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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-22 · Heft 1626 (22.8.1923) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1626 (22.8.1923)
Date
1923-08-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wen, Mittwoch Cifcid) nach Einteiligen bet: Nachricht bont Tode des Präsidenten Harding wurde eine außerordentliche Sitzung des Exekutivkomitees der Zionistischen Organisation in Amerika cinberufen. In dieser Tranevsitzung wurde beschlossen, den Namen des Verstorbenelt Präsidenten in das Goldene Buch für den Indischen Nationalfonds cinzu tragen. An die Witlve des Präsidentcit wurde das folgende Beileidstelegramm adgesaudt: „Oie Zionistische Organisation in Amerika betrauert den schmerzlichen Verlust, den Sie und das aincrikanische Volk durch den Tod Ihres edlen Ggtteu, unseres großen Präsidenteil erlitten haben. Seien Sic versichert, daß unser Kummer in diesem Augenblick zu groß ist, um jetzt unseren Gefühlen entsprechend Ausdruck zu geben. Das jüdische Volk w i r d z u a l l c n Zeiten mit Dankbarkeit der großen Shmpathic und des tiefen Verständnisses gedenken, die M r. H a r d i n g u n s e r c n Ideal e n c -n tgcgcn brachte lind denen er stets seine Hilfe und seine Mitwirkung zu leihen bereit lvar. Gezeichnet: Louis Robinson, geschäftsführcnder Präsident der Zionistischen Organisation in Amerika." Gleichzeitig wurde an den neuen Präsidenten Coolidgo ein Begrüßungstelegramm gesendet. Ter neue Präsident der Bereinigten Staaten Mr. C o oiidge hat bei seinem Amtsantritt bekanntlich erklärt, daß :r eulfchlosseu fei, auf der ganzer! Linie die Politik seines olötzlich verstorbenen Borgängers fortzusetzen. Wir lsaben )amit die Versicherung, daß der neue Präsident auch die; ionistcnfrcundliche Politik H a r d i n g s weitet verfolgen werde. Es wäre jedoch nicht richtig, wollte man Mr. Coolidge als einen Neuling in jüdischnationalen Angelegenheiten bezeichnen. Ter neue Präsident der amerikanischen Republik hat wiederholt gründliche Kenntnis der jüdischnationalen Probleme und tiefe Sympathien für dieselben bekundet. Es genügt auf das offizielle Schreiben hinzuweisen, welches Präsident Coolidge vor einem Jahr etwa an die Leiter der Keren H al effo d - Kanrpagne gerichtet hat. Nach einigen einleitenden Dorten, mit denen er seiner aufrichtigen Freude über die Bemühungen Ausdruck gibt, die in der jüdischen Oeffent- .ichkeit im Interesse des Erfolges der Kampagne Unterkommen werden, schreibt Mr. Coolidge: „Das jüdische Volk jat im Verlaufe von Jahrtausenden ein tiefwurzelndes tarkes Gefühl seiner Nationalität und einen herrlichen eigenen Geist sich bewahrt, ohne Rücksicht auf die zahleichen störenden Einflüsse ringsumher. In allen Ländern, n denen sie sich niederließen, haben die Juden mitgearbeitet rn den wirtschaftlichen Erfolgen des Landes und waren itets wahre Stützen der Sache der Freiheit. Ter vorgeschlagene Weg des K e r e n H a j e s s od gibt dem indischen Volk die beste Gelegenheit, diese seine großen Eigenschaften und Vorzüge dem Aufbau und der Erhaltung seines eigenen Heimatlandes zu widmen und ich bin sicher, daß die jüdische Bevölkerung dieser dankenswerten Arbeit die erforderliche Mithilfe angedei'heu lassen wird, damit der wünschenswerte Erfolg nicht ausbleibe." Die Auftastung des Präsidenten Coolidge über den Zionismus und den Wiederaufbau Palästinas als jüdische Heimstätte bleiben dieselben wie diejenigen des Vizepräsidenten Coolidge tvaren. Oesterreich. Seipel in Wim. Bundeskanzler Dr. Seipel ist von feinen? Urlaub