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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-19 · Heft 1623 (19.8.1923) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1623 (19.8.1923)
Date
1923-08-19
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1623 Wien, Sonntag gung vor. Wenn die Interparlamentarische Konferenz die4 Ruhrbesetzung ans der Welt schaffen könnte, würde ein Weg ans dem Dunkel des Hasses gefunden und die Möglichkeit eröffnet werden, daß Frachosen und Deutsche sich als freunde die Hand reichen. Merl i n (Frankreich) polemisierte gegen Loebe und betonte, daß die Bestimumngen des Versailler Vertrages eingehakten werden müssen. Die Kriegsentschädigungen seien keine Strafe, sondern eine einfache Gerechtigkeit. Merlin beantragte, den Vorschlag betreffend Ueberweisung der Entschädigungssrage an eine internationale Autorität zu streichen und dafür an die Regierungen die Forderung zu richten, die Lösung der Entschädigungsfrage zu beschleunigen und unparteiische und internationale Instanzen dabei zur Mitwirkung heranzuziehen. Bernstein (Deutschland) schloß sich Loebes Ausführungen an. Er bezeichnete biu Vertrag von Versailles als ein Diktat,, das Deutschland gleichwohl zu erfüllen versuche. Deutschland wünsche ebenso wie Frankreich Gerechtigkeit. Nach längerer Debatte wurden die ersten beiden Entschließungen unverändert und die. dritte Entschließung mit dem Abä-nderungsantrag Merlin einstimmig angenommen. Die britische Reichrkonserenz. London, 18. August. (Tel.-Komp.) Die britische R e i ch s ko nfe re uz wird am 1. Oktober in der Downing Street unter dem Vorsitz von Baldwin eröffnet werden. Die Konferenz wird sich besonders mit der Frage der Verteidigung des britischen Reiches, und mit der Flottenbasis von Singapore sowie mit Wirtschaftsfragen befassen. Es verlautet auch, daß die R c P a r a t i o n s- und Ruhrfrage zur Verhandlung kommen wird. Dar Flottenübereinkommen. Ende des englisch-japanischen Bündnisses. Washington, 17. August. (Havas.) Die fünf an denr § l o t t e n a b k o m m e n für den Stillen Ozean interessierten Mächte haben die offiziellen Ratifikationen ausgetauscht. Frankreich machte V orbchaltc, da es der Ansicht ist, daß das Verhältnis des jedem der Unterzeichneten Staateil zugestandenen Tonnengehaltes der Linienschiffe und der Luftschiffe nicht der Wichtigkeit der Seeinteressen dieser Mächte entspricht und daß diese Verhältniszahl auf andere Schiffskategorien, für die sie nicht ausdrücklich festgelegt worden ivar, nicht angcwendet werden könne. Der Ratifikationsaustausch hat das Ende des e n g l i s ch - j a P an i s ch e n Bündnisses zur Folge. Politische Todesurteile tu Bulgarien. Sofia, 17. August. (Bulgarische Tel.-Ag.) Der Gerichtshof erster Instanz in Plowna hat den Prozeß gegen 85 Personen, die beschuldigt sind, nach d c m Sturz Stambulijskis gegen die rechtmäßige Regierung einen Aufruhr angezettelt zu haben, abgeschlossen. Vier Angeklagte wurden zum Tode verurteilt, zwei zu lebenslänglichem Zuchthaus, 70 zu .Gefängnisstrafen zwischen zwei und zwölf Jahren. Neun Angeklagte wurden freigefprochen. Das Urteil ist nicht endgültig. Die Verurteilten können innerhalb zwei Wochen Berufung entlegen. Die Berliner Meldung, daß die Verurteilten Mitglieder der Regierung Stambulijskis seien, entbehrt jeder Begründung. Uebrigens ist die Untersuchung gegen die Mitglieder des Bauernka'biuetts noch nicht abgeschlossen. Angora — Hauptstadt der