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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-26 · Heft 1630 (26.8.1923) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1630 (26.8.1923)
Date
1923-08-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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« Seite - Dien, Sonntag — Bor tzen Wahlen in Griechenland. Seit neun Monaten wird Griechenland von der Diktatur des Obersten Plastiras beherrscht Md nenn Monate reichen dazu aus, um eine Diktatur aus den Angeln zu heben. Plastiras und Konsorten begannen ihre Herrschaft rnit blutigen Händen, indem sie den gewesenen Ministerpräsidenten Gunaris und Genossen hinrichten ließen, aus dem einfachen Grunde, weil es leichter ist, gefallene Politiker hinzurichten als gegen den bewaffneten Feind den Kampf auszunehmen. Plastiras riß damals die Macht mit dem Schlagworte der Rettung Thraziens an sich und ließ die gefangener: genommenen Politiker hinrnorden, anstatt Thrazien zu retten. Immerhin ciu^gute Methode, die Opposition nrundtot zu machen. Wer das Hauptproblem konnte damit nicht gelöst werden. Die Militärdiktatur in Griechenland unterschied sich durch nichts von jeder anderen Mlitärdiktatrrr. Sie tvagt nicht den Krieg und ist unfähig, den Frieden wieder herzustellen. Auch in Griechenland hat die Mlitärdiktatur die mobilisierte Arn:-ee unter Waffen gehalten, jede produktive Arbeit unterbunden, das Land in ein furchtbares Defizit getrieben, aber auch nicht einen Quadratmeter Boden zurückgewonnen, ja nicht einmal den Versuch hierzu unternommen. Die auf dem Kriegsstand gehaltene Armee bleibt aber der Mlitärdiktatur nur insolange treu, als sie materiell gut gehalten wird. Plastiras tvußte das und hat in einem halben Jahre 1000 Millionen Drachmen auf die Armee verschwendet, überdies die Steuerschraube aufs höchste angezogen, mit bolschewikischcn Methoden einen guten Teil des Privatvermögens enteignet, die Bankeinlagen beschlagnahmt, mit einem Worte, Griechenland verbluten lassen, nur um eine Armee erhalten zu können, mit welcher er keinen Krieg fiihren kann und eigentlich auch nicht führen will. Diese negative Politik der Militärdiktatur äußerte sich auch auf anderen Gebieten: Die oppositionellen Blätter wurden unterdrückt, der Regierung nicht genehme Volksversammlungen untersagt, mißgüustige Politiker wurden in den Kerker geworfen, und obendrein ist es der Diktatur Plastiras weder gelungen, außenpolitische Verbindungen zu erwerben, noch die wirtschaftliche Anarchie zu bannen, die durch das unmögliche finanzpolitische und innerpolitische System verschuldet wurde. Um die bürgerliche Opposition hat sich Plastiras wenig gekümmert. Erst fettbem er bemerken mußte, daß diese oppositionelle Gesinnung auch einen Teil seiner Armee zu durchdringen beginnt, und die Gefahr bestand, daß der eine, dem Diktator treue Teil der Armee eines Tages in. einen offenen Kampf mit dem anderen, der Negierung feindlich gesinnten Teil, treten konnte, mußte er sich bequemen, die Wahlen auszuschreiben, weil er damit hoffen konnte, daß der Ausbruch, dieses Kanrpses innerhalb der Armee bis zum Abschluß 'der Wahlkampagne verschoben werden würde. Ueberdies glaubt Plastiras, im Wahlkampf den Sieg davonzutragen. In seinem Innen: scheint jedoch Plastiras seines Wahlsieges ausschließlich mit dem Programm der Militärdiktatur doch mdjrt ganz sicher zu sein. Aus diesem Grunde verbündete er sich mit einem der geschicktesten Politiker Griechenlands, Z a i m i s, der schon wiederholt Minister und eine Zartlang auch Ministerpräsident war, und bestrebt ist, eine Koalition zustande zu bringen, die wohl nicht die völlige Beseitigung der Mltärdiktatur, sondern, wie er sagt, eine Milderung dieses Systems herbeiführcn soll. Zaimis Gedankengang Hierbei ist für die Verhältnisse in Griechenland recht bezeichnend. In seinem Wahlaufruf sagt er, eine