Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1623 (19.8.1923)
- Date
- 1923-08-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 ..Wien, Sonntag Verfügung hat, auf dem sich seine nationale Wiedergeburt vollzieht, mit tvachsendem Verständnis die nationale Wiedergeburt des Mischen Volkes begleiten wird, das mit bcn Arabern in Palästina in vollster Harnwnie und Eintracht zu leben wmrscht, und dieses als positiven und wertvollen Faktor des nahen Orientes anerkennen wird. Das Mische Volk ist entschlossen, stch für die historische Aufgabe seiner Selbstbetreuung voll einzusetzen und erwartet aber von der ganzen zivilisierten Welt Verständnis für die Größe und politische Notwendigkeit des Zionismus und tatkräftige Unter st ützung in dem schweren Kampfe zur Ueberwindung der getvaltigen Schwierigkeiten, die der Ausführung dieses großen Werkes entgegenstehen. Die Exekutive wird ausgefordert, durch eine zielbewußte organisierte Arbeit auf eine ununterbrochen Aufklärung der öffentlichen Meinung aller Völker über die politischen und menschlichen Endziel unserer Bewegung hinzuwirken und insbesonders die Aufklärungsarbeit im nahen Orient und unter dem arabischen Volke systematisch und beharrlich fortzuführen. 2 a. Die zionistische Politik muß von dem leitenden Gedanken bestimmt werden, daß der Träger dfeser Politik das gesamt« jüdische Volk ist. Der Kongreß fordert die Exekutive auf, gestützt aus diese Volkskrast fiir die volle Verwirklichung der im Mandat völkerrechtlich anerkannten Rechte des jüdischen Volkes beharrlich und planmäßig einzutreten. 2 b. Der Kongreß fordert, die Exekutive aus, die Aufmerksamkeit der Mandätavmacht mit allem Nachdruck auf die Tatsache hinzulenken, daß die Praxis der Administration in Palästina in vielen entscheidenden Punkten mit den von der Mandatavmacht übernommenen Verpflichtungen nicht in Einklang zu bringen und in Palästina solche politische, ökonomische und administrative Bedingurrgen §u schaffen, welche die Entwicklung der nationalen Heimstätte für das jüdische Volk sichern. Unter anderem ist daraus hinzuweisen, daß 1. die Palästina- Regierung außer acht gelaffen hat, die in Artikel 6 des Mandats ausgesprochenen Verpflichtungen nach Verteilung der Staats!andereren zu fördern; 2. daß die Zahl der jüdischen Beamten in ungerechtfertigter und unrechtmäßiger Weise verringert wird; 3. daß die Mische Einwanderung noch immer großen Einschränkungen unterliegt; 4. daß die Palästina-Regierung den Juden den ihnen zukommenden Anteil am öffentlichen Schülbudget verweigert; 5. daß das Recht der jüdischen Bevölkerung bei der Leitung der großen Alnnizipalitäten beeinträchtigt werde. 3. In Erkenntnis, daß die Entwicklung des jüdischen Jischuw in Erez Israel zum jüdischen Nationalheim auch durch das Recht des Jischuw bedingt ist, seine inneren Angelegenheiten nach seinem Bedürfnis regeln zu können, in der Erkenntnis, daß die Voraussetzung eines selbständigen nationalen Lebens in Erez Israel die Anerkennung des Waad Leumi als juristische Person ist und daß den Gemeinden zur Befriedigung ihrer geistigen und nrateriellen Bedürfnisse das Recht gegeben wird, obligatorisch Steuern ausznschveiben, beauftragt der dreizehnte Zioniftemongreß die Exekutive, von der Mandatarmacht und der palästinensischen Regierung die rascheste Erfüllung der Forderungen des organisierten jüdischen Jischuw zu verlangen. 4. Der Kongreß gibt in Erkenntnis, daß Ost- und Westpalastina eine auf historischen geographischen und wirtschaftlichen Grundlagen beruhende Einheit ist, seiner Erwartung Ausdruck, daß die Gestaltung der Geschicke Transjordaniens im Eiüklano mit den legalen Forderungen des jüdischen Volkes erfolge. 