da» polnische Anleiheproblem. (Bon unserem Warschauer Korrespondenten.) Schm und Senat sind in die Ferien gegangen, aber von einer toten Saison in der Politik kann man nicht sprechen. Im Gegenteil — es geht in unserer Politik sehr lebhaft zu. Denn Polen steht vor wichtigen Entscheidungen inner- und außenpolitischer Natur. Die letzten Monate haberd die Wirtschaftskrise zu einer Höhe gesteigert, die nur noch durch die Deutschlands überboten wird; und zwischen diesen beiden Krisen besteht ein enger Zusammem hang. Man hüte sich aber vor der Annahme, die so gern glauben gemacht wird, die wirtschaftliche Krise Polens sei einzig und allein auf das Chaos in Deutschland zurückzuführen. Wohl ist Polen durch die deutsche Katastrophe stark in MMdenschaft gezogen, aber die Hauptursache der Polnischen Wirtschaftskrise ist innerer finanzpolitischer Natur uüd hängt aufs innigste mit der gesamten Politischen Orientierung dieses Staates zusammen. Auf die politischen Konzeptionen Frankreichs gestützt, muß Polen riesige Summen für die Erhaltung zweier langgestreckter Fronten aufwenden. Für die Aufbringung dieser Summen hat Frankreich Hilfe geleistet, solange es dies vermochte. Aber diese Hilfsquelle ist versiegt, denn Frankreichs finanzielle Situation erlaubt ihm keine kostspieligen Subventionen. Eine bereits im Anfang dieses Jahves in Aussicht gestellte französische Anleihe von 400 Millionen Franken (was etwa der Summe des polnischen Militärbudgets entspricht) konnte bis heute nicht liquid gemacht werden. Ein anderer wichtiger Grund für den dauernden wirtschaftlichen Krisenzustand ist die andauernde Passivität der polnischen Handelsbilanz. Der Hauptabnehmer für die polnischen Jndustvieerzeugnisse, Rußland, ist politisch und wirtschaftlich von Polen scharf getrennt. Ein Ersatz ist nicht gefunden, kann auch schwer gefunden werden. Die Ausfuhr der Rohprodukte (Rohöl, Salz, Kohle, Holz, Getreide) leidet unter dem Mangel au Absatzgebieten und an einer geradezu merkwürdigen Außenlhandelspolitik, welche die Konkrrrenzfähigkeit Polens in Preis und Marktanpassung arg drückt. So kommt es, das; dieses Land trotz seines glücklichen Reichtums an Bodenprodu'kten, seinen notwendigen Auslandsbedarf immer teurer bezahlen muß. Dazu gesellt sich noch eine völlig verkehrte Wirtschaftspolitik im Innern, welche die wirtschaftlich aktiven Elemente lahlnzulegen bemüht ist, da sie angeblich in das nationalistische Konzept einer um jeden Preis nationalen Wirtschaft (was von vornherein ein Absurdum ist) nicht Hineinpassen. Mit dieser inneren Wirtschaftspolitik steht die staatliche Firranzpolitik in engstem Zusammenhang. Der geradezu zarten Schonung der Landwirtschaft vor Steuern und Abgaben steht eine Ueberlastung der anderer: Wirtschaftszweige mit Verbrauchs- und Produktroussteuern gegenüber, die zu riesiger Verteuerung und damit zu neuer Inflation führen muß. Berücksichtigt man noch, daß die Erhaltung der militärischere Schlagfertigkeit sowie eines übergroß gewordenerr Beamtenapparats (besonders auf den Eisenbahnen) ungeheure Kosten verursacht, so ist es begreiflich, daß das Ausland für die Gewährung einer Anleihe, die für eine