Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1623 (19.8.1923)
- Date
- 1923-08-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sritr 4 _ Wien, Sonntag Sesterreich. Sie Arbeitslosen. Die Zahl der eine staatliche Untersttitzung beziehenden Arbeitslosen in Oesterreich betrug Ende Juli 87.349. Davon in Wien und Umgebung 69.186. Ende Februar lvar die Zahl für ganz Oesterreich 167.417. Für Wien und Unrgebung 61.868. Ende Juni für Oesterreich 96.056, für Wien und Umgebung 61.868. Bevorstehende Auflösung der burgenlöndischen Landtages. Die Korrespondenz Herzog meldet aus E i s e n st a d t: Der burgenländische Landtag wird Ende August zusammentreter: und nach Erledigung einiger wichtiger Vorlagen voraussichtlich seine Auflösung beschließen. Sie Einheitsliste in Steiermark. Gra;, 18. August. Die Bertrauensmännervevsammlung der Großdeutschen Volkspartei Steiermarks befaßte sich heute mit dem christlichsozialen Anbot auf Schaffung der Einheitsliste aller nichtmarxistischen Parteien für die nächsten Wahlen. Es wurde beschlossen, die Landesparteileitung zu ermächtigen. mit den Christlichsozialen Steiermarks diesbezüglich in Unterhandlungen;u treten. _ Ungarn. Der Sumpf der chriMchen Kurses. Budapest, 18. August. (Tel. der „Wiener Morgenfertung".) D^r gestrige Käbinettsrat genehmigte einen Anrag des I u st i z m i n i st e r s, demzufolge alle Staatssekretäre und anderen öffentlichen Angestellten, ne bei verschiedenen Banken, Unternehmungen und Gcchäften Direktionsmitglieder sind oder ähnliche Anstellungen haben, sich von diesen Stellen zurückiiehen müssen. Mrtschaftrmaßnahmen. Budapest, 18. August. (Tel. der „Wiener Morgenseitrmg".) Der Kabinettsrat beauftragte den Volksernähmngsminister, eine Gesetzesvorlage über die Maßnahmen;egen die Kartelle auszuarbeiten. — Tie Regierung hat die Kartosfelausftrhr verboten. rraurige Prognose«. Budapest, 18. August. (Tel. der „Wr. Morgenzeit ring".) llckerbanm'.nister Szabo Nagyatadi hielt heute eine aufsehenerregende Rede, in der er sich sehr pessimistisch über die wirtschaftliche Lage Ungarn? und über die Aussichten zur Erreichung einer Auslands an leihe äußerte. Er «Märte unter anderem: ,>Ungarn befindet sich in einem Wirtschaftskrieg mit den Nachfolgestaaten, ttnä) dieser ist für uns gefährlicher als der Kampf mit den Waffen im Weltkriege. Niemand darf glauben, daß die Lage sich ändern und bessern wird, die Lage ist absolut trostlos, nicht zurück, ich kann nicht!" Und was antwortet er ihm? Turch welchen Meisterzug entwaffnet er die überzeugende Einrede? „Saft dir sagen, Leser dieser Worte, laß deinem. ungläubigen Lächeln sagen: Du kannst! ... Du mußt dir nur sagen: Ich kann, und alles wird auch mit dir gut werden." * Der ernste jüdische Leser wird den störenden Eindruck dichterischer Wortkunst in einer so wichtigen Sache, die der größeren Kunst einer einfachen und nüchternen Sprache würdig wäre, überwinden, dem Verfasser sein heiliges Erzittern glauben und die hehre Lauterkeit seiner tiefen Liebe zum Jrwentum achten und ehren. Er wird sich die Frage zu eigen machen müssen, die Emil Cohn wohl etwas übertrieben als die „einzige große jüdische Frage in der Welt" bezeichnet, nämlich die Frage: Wie können wir die alten Lebensformen neu gestalten? Wie können heutige Randjuden, von den per:, pheren bis zu den nur noch tangentialen, Juden des Zentrums werden? Er wird dem Verfasser in der Kritik der Parteien und Richtungen und Geisteshaltungen des modernen Judentums, einer Kritik, in der manches Körnlein Wahrheit neben einseitig Aufgesaßtem liegt, mit willigem Verstehen folgen. Aber er kann beim besten Willen den vorgeschlagenen Lösungen keinen Glauben schenken; er kann sich von den gegebenen Antworten nicht befriedigt erklären. Eine Wegtafel auf höher Stange mit noch so großer Plakatschvist vor einem nicht freigelegten Weg kann