5. Der 13. Zionistenkongreß begrüßt mit großer Genugtuung den unter Billigung und Zustimmung des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika einstimmig gefaßten Beschluß des Senates und des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten von Amerika, die Errichtung einer jüdischnationalen Heimstätte in Palästina zu befürworten. Der Kongreß spricht dem amerikanischen Volk und seiner Regierung für diesen Akt hochherziger und selbstloser Gesinnung seinen innigsten Dank aus. 6. Der Kongreß fordert im Einklang mit den diesbezüglichen Erklärungen des Präsidenten Weizmann die Exekutive auf. dem Gedanken der Errichtung eines politischen Ressorts in Amerika näher zu treten. Kongreßtagebuch. Motzkin, der Präsident. Inders ist der Präsidenteinhamtner in der HaNd 2ipstys, des Amerikaners mit preußischem Ordmungsfanatis-mus, anders in der Hand Motzkins. Dieser heitere, behäbige Mann hat längst das Golus überwunden. Er ist im MevschütteÄlchen Gleichgewicht, und je höher die Wogen des Kongresses gehen, um so geruhsamer schont er aus seine höchst lebendigen lieben jüdischen Kinder hinab, die sich gar sehr darauf verstehen, einen Vorsitzenden zur Verzweiflung zu bringen. Er lehnt sich lächelnd in seinem Präsidentenstuhl zurück und bietet den ingrimmigsten Kämpen ein solch besänftigendes Bild gefestigter Rühe, daß alsbald lammfromme Misvachim neben Zeire Zion und Dvor weiden. Motzkins Anblick ist Brom für die Nerven der Delegievetn. Ihm zu Füßen zu sitzen und zu beobachten, wie er den verschievmtlichen Tempevameitten der .Kongreßdelegierten beikmnmt, ist ein merkwürdiger Genuß. Mit Dauerrednern verhandelt er, wofern sie das Wort ergreifen, ans die ergötzlichste Weise. Wahrend der Reden idtbft aber hat Motzkin noch nie Ungeduld oder Unwillen gezeigt. Da wartet er, bis die „kleine Exzellenz" aus Berlin aufspringt oder der wohlbeleibte Herr <nt§ London zu seiner Lin^n oder ein ganzer Knäuel rechts, links, im Zentrum, die Wiener Morgenzeitung. '19. Mgust 1923 Nr. iegg_ Jas Judentum des Srients. Ein Gespräch mit Prof. David Aviffar, Jerusalem. Die Entwicklung des gionismus. — Das reformbedürftige Schulwesen. — Die kinwaudernng nach Palöftina. Einer der Vertreter des orientalischen Judentums beim Karlsbader Zionistenkongretz, Professor# David Avissar in Jerusalem, gewährte, einem unserer dortigen Mitarbeiter ein Interview, in den: er bcn Stand des Zionismus in den Ländern des Orients behandelte und ausführliche Mitteilungen über das kulturelle Niveau der orientalischen Judenheit gab. Besonders berührte er das anscheinend sehr reformbedürftige Schulwesen. Das orientalische Judentum war bis jetzt durch lokale Verhältnisse sehr gebunden. Auch hat es der Zionismus an einer intensiven Propagierung seiner Ideen fchlen lassen. Das ist zwar in der letzten Zeit bester geworden. Besonders die Propagandaaktion Dr. Benz io ns für den Keren Hajeffov hat sehr große Erfolge gezeitigt. Um große Cinzelspenden hervorzuheben, sei verzeichnet, daß zum Beispiel die'Familie I. Hiskel Sasf 0 0 n 30.000 ägyptische Pfund und die Familie Surr Gonrgi für eine palestinensische Kolonie 50.000 Pfund und eine Zeit später eine nochmalige Summe von 20.000 Pfund gespendet hat. Die Familie S h e m - T 0 w hat ihr g e s a m t e s V e rmögen von 140.000 P und dem Keren Hajestod zur Verfügung gestellt. Was die Einwanderung betrifft, so sind eine ganze Anzahl orientalischer Familien, zum Beispiel aus Persien, Mesopotamien J und anderer Ländern, wegen der dort herrschenden systematischen Bedrückung und der ständigen Pogromatmosphäre nach Palästina ausgewandert. Viele dortige jüdische Familien, die früher überaus begütert waren, sind durch diese deprimierenden Zustande arm und mittellos geworden. Aus Marokko, aus Nordafrika, vom gesamten Balkan, so vor allem aus Bulgarien und Griechenland, machen sich Symptome verstärkter Einwanderung fühlbar. So haben zum Beispiel das bulgarische und griechische Judentum einen besonderen Fonds eingerichtet, der speziell für die Einioandcrung ihrer C h a l u z i m bestimmt ist. Es ist selbstverständlich, daß die orientalischen Juden, die nach Palästina einwandern, vor viel komplizierterenLebensbedingungen