Stabilisierung der Verhältnisse die erste Bedingung ist, starke Garantien rrnd wirksame Kontrolle fordert. Das ganze Um und Auf der gegenwärtigen politischen Probleme ist denn auch, ob es der Regierung W i t o s ge- 26. August 1923 Seite 3 lingtzn wird, eim große Ausländsanleihe zu stand zu bringen. Dabei ist aber ein wichtiges Moment in Be tracht zu ziehen. Mir diese Erlangung einer Anleihe Hai die bisherige außenpolitische Konzeption Polens versagt Heute ist nur von England, eventuell von Amerika, finanzielle Stütze zu erwarten. Diese kann, wie die bisherigen Verhandlungen zeigen, nur unter der Bedingung einer und fassenden Kontrolle (die Einsetzung eines Finanzberaters, als welcher der englische Parlamentarier Aoung ge« uanrit wird, wäre der erste Schritt dazu) erfolgen. Und mit der Annahme dieser Kontrolle müßte naturgemäß Hand in Hand eine neuePolitrscheOrientieruug Polens gehen. England lveiß, wann es Anleihen zu geben hat. S« kann es kommen, daß gerade die Ratio naldemokrati e, welche heute die Außenpolitik Polens bestimmt, genötigt sein wird, eigen ganz anderen Kurs nach außer vorzubereiten, will sie nicht gänzlich ins Hintertreffen geraten. Ohne die Frage zu untersuchen, ob die ganze vor der Nationaldemokratie aus Paris mitgebrachte bisherig außenpolitische Konzeption für Polen ein Aktivum bildet, muß die offenkundige Tatsache festgestellt werden, daß in der kurzen Zeit, da die Nationaldemokratie das außenpolitische Heft in der Hand hält, worum sie sich so lange rrnd nrit so viel Versprechungen bewarb, Polen überraschend schnell in einen Zustand der Isolierung gelangt ist, die rrrarr angesichts der Größe und der wichtigen Lage dieses Staate) wirklich nicht als Splendid Isolation bezeichnen kann. Dev durch die Bündnispolitik gegebenen, den wirklichen Verhältuisserr von Macht und Lage allerdings weit weniger entsprechenden kühl-bereiten Beziehungen zu Rußland unk Deutschland ist nach hoffnungsvollen Anfängen eines nachbarlich guten Verhältnisses ein scharfer Bruch mit der Tschecho-Slowakei gefolgt. Mit den Randstaaten ist ein freundschaftliches Nachbarverhältnis aus der von Polen gewünschten Basis einer gemeinsamen Front gegen Rußlau! und Deutschland nicht herzustellen. Bleibt von den Nachbarn nur das mit eigenen Existenzsorgen beschwerte Rumänien. Die englische Großmacht und ihr großer Einflus stehen bei der heutigen Lage der Dinge dem an Frankreich gebundenen Polen nicht zur Verfügung und für Italien politische Kombinationen ist Polen nicht von Wichtigkeit, sn 'bewegen sich in südöstlicher Richtung. Wird noch in Betracht gezogen, daß der große Freund an der Seine über die der Not entsprungerren und gerade von den Emissären des Bünduisgedankens geförderten und zum Teil auch ge- Original- Hob£- Liköre ZENTRALBUREAU: m Wien, I., Concordiaplatz Nr. 1 Telephone: 64-3-65, 65-0-64 EefoS mar in dieser i wBereskigew £Bas®h@I I HÖBE triple-sec WKW feil GlS^-RMiimungtverkauf Lm Schiffmann II., Taborsiraße 40 Telephon 47-1-78 Enjgros En siataiü Die neueste Geschichte des jüdischen Volles. Obwohl man nicht sagenkann, das; das Erscheinen dcr Dutbnowscheu Geschichte, mit dem der Mische Verlag vor