nichts nützen. Und gegenüber dem: Ich kann nicht! des zu totalem Umsturz seiner Geisteshaltung und Lebensführung aufgerufenen modernen Juden bedeutet das Wort: „Du mußt dir nur sagen: Ich kann, und alles wird gut werden," kein Argument. Aber auch mit den in das Hauptthema einführenden Erörterungen kann man sich nicht ohneweiters einverstanden erklären. Wenn Cohn im Rationalismus die Quelle allen Unheils sieht, scheint sein Blick hierin nur an der Oberfläche zu hasten. Von der häufig wiederkehrenden Mahnung der Thora, zu erkennen, zu verstehen, also rational zu denken, über fast alle jüdischen Philosophen vor Mendelssohn hinweg verdankt das Judentum dem Rationalisnms Beträchtliches, ohne daß dadurch das traditionelle Leben entjudet worden wäre. Ein Anathema über den Rationalismus mutet so wenig jüdisch an wie ein Aufruf zur Gläubigkeit mit eindringlichen Worten. Wie sagt doch .Heine? Wenn dein Auge dich ärgert, reiße es aus (N. T.); wenn deine Vernunft dich ärgert, werde katholisch! Ist aber der Rationalismus an sich der Religion unter allen , Umständen gefährlich? Der moderne Neligionsforlscher W. I ames („Die religiöse Erfahrung in ihrer Mannigfaltigkeit^ Wiener Morgerrzeitrmg._ und ich kann nur sagen, daß unsere Situation und die Zustände noch schlechter, schwieriger und unerträglicher sein tverden als sie jetzt find." Tschecho-Slowakei. Präsident Masaryk reift nach Belgrad und Bukarest. Prag, 18. August. (Tel. d. „Wr. Morgenzeitung".) Wie „Narodni Listh" berichten, beabsichtigt Präsident Masarhk, im Herbst diesesJah res die .Hauptstädte der kleinert Ententestaaten Belgrad und Bukarest zu besuchen. Der Bergarbeiterstreik. Prag. 18. August. (Tel. der „Wr. Morgcnzeitrmg".) Zum bevorstehenden Generalstreik der Kohlenarbeiter meldet die „Narodni Politika", daß trotz des Zlbbruches der bisherigen Besprechungen weiter verhandelt wird und daß es nicht ausgeschlossen erscheint, daß der Generalstreik im letzten Augenblick noch verhindert werden könnte. Nadir reist «ach Laudon. Graz, 18. August. Der „Tagespost" wird aus Agram gemeldet: Die Presse des kroatischen Blocks und der Rad-ic- Partet veröffentlichten honte positive Nachrichten über den Aufenthalt Radic'. Danach sei gestern aus Hamburg eine Depesche eingelangt, devzufolge sich Radic dort auf der Durchreise nach London aufhalte. Nach den Mitteilungen der Blätter über die bisherigen Ergebnisse der Untersuchung über die Flucht Radic' erscheint es als sicher, .daß Radic bei seiner Flucht keinen jugoslawischen Staatspaß, sondern ein einfaches L a i s s e z Passer hatte, das er sich angeblich von einem englischen diplomatischen Vertreter im Ausland beschafft hatte. Die jugoslawische Regierung beabsichtigt, diplomatische Schritte. einzuleiten, um festztlstellen, wie Radic zu dem Laissez paffer gekommen ist. Polen. Sine konservative Stimme über die RegkmmgrpolMI. Warschau, 18. August. (Tel. der ,Mr. Morgenzeittmg".) Der Krakauer „Cza s", ein ^nservMves, der heutigen Regierung nahHtehsndes Blatt, veröffentlicht einen Auffatz, der eine geradezu vernichtende Kvrtiik an dem Resultat der bisherigen RegierungStätigkeiit WAos übt. Vor allem tvsist das Blatt aus die mchenpoMschen Schlappen in der Danzig er und der Jaworina-Frage sowie in der Frage des Vertreters im Volkerbnndrat hin. Ans die innere Politik übergohock), greift das Matt vor allem die Agrarreform der Regierung an, die es als Augenauswischerei bezeichnst. Denselben Charakter trage die Einsetzung eines Regiorungs- , bestreitet dies entschieden und meint: Hat jemand überhaupt Intuitionen, so konrmen sie aus dem tiefen Innern der menschlichen Natur, nicht von der geschwätzigen Oberfläche, die der Rationalismus beherrscht. Darum spielt der Rationalismus nur eine untergeordnete Rolle bei der Begründung des Glaubens, sei es, daß er für die Religion eintritt oder sie