entschiedene Niederlage. Plastiras müsse Griechenland in eine schwere Krise Hineintreiben, da es als sicher anzunehmen sei, daß er und sein Anhang die Macht ohne blutige Kämpfe nicht aus der .Hand geben würden. Es sei daher vernünftiger, eine Art Uer ga:: gsreg: erung zu schaffen, in lvelcher die Leute der Militärdiktatur noch eine gewichtige Rolle spielen sollen. Und wie alles in Griechenland jetzt drunter und drüber geht, so ist es nicht zu verwundern, daß gegen diesen sonderbaren bürgerlichen Friedensapostel Zaimis ein alter General in die Presche tritt, um an der Spitze des Bürgertums mit militärischer Energie den Kampf gegen die Militärdiktatur und den sogenannten Revolutionsausschuß anfzunehmen. Dieser alte General, Metaxas, erfreut sich, wenngleich er als Soldat auch nicht besonders ruhmreich ist, immerhin einer großen Volkstümlichkeit, und wird jetzt durch sein mutiges Auftreten im Interesse einer demokratischen Verfasinng und zur Niederwerfung der Militärdiktatur als wahrer Volksheros gefeiert. Metaxas zieht als „Retter des Vaterlandes" von Stadt zu Stadt, von einer Volksversammlung in die andere, und wenn die Begeisterung, mit der seine und seiner Gesinnungsgenossen Programmreden ausgenommen werden, sich auch am Wahltag durch die Stimmenabgabe bestätigen wird, so müßte; wie seine Anhänger und seine Presse behaupten, die Metaxas-Liste am 1. S e p t c nt b e r, dem Tage der Wahl, zumindest 90 Prozent der abgegebenen Stimmen erhalten. Nüchterne Politiker allerdings glauben trotz alledem nicht an einen glatten Verlauf der Wahlen und für den Fall eines Sieges Metaxas an eine unblutige Liquidierung der Militärdiktatur. Denn, so argumentieren diese Zweifler, eine Diktatur, die mit so viel Blut getränkt ist, die so viel zu sühnen hat wie Plastiras und seine Leute, die jede oppositionelle Regung in Blut erstickt haben, wird nach einer Niederlage nicht gutwillig abtreten. Plastiras känchst daher nicht nur für sein System, sondern auch für sein Leben und das Leben ichicr Getreuen. Wiener Moetzenzrttürts. Sesterreich. Nachtröglkche Aufnahme in das Wühlerberzeichuis. Die Aufnahme der Wühler für die Wahlen am 21. Oktober ist nunmehr in den meisten Bezirken beendet. Bei der Durchsicht der eingesammelten MähleranlagMätter hat der Magistrat feststellen müssen, daß sehr häufig leere oder äußerst mangelhaft ausgefüllte WcchleranlageMtter abgegeben wurden und viele Personen es unterlassen haben, ihre Wahlberechtigung durch Dokumente nachzu weisen. Um aber diesen Personen nochmals die Möglichkeit zu bieten, in die Wählerliste ausgenommen z:: werden, wurde dafür vorgesorgt, daß bei den magistratischen Bezirksämtern und im Neuen Wiener Rat Haufe bei der Magistratsabteilung 49 in der Zeit von Montag den 27. A u g u st bis einschließlich Montag den 3. September die Wähleranlageblätter abgegeben werden können. Der Wiemr Magistrat fordert daher im Interesse einer lückenlosen Wähleraiffnahme ^tlle Personen, die ihr Wähleranlageblatt noch nicht ausgeMt haben, aus, dies zu tun und die ausgeMten Anlageblätter an die oben bezeichnetcn Stellen einzusenden. Ar: diesen Stellen können auch) die erforderlichen Drucksorten behöben und sofort ausgefüllt werden. Am besten erfolgt die Abgabe der Wähleranlageblätter bei dem Bezirksamte des Wohnortes. Personen, die im Wählerverzeichnis des Jahres 1920 nicht oder wenigstens nicht unter i h r.e m gegenwärtigen Wohnort eingetragen waren, werden ausdrücklich aufmerksam gemacht, daß sie ihre Wahlberechtigung durch Dokumente n a ch z n w e: s e n haben. Da vielen Personen vielleicht nicht bekannt sein dürfte, ob sie in: Wählerverzeichnisse 1920 eingetragen waren, so wird es sich empfehlen, vorsichtshalber irmner die erforderlichen D o f u nt c n i e, * wie Meldezettel, Heimotschein, Optionsdekret oder eine andere amtliche Urkunde, aus der Alter und' Bundesbürgcrschast zu ersehen