Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1626 (22.8.1923)
- Date
- 1923-08-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Einzelnummern 1008 Wien: Zum Abholen in der Expedition, II.,Taborstr.l-3, oder in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschecho-Slowakei: Mon. K 17. Jugoslawien: Mod. Dinar40. Po len: Mon. Mk.45.000. Deutschland: Mon. Mk. 150.000. Frankr., Belgien: Monatl. Frcs. 8 Nach Zahlungen "Wl Preiserhöhungen Vorbehalten Nr. 1626 fsdieentoetnowaktiii tschech. K 1.20 Italien: Monatl. 10 Lir^ Rumänien Mon. 90 Lei, Bulgarien Mon. 75 Lewa, Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II.,Taborstrassei—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19, ab 6 Uhr abds. 19-483,25-282 Tel.-Adr.: .Morgenzeitung“ Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 Wien. Mittwoch. 22. August 1923 S. Fahrgang Deutschlands wirtschaftlicher Verfall. Rekord-Balutentmse. — Gevlante Notmaßnahmen der Regierum Die Not der Bevölkerung. Berlin, 21. August. (Tel. der „Wr. Movgenztg") Die leichte Entspannung, die der Regierungswechsel gebracht hat, ist durch die Tatsachen der letzten Stunden wieder wettgemacht worden. Auf den deutschen Börsenplätzen haben sich heute Szenen abgespielt, die selbst die ärgsten Befürchtungen der größten Pessimisten Lügen straften. Die Markverschlechterung hat heute mit unglaublicher Schnelligkeit Fortschritte gemacht und Kurse erzeugte, die wohl das Absurdeste vorstellen, was sich auf einem -Finanzmarkt ereignet hat. Der Dollar setzte vormittags im Freiverkehr mit 6.6 M i l l i o n e n ein und st i e g sehr bald aus 7.50 Millionen, während das englische Pfund mit 3 4 Millionen genannt wurde. Die Reichsregierung steht diesen Vorgängen vorläufig ohnmächtig gegenüber. In informierten politischen Kreisen erzählt man sich allerdings, daß S t r e s e m a n n die Absicht 'habe, mit diktatorischen Mitteln gegen den drohenden, vollkommenen W i r t s ch a f t s v e rfall anzukämpfen. Sollte der Erfolg solcher Maßnahmen von irgend welcher Seite behindert werden, dann sei die Regierung entschlossen, zu drakoniHen Methoden zu greisen, um JJS# Zerfall der deutschen Volkswirtschaft zu verhüten, um insbesondere die Ernährung der breiten Volks'mässen sicherzustellen. Die Notverordnungen, die die - Negierung zu erlassen beabsichtigt, sind in Ausarbeitung'begriffen und sollen schon morgen mit sofortiger Wirksamkeit veröffentlicht werden. Einzelheiten über diese sind noch nicht bekannt, doch soll durch sie der Negierung die Möglichkeit gegeben werden, sich einerseits einen Devisenfonds zur Markstützung zu sichern, andererseits die Schuldende rmehrung zu verhindern, die Ausfuhr zu st e i g e r n, die Einfuhr zu d r o s s e l u, schließlich Preis und Kaufiraft in ein erträgliches Verhältnis zu bringen. Diese Maßnahmen der Regierung sind unerläßlich. Die Not der Bevölkerung ist unerträglich geworden, da die Wahnsinnskurse der Valuten naturgemäß R ckordpreise auf den Lebensmittelmärkten zur Folge haben. Einige Ziffern mögen dies illustrieren. Es kosten: Ein Pfund Markenbrot 31*000 Mark. Ein Pfund Rindfleisch 700.000 Mark. Ein Pfund Kalbfleisch 1,200.000 Mark. Ein Pfund Kartoffeln 43.000 Mark. Ein Pfund Bohnen 60.000 Mark. Ein Pfund Margarine 750.000 Mark. Ein Pfund Butler 900.000 Mark. Ein Ei 60.000 Mark. Ein Liter Milch 96.000 Mark. Diese Preise haben unter der Bevölkerung um so größere Erregung hervorgerusen, als - sie nahezu von Stunde zu - Stunde ganz. w i l l k ür lich erholst werden. Die Gastwirte hoben sich unter diesen Umstanden entschlossen, einfach einen Preis Multiplikator allwöchentlich aufzustellen. Dieser beträgt ab 18. August 300.000 für alle Speisen, einfache Getränke und Waren, und 500.000 für Weine, Sekt und Likör. Ein Mittagessen, das ehemals 80 Pfennige kostete, soll demnach jetzt mit dem 300.000fachen Betrage, das find 240.000 Mark, berechnet werden. Welche groteske Auswirkungen diese wahnwitzigen Preise erzeugt haben, zeigt am besten folgender Umstand: In der letzten Zeit ist den Behörden wiederholt die Tatsache ausgefallen, daß auf den verschiedenen Friedhöfen gegenwärtig eine äußerst geringe Zahl von Beerdigungen stattfindet. Nicht eine Abnahme