Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1628 (24.8.1923)
- Date
- 1923-08-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 9 Bien, Freitag Vertreter der Industrie in vollem Maße die Notwendigkeit der beabsichtigten Maßnahmen und erklärten ihre Z ust l m m n n g zu beschleunigtem gesetzgeberischem Vorgehen und schärfsten Strafmaßnahmen gegen Zuwiderhandelnde und gegen Umgehung der Verordnung. Die Aussprache ergab"weiterhin die Notwendigkeit, beschleunigt alle Adaßnahmen zu treffen, die zur Hebung der Ausfuhr dienen können, um dadurch den dauernden Eingang von Devisen zu stärken. Strefeman« vor dm Rrichsrat. Berlin, 28. August. In der heutigen Sitzuwg des Reich srateS stellte sich Reichskanzler Dr. Stresemann vor und hielt eine Ansprache, in der er unter anderem auf die überaus schwierige äußere und innerpolitische Lage hinwies utch heworhob, daß die Führung der auswärtigen Politik mchr denn je von einem einheitlichen Zusammenwirken aller Faktorei: im Inneren abhänge. Der Reichskanzler verwies sodann auf ferne erste Regierungserklärung im Reichstag, in der er von einem Eigenleben der Länder gesprochen und gleichzeitig erklärt habe, daß diese sich in das G e s a m t r e i ch eingliedern müssen. Diese Erklärung sei von dem ganzen Kabinett getragen; die besonderen zentralistischen Tendenzen, die der neuen Regierung unterstellt würden, seien vom Reichsminister des Innern zurückgewiesen worden. Gerade in der gegenwartiigett Lage loimtte cs darauf an, daß nach außen hin das ganze Reich eine Einheit zur Abwehr der wirtschaftlichen, finanziellen und politischen Schwierigkeiten bilde. NamenS des Reichsrates erwiderte der preußische Staatssekretär Dr. Weiß manu, er gebe dem Reichskanzler die Versicherung, daß der Reichsrat mit allen verfügbaren Mitteln die Pläne der Reichsregierung unterstützen werde, die darauf hinausliefen, das Deutsche Reich aus seiner gegenwärtigen verzweifelten Lage herauszubrmgen. Ztressmaan über die Reparationsfragr. Berlin, 23. August. (Wolfs.) Reichskanzler Doktor S t r e f c nt ann wird morgen bei einem Frühstück, zu dem er vom Deutschen Industrie- und Handelstag eingeladetr worden ist, eine Rede über das Reparations- .p r o b l e m halten. Hilsferdillg ober Deutschlands wirtschaftLpolitische Pläne. Berlin, 23. August. (Tel.-Komp.) Ter Haushaltungs- «usschuß des Reichstages trat heute zu einer Serieittagmtg zusammen, um die finanzielle und wirtschaftliche Lage Teutschlands zu besprechen. Der Reicbskauzler Doktor S t r e s e m a n n war durch dringende Geschäfte v e r h i ndert, an der Sitzung teilzuyehmcn. Finanzminister Dr. H i l f f e r d i n g gab die Erklärungen über die Absichten der Regierung ab. Er wies darauf hin, daß dir jetzige Lage nicht nur politisch und wirtschaftlich außerordentlich ernst sei, sondern auch von: finanziellett Standpunkt alt . ... fast verzweifelt ''' angesehen werden müsse. Eine der ersten Aujsgäbeu der Regierung sei es deshalb, durch die energischesten Maßnahmen wiederum eine gewisse Grundlage für die Finanzpolitik überhaupt zu schaffen. Die deutsche Regierung müsse nicht nur für alle Ausgaben des Reiches aufkommen und das ungeheure Defizit des Reiches decken, sondern auch die Ausgaben verschiedener öffentlicher Verwaltungen der Länder und Gemeinden decken, obwohl das Reich selbst nicht die n o t w e tl d i g e u Mittel aus den Steuern aufbringen könne. Der Minister ging dann auf die Kalamität des Notenut a n g e I s ein, die ganz energische Gegenmaßnahmen erforderlich mache. Von der jetzt aufgelegten Gold an leihe erwarte die Regierung bessere Ergebnisse als bei den Dollarschatzauweisungen. Das Hauptaugenmerk der Regierttng unter den gegenwärtigen Umständen seine eine außerordentlich starke Abstellung, womöglich Beseitigtmg der Inflation. Eine Juflationssteuer sei unmöglich aus sozialen und politischen Gründen. Die Reichsfinanzen wiesctt fünf Defizitqnellen auf, eine der hauptsächlichsten dabei sei die, Ausführung des