Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1623 (19.8.1923)
- Date
- 1923-08-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXIX ^ionistenfcongress (Kongressansgabe). ■ifnzelnommer K1000 Wien: Zum Abholen in der Expedition, II., T ah or atr. 1 -3, oder in einer Verschleisstelh (Trafik) monatl. K 28.001 Mit Postversand für Wien u. Oesterr. monatl. K 28.000 ts ch ec h o-SIowakei: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. Mk.45.000.DeutschIand: Mon. Mk. 150.000. F r a n k r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 HW- Nachzahlungen "W> »ei Preieerhöhungen Vorbehalten MMM Nr. 1623 _ , . Wiener Morgenzeitung T schecho »Slowak «t tschech. K 1.20 Italien: Monatl. 10 Lire Rumänien Mon. 90 Lei Bulgarien Mon. 75 Lewa Schweiz und das übrig» Ausland monatlich Frcs.! Redaktion u. Administratioi Wien, II., Taborstrasse 1—! Telephone: 44-0-38,43-3-19 ab 6 Uhr abds. 19-483,25-281 Tel.-Adr.:,Morgenzeitung' Wien Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.69! Wie«. Sonntag. 19. August 1923 5. Jahrgang Ae Resultate des 13.Nonlstenkongreffes. --y. Karlsbad, 19. August. Der 13. Zionistenkongreß hat seine Aufgaben vollendet und die Notwendigkeiten erfüllt, die ihm von seinem Vorgänger, dem 12.. Kongreß, vorgeschrieben worden waren. Die Liquidation der Kriegsverhältnisse, die vor zwei Jahren begonnen worden war, ist um ein gutes Stück vorwärts gekommen. Vor zwei Jahren hatten wir die Organisation nach der mehrjährigen Unterbrechung durch den Krieg durch eine zeitgemäße Reform des Statuts wieder auf den Friedcnszustand einzustellen. In diesem Jahre muß das Verhältnis der Bewegung zur Leitung geklart werden. Der wirtschaftliche Verfall Europas hatte auch die Entwicklung der Zionistischen Organisation ungünstig beeinflußt. Ihr Rückgrat, das russische Judentum, ist dünn und krank geworden. Es ist nicht mehr das schier unerschöpfliche Reservoir an Menschen und nationaler Gestaltungskraft und kann auch nicht mehr mit den finanziellen Anforderungen des Zionismus Schritt batten. Da auch die übrigen Landesverbände den Ausfall nicht decken konnten, so beginnt sich zunächst der finanzielle Schwerpunkt nach der amerikanischen Seite hin zu 'verschieben. Der Präsident der Organisation, dem das Palästina-Werk in dem ganzen zionistischen System als das primärste erscheint, machte diese Wanderung mit, aber er geriet durch Ueberschätzung des finanziellen Momentes, die er mit einem großen Teil der amerikanischen Zionisten teilt, auf eine gefährliche Bahn. Er näherte sich zu stark an die außerhalb des Zionismus stehenden Kreise und cs entstand die Befürchtung, daß die Auslieferung des Palästina-Werkes an btc nur kapitalistischen und international empfindenden Gruppen nüt einer Zurückdrängnng des nationalen und demokratischen Zionismus endigen müsse. Diese Befi'irchtnng hat der Kongreß ausgesprochen und in bewegten Debatten den Inhalt und Umfang der Krise gezeichnet. Weizmann leistete zuerst Widerstand. Erst am zehnten Tage entschloß er sich zu seiner Programmrede, die der Kongreß als Rückweg zum reinen Zionismus anffaßte. Trotzdem ging man daran, durch Aendcrung des organisatorischen Gefüges für die Zukunft jedem Streben vorznbcngcn, über den Kopf des Zionismus hinweg. bindende Engagements einzngehcn. Diese Sicherungen sind geeignet, eine Diktatur unmöglich zu niachen und jeden Versuch, den Zionismus unter den bestimmten Befehl azionistischer oder gar antizionistischer Elemente zu stellen, znrückzuweisen. Freilich mußte der Kongreß auch bei einer genauen Besprechung des Rechenschaftsberichtes der Leitung die tieferen Gründe für das Verhalten des Präsidenten überprüfen. Sie liegt in der Unklarheit, die über das Verhältnis der britischen Mandatarmacht zur Frage des jüdischen Palästina besteht und die auch jetzt nicht beseitigt ist. Der Zionismus kann in dieser Hinsicht einstweilen nichts anderes tun, als der Leitung neue und präzise Instruktionen zu erteilen. Sie beziehen sich auf England und das arabische Volk. Sie sprechen aus, daß auch wir Teilhaber des Mandatsvertrages sind. Wir übernehmen im vollen Bewußtsein der Größe der Aufgabe die Verpflichtung, an der Erschließung des Orients teilzunehnien, aber als gleichberechtigter Faktor. Wir wünschen nicht, daß die Versuche fortgesetzt werden, uns in den Schatten zu stellen. Wir anerkennen alle Rechte