bekämpft. Besonders das Judentum kann und konnte, gottlob, eine gute Dosis Rationalismus vertragen. Wenn also in der Zeit nach Mendelssohn die bisherige Lebensform (bei den Juden des Westens) in einer Weise sich umgobildet hat, die letzten Endes frühere Volljuden zu Randjuden machen ließ, so muß nicht der Rattonalismus Schuld daran tragen, mindestens nicht in erheblichem Ausmaße. Vielmehr stehen wir da vor Auswirkungen eines geschichtlichen Prozesses, den wir nur als solchen sozial- und wirtschaftsgeschichtlich begreifen können. Die Lebensbedingungen, die geistigen und die materiellen, innerhalb und außerhalb des Ghettos, sind um genau so vieles von einander verschieden als die Differenz zwischen den alten Formen des jüdischen Lebens und den heutigen des Randjuden ausmacht. Nicht der Rationalismus, sondern Emanzipation und Assimilation haben hier die Hand im Spiele. Auch das Problem des heutigen R i t u a l i s m u s scheint in der Form, wie der Verfasser es sieht, verschoben. Den besten Willen zum Judentum vorausgesetzt, liegt das Kriterium der sogenannten religiösen Uebung, wo diese nicht lediglich, weil sie anerzogen ist, beibehalten wird, im Begriff des Religiösen und in der Beziehung der einzelner: Handlung zu diesem Begriffe. Emil Cohn hat der Orchodoxie das harte Wort vom Stacheldraht des Zaunes um die Thora entgegengeschleuidert, andererseits ruft er zur freudigen Gesetzesübung auf, ohne die Frage des Ausmaßes einer solchen zu berühren. Er versucht, für die Wiederaufnahme der veligiösien Uebung bei denen, die sie abgelegt oder niemals ruitgemacht haben, Gründe anzuführen, — einen Grund wahrlich nicht. Vielleicht ist der religiösen Uebung und ihrer Wiederbelebung mehr gedient, wenn man sie aus Gründen der nattonalen Lebensform und des Volksbrauchs reklamiert. Immerhin könnte dort der Hebel e i n s e tz e n, dem die Kraft eher innewohnen kann, den Randjuden von der Peripherie nach der Richtung des Zentrums der jüdischen Scheibe zu rücken. Nicht minder scheint die Einstellung des Verfassers in der Kritik, des Zionisnms den geschichtlichen Sinn vermissen zu lassen. So wenn er den Zionisten, bei denen „der Zionis-. mus in sie einged-mngen" ist, die Aelteren gegen überstellt, bei welchen er als Judentum „ausgebrochen" war. Er zeigt aber 19. August 1923 '_Nr. 1688 kommissärs zur Bekämpfung der Teuerung, da gfleüchtzoitig durch eine völlig unrichtige Finauziwirtfchaft die polnische Mar? iminer mehr entwertet werde. Dadurch würden wichtige Bodarfsarttkol, wie Salz, Petroleum, Zucker, Kohle, Zündhölzer, Tabak, weit über die Vorkviegsparttät Vevdsnert, wozu noch di« verschiedenen Produktious- und VerbvMchevston:rn beitragen. Uober die Steueripölitik der Regierung äußert sich der Autor des Artikels wie folgt: Die gegenwärtige Politik der direkten Stenern ist das Hauptgebiet der furchtbaren Experiment« und Versuche und der leichtsinnigsten Spielevsi einer Staatsregbovuug. Düs jetzt angenommene Gesetz über die Vermögsnssteuvr wird sehr scharf kritisiert und als das beste Zeugnis eines vollständigen Mangels an Qualifikation für eine RegieruugStätigkeit bezeichnet. Der Artikel endet: ,Menn ein Industrieller, der Dollar fiir den Kauf von Rohstoffen braucht, zur Landesleihkasse kommt, so wird er zur schwarzen Börse geschickt. Die Laudesleihkasse, die bisher gut fuuitiouiert hat, verliert immer mehr an Zutrauen, weil sie die Aufträge erst nach sechs Wochen ausführt, bis sich der Kurs der ausländischen Valuten mindestens verdoppelt hat. Diese ganze Uulogik wäre lächerlich, wenn nicht die Gefahr bestünde, daß die nationaldenrokratische Regierungsspielerei Polen sehr teuer zu stehen kommen kann, nicht bloß finanziell." Die Witos-Regievung hat bei der Umgruppierung ihres Kabinetts allerhand Schwierigkeiten, vor allem deshalb, weil die Parteilonte der Witos-Gruppe die wirtschaftlichen