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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-24 · Heft 1628 (24.8.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1628 (24.8.1923)
Date
1923-08-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Stoß. $628 Mett, Freitag > .----- . ... ■ I,-]■ —i■—■ Wäschen Gesandten, der sich augenblicklich auf Urlaub beindet, Geschäftsträger Mr. Balfour, int. „8 Uhr-Blatt" ine Erklärung, in welcher er jede Teilnahme des inglischen Gesandtschaftspersonals in Budapest tn der Flucht Radie^ aufs energischeste dementiert. Mr. Balfour kenne die ganze Radic-Affäre nur ans ^eitungsmeldungen. Weder er selbst noch irgend ein anderes Mtglied der englischen Gesandtschaft hatten Schritte im Interesse des kroatischen Bauernsührers unternoMMtt. Ungarn. Sildung eines neuen oMfitionellen Bundes. Budapest, 23. August. ('Tel. der „Wiener Morgenteitimg".) Julius G ö m b ö s, Stephan Friedrich und Stephan Haller haben heute einen Christlich- »ppositionellen Bund gegründet, der die Frage!>es Legitimisnnts ausschaltet. Die neue Gruppe Zählt ins-;esamt 20 Mitglieder und wird einen starken llampf gegen die Negierung führen. Der Kampf gegen die Regierung beginnt. Budapest, 23. August. (Tel. der ,Miener Morgen- Leitung".) In der heutigen Sitzung der Nationalversammiung richtete Abgeordneter Tibor Eckhardt (Gömbös- 8ruppe) heftige Angriffe gegen die Regierung, weil >iese durch die neu eingebrachte Vorlage über die staatlichen baukredrte Milliarden an protektiomerte Großbanken rnd Unternehmi'.ngen verschenken, will. Die Banken erhalten nichtvalorisierte Kredite. Es scheint, sagte ll ebner, daß die Negierung sich durch diese Vorlage bei den Lanken für die Gratisaktien revanchieren will. Gegen die Stimmen der Oppositionellen wurde die Vorlage angei o m nt c n. Polen. Sie ewige Krise im Finanzministerin«. Warschau, 23. August. (Tel. der „Wiener Morgenseitung".) Der schon längst beschlossene Rücktritt des FirauMmisters Linde ist noch intmer nicht vollzogen, da aber seine Nachfolgerschaft noch keine Klarheit besteht. Nach Sen letzten Meldungen ans parlamentarischeu Kreisen hat Ministerpräsident Witos an den Obmann des , Verjafsungsklnbs, Abgeordneten Dnbanowicz, eine Einladung zrt einer Konferenz ergehen lassen: diese soll damit im Zusammenhänge stehen, daß Witos dem ehemaligen ssinanzmiinster Michalski, welcher dem Verfassungsllub angehört, das Finanzportefettille angeboten hat. Dieses ölnerbieten hat jedoch in den Kreisen der eigenen Partei des Ministerpräsidenten Verstimmung hervorgerusen, weil sie ihren Parteigenossen B i r k o, der seinerzeit int Ministerium Moraczewski das Fmanzportefeuille innehatte, als Kandidaten für Lindes Nachfolger Präsentierten. Ueberdies geht die von Witos beabsichtigte Parlamentärisiernng des Finanzministeriums gegen die Koalitionsvereinbarungeu, ruf Grund deren das Krieg s- und F i n a n z m i n i st e- Wkenee MovgrMeiküng.^^' Zionistische Bezirkssektion leopoldstadt Morgen Samstag den 25. August 1923, lJt8 Uhr abends, im Hotel Continental, II., Taborstrasse UERSAMMLUHS - Robert Stricker ttum „neutral" sein soll. Der Bersassungsklub gehört tmn auch der Koalition an. Die Situation drängt aber um so mehr nach einer Lösung, als die Anleiheverhan dlungen des Handelsministers Kucharski in Paris anscheinend ergebnislos geblieben sind. Wie verlautet, habe Frankreich die Bedingung gestellt, 'daß ein finanzielles B eratungskomitee der polnischen Regierung zur Seite gestellt