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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-22 · Heft 1626 (22.8.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1626 (22.8.1923)
Date
1923-08-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1626 Wiener Morgenzeitung. Sette 8 22. August 1923 Tagesbericht. Rach dem WMiftenkongreß. Eine Erklärung der demokratischen Fraktion. Tie demokratische Fraktion des Kongresses ersucht uns Wr den Abdruck einer Erklärung,, in der es unter anderem heißt: Wir halten cs,fur unsere Pflicht, gegenüber der zionistischen Oeffentlichkeit die Motive zu erklären, die uns gezwungen haben, vor der .Abstimmung über die Wahl der neuen Exekutive den Saal zu verlassen. Unsere Fraktion hatte sich auf dein Kongreß konstituiert, um für die S i ch e r n n g und st ä r k e r e Betonung der nationalen und demokratischen Prinzipien in der zionistischen Politik ebensowohl in der äußeren wie in der inneren — 31t kämpfen. Besonders versuchten wir, die Sicherung dieser Prinzipien in der Frage der E r w c i t e r u n g der Je w i s h A g e n c y durchzusehen. Obwohl die vom Kongreß angenonnncne Komproinißresolution in der Frage der Jcwish Agency manche Aendcrungen enthielt, betrachteten wir diese nicht als gen ügcnd und mußten daher gegen die Resolution stimmen. Auch in der Frage der Zusamiuenfetzuttg der neuen Exekutive gelang cs uns nicht, unsere Mmimalforderungen durchzusetzen und eine genügend starke Vertretung unserer Anschauungen iit die Exekutive zu entsenden. Aus diesem Grunde hatten wir beschlossen, uns an der Wahl nicht zu beteiligen und diese Stimmenthaltung durch eine D cklaratiop, die wir vor der Abstimmung verlesen wollten, 311 motivieren. In der allerletzten Stunde wurde unserer Fraktion vom Präsidium des Kongresses offiziell erklärt, daß Herr Dr. Weizmann seine Wahl als Präsident der Organisation -nicht annehmen würde, falls wir unsere Deklaration verlesen. Sowohl der Präsident des Kongresses wie auch die nächsten Freunde des Herrn Dr. Weizmann beschworen uns in den eindringlichsten Wörter:, diese Situation zu verhindern und aus die Abgabe unserer Erklärung zu verzichten. Wir erklärten dem gegenüber sofort, daß wir in diesem Verlangen eine sachlich durch nichts gerechtfertigte, rein persönlich und willkürlich motivierte Forderung erblickerr, die für rms als Zionisten, als Delegierte des Kongresses und als Mitglieder unserer Gruppe in gleichem Maße verletzend und erniedrigend sei. Es wäre ein selbstverständliches Recht einer oppositionellen Gruppe, im Falle ihrer Stimmenthaltung bei der Wahl der Leitung ihren Standpunkt zu motivieren. Da wir nicht zulasten durften, daß von seiten des Herrn Weizmaittt und seiner Freunde uns die Verantwortung für die gefährliche Situation zn-geschoben würde, die durch seine Demission in der letzten Minute des Kongresses entstanden wäre, sahen wir uns gezwungen, auf die Verlesung der Deklaration zu verzichten. Andererseits aber erschien cs uns angesichts dieser Vergewaltigung unseres Rechtes zur Motivierung unseres Standpunktes als ein selbstverständliches Gebot unserer Ehre und Selbstachtung, dein ganzeil Wahlakt nicht mehr beizuwohnen. Aus diesen Motiveil verließen wir vor Beginn des Wahlaktes den Saal. Izchak Grünbaum, Warschau, Tr. Emil Margu.lies, Leitineritz, Dr. Bcnzion Mossiusou, Tel-Awiw, Wladimir Temkin, Berlin, Dr. Bruzkus, Kowno, Dr. Wilenski, Jerusalem, Dr. Nahllin Goldmaun, Berlin, Dr. Borrlchow, Jerusalem, Dr. I. Waldmann, Wien, Abraham Podlischewsky, Warschau,?lp. Hartglas, Warschau, Alex. Olschwanger, Warschau, Meuachem Ellenberg, Warschau, Moses Leiserowitsch, Warschau, Misrachi landeszentrale Morgen Donnerstag den 23. August 1923, 7 Uhr abends, im Festsaal des Hotel Continental, 11., Taborstrasse 6 Jüdische Massenversammlung Referenten: Rabbiner M©!