drei Jahren begann, etwa die gleiche Sensation hervovgernfen hat, wie dies seinerzeit nrit dem Lcbenswer-ke Graetz' der Fall war, so darf nran doch,. ohne sich einer allizugroßen Uebertreibn-nig schuldig zu machen, -auch diesmal von einem Ereignis sprechen. Sind wir auch nüchterner, kritischer, an-spruchsvoller geworden, ssitldem wir die Methoden und Ergebnisse der Mischen Histo- Diogr-aphie mit denen der historischen Wissenschaft überhaupt zn verreichen gelernt haben, so können wir doch Dubnow trotz mancher Einschränkungen nicht unsere Bewunderung vorent- HMen. Für diejenigen, die russisch läsen, ist Dubnoiiv längst kein Neiu-er. Seine Gcischickft-e des Mischen Volkes erfreut sich durch ihre frisch-e lebendige Davstellnirg, durch die Behandlung der osterrropäischcn Geschichte, die ja bis dahin ein Stiefkind der Geschichtsschreibung gcüvesen ist, durch di-e mehr rrnd mehr demÄrch hervortrekeude nAlionaw Konzeption seit langen! außerordentlicher Beli-Mheit. Was Dubnow jetzt*) der Oeffentlichkeit -unterbreitet, -ist -eine in der Reife der Jahre mitten in den heftigen Erschütterungen des Staatsn-nid Wirlschaftslckbons in Rußland vollondotc, völlige Neubearbeitung seltnes GeschichtsiwertcZ von den ältesten Zeiten bis zmn Ausbruch des WEviciges. Wie Güa-etz so hat auch Dnbnow sich bei der Heraiusgabe insoweit nicht an die Zeitsollge gehalten, als er zuerst mit der „nou-esten Geischichte" (1789 bis 1914) bogi-nnt, für die dveii Teile vorgesehen sind. Das ganze Werk erscheint gleichze-itig irr hebräischer, Mischer, russischer -und de-ntischer Sprache. U-nd da i!hm schon darum eine große Derbreilluing sich>er ist, dürfte cs berecht-igt Spin, ihm besondere Auifnr>cvk.samke-it zuzuivenden. *) S. Dubnoiw: Die neueste Geischichte deS jüdischen NoM. Z. PaKr ALt; Leiten. MrllaL ALünchen- Nichts wär> leichter und für den Kritiker einfachcr als Vorzüge und Mängel g-egeni'r>bcrzustellen und gegen einander abzuwägen. Dnbnvws unvergleichliche Stoffbchcrvschu-ng, soi-ue ailschanliche Darstellung und gaschickbe Scheidung des Wese-ut- Ili-cheu von Unwesentlichen würden ans der KrMtseite, nnver» nreidliche Uebertr-eibungen, Unrichtigkeiterr und die von dem Autor nicht ganz zu. vertreionden Uebersetz-u-irgs-mäugel sowie technische Unvollkomn^nheiten (Mängel in den Literat-u-rang-a-ben, Fchlen eines Glossars) aus der Debeifti-te zu buchen sein, uim nur das Markanteste hervorzuheben. Was wäre aber mit solch naheliegend-er, kandläuftg-cr Kritik gclwonnen? Wir glartben daru-m, daß die wichtigste Aufgabe des Reize-nsenten in der. Betrachtung der Dubnowscheu Gclschichtsdarst-ellmrg, der Konzeption nud Melihodik seines Werkes bestehen muß. In der Tat k-omimt es ihnr a-uch in erster Linie auf diese Kernfrage au, wie aus den Worten der Vorrede hervorgäht. Er ist sich dessen bewußt, das; feine Areffasfrlug der Gchchichtsprozcsse allem, was bisher in der ' l-andläuifigeu Hi-storiogr-aphie darüber gesagt wurde, dia-rnetral entgegenstcht, und das; u>m sie ein Kampf ent-stchen muß. Während die jüdische Geischichtss-chrvibun-g — Graetz nicht ausgenommen — lange Zeit tut Ban-n-e. der „A u fklär-ung" stand, jedes Eroignis nach