Mel. Paris, 18. August. Die Matter melden aus London: Wie die »Westminster Gazette" aus Angora meldet, habe Mi Fuad Pascha, der Vizepräsident der Natwnalversammlung, erklärt, die Regierung habe endgültig beschlossen, Angora zur Hauptstadt der Türkei zu erwählen. An fasziftischer Ueberfall in Boren. Wie die „Neueste Zeitung" aus Bozen meldet, erschien Domcerstag Nachmittags eine Abordnung der Trientin er F a s z i ft e n in der Druckerei des sozialdemokratischen ,/Volksrecht" und forderte Auskunft darüber, wie sich die deutschen Südtiroler Sozialdenrokvaten zur faszistischen Gewerkschaftsbewegung stellen. Da die Anwesenden erklärten, hierüber keine Auskunft erteilen zu können, verlangten die Faszisten binnen einer Viertelstunde die Zusage, daß sich die sozialdemokratischen Gewerkschaften in Südtirol auf lösen und der faszistischen Gewerkschaftsbewegung anschließen werden. In Gegenwart des Unterpräfekten von Bozen fanden Verhandlungen statt, bei denen die sozialdemokratischen Funktionäre erklärten, keine Entscheidung über die gestellte Forderung fällen zu können. Daraufhin wurde das Gewerkfchaftsgebäude von den Faszisten besetzt, das Gewerkschaftssekretariat und die Druckerei des „Volksrecht" versiegelt. Unruhen in Rußland wegen des Setteideexports. Riga, 16. August. (Gell, der ,Mr. Morgenzeitung".) In den Gouvernements IÄatevinoslaiw und Odessa, im Dongelbiet und iwt Kaukasus sind ernste Unruhen ausgebrochen, die sich dagegen richten, daß die Kommissäre der Sowjetregievung mit allen Mitteln den Getreideexport nach dem Ausland betreiben. Irr Odessa wurden von den Demonstranten einige Lagerhäuser, in denen Getreide für den Export vorfaemtet lag, angegriffen und das Getreide weggeführt. Die Kommissäre haben für die weitere Durchführung des aus staatsfinanziellen Gründeil so stark foroierten Getreideexporls starken militärische Schutz verlangt. Wiener Morgenzeitung. 19. August 1923 Seite 8 Mmer neue ♦ Die französische Antwortnote. — An Hoffnungsschimmer für Deutsch» land. — Die belgische Rote. — Die deutsche Banlnotenslut. Paris, 18. August. (Tel. der „Wr. Movgenzeitung".) Die französische Antwort auf die britische Note ist gestern abends nach Brüssel übermittelt worden und wird bestimmt M >- n t a g vormittags nach L o n b o u gesandt werden, wo sie wahrscheinlich noch am Abend veröffentlicht werden wird. Wie „Matin" meldet, würde in der französischen Note erklärt werden, daß, trenn die pa s s i v e Resistenz anfhöre, die militärischen Effektivbestäiide im Ruhrgebiet herabgesetzt werden würden. Die Ingenieurmission würde eine einfache Kontrolle ausüben, die AP^rre würde aufgehoben und die ausgewiesenen Eisenbahner könnten zurückkehren. „Petit Parisien" will weiters über den Inhalt der Antwort wissen, daß die Gesamtsumme der Reparationen mit etwa 50 Milliarden Goldmark bestimmt werden könnte, wenn die Frage der amerikanischen Guthaben und die diesen entsprechenden Reparationsschulden einer späteren Regelung Vorbehalten bliebe. In gleichem Maße, in dem Amerika seine Forderungen an Europa geltend machen würde, würde dann Deutschland gehalten sein, die Obligationen'der Serie C zu bezahlen. Einer Revision des Londoner Zahlungsplanes könnte Frankreich nur zustimmen, wenn die interalliierten Schulden annulliert würden. Pariö, 18. August. Wie der „Temps" aus Brüssel meldet, hat der französische Botschafter heute vormittags um halb 12 Uhr im Ministerium.des Aeußern die französische Note überreicht. Nach