Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1623 (19.8.1923)
- Date
- 1923-08-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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M.MG mm, SvMatz Wiener Mörgevizettung. ' 19. August 1928 ^^. Gelte S Miuderheitsrechte und Juden Hetze. F. Wien, 19. August. An KoßonHatzerr wurLe soeben die diesjährrge Konferenz der mterparÄanrentarischen Union geschlossen. Es ist dies eine freie Vereinigung von Abgeordneten der verschiedensten Parlamente, die den Zweck hat, den internationalen Gedanken zu fördern und sowohl beim Völkerbund als in den gesetzgebenden Körperschaften der eigenen Länder für die friedliche und vertragliche Behandlung jener Probleme Stimmung zu machen, welche über die Interessen eines Einzelstaates hinausgreifen und an denen alle Völker und Staaten mittelbar oder unmittelbar interessiert sind. Es wäre verfehlt, die gegenwärtige Bedeutung dieser Fnstttutton irgendwie zu überschätzen, und die Teilnahme von Politikern, deren reaktionäre Tendenzen hinlänglich bekannt sind, sowie solcher, die sich während des Krieges als Hetzer und Scharfmacher nicht genugtun konnten, ist nicht gerade geeignet, das Prestige dieser Konferenz zu erhöhen. Auch unterliegt es keinem Zweifel, daß die parlamentarischen Delegattonen einzelner Länder — Ungarn ist sehr" stark vertreten und die Regierung Ungarns hat diese Teilnahme besonders gefördert — die Konferenz benützen möchten, um dem Auslande Sand in die Augen zu streuen. Aber nichtsdestoweniger ist die Schaffung dieser Union das Kennzeichen eines immer tiefer greifenden Bedürfnisses nach einer radikalen Aenderung in den Zwischenstaatlichen und internationalen Methoden, nach der Herstellung einer alüveltlichen Friedensatmosphäre, der Ausdruck des Verlangens nach dem endlichen Triumphe der Politik, welche sich in den vierzehn Punkten Wilsons manifestiert, jener Politik, welche die Clemenceau und Genossen am grünen Tisch mit leider allzu geschickten Händen in ihr Gegenteil umzubiegen wußten. Und es ist nur natürlich, daß auch die Reaktion sich der ihr zeitläufig erscheinenden Formen bedienen möchte, um innerhalb ihrer im Trüben Zu fischen oder fiir die Oeffentlichkeit bestiinmte Täuschungsmanöver auszufuhren. Der Wert solcher Gebilde, wie die interparlamentarische Union eines ist, ist nicht nach ihrer momentanen Wirkungsmöglichkeit zu beurteilen. Der Effekt ihrer Beschlüsse mag vorläufig einen durchaus platonischen Charakter tragen, die Institution selbst ist nicht materiell, sondern historisch und nach ihren Zukunftsmöglichkeiten abzuschätzen, und von diesem Gesichtspunkte ist es keineswegs bedeutungslos, daß es bereits eine interparlamentarische Keimzelle für solidarische interparlamentarische Aktionen gibt. Das Kennzeichen der Gegenwart ist der Widerstreit zweier entgegengesetzter Tendenzen, welche hart "'ÄTKäSüZH ii Schuhe! gegeneinander ankämpfen: aus der einen Seite der überlieferte Machtgedanke, welcher in den Revanchegelüsten, dem chauvinistischem GÄvcrltnationalismrls und Faszismus, den imperialistischen Erobemngstendenzen zum Ausdruck gelangt, und auf der anderen Seite die Idee des sozialen und nattonalen Ausgleiches und der Freiheit, für alle Böller und Menschen. Wie sehr auch die Machthaber der Siegermächte die von ihnen sanktionierten Wilsonschen Ideen nach Kriegsende entstellt haben mögen, ein Niederschlag jener Gedanken findet sich gerade in dem Abschnitt der Friedensverträge, welcher von dem garantterten Schutz der Minderheiten handelt, die durch die Schaffung der Trading Büromöbel 4T in Verbindung mit Patent-Aktenordner DISPONENT Unentbehrlich für jedes Bureau Alleinerzengangsrecht für alle Länder der Erde: American Trading