werde und ferner, daß das deutsche Kapital an der obers ch l efis ch e n Industrie sich nicht bete iligett dürfe: ferner müsse auch der K o h l e n e x p o r t nach Deutschland eingestellt tverden, falls Frankreich genötigt wäre, energische Sanktionen gegen Deutschland anzuwenden. Die Aktionen des Abgeordneten Korfanty mit deuffchen Finanzvertretern,- die in der letzten Zeit so häufig genannt wurden, haben es Kucharski unmöglich gemacht, diese Anleihebedingungen zu erfülle«. Es soll deshalb auch im letzten Ministerrat, in welchem Kucharski feinen Bericht erstattete, und bei dem auch der Abgeordnete Kvrfanty zugegen war, zu scharfen Auseinandersetzungen gekommen sein. „Dwa Grosze" gegen die „Hias". Die Warschauer antisemitische Zeitung „Dwa Grosze" führt eine heftige Kampagne gegen die amerikanische Emigrationsgesellschaft „Hias" und fordert von der Regierung, daß sie die Tätigkeit der „Hias" unterbinden soll. Wie das I. C. B. aus Warschau erfährt, wird die „Dwa Grosze" von gewissen Kreisen inspiriert. denen die Tätigkeit der „Hias" zum Schutze der jüdischen Emigranten unerwünscht ist.' Palästina. MeOchsveMMung und SMatruhe. Aus Jerusalem meldet I. C. B.: Die Verordnung der Eisenbahnverwaltung Palästinas, daß alle Eisenbahnarbciter nur den Sonntag als Ruhetag zu beobachten hätten, hat große Erregung hervorgerufen. Die jüdische Bevölkerung ist sehr erregt über die Tatsache, daß der Generaldirektor der Eisenbahn Palästinas, Colonel Jo!mos, sich zweimal geweigert hat, mit Oberrabbiner'Kook zusammen zu kommen, um die Frage zu besprechen. " 24. August 1923 ' _■ Sette 3 Araber gegen die Bodenpolitik der Aegiernng-i ' Jerusalem, 22. August. (I. C. B.) Eine an>abrM^ Konferenz hat hier stattgefunden, um Ne B ofrent*; Politik der Palästinensischen Regierung zu besprechend Eine Anzahl von Scheichs waren in Vertretung ihrer Dörfer anwesend. Es wohnten auch nwhrere arMscho Landeigentümer der Konferenz bei. Es wurde beschlossen, die palästinensische Regiermrg! aufzufordern, solchen Leuten keinen Boden wegzunehmen,' die durch die Kultivierung desselben deren Eigentümer! lverden können. Falls die Regierung bei der gegenwärtig^ Politik beharrt, 'würden Unruhen die Folge sein. Rundscha«. Präsident Coolidge für die PolM der Fsolierung Amerikas. Paris, 23. August. Nach einer Meldung des „NM Dork Herald" aus 'Washington wurde gestern im ^Weißer Hause mitgeteilt, Präsident Coolidge 'habe erklärt, daß nach seiner Uoberzrugung di« a m e r i k a n i s ch e P o l-itik der Isolierung gegenüber Europa! die richtige sei. Die Ereignisse hätten diese Politik gerechtfertigt Ans den Berichten der amerikanischen Beobachter in Europa habe er sich davon überzeugt, daß sich in Europa nichts vorbereite, was ein Abweichen von def von seinem Vorgänger befolgten Politik angebracht erscheinen ließe. Die Bereinigten Staaten könnten geschädigt werden, wenn sie sich in die europäischen Verhältnisse ein mischten, wie dies von gewissen Kreisen in Washington angeregt werde. Der Präsident wünsche zwar lebhaft eine Lösung der europäischen Frage und halte vor allen Dinget eine Lösung der R eparatio ns frage für notwendig, er sei aber gegen Vorschläge von europäischer Seite, bevor nicht feststehe, daß sie den anderen Beteiligten genehm seien. Mit den Vertretern der Handelskammern habe -der Präsident zwar die Lage besprochen, er sei aber nicht gewillt, seine .Haltung ihren Ratschlägen gegenüber & ändern. Litauen und Lettland gegen die evattliertev Juden. Wie aus Moskau