de-m, was m-an so Fortschritt oder Rirckschvitt nennt, beurteilte, die Stoffgliederung nach mehr oder minder äußerlichen Gesichtspu-Merr vorn>ahm B. Epoche der Tam-aiten, Amoräer, Geonien uftv.), überhaupt nur Mi Hanptpw-zesfe in der jüdischen Gc-fchich'te, Martyri>ologie und Litevatnr, kannte, hat Dubnow, der ftüher von Graetz abhängig war, sich allmählich von seinem Einslrrß sreigem-acht und sich von dieser veii-n eklektischen Aiethode zu einer die Erkenntnis der Gefchichtsprozesfe in ihrer Totalität «crstrcborrden und dem Jdealzrele sicherlich näherkoMmerrden Aüffassung emporger-unigen. Dubnow hält mit Recht den historiischen Idealismus der Graetz-Schule für überwunden, weil er n-icht nur der Vollstä-ndigker-t in der Erfassung der Prozesse, sondern auch einer Vert'iesuug in das Weisen der Di-rrge entgggensteht. U-m dies an einem Deü-viet klar zu machen, verweisen wir dm Unterschied der beiden Richtungen in der Auifsassrmg der Enrauz-kp-at ron. Was man in unseren Ges-chichtsdücheru darüber liest, läßt sich etwa in einem Hymnus aus den großen Fortschritt der Menschheit, den Sieg der Gerechtigkeit, Freiheit und Gleich» heit oder die „geschickte Anpassung an Staat und Gesellschaft" und dergleichen zufaimrnenfassen. U.m wieviel in-chr kommen wir dein Verständnis dieses bedeuiu-ngsvollen Gaschichtsprozess-es näher, wen-n wir ihn mit Dubn-oüv als einer Etappe i-it dem Existenlchaurps der Juden betrachten, n-nd fragen, iniwiehoci-t dabei die Bolksper-sönlichleit der Jrvden „sich behauptet und cutwickelt, und inwieweit sie sich nivelliert oder verwischt hat!" Dieses Verfahren ist freilich nicht als das letzte Wort ein-er modernen Geschichtsschreibung, sondern selbst noch ein, wenngleich .unzweifelhaft zukunftsreicher Versuch, der n-ene und weitere Perispcktiverr eröffnet. Dieser Versuch lehnt es ab, sich an das Schoma „Leiden nud Lernen" zn klammern, weil er alle Lebensäußeruugen des jüdischen Vollles begreifen Ivill, seine Politische die soziaMonornischen Verihältu-isse, das kulturelle Schaffest. Nur auf solchem Wege kommt man schließlich zu dem Ergeibn'is, daß die jüdische Geschichte nicht allelin eine passive Rolle dem jüdischen Volke aufKvang, sondcun daß dieses als Glied in derr komplizierten Wirtschaftsbeziehungen der einzelnen Völker und in seinem kulturellen Eigenleben eine sehr aktive Tätigike-it entfallet hat, durch die sein Schicksal allerdings unter exzeptionellen Bedin-grrngen weitgehend s-ekllbst besti-rrrrnt tunode. Ter Stoff der „Neuesten Geschichte des jüdischer! Volkes konnte leicht die Unterlage zu solchen Betrachlnngcn bieten, lvenn marr ihn nach allen Richtungen genügend meistert, und zumal der dritte Band wäre dazu ganz besonders geeignet. In ihm wird ein Zeitraum von 33 Jahren (1681 bis 1914) behandelt, der für d:e Erkenntnis der Geschichtsprozesse iir dem oben angederrteten Sinne geradezu als Schulfall dienen körurte. Verfolgungen und Unterdrückungen, das Anschtvell,en des Antisemitismus gehen- Hand -in Hand -mit einer wechselnden und charakteristischen Bedeutung der Juden im Wirtschaftsleben der Völker, wwie der -"«tionaleu. ct aut kulturellem ir,n^K^v'saS;Tiv7??<' i"-'-