Co. BnreaamSbelfabriken M Sterngasse 13, b. flohen Markt Telepliono Nr. 68500 Serie neuen Länderkarte in größere Volksgebiete eingekeilt wurden. Die Frage des Mnoritätenschutzes und der Minderheitsrechte ist eines der brennendsten internationalen Probleme der Gegenwart und die interparlamentarische Konferenz hat in dieser Frage einige Beschlüsse als Empfehlung an den Völkerbund gefaßt, deren Realisierung einen unleugbaren Fortschritt in der Behandlung dieser Angelegenheit bedeuten würde. Der Völkerbund hat bisher nur allgemeine Richtlinien zu entinersen vermocht. Daß die Durchführung dieser Bestimmungen vieles zu wünschen übrig läßt und immer neue Klagen der Minoritäten hervorruft, ist ebenso ein Beweis fiir die Schwäche des Böllerbundes, dem bisher nicht die genügenden Machtmittel zu Gebote stehen, als daftir, daß sich die Mentalität der sogenannten herv sehenden Völker — ein Begriff, der längst zum Fall« reif ist — bisher nur sehr wenig geändert hat. Di» Schuld an diesem unerfreulichen Zustand ist aber merk, würdig geteilt, und man erlebt immer wieder das Schau, spiel, daß Minoritäten über Unterdrückung ffagett deren Volksgenossen stets bereit find, unbedenklich di» beklagten Methoden dort anzuwenden, wo sie selbst h der Mehrheit sind. Es berührt sonderbar, wenn man ii Polen über das Schicksal der Volksgenossen in Litauer und Deutschland Klage führt, während gleichzeitig di» jüdische Minorität in Polen von der steten Hetze de' antisemitischen -Majoritätsparteien bedroht wird, das Horthy-Ungarn, das Land des barbarischen Mittel alters und des brutalen Antisemitismus, über da» Schicksal seiner ausländischen Volksgenossen Krokodils tränen weint; daß die Deutschen aus der Tschecho Slowakei, welche jedes Verständigungsanbot brüs zurückgewiesen haben, sich über die tschechische Unter drückung beklagen, während sie selbst eine schamlos Hakenkreuzhetze entfalten, die den jüdischen Bürger: der Republik an den Kragen will. Die Frage der Minderheitenrechte wird von br öffentlichen Tagesordnung nicht mehr verschwinden, eh sie nicht in einer alle Teile zufriedenstellenden Weis, gelöst wird; aber eine der hauptsächlichsten Borbodin gungen für ihre Lösung ist die, daß die Völler znnächs Ordnung machen vor der eigenen Tür. Wer Haß sät darf sich nicht wundern, wenn er Haß erntet, und di- Entfaltung antisemitischer Hetzmethoden ist eine merk würdige Legitimation für jene, die im Namen de: nationalen Freiheit und der Menschlichkeit das Rech für uneingeschränkte Entfaltungsmöglichkeiten fiir Tid in Anspruch nehmen._- . . Antisemitische Unruhe« in RnmZnie». Bukarest, 17. August. (Transatlanttk Radio.) Ii Ungheni bei Jassy-zogen nach einer Voltsversammlum die Mitglieder der Nationalverteidigungsliga zum Sport platz, wo die jüdische Mannschaft Makka bi en Match absolvierte. Es kam zu einem Handgemenge, da, einige Verwundete zur Folge hatte. Nach dieser Do monstration zogen die Demonstranten in das von Inder bewohnte Stadtviertel und zertrümmertet: die Fenste, zahlreicher Wohnungen. Die Unruhen dauerten bis ii die später: Nachtstunden an. In Pitesti fand dieser Tage ein fiidisches Gartenses statt. Plötzlich umringte eine Menge den Garten und bo warf die Besucher des Festes mit faulen Eiern, Steiner und so weiter. Auch hier kam es zu einem Handgemenge Mchr als tausend Demonstranten zogen in da; jüdische Viertel, zertrümmerten sämtliche Fenste: und drangen in die Wohnung eines angesehenen Bürger; ein. Die Wohnung wurde vollständig zertrümmert gagMumuiMifferkauf -j» Im lüarenbaus eiSdiiffmann II., TaborstraSe 41 Telephon 47-1-79 En gros En deial -Mne Kritik der Zeit und ihrer Mängel findet nur in der Angabe des sicher tvirkenden Mittels zur Heilung und Behebung der