©!® S$6B*8lH aus New York Univ.-Prof. PlCkg Mitglied der Exekutive Gelber, Wien, Estera Margulies, Warschau, Joses Grawitzky, Warschau, Dr. Jzchak Schipper, Warschau, Dr. Lifschütz, Warschau, Dr. Meier Klumel, Warschau, Dr. M. Glücksohn, Tel- Awiw, Dr. Josef Sapir, Kischinew. Massenmeeting des Misrachi. Montag abends fand im großeil Saale des Hotel Continental ein vom Wiener M i s r a ch i einbernfenes Mcet'ng statt, welches einen Massenbesuch auswies. Der Vorsitzende, Herr N e u!v i rt h, cröfffnctc die Versammlung und begrüßte den Haiiptredner der Veranstaltung, den bekannten amerikanisch-jüdischen Publizisten H. Bnblik, welcher als Delegierter des aurerikcmischen Misrachi an den: Karlsbader Ziomstentongreß teilgenommen hat. Ter Redner.sprach zunächst «über beu abgelaufeneii Kongreß und überbrachte ^der Bersammluiig die Grüße des amerikanischen Misrachi. Die Arbeit in ''Amerika sei sehr schwer, doch schreite sie erfolgreich vorwärts. 'Das Judentum in Amerika beginnt 3.11 erwachen. Wohl gebe es Widerstände sowohl von se:ten* der Linken wie der starren Orthodoxen, doch sei der Sieg des Misrachi sicher. Iu Amerika sind die allgemeinen Verhältnisse von jenen in Europa vielfach verschieden, und das Wort „Nationalität" habe dort eine andere Bedeutung als in Europa.' Ebenso wie man drüben 'das „nationale" jüdische Bekenntnis nicht recht verstehe, begreife man es dort nicht, daß man Hebräisch als ,^Kultnrsprache" lernen solle. Für die Inden Ainreri'kas sec das He-- räische lediglich die Sprache der Bibel. Der religiöse Aufbau des amerikanischen Judentums wären ohne Zionismus völlig unmöglich' in Amerika hat mir ein solches Judentum eine 'Zukunft, welches e i n h e i t l i ch ist, für Spaltungen hat inan drüben keinen Sinn und kein Verständnis. Daraus erklärt sich die Bedeutung -des amerikanischen Misrachi, »velcher ein Judentum der Mitte darstelle, das einfache Judsmtum schlechthin. Wie der Zionisnnrs in Amerika für seine Anhänger einen Weg zur Religion bedeute, ebenso gewinne er allmählich auch die Orthodoxie. So fei der Misrachi das Zentrum. Redner bespricht die Wichtigkeit eines jüdischen Erziehungs- Progranrms für ‘Sfuicrifa und erklärt, sowohl die nnr-naiionalen Zionisten wie die Agudisten seien Reformer, da Judentum die Einheit religiöser und nationaler Elemente 'bedeute: In diesem Siline sei auch das Judentum der Agud a h ein neuer Begriff, da es eine Religion ohne die nationale Grundlage nicht geben könne, wobei *au| jener Seite das Antinationale vielfach verschwiegen werde. Das historische Judentum eines Akiba oder Jehuda Halevk kenne die Trennung nicht. Rcdirer bespricht hierauf die Haltung des Misrachi auf dem Karlsbader Zionistenkongreß und erklärt, für den Misrachi fei es von größter Bedeutung, daß er eine Jugend hinter sich habe. Darin liege für ihn die Gewähr seiner künftigen Erfolge. Die Aussi'chruiigeii Vubliks \mtvbeu mit lebhaftem Beifall aufgcttouimcn, ebenso die darauf folgenden Darlegungen des H. P i n k a s über beu Kongreß, in welchen der Redner unter anderem das Bedauern ausdrückte, daß Usfischkin nicht mehr der Zionistischen Exekiltive angehöre. Da er aber auch weiterhin in Palästina bleibe, so sei sicher Ali hosseii, daß llstischkins Arbeitskraft bem jüdischen Aufbauwerk nid" fehlen werde. Zum Schlüsse plaidierte H. Groß für eine Politik Friedens im jüdischen Volke, die allein im^tanbe sei, c. 