gestellt sind, als die aus den anderen Erdteilen. Ihre so ganz anderen Sitten und Lebens-Verhältnisse lassen hie und da Reibungen und Miß- Helligkeiten entstehen, die zuweilen die vollkommen verkehrte Ansicht anskommen lasten, daß man einen Unterschied zwischen den europäischen und orientalischen Chaluzim mache. Dem ist aber in Wirklichkeit nicht so. Diese Frage der Einwanderung der Sephardim und Aschkenasim ist ein sehr ernstes Problem, das eingehendes Studium dringend' erfordert. Es muß verlangt werden, daß die Exekutive in den Bureaus der in Betracht kommenden Gegenden Spezialisten für die orientalische Einivanderu'ng beschäftigt, -deren Aufgabe es sein muß, die bestehenden seelischen Disharmonien auszugleichen und dü Basis für gemeinsames produktives Wirken in Erez Jrael zu schaffen. Die Immigration aus dem Osten ist ungeordnet und nicht methodisch. Die Sephardim und Aschkenäsiur kommen ohne jegliche Organisation, nur aus elementarem Religions- und Nationalgesühl, aus messianischer sucht nach Palästina. Es gilt die Einwanderung aus dem Orient zu systematisieren. Es muß verlangt werden, daß die Einwanderer in besonderen Institutionen auf die Palästina-Arbeit vorbereitet werden. In dieser Beziehung hat es die Exekutive an der nötigen Initiative fehlen -lasten. Die Histadruth-Sephardim, eine Orgai"^'- tion, die auf Politisch-neutraler Grundlage steht und sich ausschließlich der sozialen Hilssarbeit widmet, bcit sich in dieser Beziehung sehr verdient gemacht. In der orientalischen Judenheit gibt es — Gott sei Dank! — keine zersetzenden Parteikämpfe. Wir fühlen uns trotz natürlich bestehenden sachlichen Meinnngsunterschiede eins in dem Aufbaugedanken für Erez Israel. Nunmehr berührte Professor Avissar das orientalische Schulwesen, das er einer scharfen Kritik unterzog. Im Orient bestehen zwei Arten von Schulen, dir der Talmud Ehastur und die der Alliance. In beiden Schulen wird kaum Hebräisch gelehrt. Rabbiner, die selbst noch mit dem Hebräischen auf Kriegsfuß stehen, erteilen bcn Unterricht vollkommen unsystematisch und unorgaMch. Als einziges offizielles Lehrfach gilt das Französische. Es muß hier dringend eine durchgreifende Reform gefordert werden. Es ist ein geradezu unerträglicher Zustand, daß Siebzehnjährige herumlaufen, ohne ein!^ort Hebräisch zu verstehen. Wir müssen ein jüdisches Schulwesen haben, in dem das Hebräische als offizielle Lehrsprache gilt und das cs sich zur Ansgabe macht, die heranlvachsende jiidische Generation auf ryr jüdisch-nationales Wirken in der palästinensischen Heimat vorzübereitcn. Zum Schluß gab Prosestor Avissar einige statistische Zahlen der orientalischen Einwanderung «ach Palästina, die eine starke prozentsatzmäßige Erhöhung erwiesen. I« den vergangenen zehn Monaten sind aus Bagdad, ans Marokko, als Algier, Tripolitanien und ^,n Balkan insgesamt 1750 Personen eingewandert. Das ist ein bedeutsames Zeichen des steigenden Interesses der orientalischen Judenheit an Erez Israel. Diese nach Palästina übersiedelten Sephardim und Afchkenostm sind meistens als Krämer und' fahrende Händler, aber auch als .Handwerker und in der Landwirtschaft tätig. Arme schwingt; dann erhebt er sich, zeigt mit verständnisinniger Gebärde -dem Redner, was sich da unten tut mrd setzt alles bei ihm durch. Bei befristeter Redezeit hat nie einer „die letzten fünf Minuten". Jedem hat Motzkin bei der ersten Mahnung, ,/äbzüschIbießen", schon fünf Minuten draufgegeben, weil „die Ausführungen besonders bemerkenswert sind". GaschästsorÄnuugsdobatten sind rasch erledigt. Stes sind sie „leider in diesem Falle völlig ausgeschlossen". Motzkin konstatiert dies nach kurzem Besinnen mit solch unerfchüttevlicher Ruhe, daß selbst der Korvgreßanwalt entwaffnet ist, der immer wieder mit dem Folianten, der seinen Kommentar zur Geschäftsordnung enthält, sich in der Richtung zur Tribüne bewegt und auf haikbem Wege umkchrt. Ms cs ihm aber sinmal doch gelang, bis