bloßgelegten Schäden ihre sittliche Berechtigung. Es ist aber eine immerhin mißliche Sache, ans das Bresthafte in den Zeitevschenmngen hinzuweisen, es überzeugend und augenfällig zu demonstrieren, dann aber statt des zur Heilung notwendigen Mittels schwächliche Mittelchen anzuraten. Ja, es ist geradezu gewagt, starcke, packende Fragen anfznlverfen, wenn man nur dünne, schwache Antworten weiß. Solch eine Kritik, wenn auch von den ehrlichsten Absichten oingvgeben, kann zuweilen die Verwirrung ^tur vergrößern. Emil Coh n, Rabbiner in Bonn, bekannt durch den seinerzeitigen Konflikt mit dom Berliner Gemeindevorstand und durch verschiedene Publikationen homiletischer und dichterischer Natur, in welchen er sich als Meister der Foru: und Meisterer des Wortes bewährte, ruft uns Juden der Zeit in pathetischen Reden auf, den Weg zun: Judentum, den: Judentum der ,Mirklichkeit", in Reue zu beschreiten, wie er dieser: Weg gefunden, .nachdem er „seltsame und verworrene Wege, Seitenwege in die Irre. . ." gegangen war.*) Er will sein Buch höher gewertet wissen als eine Bekeuutnisschrift, als etwas grundsätzlich anderes. Und dach haften diesen: alle Peinlichen Eigentümlichkeiten einer Belcnntnisschrift an, so das ewige Beschwören des Lesers und aller seiner guten Geister. Und — das sei voirweggenornrnen — ein erfolgloses Beschwören. Der Verfasser kann sich selber dieser ihn: schon bei der Niederschrift wahrscheinlichen Erfolglosigkeit nicht verschließen, und will darum das vorliegende Buch nur als Anfang gelten lassen, dem ein zweites Buch folge:: muß, „in dem gebaut und nicht gerufen wird, dessen Sinn der Weg ist und nicht mehr nur die Wahl". Hierin liegt ein,' innerer Widerspruch, dessen böse Folgen er sich selber znschreibcn muß. Trotzdem er dies an: Ende ßeines Buches sagt, hat er bereits hier den Weg gezeichnet, einen Weg, der, wie er richtig fühlt, nicht überzeugt. Und doch wäre es notwendig gewesen, gleich eine vollkommene Lösung des aufgeworfenen Problems zu geben. Denn erst die genaue Kenntnis des Weges kann zur Wahl entscheiden. Das; aber der Leser vor allem den Weg wählen soll, den der Verfasser ihm später einrrial zeigen will, ist schlechterdings etwas viel verlangt. Emil Cohn geht davon aus, das Morsche und Brüchige der Kultur des 19. Jahrhunderts aufznzeigen. Er zieht gc- . *) Emil Coh n, Indent n m". Ein Aufruf an die Mwlag Moxg Müller, München, 1923. 252 Seitew gen den Materialismus zu Felde, der die Menschen der Gegenwart durch seine Goisteshaltung dein Leben entfremdet und zur „Entfugung aller sittlichen Begriffe" geführt hat, so der Begriffe der Pflicht und Arbeit, des Glückes und Genusses. Insbesondere sind es drei große Perversionen, die er auf das Konto dieser Lebensentsvemdung setzt, die, des Kapitalismus, des Sexualismus urrd des Nattonalismus. In: Kapitalismus tritt uns die tragische Ironie entgegen, daß die Arbeit, ursprünglich als Mittel gedacht, zum Zweck wird, daß die Arboitsmenschcn Genußwertr Hervorbringen, von deren Genuß gerade sie ferngehalten sind. Aehnlich pervertiert die mechanistische Weltanschauung in der Liebe das Mittel zum Zwecke und ist in pure Geschlechtlichkeit entartet. Und auch in: Mttonalrsmus ist das Volk, „einst der heilige Stoff des individuellen Lebens", zum gemeinen Zweck geworden; es hat sich zur nattonalen Idee „entlebendigt". Allein der Materialismus, der der. Entartung unserer Zeit fein Gepräge leiht, ist doch nur etwas Sekundäres. In ihn: hat sich der eigentlich Schuldige, der R a t i o n a l i s m u s, wie er um die Wende des 18. Jahrhunderts auftaucht, „erst wahrhaft verteufelt" und der Menschheit seine restlose Absage ans Leben erteilt. Er ist es, der es verschuldet hat, daß der moderne Mensch nicht mehr