'bauend wirken jtt können. * Ein zweites Meeting des Misrachi. Morgen Donnerstag den 23. d. um 7 Uhr abends im großen Saal des Hotel Eo n t i ne n t al, 2. Bez., Taborstraße L, großes Massenmeeting, bei dem der bekannte MisvWi-Führer Rabbi Meir Berlin (New-?)ork) und Prof. H. Pick '(Jerusalem), Mitglied der Zionistischen Exekutive und Präsident der Alisrachi-Meltorgauisatiou, sprechen werdeii. Juden, erscheint in Massen! Re Konferenz der Agndas Zisroel. In der gestrigen Nachmittagssitzung erklärte noch eik Vertreter der agudiftischen I u g e n fr fl r it ppen P 0lens unter Schmähungen der Zionisten, es gebe kein Kompromiß mit den: Misrachi, solange dieser nicht aus der Zionistischen Organisation a u s t r e t e. Rabbiner Lewitan, Christiania, schlägt eine Konferenz vor, die gemeinsam mit Misrachi die Einigkeit im strenggläubigen Lager herbeiführen soll. Präsident Senator Zirelsohn vergleicht die Ursache der Feindschaft unter den frommen Juden mit der Ursache der Zwietracht unter den Söhnen Jakobs. Deshalb müsse man absolut zum Frieden kommen. Abg. Rabbiner Schapira, Sanok, erklärt, Beratrrngen über die Mitarbeit mit dem Mis-vachi seien nicht am Platze, da eine Vertretung der Misrachi nicht anwesend ist und eine längere Debatte über diesen Punkt mißfreutet werden könne. Unsere Bedingungen sind der Misrachi bekannt: Misrachi muß in allen Entschlüssen ebenso selbständig und frei sein wie Agudas Jisroel. Sie darf keiner fremden Majorität untergeordnet sein. Bis nun ist Misrachi nichts als eine Kampforganisation. Wir verlangten von Msrachi immer nur eines: Daß sie statt zu einem Kongreß unter Weizmann, zu einem Kongreß unter Chofez Chaim kommen sollen. Daran sind alle Verhandlungen gescheitert. * Gäbe es keinen Msrachi, könnten Agudah und Zionistische Organisation ungestört nebeneinander arbeiterr. In der gestrigen Vörmrttagssitzung berichtete Dr. Eh rjnann für die Palästina-Kommiffion. Die Konstellation in Palästina sei gegeckvärtig die, daß das thoratreue Judentum Gefahr lause, sich infolge behördlichen Zwanges einer Organisation unterordnen zu müssen, welche die Interessen der Thora nicht vertrete. Es bestehe die Gefahr, daß der Waad Leumi verschiedene Rechte, wie das der Steuereinhebung, erhalte. Deswegen schlage der rabbinische Rat «ne Resolution vor, in welcher vollstän- Dr. Israel Dnwus, Berlin, Israel Rosow, Tel-Awiw, Dr. G roßer Sommer ftSchiffmann II., TaborstraSe 48 Telauhon 47-1-79 En gros En «detail Sie Gefangenen der Shewra. Reims. Geschütze brüllten, Maschinengewehre knatterten. Ich schoß darauf los. Warum, weiß ich bis heute nicht. Weil wir die österreichische Wasfenbrüderschaft an der Westfront zu demonstrieren hatten? Möglich. Daun war ich auf einmal Gefangener. Wieso weiß ich bis heute nicht. Und ich weiß auch nicht, wie ich die zwei Monate m Frankreich ertragen konnte. Meine wunden Füße trugen mich kaum. Einer half mit dem Gewehrkolben nach. Meine fiebernde Phantasie sah die erhobenen Fäuste der johlenden Menge in den Städten, wo man uns umhertrieb, vertausendfacht. Meine Kameraden fluchten insgeheim; mir, aber gab meine Ohmnacht zu erkennen, daß ja die „Unseren" auch nicht besser seien. Ich sehnte den Tod herbei. Heute bin ich ihm dankbar, daß er n i d)f Fa nt; er hätte mich um ein Erlebnis gebracht, das mit keiner Qual zu teuer bezahlt war. Nach einer unheimlichen Seereise. landete das Schiff. Die im dumpfen Zwischendeck verfrachteten Gegenstände, die zufällig lebende Menschen waren, durften andächtig die Hand nach der Sonne ausstrecken, die wieder si'ir sie schien. Französisch-Jndien. Es ging landeinwärts? Kleine Ortschaften in der glühenden Ebene. Kolonisten, die sich Gefangene answählen, welche als Arbeiter verwendet werden sollen. Es hagelt Püffe und Schimpfworte: eilt Skavennrarkt . . . Bendjan, e'nr schmuckes Städtchen in Cochinxsina. Die Schar der Gefangene:: ist bereits stark gelichtet. Musterung im Hofe des Kommandogebäudes. Die schon gewohnte Szene: Bor dem Gittertor die gelben und braune Kerle, die froh sind, ihren Haß gegen die Weißenzeigen zu können, ohne dafür gelyncht zu werden. Die weißen Kolonisten an: Hofe reden laut von den