Minister- Portefeuilles nicht in die Hände der Rechten abgeben wollen. Sie schlagen dagegen eine Uelbernahme der Ministetüm für Arbeitsschutz und öffentliche Arbeiten durch die Rechte vor. Infolge dieser Differenz sind die Beziehungen innerhalb der gegenwärtigen Koalition ziemlich gsstzannt. Ile Interparlamentarische Union. Kopenhagen, 17. August. Senator Buxtorr M-nre» rika) erklärte, der Gedanke der Rache Müsse m Europas uf gegeben werden, daun würde eine neue Aera eintreten und die Vereinigten Staaten würden sich nicht länger von den europäischen Angelegercheiten fera>* halten. In der Frage der Schulden bestehe eine vertragsmäßig eingegangene Verpflichtung, die eingehallen «werden müsse, tvährend Sieger und Besiegte sich in der Gntschädigungsfrage verständigen müßten. Murchison (England) befürwortete eine unparteiische Beratung der Entschadigungsfrage durch eine internationale Autorität und sagte, wenn DeutschLntd um Aufnahme in den Bol kerb und nachfuchen würde, Nnnten Deutschland Md Frankreich als Kanxeraden verhandeln. Loebe (Deutschland) erklärte, in der Entschädigungsfrage müßte eine internattonale Autorität eingreifen. Deutschland sei bereit, innerhalb der Grenzen des Möglichen zu bezahlen. Solange die in Friedenszeiten beispiellose Ruhrbesetzung nicht aufgehoben werde, liege keine Möglichkeit für eine Bevständivollends geringe Fähigkeit, richtig zu werten, wenn er die Behauptung wagt: „Anerkannt als einziger Wortführer des Weltjudentmns vor den Mächten der Welt fft der Zionismus vom eigenen Volke nicht nur nicht anerkannt, sondern beinahe isoliert." Es ist natürlich nicht nröglich, auf alle in dem Cohnschen Buche angeschnittenen Fragen mit der durch die Sache gebotenen Ausführlichkeit einzugehen. Befriedigen auch die von dem Verfasser gegebenen Antworten und Lösungen nicht vollkommen, so bleibt doch die so lebhaft betonte Frage: Wie kann hie alte jüdische Lebensform neu gestaltet werden, der Gegenstand höchster: Interesses. Und soll diese auch hier nicht gelöst werden, so nmg doch auf die Richtungen hingewieser: fein, von denen aus eine solche Lösung möglich sein könnte. Diese Richtungen weffen zum ersten auf die Erfüllung der Jugend mit jüdischen Inhalten, mtt Kenntnis vom Judentum, seiner Geschichte, seiner Kultirr und den Notwendigkeiten seiner Fortentwicklung, zr:m andern: aber aus Erez Israel. Wer die Krise in: Judenttm: der Zeit fühlt, kann eine Lösung :vur nach seiner individueller: Bedirrgtheit sinder: rrnd vornehmer:. Emil Cohr:, den, wie er bekennt, die Reue, die Erkenntnis des Irrtums, herbciführt, will anderen, zu gleicher Reue reif, Führer sein. Er vergißt aber, daß so wie er eine Lösung der erfühlten Krise für feilte Person gefunden zu haben glaubt, auch für andere die Lösung, vorausgesetzt, daß sie für die Krise das gleiche Empfinden haben, rmr aus ihrer Individualität hervorgeheu kann. Das Ergebnis könnte aber für diese daun rmr das gleiche sein, wenn sie, wie er, mit jüdischen Inhalten erfüllt wären. Wer diese nicht besitzt, kann seiner Führung nicht folgen, auch wem: seine Argumentation überzeugender wäre als sie tatsächlich ist. Es gibt keine ärgere und stärkere Entjudung als Unkenntnis des Judentums. Daher kann rmr Vertrautheit mit dem Judentum, seinen Zielen und Wegen, der: Willen zur religiöser: Uebung rurd ihrer Wiederblelebur:g erzeugen. Wie aber diese religiöse Uebung r: c u gestaltet lverdei: soll? Darauf kann uni» wird nur Erez Israel antworten. Dort werden Problem:« dieser Art eine nicht theoretische, sondern lebendige Lösung finken, weil sie sie lverden finden müssen. Dort wird sich auch hierin der Glaube an das jüdische Volk, an die Vitalität der jüdischen Seele bewähren müssen. Für die nächste und fernere Zukunft gilt das eivige Wort: Von Zion tuird ansgehen die Lehre und das Wort Gottes von Jevrrsalem. Dr. Rd, t