der Sterblichkeit ist die Ursache dieser Erscheinung, sondern die enorme Höhe, die die Beerdigungskosten erreicht haben. Die Armen und Aermsten sind nicht mehr in der Lage, dafür das Geld aufzubringen. So werden die Leichname schon zu Lebzeiten an die Anatomie verkauft. Anstellung von Münchener zeitnnge» München, 21. August. Die Vereinigung der Münchener Verleger erklärt, daß die Verlegerdie jetzigen Belastungen aus eigener Kraft nicht tragen können und sich daher gezwungen sehen, die Erzeugung von Büchern und Zeitschriften e i n z u st e l l e n. Infolge dieses Beschlusses haben 16 Münchener Zeitschriften ihr Erscheinen eingestcIIt - Neues Hartgeld. Berlin, 21. August. Wie die „Vossische Zeitung" berichtet, beabsichtigt das Reichsfinanzministcrium, Hartgeld st ü ck e zu 100.060, 200.000 und 500.000 Mark auszugeben. Re Reparattomkrage. Uebergabe der französischen Antwort. Paris, 21. August. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung^.s Die französische A n t w o r t auf die Note Lord E u r z o n s ist heute früh. 9 Uhr, dem. engl ischen Geschäftsträger überreicht und sofort nachher im Flugzeug nach London gesandt worden. Das Expose über die französische Politik umfaßt 19 Druckseiten. Ein neues Gelb b u ch mit den bezüglichen! Dokitmenten wird mo r g e n erscheinen. Die belgische Antwort wird morgen über» reicht. Brussel, 21. August. (Tel. d. „Wr. Morgenzeiiung".) T h e n n i s hat die Ausarbeitung der belgischen Antwort ans die englische Note begonnen. Ja spar ist heute vormittags nach Brüssel zurückgekehrt. Die beiden Minister werden wahrscheinlich den Entwurf Mittwoch dem Mini sie r rat unterbreiten. Die Antwort dürfte noch am gleichen Tage nach Pari s und am Donnerstag dem Foreign Office überreicht werden. In gut unterrichteten Kreisen verlautet, daß die belgische Antwort kurz gehalten sein werde und sich an den französischen Text a n l e h n e n werde. Man weist darauf hin, daß die Forderungen an Deutschland gegenwärtig bis 50 Milliarden G o l d m a r k ausmachett I und man ist der Ansicht, daß dieser Betrag die deutsche Zahlungsfähigkeit nicht überschreite. Mederzufammeutritt des Völker» bundrates. Genf, 21. August.. Der Völkerbund rat wird am 30. d. unter dem Vorsitz des Visvouut Jsthii (Japan) zu seiner 26. Session zusammentreten, die den ganzen Monat September hindurch andauorn wird. Die erste Sitzung dieser Session wird der am 3. September beginnenden Bölkundbundverfammlnng gewidmet sein. Der Rat wird von den Berichten der verschiedenen Organisationen und Kominissioneu des Völkerbundes über die bt>u ihnen geleistete Arbeit Kenntnis nehmen. Ferner wird der Rat alle zur Prüfung der Gesuche um 'Aufnahme in den Völkerbund notwendigen Maßnahmen treffen. Den Gegenstand der Verhandlungen werden bilden: Das Projekt einer griechischen Flüchtlingsanleihe für Kleinasien, die Finanzlage der Freistadt Danzig sowie die Gesamtheit der noch zwischen Polen und Danzig schwebenden Fragen. Schließlich sollen noch die Fragen betreffend das Saargebiet und den Schutz der Minderheit e n i n A l b >a n i e n, E st l a u b und Lett l a n d behandelt werden. Jas deutsche Chaos. F. Wien. 22. August. In Berlin ist gestern der Dollar auf die gigantische Höhe von rund siebeneinhalb Millionen Mark emporgeklettert. Die Entwertung der. deutschen. Zahlungsmittel schreitet mit Riesenschritten vorwärts und hat anscheinend noch immer keine Grenze' nach unten geftlnden. Vor einer Woche hat Cunos Nachfolger, Herr S t r e s e m a n n, es als die wichtigste innerpolitische Aufgabe seiner Regierung erklärt, den Markkurs zu stützen, um auf solche Weise eine Atempause für die arbeitenden Schichten der Bevölkerung zu gewinnen, innerhalb welcher Frist eine Anpassung der Löhne an das entwertete Geld erfolgen könnte. Diese Ankündigung hat das schwer getroffene arbeitende Volk, welches bisher die Rühe bewahrt hat, mit dem Gesicht der Erleichterung ausgenommen. Der Effekt ist jedoch, wie man sieht, bisher völlig ausgeblieben, eine Erscheinung, die um so ernster zu bewerten ist, als — so wird wenistens behauptet — die deutsche Industrie der neuen Regierung bisher den Betrag von zweihundert Millionen Goldmark zur Verfügung gestellt