zurückgekehrt. Tschechoslowakei. Eine Zusammenkunft Henesch-Mussoliin. Prag, 21. August. Wie ,/Tribuna" meldet, wird Außenminister Benesch am 24. September nach Rom reisen, wo er an: 28. September eine Zusammenkunft mit dem Ministerpräsidenten Mussolini haben wird. Obgleich das Programm der Besprechungen offiziell nicht festgelegt sei, würden die Beratungen die ungarische Frage sowie die Probleme des nahen Ostens zum Gegenstände haben. Ile Gemeindewahlen in der Slowakei und die Bereinigten jüdischen Parteien. Aus Bratislava wird uns gemeldet: Am 14. d. fand in Trenczin-Tepbitz eine Vollversammlung des Präsidiums des Volksverbandes der Juden für die Slowakei, und der Vereinigten jüdischen Parteien statt, welche zahlreich beschickt war. Die Versammlung eröfsnete Herr Felix Fischer aus Jllava in slowakischer und' deutscher Sprache, worauf Sekretär Tr. S a j o über die Tätigkeit des Volksver'bandes referierte. In der Frage der jüdischen Schulen und der zu errichtenden jüdischen Lehrerbildungsanstalt wurde beschlossen, die bereits bestehende Kommission zu erweitern und sie zu beauftragen, bei den kompetenten Stellen zu intervenieren und beim Ministerium in Bratislava eine E nq u e t e in dieser Frage zu betreiben. Es wurde ferner beschlossen, bei den nächsten Parlamentswahlcn mit der ka r pa t ho rufst scheu Judenschaü gemeinsam vorzuge>beu. _Wiener Morgenzeitung. Z""l Schlüsse fand eine ausführliche Debatte über die W a h l t a k t i k bei den k o nt m enden G e m eind cw a h l cu statt. Sämtliche Redner stimmten darin überein, daß die Indenschaft bei den bevorstehenden Gemeindewahleu vollste Neutralität bowahren und selbständig auftrcten soll, und lvo eine Koppelung im Hinblick auf die geringe Zahl der jüdischen Wählerstimmen unausweichlich wäre, eine solche mit antisemitischen Parteien auf jeden Fall abzulehneu. Tie Priäsidialsihung nahm eine Resolution au, derzufolge die Vereinigten jüdischen Parteien bei den Gcmeindelvahlen, bei Betonung ihres staatserhaltenden Charakters, die bolle Neutralität bewahren, prinzipiell mit keiner Partei kooptieren, und von den gewählten Gemeinderäten strenge Parteidisziplin verlangen sollen. Die Vereinigten jüdischen Parteien vertreten die Gesamtintercssen sämtlicher Schichten des Judentums. Zum Schlüsse wurde die Absendung eines Begrüßungstelegrannns an den Präsidenten M a s a r Y k beschlossen, in welchem auch der Wünsch wiederholt wird, das Wahlgesetz möge in dem Sinne abgeändert werden, daß, da zirka 85.000 jüdische Stimmen ohne Vertretung int Parlament geblieben sind, im Falle auf eine Partei in der ganzen Republik 50.000 Stimmen abgegeben werden, diese Partei in das zweite Skrutinium konnne. Ungarn. Eine stütze der Horthy-Throner. Budgapest, 21. August. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Zur Zeit der burgenländischen Bande nkämpfe nahmen die ungarischen Behörden einige Bandenführer fest, -darunter auch Ivan H e j j a s. Die Verhaftung dauerte nicht ganz 24 Stunden und hatte den Charakter einer Ehrenhaft. Ein bekannter Budapester Arzt. Dr. Arthur Fischer, äußerte sich damals in einer Privaten Gesellschaft, es sei gut, daß Hejjas verhaftet wurde, denn er und seine Gesinnungsgenossen seien nicht besser als Lenin-Buben, nur heißen sie Horthy-Bubcn. Der Arzt wurde nun tvegen dieser Aeußerung, in der die Staatsanwaltschaft eine Beleidigung des Reichsberwesers erblickte, zn zwei Monaten Kerkers verurteilt. Der Kampf Gömbör-Bethlen. Budapest, 21. August. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Im Zusammenhang mit der Nachricht, daß Ministerpräsident Graf B e t h l e n sich anfangs September nach Gens begeben werde, um dort den Sitzungen des Völkerbundrates beizuwohnen und mit Dr. Benesch über die ungarftche Ausländsanleihe zu verhandeln, bemerken die Abendblätter, daß dieser Reiseplan kaum zu verwirklichen wäre, da Graf Bethlen jetzt mit den größten innerpolitischen Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Sollte er das Land nur auf eine Woche verlassen, so würde in seiner Abwesenheit die Gömbös-Gruppe sicher einen Umsturz provozieren. Die Gömbös-Gruppe rüstet sich zu neuem Kampfe gegen die Regierung. In der nächsten Parlamentssitzung beabsichtigt Gömbös durch Stephan Friedrich die ausführliche Namensliste jener Politiker verlesen zu lassen, die Gratisaktien erhalten haben. Gömbös selbst beabsichtigt die Frage der Bodenreform zur Sprache zu bringen, da er mit der Unterstützung der kleinen Landwirte in der Regierungspartei rechnet. Polen. Eine Dollaranleihe? Warschau, 21. August. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Wie der „M o m e n t" aus gut informierter Quelle erfahren haben will, haben die Verhandlungen, welche während. der vor kurzem erfolgten Anwesenheit amerikanischer Finanziers in Warschau gepflogen wurden, ein günstiges Ergebnis gehabt. Es bestehe begründete Hoffnung, daß Polen eine P rivatanleihe von Hunde r t Millionen Dollar erhalte. Ihre Durchführung ist freilich noch von einer Reihe von Reformen in der Staatsverwaltung und von entsprechenden Garantien abhängig. Diese Anleiherefultate stehen, wie offiziös versichert wird, in keinerlei Zusammenhang mit den Bemühungen des Handelsministers Kucharski in Paris, eine Anleihe für Polen zu placieren. Das Resultat von Kucharskis Pariser Verhandlungen ist noch nicht näher bekannt. Die Memel-Frage. Warschau, 21. August. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Die Botschafterkonserenz hat der polnischen Regierung das Statut für Memel übermittelt. Darin wird Memel als internationaler -Hafen anerkannt, der durch einen Hafenrat verwaltet werden soll, in dem ein Pole, ein Litauer und ein Bürger von Memel Sitz und Stimme haben werden. Polen erhält -ehre 99jährige Konzession, welche ihm im Hafen ein gewisses Terrain für seine wirtschaftlichen Bedürfnisse sichert. Das Statut garantiert ferner Polen freien Transit auf dem N j em e n und aus den litauischen Bahne n. Dieser Beschluß der Botschafterkonferenz ist von ziemlich großer wirtschaftlicher Bedeutung, llveil dadurch die Gebiete von Wilna und Grodno freien Zutritt zum Meere erlangen. Insbesondere,der ziemlich ansehnliche H o l z- Handel im Gebiete von Grodno erlhält durch die Möglichkeit des freien Holztransports auf. dem Niemen nach Memel eine starke Fördevuns, 22. August 15*6 Nr. 1626 Erhöhung der Eisenbahntarife. Das Eisenbahn- Ministerium hat ab 1. September eine Erhöhung der Eisen»! dähntarisc im Personen- und Gepäckverkchr um 100 Prozent verfügt. Jugoslawien. Lffener Konflikt zwischen den Kroaten uni der Regierung. Belgrad, 21. August. (Tschecho-slowakisches Preßbureiu.) Wie aus Agram berichtet wird, haben die Abgeordneten der k r o a t i s ch - r c p u b l i k a n i s ch e u B a u e r n p a r t c i infolge der Erfolglosigkeit der bisherigen Berständigungsvcrsnchc beschlossen, alte Bcziehnngcn zn Belgrad abznbrechen und Radle zn -ermächtigen, int Auslände eine diplomatische Aktion zwecks Verwirklichung der separatistischen Forderungen au!s friedlichem Wege zn unter« nehmen. Die PMtina-Berwaltüng und der Sabbat. Ans Jerusalem meldet I. C. B.: Die palästinensisch« E ise ub a h uve rw alt ung hat das Gesuch des palästinensischen Rabbiuats, den jüdi s ch e n Arbeiter n de Beobachtung der Sab bat ruhe zu gestatten, wofür diese am Sonntag den Dienst versehen sollten, ab gelehnt. Ti«' Verwaltung besteht darauf, daß entsprechend ihrer letzten Anordnung der Sonntag als der einzige Ruhetag i.nt Lande beobachtet werde. 