angekommenen „Boches", deren Ankunft der frattzösi- Mie Mssionsprediaer Mon beim .Sonuta^s-.Gottesdienst angekündigt hat. Er hatte wahrlich nicht die Liebe verkündet! Es muß eilt Traum feilt. Ein kleiner, graubärtiger Mann in: weißelt Gewände des Tropenbewohners blickt mir in die Augen. Nicht die Muskeln schaut er sich an, sondern forschend, sinnend, flehend bohren sich seine Augen in die llieilten. Ich sehe mein eigenes Bild in ihnen, von einer Träne umflort, von einer Träne der Liebe . . . Was ist das? Es ist doch kein Traum! Der Mann spricht mit den: Kommandanten und der ruft mich beim Namen. Mich lind einen Kameraden. Wir waren die einzigen Juden in der Truppe. Wir werden registriert und der kleine Mann winkt uns, milzukommen. * Stumm geht er neben uns durch die belebte Gasse. Sein drohender Blick verscheucht die Zudringlichen. Unser Weg führt durch einen mächtigen Garten. Ein einfacher Bungalow ragt aus einem Meer bunter Lianen entpor. Jlt dem Zimmer, wo wir eintreten, starren urls zwei Männer in, höchster Erregung an. „Zwei sind . . sprach itnfcr Begleiter und stockte. Er schluchzte laut. Die beiden umarmten uns lind schüttelten uns die Hände. Sie labten uns mit Speise und Trank, sie sprachen uns freundlich an. Ich war gewohnt, um: mehr Haß, Unmenschlichkeit mtd Marter als irdisch zu kennen. Nur: wußte ich nicht, ob ich noch unter den Lebenden weilte. Die ungeheure Spannung der letzten Monate löste sich in einem krampfhaften Weinen. Ich war wieder Mensch und lticht Gefangener. Ich war unter I u d e tt . . . Drei jüdische Familien gab es in Bendjan. Wie sie dorthin verschlagen wurden, darüber wäre eine lange Geschichte zu erzählen. Als die drei Juden in: tiefsten Hinterindien beisammen waren, gründeten sie eine Chewra. Als ich sie später einmal scherzend fragte, wozu für drei Inden eine Chewra gut sei, erhielt ich die Antwort: „Damit sie da ist. wenn n 0 ch e i komme n!" Und in der Tat lehrten uns die Jahre/ wo wir Gefangene derChewra in Bendjan waren, was es heißt — Jude zu sein. Während unsere Schicksalsgenossen öfter Scheltworte als zu essen bekamen und stets als Fremde und Feinde betrachtet wurden, waren wir Juden vom anderen Ende der Welt unter Brüdern, die für uns sorgten wie fürs eigene Blut. Ich arbeitete auf einer Plantage in Frieden und ohne Zwang, und als ich mich nach Friedensschluß nach Europa einschiffte, schied ich von der Familie nleines Beschützers schweren Herzens. Mein Kamerad hatte es in Bendjan noch besser. Da man eine Beschäftigung für ihn angeben ntußte, um ihn behalten zu können, ernannte man ihn zum S ch a m m e s der Chewra. In dieser Eigenschaft' verliebte er . sich in die Tochter seines Vorgesetzten, des Präsidenten der Chewra, was unter den gegebenen Umständen — Kriegsgefangene durften nämlich nicht heiraten — jedenfalls unvorsichtig war. Der schwierige Fall beschäftigte eine endlos lange „Generalversammlung" der Chewra und in der Folge, in Form einer von ihr verfaßten Eingabe, auch die Militärbehörde. Und die Chewra oder vielmehr die Liebe, blieb siegreich. Die Behörden konnten sich der mit Zitaten aus dein Schulchan Aruch ausgiebig belegten Tatsache nicht verschließen, daß ein religiöser Funktionär — dev Schammes nämlich — nicht unverheiratet sein bürfe. Wer sich für die Hochzeit interessiert, finfrct sie in der Bendjaner Zeitung ausführlich geschildert unter dein Titel: „Eine Hochzeit airs Glläden des glorreichen Frankreich." Ich besuchte einmal das junge Paar in einem der Nachfolgestaaten, wo mein Freund zu Hause ist. Da zeigte man mir einen ganz jungen Juden, der mit einer so kräftigen Stimme die Welt begrüßte, als wäre sein Vater mindestens Kantor und nicht bloß Schammes in . .Bpndjan Lewesen. P & i LiJU Lp-ÜMSBB.

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