der „Liberte" wird die Note Montag abends der Presse übergeben werden. Nach denc Blatt stellt sie das letzte Wort und den alleräußersten Vergleich dar, zu dem Frankreich bereit wäre. Von den 26 Milliarden Goldmarh die Frankreich bekomncen müsse, würde nicht ein Son aufgegeben, selbstverständlich unter der Voraussetzung, daß gleichzeitig die Schulden Frankreichs an die übrigen Alliierten gestrichen wi'crden. Weiters stellt die Note fest, daß Frankreich im Ruhrgebiet bleiben werk, weil es im Gegensatz zu der englischen Ansicht dies als das einzige Mittel betrachte, um den Decrtschen den Willen zur Zahlung einzuflößen. Nach dem „I n t r a n s i g e a n t" uuffaßt die Note 26 Seiten. Belgiens Antwort. Brüssel, 18. August. Wie „Etoile Belge" meldet, tvird die belgische Antwort auf die britische Note Montasi oder Dienstag nach Paris und sodann noch vor der Abreise des englischen Ministerpräsidenten nach Aix-sts-Bains nach London gesendet werden. Keine Zusammenkunft Baldwin-Poimare. London, 18. August. Alle Gerüchte über eine Zusammenkunft zwischen Baldwin und P o i n e a r e werden nach einer Meldung des Reuterschcn Bureaus für sehr verfrüht angesehen. In gut unterrichteten Kreisen sei man nicht der Meinung, daß eine derartige Zusammenkunft sehr -befriedigende Ergebnisse zeitigen könnte, bevor die Lage nicht etwas klarer geworden sei. Amerikas Politik. New^?)ork, 27. August, Nach einer Meldung der „New- Dorl Times" aus Washington habe Staatssekretär Hughes den Regierungen von England, Frankreich, Belg i e n Italien lind Deutschland drrrch die amerikanischen Botschaften eine identische Note zugehen lassen, worin festgestellt werde, daß infolge des Amtsantrittes des Präsidenten Co oliv ge kein Wechsel in der Haltung der Vereinigten Staaten in der Frage der Reparationen eingetrcten sei. Wenv die Note wiederhole, daß Amerika bei den Anregungen verbleibe, die Staatssekretär Hughes in N e toll a v e n gemacht habe, so bedeute dies eine erneute Untcrbreitung des Vorschlages auf Bildung einer Kom- Möbelfabrik j. Spira Feine M. III.. MMWM 1—Z WobnunFseinricdtungen. (llclce Karl Schweighofergasse JVienj JUiLIprttmarkt 2, ((fa Mission v on Finanzsachverständigen. Aber diese erneute Unterbreitung des Vorschlages sei dem Vernehmen nach in hohem Maße nur als Vorsichtsmaßregel aiifgifassen, damit die Mächte genau davon unterrichtet werden, daß sich die Haltung der Vereinigten Staaten durch den Reglernngswechs.'l nicht geändert habe. MMardenbeschlagnahmungen. Essen, 18. August. Wie die „Rheinisch-westfälische Zest iung" meldet, sind Beamten der Reichsbanknebenstelle auf dem Woge von der Bant 50 Milliarden Mark fortgenommen worden. Düsseldorf, 17. August. Die Franzosen haben iv S p e y e r 12 Milliarden Mark mit Beschlag belegt, die von vier Deutschen in einem Boot transportiert wurden. Dir Deutschen wurden festgenommen. In der Reichsbankstellr von Essen sind 14 Milliarden Mark beschlagnahmt worden Mllioneuwahufiu» und Teuerung. Berlin, 18. August. (Tel. der „Wr. MorgeuiMtnug^ Die Notenmengen, welche die Reichsbank auswivft, erreichen geradezu eine wuhnsinnige Höhe. Nach Mitteilungen des Reichsbankpräsidenten, der dem FinanzProgranm der gegenivärtigen Regierung geradezu Sabotage entgegensetzt und bisher allen Abschaffungsversuchen gegenüber st fest standgehalten hat, daß man cm nehmen muß, er habe in unsichtbaren H i u t e r m ä n n e r n, vor allem in der von dem bevorstehenden Steuerbükett dnrchaccs