160 s ü d i s ch e und eine Anzahl m o h a :it nt t dani s ch e Eisenbahnarbeiter haben als Protest gegen dies« Verordnung am 1. d. die Arbeit n i e d e rge l c g t. De Haan bei König Faisul in Amntan. Aus Ierusolew wird uns gemeldet: Anläßlich des Besuches König Faisnls bei seinem Bruder Abdullah kant, wie die arabischen Blätter melden, auch Dr. de Haan, als Vertreter des orthodoxen Judentums von Palästina sowie der orthodoxe P a t r iarch von Jerusalem nach Amman, um König Faisul zn begrüßen. (I. C. B.) Verbot eines antijiidifchen Lehrbuches. Die Regierung hat den Gebrauch des antijüdischen unid antizionistischen Lchr« buches „Die Geschichte von Palästina" für den Schulunterricht verboten. Die Joftaer Zeitungel e st i n o" gibt ihrer Unzufriedenheit mit diesem Verbot Ausdruck und fragt, ob es nicht der jüdische Einfluß bewirken wird, daß auch der Koran in den Schulen verboten werde. (I. C. B.) Rundschau. Der Wert der deutschen Eisenbahnen. Die deutschen Eisenbahnen spielen bei den Garantien, dis die Alliierten sür die Reparationszahlungen verlangen, eine Rolle, und deshalb ist ihr Wert jüngst in der englischen Zeit« schvift „Fairp'lah" untersucht worden. Der Uäberschnß der deutschen Eisenbahnen betrug 1916 1,6 Milliarden Goldmark; dagegen -war 1662 nach den Angaben des englischen Blattes ein Zuschuß von zwei Billionen Mark erforderlich. Deraugenblickliche Wert der Eisenbahnen wird auf 60 Milliarden Goldmark geschätzt, und es wird die Annahme ausgesprochen, daß bei einer Stabilisierung der Wlark und bei einer vernünftigen Lösung des RepäratiottsprobleinS es in einigen Jahren den deutschen Eisenbahnen möglich sein werde, einen Ueberschuß von etwa 600 Millionen Goldmark zu erzielen. Ser Lanfmmer Vertrag vor dem Angora» Parlament. Angora, 21. August. (Havas.) In der Nationalversammlung werden bei der Generaldebatte i'lber den Lausanner Vertrag keine ernsten Einwürfe erhoben, außer gegen die Festsetzung der Südgrenze. Marl glaubt, daß die Debatte, die zunr Teil gehe! m sein wird, gegen EM der Woche zum Abschluß kommen werde. Die Ber» ^Handlung über die M u s s o l f r a g e und über die Art der Zahlung der Coupons werden der Ratifizierung des Vertrages folgen. Sie türkische Staatsschnld. Konftantinopel, 21. Angttst. (Tel. der „Wicrrer Mov» genzeitung".) Der Finanz min ist er von Angora hat mitgeteilt, daß sich die türkische innere und äußere Staatsschuld auf 280 Millionen türkische Pfund beläuft. Frankreich «nd die Türkei. .Konftantinopel, 21. August. (Tel. d. ,Mr. Morgen» zeitung".) In türkischen politischen Kreisen erklärt man, daß die französische Negierung die türkische darüber befragt habe, ob ihr die Ernennung des gegenwärtigen sranzösischen Oberkoutmissärs in Konstantinopel, General Pell e t, Botschafter in A n g o r a g e n e h nt sei. Die türkische! gierung Hobe in zust i mm e n dem Sinne geantwortet. Die Räumung Konftantinopel« beginnt. Paris, 21. August. Nach einer Londoner Meldung ist zwischen General H a r r i n g t o n und den türkischen Behörden vereinbart tvorden, daß die türkischen T r u pp v n erst nach denr Abzug der alliiertet! Streitkräfte in Konftantinopel entziehen. Die Alliierten beginnen M i 11« > woch mit de» Räumung dea: Stadt.

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