berichtet wird, geben die dortigen> Vertretungen Litauens und Lettlands den Juden,' welche aus diesen beiden Gebieten stammen und während des Krieges gewaltsam evakuiert wurden, jetzt k e i n e V i s a, um nach ihren früheren Wohnorten zurückzukehren. Die Konsulate berufen sich dabei auch auf Instruktionen ihrer Regierungen, welche da-hin gehen, daß di;': Rückkehr von evakuierten Juden nach Litauen und Lettland!' möglichst einzu schränken sei. Es sind Fälle bekannt worden, in denen Inden, die zehn und mehr Jahre in Lettland oder Litauen gewohnt haben, nunmehr krin Visum zur 'Rückkehr erhielten. Es hält sich gegenwärtig eine große Zahl solcher Personen in Moskau auf und ihre Lage ist verzweifelt. GtoSRäumungiverkauf -'EiiSchlffmann Ufr, II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-79 Engros En debil Kmlchm. Von A. Ste'mmann. Winter 1920. Zwei Inden, fuhren wir mitten unter einer wildfrentlden Menge von Menschen mit einem trägen, gemischten Zug auf einer ukrainischen Bahnlinie. Das Schwert dräute damals noch über, der blutgetränkten Gegend, die wir durchreisten, immer bereit, Judenblut zu vergießen, obwohl die Mörder selbst schon übersättigt waren und an ihrem Gewerbe keine Freude mehr hatten. Wir zwei saßen, eng aneinander gedrückt, Jude an Jude, in einem Winkel des Wagens. In einer Station blieb der Zug endlich lange stehen und es schien, er würde sich an diesem Tage wohl nicht »rohr vorn Orte rühren. Allerlei Gerüchte flogen herbei: Die Schienen sind aufgerissen! Banden lauern in der Umgebung! Aufftändische sind in der Nähe aufgetaucht! Wie immer dein seilt mochte, es ging nicht weiter. Die vielen Bauern. und Soldaten, die dett Zug füllten, krochen aus dem Wagen und legten sich, müde vom langen Sitzen, hin, so lang sie warett — der eine auf dett Weißen Schnee, der andere ans das Wagendach; das kleine Stationsgebäude, vor dem unser Zug hielt, war gänzlich abgebrannt. Plötzlich viel uns beiden ent, daß in der nächsten Nähe das jüdische Städtchen P. liegen mußte, ein lebhaftes, fleißiges Oertchen, das früher zrt jedem aukommeuden Zuge eine Menge jüdischer Fuhrleute mit großen Wagen und mächtigen Pferden entsendet hatte. Jetzt kvar es ganz still an der Bahnstation. Volt einem jüdischen Fuhrwerk weit und breit nichts zu merken. Wir erklärtett «üb das damit, daß die Inden von P. wohl noch bis jetzt den Schrecken, den sie Überstunden hatten und dort dern nebelhafte Kunde auch zu uns gedrungen war, spürten und sich nicht hervorwagten. Um näheres zu erfahren, gingen wir ztt Fuß die sieben oder acht Werst, um nach P. zu kommen. Wir schritten vorwärts. Nagende Grabsteinspitzen verrieten tms, daß wir uns einer Siedlung näherten. Aber es war uns verdächtig, daß wir gar keilte Fußspuren sahen und bisher noch keiner leibenden jüdischelt Seele begegnet waren; aus dem hohen Schornstein der Mühle stieg kern Ranch auf. Ms wir daher am Friedhof vorbeiswgen, klopften lvir eigetts an die Tür des kleinen Häuschens, das offenbar dem Totengräber gehörte. Die bretterverschlagene Tür und die geschlossenen Läden bezeugten, daß sogar hier auf dem Friedhof auch kein lebendes jüdisches Wesen zu finden war. Wir gingen weiter. Der Magen meldete sich und verlangte Speise; und im Herzen stieg das Verlangen ans, einett Juden zu sehen, ein starkes Verlängert. Wir sehnten tms danach, an einem jüdischen Tisch unter einem jüdischelt Dach ztt sitzett, ein Glas Tee zu trinken und zu plaudern, Knude zu vernehmen von dem 9ütin einer garrzen Welt ltnd