ent zentrales, sondern ein peripherisches Wesen ist, ein äußerlicher, ein Randmeirfch. Da aber der I n de durch und seit Mendelssohn der eigentliche Träger des rattonalisttschen Gedankens ist, so vollzog sich an ihm die Tragödie der Lebensentstemdung am intensivsten und mit unerbittlicher Folgerichtigkeit. Aus dem Inden mit zentralem, jüdischem Wesen, wie ihn die frühere Zeit kannte, ist der moderne Randjude (Cohn gebraucht diesen Ausdruck nicht, aber er ist in seinem Sirrrre geprägt) geworden, mit seinem ganz äußerlichen peripherischen Wesen, in dem alles jüdische Leben hoffnungslos verkümmert ist. Darum — Cohn lvandelt diesen Gedanken in allen Tonarten ab — ist alles schlecht- und schädlich, an dessen Werden und Wesen rationales Denken teil hatte. Er wettert gegen unsere Geschichtsauffassung, dieses „hohle Geischwätz", dieses „Gerede einer - übelwollenden Kathedergelehrsamkeit" und ruft aus: „Was wissen die rationalistischen Querköpfe überhaupt von Geschichte?!" Er zieht gegen das Reformjudentum los, diesen „Raubüberfall aus das jüdische Leben", mit seinem Gottesdienst, dieser „plärrenden Gedanklichkeit" bis zu dem „buchstäblich an die Wand gedrückten Almemor". Er eifert gegen die Wissenschaft des Judentums, deren Ethik nur eine unbewußte Apologetik ist. Er zeigt die Verkehrtheit in der Erziehung durch den Religionsunterricht, die seelische Zerrissenheit des jüdischen Intellektuellen, insbesondere des Literaten, dieses typiischen Randmenscheu. Er geißelt die Philanthropie, durch Rattonalismus verflacht, als wahren Bruderhaß, als Desinteressement an der Person. Er bekämpft den heutigen Ziomsrrms. „Wie ein Erlöser war der Zionismus gekommen, der die Wende der Zeiten bringt.'Wie ein tausendarmiger Polyp zog der Geist der Entartung diese edelste Blüte des Judenttuns in seine Arme und scg ihr das Leben aus." Er wirft dem jüdischen Nationalismus vor, er hätte den Glauben ans Volk verdraht. Er verurteilt Marttn Bubers Rausch der Worte und sagt der „jüdischen Jugend von heute leidenschaftlich und bohrend und immer von neuem und leidenschaftlicher an jedem Tag, daß sie alle nur arme, berauschte Masken sind". Er -rechnet mit der Orthodoxie ab, die gleichfalls die Entartung des Jahrhunderts nicht entrinnen konnte und den „Imperialismus der starren Gesetzlichkeit über der bewegten Gläubigkeit darstellt". Sie hat den uralten Zaun und die Thova zum — Stacheldraht gemacht. „Ewig fest steht nur die Ueberzeugung, daß die Lehre Saadjas, der Glaube Halevis, das Leben Maimunis anders anssahen als unsere Orthodoxie". Er wendet sich mit Leideulschast gegen den Idealismus, der im Kainpfc gegen den Materialismus zur hohlen, ohnmächtigen Phrase geworden ist und der hundert Jahre lang uns alle belogen und betrogen hat. Dieser ekstatischen Darstellung der krisenhaften Erscheinungen im Judentum unserer Zeit läßt der Verfasser den „Aufruf" folgen, einen Aufruf zur jüdischen Wirklichkeit. Was aber ist Wirklichkeit? Das 19. Jahrhundert, sein Rationalismus und Materialismus und die durch beide bedingten Entartungen sind Entwirklichung. Wirklichkeit aber, die „Permählnng von Sein und Sinn", ersteht, tvenn wir uns der Führung des Verfassers anvertrauen. Diese Führung geht durch drei Pforten, als da sind: Jüdische, besser hebräische Sprache, Gläubigkeit, Gebet und o n st i g e religiöse Uebu n g. So können wir die Entjudung Überwinder: und das jüdische Leber: wiedergewmrrerr. Nun noch eines. W i e kanr: das alles geschehen? Der Verfasser antezipiert den Eirrwand des moderner: Inder:, der da sagt: „Ich kann nicht! Was Hilst das alles, wo ich doch nicht kann? Wer einmal die Forn: verlassen, kann rriemals zurück . . . Ich habe den Rausch des Jahrhunderts getrunken, ich kann