Fricdeusvertrages. Im Jänner sei dafür noch eine Stimme von 450 Milliarden erforderlich gewesen, im Jutti bereits 4 Billioneit und im August müsse man mit einem Vielfachen dieser Summe rechnen. Deshalb mußtett die Sachliesernngen eingestellt werden. Die Finanzressorts werden aber prüfen, ob nicht durch Nachprüfung der Preise und Gewinne aus diesen Erträgen unter Umständen sich für das Reich noch etwas herausschlagen ließe. Trotz der jetzigen Anpassung der Eisenbahntarife an die Geldentwertung sei für den Rest des Rechnungsjahres mit einem Fehlbetrag von etwa 4 5 0 Billionen zn rechnen. Die Kosten der Ruhraktton seien derart, daß mit den Mitteln der B e st e u e r n n g und attch mit der Anleihe allein hier ohne definitive Lösung des Rnhrproblems nichts zu erwarten sei. Als weiteres Ziel der Regierung bezeichnet Hilfserding die Wiedergewinnung der Herrschaft über beit Devisenmarkt, da ohne Beherrschung des Dollarkurses keine Lohnpolitik getrieben werden könne. Wirtschaftliche Bedenken und Forderungen müßten jetzt hinter der wirtschaftlich-politischen Notwendigkeit zurückgestellt werden. Die Regierung brauche als Grundlage für ihre Finanzpolitik zur Beherrschung des Devisenmarktes den hierzu erforderlichen Devisenfonds. Di« Reichsbankpolitik müsse geändert änd zur Hergabe von wertbeständigen Krediten «*& -M jWGruvq tzryr K^pkorrbi veranlaßt werben. Wiener Morgenzeitung. Hieran schlossen ^sich Ausführungen des Rcichsverkehrsministers O e s e r über die Lage der R c i ch s e i s c ubahne n. Der Demokrat ^Dr. D e r n b u r g hält die wirtschaftliche Gesundung des Deutschen Reiches erst dann für möglich, wenn die RnhraN'gelegenheit ab gebaut und erledigt sei. Der Redner wandte sich gegen die Gehaltspolitik der Beamten ntnd trat für Goldlöhne der Arbeiterschaft ein, die dann aber nicht auf die volle Höhe der Friedenslöhne Anspruch erheben könnt«. Der sozialdemokratische Abgeordnete Wels verlangt unbedingte Gewalt des Staates über alle in Deutschland befindlichen Devisen. Abg. Dr. R i e s s e r von der Deutschen Volkspartei hält cs nicht für ratsam, diejenigen Personen, die keinen Devisenbesitz haben, für diesen Mangel in der Form einer Zwangsanleihe zahlen zu lassen. Der Ausschuß vertagte sich dann ans unbestimmte Zeit. Stdmes — eine ernoMche Gefahr. Die „Prager Presse" behandelt in einem beachtenswerten Aufsatz die Machenschaften des deutschen Diktators Stinnes, welche die Zahlungs- « fätzigkeit Deutschlands schwächen, daher die Lösung des Repawtionsproplems erschweren und Europa auf schwerste schädigen. Wir entnehmen diesem Aufsatz die nachfolgenden Ausführungen: Der Fall Stinnes, bisher eine innerdeutsche oder bestenfalls eine mitteleuropäische, entwickelt sich nach und nach zn einer europäischen Frage. Solange Hugo Stinnes nur der große Nutznietzvr der deutschen, der österreichischen, ungarischen, jugosbtwischen nsw. Inflation 4var, solange er der deutschen ÖeffeMlichkeit ömzureden verstand, daß er durch seine berühmte vertikale Gliedernng ein neues, für die Konkurrenzfähigkeit und Weltherrschaft der deutschen Industrie epochales Prinzip cinzuführen im Begriffe sei, so lange blieb der Fall Stinnes eine innerdeutsche Frage oder höchstens eine Frage der Einzelregierungen jener Staaten, lvelche von diesem polypenartig um sich greifenden, zu einem Begriff gewordenen Fabelwesen verschluckt zn werden fürchteten. Aber die Entwicklung hat gezeigt, daß dieser Stinnes — er ist ja nur der höchstentwickelte Typus der die Inflation ausnützendcn deutschen Schwerindustrie — von internationaler Bedeutung ist, ja daß ein Teil der jetzt bestehenden Reparationsschwicrigkeiten ans sein und seiner Mitstrebenden und Nachahmer Konto zn buchen ist. Wie alle genialen Methoden, war das System, das Stinnes zum Aufbau eines der größten Vermögen der Welt benützte, sehr einfach: cs bestand darin, daß er feinen auf' seinen: Realbesitze und der durch den Verkauf seiner linksrheinischen Besitzungen erworbenen Edelvaluten basierenden, naturgemäß