zu Motzkin Vovzüdvingen, führte der würdige Präsident dem versammelten Volk eine so MerchfellerschMevnde Pantomime jammervoller BAywsiflmig vor, daß der Kongveßanwält samt feinem Folianten von einem Lachstu-rm hinwcggofegt wurde. Mit einem Minimum von Energie -und ohne ein Atom von Präsidentenlsorschheit erledigt Motzkin sin Maximum an Arbeitsleistung und erhält dabei seine Schutzbefohlenen in girier Laune. So Hai er sin Äbevarbsibsbes Plenum Wer Dauersitzungen bei Tag und Nacht zur hsu-tigen SchluWtzung geführt. Und wenn sie, was wir alle hoffen, ein gutes Ende bringt, so hat Motzkin, der Unerschütterliche und Humorvolle, ke-inen geringen Ant e il daran. O. A. Nie Süden im Freistaat Danzig. Ans einem Gespräch mit dem zionistischen Delegierten Dr. Levh. Vor dem Kriege bot Danzig das typische Bild einer wirtschaftlich regen, intensiven Mittelstadt. Das ortsansässige Judentum, das ungefähr eine Stärke von 2000 Seelen aufwieS, sah das Ideal seiner „jüdischen" Politik in einem möglichst gründlichen Assimilierungsprozeß und denr unbedingten Ausgehen im Volkskörper eines fremden Staates. Es bestand zwar schon damals eine kleine ostjüdische Kolonie, die aber in Politischer Beziehung vollkommen assimiliert war und sich passiv verhielt und das einzige Bestreben hatte, sich der einheimischen Bevölkerung anzuglicdern. Seit der Beendigung des Krieges, vor allem feit der Kon« stituicruua Freistaates, ist in dieser Beziehung gründlich fma Wandel geischaffen worden. Ihren Physischen u,rd ökonomischer- Ausdruck findet diese Wandlung in der Berstärkrmg des Judentums auf eine Zahl von etwa 12.000 Köpfen. Die Zniv^-'ü^^ rnng kommt vor allem aus dem Osten, insbesondere aus Polen und Weißrußland. Ein Teil der Eingeiva-rrderten ist schon früher intensiv propagandistisch für den Zionsgedanken tätig gewesen, andere Teile wurden durch eine großzügi-gc Ausklärüngs. alktivität des Zionismus stir Palästina erfaßt. Auch in weiteren Kreisen der eingesesserren jüdischen Bevölkerung begann der Zionismus Wurzel zu schlagen. Auch die Keren Hajessod-Arbeit wurde großzügig und erfolgrerch betrieben. Im Berlcnrfe des letzten Arbeitsjahrcl' erzielte man eitle Ergebmssumnre von 3000 Pfund. Düscs günstige Endresultat läßt erfreuliche?lussichten aus die finanzielle Erfassung weitester Schichten offen. Was die Eniwicklnttg des Antisemitismus im Freistaat Danzig betrifft, so muß bodaMrl'icherweise betont werden, daß Danzig von antisemitischen Strömungen stack durchsetzt ist. Die Deutschnatiorlale Bolkspartei treibt auö) bei uns ihr schädliches Unwesen. So hatte matt, als wie erinn-rlich geplant war, den 13. Kongreß in Danzig abzuhaltcir, eine i"* tensive, unehrliche Gegenpropaganda enffaltet und bei det Regierung wegen dieser Frage interpelliert. Die Stellung der. Rcgierutrg zum AnttstlnitistMts ist sehr vorsichtig und verklausuliert, man ist bestrebt, sich durch die verschiedenelr Strömungen hindurchzujonglierett. Immerhin muß betont w^oen, daß die Deutschnationalen eine sehr aitiflußveiche Position, auch offiziell, besitzen. Die ktllturelle Arbeit des Tatiziger Judentums läßt uoä, mancherlei zu tvünschen übrig. In Zoppot haberr ostjüdische Einwanderer ein eigenes hebräisches Gymnasium gegröltdet. das ein tverwoller jiddischer Ktrlturfaktor zu werden verspricht. Die zionistische Bewegung selbst gewinnt von Atonat zu Pcorrat größeren Einfltiß. Jutevessant ist nach, daß zwischen Dairzig rmd Palästina ein reger wirtschaftlicher Geschäftsverkehr statt. findet, mehrere größere jüdische uitb zionistische Firmen erledigen den Export aus Osteuropa nach Palästina. MaN gedenkt diese Wirtschaftsbeziehungen tloch tveiter ausznbaue>r »W im Laufe der Zeit ein engmaschiges Wivtschastsnetz zwischen Palästina einerseits urrd Darrzig andererseits im beiderseitigen Interesse heratizuvilden. Danzig verspricht, in wirffchastspolitischer Beziehung von Büdeuinng für die Entwirk-lung Palästina? zu werden. </