nicht erbauten S chw c r i n d u st r i c, eine f e st e Stütz e, gibl die Reichsbant jetzt täglich 20 Billionen Mark auZ und soll schon in der nächsten Woche ihre „Leistungsfähigkeit" auf 4 6 Billionen täglich steigern. Der gegenwärtig» 63 Billionen betragende Notenumlauf soll also in den nächsten Tagen täglich um zwei Drittel vermehrt werden. Diese gewaltige Inflation hat heute katastrophale Kurse aller ausländü fchen Valuten hervorgerufen. So wurde der Dollar wieder mit vier Millionen Mark gehandelt. Die Teuerung, welche in den letzten Tagen nachgelassen hatte nimnct wieder ungeheuerliche Formen an. In den letzten 48 Stunden sind die Kleinhandelspreise teilweise bis zu 50 Prozent gestiegen. So kostet jetzt ein Pfund Kartoffeln 30.000 Mark gegen 20.000 Mark vor zwei Tagen. Ein Pfund Margarine 700.000 Mark gegen 430.000 Mark vor zwei Tagen. Ein Pfund Butte» 1,110.000 Mark gegen 850.000 Akark vor zwei Tagen. Besondere Erregung ruft in Verbraucher kreisen die ungeheure Erhöhung des Gasprcises hervor. Der neue Preis ist mit 200.000 Mark für den Raummeter festgesetzt worden. Die Zubereitung eines Mittag mahl es ftir eine mittelgroße Familie verschlingt allein mehr als eine Vierte I millio n Alark Die Buchdrucker werden von nächster Woche an 3 6,5 M i l l i o n e n Mark pro Woche erhalten. Auch in anderen Ar>beiterkategorien stehen dementsprechende Lohnerhöhungen bevor. ■ Stillegung der Berliner Straßenbahn? Berlin, 18. August. (Tel.-Komp.) Nach Zeituugsmeldüngen hat die Verkehrsdspcctation heute beschlossert, km Magistrat zu empfehlen, die Berliner Straßenbahn nach Ablauf einer 14tägigerc Kündigungsfrist für das Personal stillzulegen. Vom nächsten Montag ab wird voraussichtlich ein Tarif von 150.000 Mark für die E i nz e l f a h r t in Kraft treterc. JenMland und Rußland. Berlin, 18. August. Der Reichspräsident einpfing heute den russischen Botschafter K r e st i u j s k i, der als nunncehriger Vertreter des Bundes sozialistischer Sowjetrepubliken sein B e g l a u b i g u n g s s ch r e ib e n überreichte. Der Botschafter gab in seiner Ansprache der Erwartung Ausdruck, daß ihm dieselbe wohlwollende Unterstützung in seiner neuecc erweiterten Tätigkeit zuteil werde, die er während seiner zweijährigen Wirksamkeit in Berlin gefunden habe. Der Reich spräsident begrüßte in seiner Erwiderungsansprache den neuen Bund mit dem Wunsche, daß die neue staatsrechtliche Form dem Aufb a u der B ezieHungen z w i s ch e n D e u t f ch l a n d u n d R n ß l a n d förderlich sein möge. rM obes, K&s tumes, Jflanteaux, tfeagomns et Pourrures STelefon C5373. Vorführung der neuesten V&odellkollektion kl Kommunisten, Aechtsputschisten und Hakenkreuzler. In der Berliner „R o t e n F a h n e" setzt sich der bolschewikischc Führer Karl Radel mit jenen nationalistischen Kreisen auseinander, die seine Idee einer komncnnistifchnationalistischen Einheitsfront gegen den äußeren Gegner mit antisemitischen Argumenten bekämpfen. Rabek führt aus, daß er sich mit der Gruppe des Grafen Rede nt low sachlich auseinavdersetzen könne, dagegen aber stehen die Nationalsozialisten.Hitlers, die Deutschvölköschen der Gruppe Henning-Wulle-Gräse und die Deutschsozialen des Knüppel-Kunze unter dem Einfluß nicht allein des deutschen, sondern auch des jüdischen Kapitals. Radel schreibt: „Wenn die Arbeiter- und BEevnregic- "uug in Deutschland die Lervschaft des Judentums darstetlt, »

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