sehr großen Kredit benutzte, Realwerte für Mark, österreichische Krone, polnische Mark, Dinars usw. zn erwerben und diese im Sinken befindlichen Valuten dann schuldig zu bleiben, bis er sie mit einem minimalen Betrage von Dollars oder Pfund „abdecken" konnte. Nicht alle die Schleichwege sind bekannt geworden, auf denen er sich ungeheurer Realbesitze bemächtigte, aber der eine Fall der Alpine wird diese Einfachheit sehr gut beleuchten. Al^die italienischen Interessenten, die in der Zeit der ersten Äebe ein großes Paket der Alpine erworben hatten, um sich eine Roheisen- und Erzbasis für ihre Industrie zn schaffen, diese Aktien wieder veräußern wollten, tauchte Herr Sinnes als guter Käufer auf dem Plane auf und es gelang ihn: tatsächlich, diese Aktien an sich zu bringen. Man versprach sich von der Stinnes-Abteilung an der Alpine goldene Berge für dieses an sich ausgezeichnete Unternehmen. Man glaubte, daß die Koksbasis für die Werke gesichert sei, daß Stinnes seine Erfahrungen in der Eisenindustrie dem Werke zugute kommen lassen würde und ähnliches mehr. Nichts davon ist geschehen. Herr Stinnes sitzt aus seinen guten und immer 'besser werdenden Alpineaktien und es ist wohl heute jedem klar, daß er hier nicht als Industriekapitän, sondern als Jobber niederster Sorte gehandelt hat. Er hat die für die Alpine schuldig gebliebenen Kronen evft bezahlt, als er diesen in die Millionen Goldkronen gehenden Realwert mit einigen taufend Dollars abtun konnte. Ein ähnliches Manöver hätte Stinnes gern mit den Witkowitzer Werken aufgeführt und lancierte auch schon in der in seinem Solde ste'henden Presse Nachrichten über den Ankauf der Eisenwerke. Aber das ist kein Geschäft für Stinnes. Rothschild 'hätte den Kaufpreis nur in prompten Gokdvaluten getrommen und so viel hätte man dem Herrn Stinnes doch nicht geliehen. Wäre dieser Trick nur in bescheidenem Umfange ausgeführt worden, dä'nn würde er natürlich sine Privatangelegenheit zwischen Herrn Stinnes und jenen bleiben, die nicht alle werden. Aber in diesen Riesendimenfionen ausgeführt, muß ntan sich doch fragen: woher kommen die ungeheuren Gewinn, die eine solche Expansion ermöglichen? Und es ist nicht eine, es sind viele Goldmilliarden, die hier in einer Hand vereinigt sind. Und diese Goldmilliarden stammen direkt aus denjenigen Betragen, die Deutschland vergibt, nicht zählen zu können. Und dieser Stinnes hat zahlreiche Mitläufer und Nachahmer in Deutschland gehabt, die bewußt und mit Ausnützung ihrer politischen Macht alles getan haben, um dieses Widerspiel der Erfüllnngspolitik bis aus den Grund auskosten zu können, bis das ganze übrige deutsche Volk als Bettler, als Bankrotteur vor i^r Welt dasteht. Wie meisterlich haben sie es verstanden, die Köhlensteuer, die sich der deutschen Regierung schließlich von selbst aufzwang, einfach zu nullifizieren, indem sie sie so lange schuldig blieben, bis der betastende Barbetrag nichts mchr galt. Wie meisterhaft haben sie all das Vermögen, das der deutsche Mittelstand von sich warf, damit es die Franzosen nicht erhalten, in ihre Taschen zu lerHen Mwußt. Wer die politische .Haltung, die bevUMten _24, August 1923 Gutachten'Stinnes in allen mit der Reparation MchrmmieO» hängenden Wirtschaftsfragen einer aufmerksamen Retrospektive unterwirft, wir finden, öcjj. hier der AngelpltM einer durchaus selbstischen, einer über Leichen gehenden Grohjobberoi liegt, wie fte die Welt noch nicht gesehen hat. Die Geschichte der großen Vermögen in Europa und Anterika, die vielfach bearbeitet worden ist, und die fchr viel von Betrug, Gewalt und List zu erzählen weiß, weiß kein einziges Beispiel anzuführen, daß der Aufbau eines der größten Vermögen auf einer so beispiellos raffinierten und skvup^d loset: Beraubung des eigenen Volkes im größten Maßstabe geschehen wäre. Deshalb muß jedes Bestreben der deutschen Regierungen, die zur Wiederaufvichtung der deutschen Wirtschaft und zur Zahlung der Reparationen notwendigen Mittel zt: erhalten, so lange scheitern, solange nicht diese große und die dazu gehörigen kleinen Spitzen gekappt sind, solange nicht wenigstens annähernd eine Restitutio ad integrum eintritt, ^solange nicht diese Haifische größten und großen Kalibers einen Teil jener Beute ivicder hergegebei: haben, zu deren Trraffung sie den Widerstand des deutschen Volkes gegen die Friedensverträge benützten. Die internationale Bedeutung von Stinnes und Gefährten liegt eben darin, daß vielleicht das deutsche Volk jetzt nicht mehr zahlungsfähig ist, daß es aber diese Wirtschaftsriesen in erhöhten: Maße sind. Es handelt sich nur darum, von diesen harten Nichtzahlern die Zahlungen zu erhalten. Sesterreich. Wahlllbereinkommen in Mr-rten. Der Kärntner La ndbnn d, die Christlich soziale Partei für Kärnten und die Großdeulsche Volks- Partei für Kärnten haben beule das W ah lüde reink o nt nt c n betreffend die Aufstellung g e nt ci n s a in c r W a h l w e r b e r l i st e n (Einheitslisten) für die Wahlen in den N a t i o n a l r a t und in den Kärntner Landtag u nterzeich net. Die Nationalsozialistische deutsche Arbeiterpartei in Kärnten ist mit Rücksicht ans die die Nationalratswahlen betreffenden Salzburger Beschlüsse dem Ucbcreinkommcu nicht b e i g e t r e t c n. Bevorstehende MederKufrmhme Ser HmdrlsverhaMmge« mit Angarn. Die österreichisch-ungarischen Wirtschaftsvcchandlungcn werden, wie wir erfahren, Anifang September wieder ausgenommen werden. Die österreichische Regierung hat diese Woche eine Note an die ungarische Regierung gerichtet, in der sie im Interesse des Abschlusses eines neuen Wirisch a s t 8 a b komme n s mit Uebermittlung von ungarischen Anträgen-itttb um Entsendung einer ungarischen Delegation nach Wien ersucht. Die Budapester Regierung hat diese* Note vorgestern beantlvortet und nritgebeilt, daß sie die Wiederaufnahme der Verhandlungen zum Abschluß eines Handelsabkommens auch -ihrerseits fiir sehr wünschenswert hält. Eine Hauptforderung Ungarns verlangt die Herabsetzung der hohen österreichischen Agrarzöllc und der W c i n st e u e r von 60 Goldkronen. AchechoSlowakei. Zr. Benesch' Reisezweü. Die Handelsvertragsbesprcchungen mit Oesterreich. Prag, 23. August. (Tel. der„Wr. Morgenzeitung") Wie das „Prager Tagblatt" erfährt, wird Außenminister Dr. Beuefch tvä'hrvnd somes Aufeuthaltes in Italien auch tvsgen des tschechisch-itabieulischetl Handelsvertrages Verhaudluugen pflegen. x Nach seiner Rückkehr atrs Italien wird Außenminister 'Be ne sch die HandelsvertragsveHatMungetl mit Oesterreick aufn-chmen. kinkgungrverhaMrmge« im Bersarbeiterstreik. ' Prag, 23. August. (Tel. der „Wiener Morgeuzeitung^.) Heute vormittags fanden in den DircktionSrätunen der Prager Eisenindustriegesellschast die e t ft c u offiziellen B e rhandlungen zwischen den Vertretern der Vergär b ei t c r s ch a f t und den Vertretern der Unternehmungen statt. Die Streiksituat i ott ist unverändert. Die Ruhe wurde nirgends gestört. Im Teplitzer Revier habku die Arbeiter in der Elisabeth-Grube die Arbeit.wieder ausgenommen, ebenso in Tyrmih, mit Rücksicht auf die Kohlen- Versorgung der dortigen Elcktrizitätszcntrale, derer: Einsteslung schwere Verkehrsstörung hervorgerufcn hätte. Zugoslatvieu. Appell Radic' an den LSlkerbnnd. London, 23. August. Die Konsereuzen R a d i c' mit leitend'et: englischer: S t a a t s m ä n u c r u haben gestern b e g o n u en. Radic will dem B ö l k e r b u u b eine Petition der Kroaten überreiche!:, in welcher die Anerkenunng eines il n a b hängigen K r o a t i e tt verlangt wird. Keine Beteiligung der Budapester englischen Gesandtschaft an der Flucht Nadie. Budapest, 23. Attgust. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Zu der: Meldungen Belgrader Blätter, Ivonach die jugoslaivischc Regierung eine Protestnote au die englische Regierung wcgett der Haltung der englischen Gesandtschaft im Budapest in der Fluchtasfärc des kroatischen Bawernsührers Radic gerichtet habe, veröffeMcht der SteUMsetev hch. mu