ist, m i t z u n e hm e n und sie bei der Abgabe des Wähleranlageblattes vorzulveisen. Die Wähleranlageblätter können bei den vorgenannten Stellen täglich von 8 bis 2 Uhr und von 4 bis 7 Uhr, am Sonntag den 2. September jedoch von 8 bis 12 Uhr abgegeben werden. _ Tschecho-Slowalei. Der Bergarbeiterstreif. Prag, 25. August. Zu dem Bergavbe.iterstreik -wivd mitgekeilt, daß die Streillagc unverändert ist und in allen 'Revieren Ruhe herrscht.. Jugoslawien. Die Regierung verlangt die Auslieferung Radir'. Graz, 25. August. Aus Belgrad wird der Grazer „Tagespost" gemeldet, daß die Belgrader Regierung von England die Auslieferung von R a d i c wegen Hochverrates und wegen Verletzung des Gesetzes zum Schutze des Staates begehrt hat. Die Regierung wird auch gegen alle jene Personen Vorgehen, die das Gesetz zmn Schutze des Staates verletzten. Nach einer Aenßerung des den Ministerpräsidenten vertretenden Verkehrsministers Dr. Iankovic denkt die Regierung daran, Radic allenfalls in Abwesenheit den Prozeß; u mache n. Die Bauern, die Radic bei seiner Abreise behilflich waren, sind vom Gerichte in Kopreinicz zu 16 Tagen Gefängnis und 100 Dinar Geldstrafe verurteil: .worden. Attentat aus den bosnischen Führer der Mohammedaner. Sarajevo, 25. August. Auf den Führer der Muselmanen, Dr. Spaho, wurde gestern ein Attentat verübt. Ein junger Mann warf gegen ih:: eine Bombe, jedoch wurde niemand verletzt. Die Polizei hat die Verfolgung des unbekannten Täters emgeleitet. Ungarn. Pessimismus über dir Anslandsanleihe. Budapest, 26. August. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Ministerpräsident Bethlen wird, wie „Magyar Hirlap" wissen will, vor seiner Abreise nach Genf mit Horthy über die in nerpolitische Lage konserieren, mit der-die Anlei h e s r a g e ziemlich eng zusammenhängt. Die Budapester Blätter sind bezüglich des Erfolges des neuerlichen Ansuchens .Bsthlens bei der Entente ziemlich .pessimistisch und halten die Gewährung einer Ausländsanleihe auch diesmal fiir nicht wahrscheinlich. Bo« Horthy'Anttsemiten und jüdischen Asfimilaute«. Der christliche Kurs zu Hause und im Ausland. Mit Ausnahme der ganz linksstche-nden ungarischen Politiker traut sich auch heute noch keine politische Persönlichkeit in Ungarn, eine auch nur liberal oder judensrvundlich schillernde Geste zu machen. Im Gegenteil, die ungarischen Politiker rechts und in der Mitte glauben noch immer von Zeit zu Zeit durch irgend einen reaktionären und judenseindlichen Akt von sich reden nvachen zu nföffet. Are WMen, hast bei lWMM 26. August 1923 9to., 1630 andauernder Untätigkeit aus den: .Gebiete des ArttisömiiMMS der Tat ihre christlichnativnale Gesinnmrg in Zweifel gezogen loschen könnte. Erst gestern: konnten wir von einem neuerlichen Vorstoß aus den: Gebiete der Gesetzgebung berichten: ©iw der Natiowalvevsanrinliung Mteribreiteter Antvaig verlangt die Ausdehnung der im Numerus clausus formulierten Rechtsbeschränkung der Juden auch ms die im Auslände erworbenen und durch Nostrifikation anziuerkennenden akademischen Diplome. Zu Hause muß man noch immer bramarbasieren :u:d den antisemitischen Wüted hevvorzoigen. Kann: Mer überschreiten diese Herren die wt-weiß-grinve Zandesgrenze und begeben sich ans eine politische Zlgitakwn öder - Punch reise ins Ausland, da sind sie alle samt um!d sonders, welche Nuance auch ihre schwarze Couleur zi: Hause auswcften mag, mit den geliebten Landswuien jüdischer Kolffession Bruder und Bruder, besonders, wenn dieser „'israelitische Konpairiot" in den: betresscnden Lande eine politische, soziale oder finanzielle Stellung von Einfluß bekleidet. Diese Beobachtung konnte man auch jüngst in Kopenhagen zur Zeit der Tagung der interparlanrcntavischen Konferenz machen. Uitgarn entsandte. eine aus einigen Dutzenden ungarischer Politiker aller Schattierungen bestehende Dekegation nach Kopenhagen n>nd es war gerades: rü!hr>end, mit welcher Innigkeit diese Herrschaften ohne Unterschied der antisönvitischen Richtung sich mit den verfluchten Juden Wimmer, Schw-arz, Groß und aridere:: rasscnunremen Magyaren verbrüderten. Es war aber auch eine furchtbar peinliche Situation. Gleich an: Bahnhof wurde die rasicnreine magyrifche Gesellschft von einen: Herrn Jakob Wimmer namens des Kopenhagen er U nga r nve r ei ne 3 begrüßt. Dann kan: Herr Ignaz Schwarz, der seine Landsleute, dir mit ihn: zu Haufe in Budapest sich sicherlich nicht auf der Straße zeigen würden, im Namen des ungarischen H i l f s v e r e i n e s willkommen streß.. Und all die anderen, die auf dem Bahnhof, festlich gekleidet, die Gesellschaft in ungarischer Sprache begrüßten, sie waren — traurig und peinlich genug — Juden, lauter Juden! Und derfeliben Juden mußten sich die Horthy-Magyaren bedienen, um sinanzpoWflche und handelspolitisch^ Beziehungen amzu,knüpfen. Offenbar halben sic in Kopenhagen diese. Juden als Eidesihelfer für die große Politische Lüge benützt, daß cs nunmehr m Ungarck keinen Antisemitismus gebe. Die interparl'Lmcmi'arische Delegation hätte am liebsten zu Hause diese unangenehme Seite ihrer hochpolitischen Mission verschwiegen, wenn nicht die leidige, schwatzhafte Presse diese Untat und diesen Verrat der aus ihre Rassenremhoit zu .Hause so sehr bedachten Politiker ansgeplaudert hätte. So müssen sie es sich jetzt vpn der G ö m b v s - P r e s s >e gefallen lassen, gehänselt und angespien zu werden. Gegenüber den Kopenhagener magyarischen Juden findet sich keiner, der es täte. Kn Bruder Mnstottnis in Budapest. Budapest, 25. August. (Tel. d. ,Mr. Morgenze'tung".) Ein Bruder des italienischen Ministerpräsidente:: Mussolini wird in den nächsten Ta gen in Budapest ein treffen. Er kommt als Privatmann, doch wird er einige führende Politiker und Finanzpersönlichkeiten besuchen und mit ihnen B c r- Handlungen führen._ Polen. Sin Zusormationsburea« des zeuttalverbMdr» jüdischer Kaufleute. Aus Warschau meldet I. C. B.: Nach langen Beinü«. ^Hungen hat der Kntmle kauftnännische Verein vom Handels n:ni st e r i u:n die Genehmigung zur Eröffnung eines I:: f o r rn a t: o n s st u r c a u s zwecks Pvüfu:^ der Kreditfähigkeit jüdischer Kaufleute erhalten. Das neue Bureau bedeutet eine große Erleichterung im Krcditverkehr der jüdischen Kauftnamrschaft. Rundschau. Sine Besprechung Stresemann-KnMng. . München, 26. August. (Wolfs.) ReichskainLzer Dr. Siresemann ist heute vormittags hier emgeibvoffen und nach Mittenwald weitevgssahren, wo er eiur Besiprechung mit dem bayrischen M in isterpräsidenten von K n i l l i n g höben wird. Der Ilcichskauzler kchrt morgen über München nach Bevlirn zU'vück. Kommunisten «nd AMemiteu. Die deutsche 'liberale Presse stellt ftst, daß die Leitung der Kommunistischen Partei Deutschlands in ihren: Bestreben, den wirtschaftlich verelendeten deutschen Mittelstand für die kommunistischen Pläne zu gewinnen, immer mehr mit antisemitischen Motiven arbeitet. Me „V o s s i s ch e Zeit:::: g" konstatiert, daß das Bcrlmer Kommunistenorgan „Rote Fahne" fast täglich antiselMtischc Ausfälle macht. Die linksradikale Zeitschrift „A k t i o u" 'berichtet über eine Versamntlung dcutschvokkischer Studenten, in welcher die komrnunistische Mhrevin Ruth Fischer für den Konrmunismus geworben 'hat. Hierbei soll sie solgertde Redewendungen gebraucht haben: ,-Sie, meine Herren, rufen aus gegen das Judenkapital? Wer gegen das Judsnkapital aufruft, ist schon Klassenkämpfer. Recht so, tretet die Judenk a p i 1 a l i st e n nieder, hängt sie an die Laterne, zertram- * Pelt sie. Aber wie stehen Sie zu .den nichtftildischtzn Großkapitalisten?" Die Zeitung konstatiert, daß in der nachfolgenden Diskussion die antisemitischen Studenten der Fran - Ruth Fischer wegen ihrer Ausführungen' Komplimenty

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