von i'hur zu sprechen. Als wir eine Strecke Weges vom Friedhof weitergrngen, kameit wir zur Mühle. Der riesige rauchlose Schorn-- steilt und das unbeloegliche Mühlrad erfüllte urts mit einem schwerett Angstgesühl. Die Mühle war verschlossen. Noch eilt Paar hundert Schritte urrd das Städtchen breitete sich vor uns ans. Schon sahen wir verbrannte Dächer, zerbovftette Mauern, verworfene Ziegel, Hatffen von Asche und Schutt, mit Schnee bedeckt. Wir gingelt vorwärts, scharrten kt Schnee, suchten Spuren lebender Wesen. Tiefe Stille. Ringsunr kein Mensch. Wir erinnerten uns: Eiuntal, da ist man in der Eifenbahtt gefahren und mit einem Juden ins Gespräch gekommen. Plötzlich steigt Herzlichkeit und Ber-- trantsein auf. Woher? — Aus P. — So, aus P. Was ist das fiir eilt Städtchen? — Und ein offenherziger, gern und bildhaft sprechender Mensch schildert während der Fahrt sein Städtchen, schildert es, als zeichnete er es: er stellt den Rabbi vor mtd dett Chaisen, den hebräischen Lehrer, die wichtigsten Figurert der Stadt — und sie leben. Wenn ich nach.P. käme, so könute ich auf jeden von ihnen zugehen und ihlt beim Rauten nennert. So genau sehe ich sie vor mir. Und jetzt suchte ich jeltmrrden von all diesen Menschett. Es war klar: das ganze Städtchen ivar geflüchtet. Sogar der Totengräber. Und die Bauern der Gegend oder eine der Banden, die hier 'haustert, hatten wohl aus Rache alle Häuser cmgezüuidet mtd die kleine jüdische Siedlung in einett Aschen- und Schutthaufen verwandelt. Vielleicht waren auch ein paar Zurückgebliebene erschlagen worden, aber die jüdische Bevölkerung Volt P. hatte sich gerettet. So eMärten wir uns alles, mie uns selbst Trost zuruLvrechen. Plötzlich talrchte eilt gedeckter Wagen artf. Ein Bauer, in einem Pelz mtd einer jüdischen Samtkappe, trieb gemächlich die Pferde au. Wir waren so überrascht, als hätten wir auf dem Fri^>- hof einen Toten erblickt. Einer von ttns beiden rief: „Halt, Bauer, halt!" Der Bauer, welcher ebenfalls nicht erwartet hatte, hie» ein lebendes Wesen zu troffen, sprang, zitternd vor Schreck, schnell vom Wagen. ,Mst du ein Hiesiger, Bauer?" „Führst du etwas Eßbares?" fragten wir beiht zugleich. „Aus der nächsten Umgebung." Obwohl uns das im Augenblick nicht so wichtig war, nur um ins Gespräch ttud bald zu dem Thema zu kommen, das uns interessierte. „Wir sind hungrig wie Wölfe." „Eßbares habe ich nicht," anÄvortete der Bauer gelaffeit. „Was 'hast du hier im Wagen?" ,Knochen." - ,Knochen? Hier gibt es Knochen? Ist denn in dev Nähe eine Fabrik?" Der Bauer kmtzte sich nächdeMich hinterm Ohr und nach einer Pause sagte er kaltblütig: „Nein, junge Herren, das sind Menschenknochen." Und indem er einen kurzett Seitenblick auf uns loarf, setzte er gleichgültig httrzu: ,/Fn dem Wagen da fiihre ich Jüdelt, die früher in P. gewohnt haben. Ich sammle die Arnte, Beine, die Köpfe und andere Knochen aus den Kellern und Böden, in denen sich die Juden Versteckt haben wie die Hasen, wie ... na, wie die Geschichte losging . . Das war es also. Und das erzählte der; Bauer gautz gelassert. . . Wir bisselt uns aus die Lippen und fragten beide zugleich: „Gibt es gar keinen Judert mehr üt der Stadt?" „Nein, tt-nsere Leute haben alle Juden abgeschlachtet." „Ist das schort lange her?" Der redselige Bauer ließ mit der Attfflärtrng nicht auf sich warten: „9da, schotr hübsch lattge, junge Herren, ttoch aut Ertdo Vom letztett Snnnuocr. Unsere 2hm** ^H\x auf die Juden

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