hat. Es ist offenbar schwerer, als es sich Stresemann und seine Mitarbeiter gedacht haben mögen, dem bereits voll entwickelten Wirtschaftschaos Zügel anzulegen. Gestern hat nun das deutsche Reichskabinett über die zu ergreifenden Notmaßnahmen auf wirtschaftlichen! Gebiete beraten, und es sollen Notverordnungen erlassen werden, mittels welcher man der drohenden Gefahr Herr werden will. Es soll sich in erster Reihe um die Schaffung eines Devisenfonds handeln, welcher den Ankauf von Lebensmitteln aus dem Auslände ermöglichen und zu einer Markstützungsaktion verwendet werden soll. Die Ereignisse in Deutschland haben eine Entwicklung genommen, welche die Möglichkeit einer Entwirrung recht fraglich erscheinen läßt. Die Schwerindustrie, welche Enno mit vollem Recht als ihren Sachwalter ansah, hat die Ankündigung einschneidender Steuer- und Devisenerfassungsmaßnahmen sowie die Tatsache der Schaffung einer Koalitionsregierung mit starkem sozialdemokratischen Einschlag mit unverhohlener Mißstimmung ausgenommen. Die Hetze gegen Stresemann hat in den ihr hörigen Organen mit voller Schärfe eingesetzt, und der schwerindustrielle Patent- Patriotismus denkt wohl kaum daran, sich leichterdings durch radikale Zugriffe die Jnflationsgewinne abnehmen zu lassen. Auf der anderen Seite aber wird die Situation Deutschlands dadurch erschwert, daß verschiedene Industrieartikel die Weltnrarktparität nahezu überschritten haben und daß die enormen Kohlenpreise, welche noch erhöht werden sollen, die Gefahr der beginnenden Arbeitslosigkeit noch beträchtlich vergrößern. Es ist zu besorgen, daß Deutschland . sich durch die Notenwirtschaft die ausländischen Exportmöglichkeiten völlig verrammle, daß die deutschen Produkte infolge ihrer hohen Gestehungskosten die Konkurrenzfähigkeit einbüßen und daß damit das Räderwerk der Industrie zum Stillstand komme. Schon die jetzigen Berhältniffe in Deutschland bedeuten für die breiten Massen der Bevölkerung eine ungeheure Belastung, denn es ist nicht das Deutsche Reich schlechthin, welches gegen Frankreich den Wirtschaftskrieg an der Ruhr fuhrt, sondern diese Kämpfe spielen sich, wie einst im Kriege, wenngleich in unblutigerer Form, auf dem Rücken einer Bevölkerung ab, welche vor der Gefahr des Hungers steht, wenn nicht baldige Whilfe geschaffen wird. Sollte sich zu der bestehenden Not noch die andere der ausgebreiteten Arbeitslosigkeit gesellen, dann wäre wohl der totale Zusammenbruch kaum aufzuhalten. Die Devisenbeschaffung für die deutsche Wirtschaft würde bei einer Stillegung der Industrie und dem Stocken des Absatzes unterbunden und damit die Gefahr einer Hungersnot in ihrem vollen Umfange näher gerückt. Es könnten sich jene Erscheinungen wiederholen, welche die Welt im Falle Rußlands schaudernd miterlebt hat, nur daß Deutschland eben weder in feiner wirtschaftlichen und sozialen Struktur noch in seiner geographischen Lage mit Rußland verglichen werden kann: Die Unterbietung der Weltindustrie im Auslände durch deuffche Erzeugnisse, der in England so berüchtigte Dumping, welcher durch die Prämienpolitik früherer deutscher Regierungen ermöglicht wurde und der bekanntlich mit eine der Ursachen des Krieges gewesen ist, soll nunmehr, wenn den Ereignissen nicht rasch Einhalt getan wird, durch sein Gegenteil abgelöst werden. Aber ein Aufhören der deutschen Absatzmöglichkeiten liegt keineswegs im Interesse der großen Industriemächte oder der Nachbarn Deutschlands, welche alle ifck ÄockmH m hex Kprw einer qlMmdüMn Störung ihrer eigenen Wirtschaft zu spüren bekommen müßten, und das Problem der englischen Arbeitslosigkeit kann nicht dadurch gelöst werden, daß Deutschlands Prodnktionskraft ins Stocken kommt. Unterdessen fliegen die Noten hin und her. Die französische Antwortnote ist gestern der englischen Neuerung übergeben worden, man darf sich auf neue Veröffentlichungen, neue Gelbbücher und einen neuen Notenwechsel gefaßt machen. Aber die Gefahr, welche Deutschland und der europäischen Wirtschaft und Politik droht, ist damit nicht aus der Welt geschafft. Deutschland hat nicht viel Zeit, zu warten, und man muß daher auf die Auswirkung der angekündigten deutschen Zlchtmaßnahmen doppelt gespannt sein.