des palästinensischen Arabertums wie der sonstigen Gemeinschaften in diesem Land. Wir anerkennen aber kein nichtjüdisches Recht auf dieses Land und stellen allen Quertreibereien den Text des Mandatsvertrages entgegen, dessen völkerrechtliche Bedeutung in der Konstatierung der historischen Verbindung des jüdischen Volkes mit Palästina liegt. Wird die Bedeutung angetastet, dann verliert auch das Mandat seinen Inhalt und verbleibt eine englisch-territoriale Frage, an der wir kein positives Interesse haben. Palästina ist uns nur als Erez Israel, als das Land unserer Sehnsucht, unserer Zukunft wert und teuer. Wir sind real und nüchtern genug, um die gegenwärtige Situation zu verstehen, in der wir als die Schwächeren erscheinen. Aber wir unterschätzen sie auch nicht, obzwar wir noch weiter auf die Loyalität der britischen Regierung und der britischen Nation bauen. Es ist nicht denkbar, daß England den Genfer V">:trag im* dem jüdischen Volke geringer Ae Schlußsitzung des Kongreßes. Srganifationssragen. — Ae volttischen Resolutionen. — Ae neue Exekutive. Die Schlußsitzung. Samstag, 9 Uhr abends. Wehmütige Abschiedsstimmung der Kongreßteilnehmer und Gäste. Viele Teilnehmer sind im Festkleid erschienen. Wieder sind Saal und Galerien dicht gefüllt, der Einlaß au den Toren wird streng kontrolliert. Die Exekutive und das Aktionskomitee sind vollständig versammelt. Der P e r m a n e n z a u s s ch u ß ist feit 6 Uhr an der Arbeit, die endgültigen Beschlüsse zur Wahl der neuen Leitung vorzulcgeü. Um 9 Uhr eröffnet Vizepräsident M o tz k i n die Sitzung. Dr. Hantkc (Deutschland) referiert über die Anträge des Organisationsausschusses. Zunächst legt er jene Anträge vor, welche keine Aenderung der Statuten beinhalten. Er begründet einen Antrag betreffend Regelung der B e a m t e n f r a g e. Der Antrag beztveckt Hochzüchtung eines freien, unabhängigen, tüchtigen Beamtenstandes. Zu diesem Antrag spricht Doktor Krämer (Rumänien). Er verlangt vor allem Besetzung der Beamtenstellen im Wege öffentlicher A u s s ch r e i b u u g, Schaffung eines Dien st r e g l em e n t s und Studium der Frage, Beamten das passive Wahlrecht zuzubilligen. Da diese Anträge jedoch nicht' rechtzeitig der Kommission übermittelt worden warenkönnen sie^ als Amendements zum Kommissionsantrag nicht zur Abstimmung gebracht werden und werden bloß dem Protokoll einvcrlcibt. Zur Annahme gelangt der Antrag der K o mmission. Ein zweiter Antrag betrifft die Vereinheitlichung der F i n a n z g e b a r u n g und findet natürlich die Zustimmung des Hauses. Sodann werden die Anträge behandelt, welche eine Aendcrung der Statuten erfordern. Sic betreffen vor allem eine Erweiterung der Rechte des Aktionskomitees. Das Aktionskomitee soll nämlich zu einem Ausschuß des Ko ng r e s s e s erweitert werden und mit bestimmten starken Einschränkungen Rechte des Kongresses erhalten. (Den Inhalt dieser Anträge haben wir bereits gestern mitgeteilt.) 11 Uhr nachts. Die Anträge des Organisationsausschusses haben eine uferlose Debatte entfesselt. Die Stimmung des Hauses ist nervös und unruhig, cs kommt ununterbrochen zu Zusammenstößen zwischen dem Vorsitzenden und dem Hause. Delegierter Dr. S ch a l i t (Wien) beantragt, daß man über jenen Teil des Ausschußantrages, der dem Aktionskomitee Rechte des Kongresses übertragen will, zur Tagesordnung übergebe, da es uudemokratisch sei, das Aktionskomitee, daß bloß kontrollierende Rechte haben dürfe, dem Kongreß statutarisch gleichzustelleu. Zu dieser Frage spricht noch M e i e r (Berlin) und L i p s k y. Mch längerer, sehr unruhiger Debatte wird beschlossen, über den ganzen Antrag zur Tagesordnung überzugehen. Abgelehnt wird ferner der Antrag, den Mitgliedern der Exekutive das Stimmrecht zu erteilen. Der Pevmanenzausschuß ist noch immer versammelt und berät über die Liste der zu wählenden Leitungsmitglieder. einschätze als den Vertrag über die belgische Neutralität, zu deren Schutz es das Schwert gezogen hat. Diese Unsicherheit mag auch die Leitung veranlaßt haben, eine Aenderung der politischen Ideologie ins Auge zu fassen. Es ist auf dem Kongreß unter anderem auch von der Errichtung eines politischen Ressorts in Amerika die Rede gewesen. Wir nehmen dies als den Beginn der Schaffung eines politischen Systems, das alle für das jüdische Leben wichtigen Zentren in den Bereich der Palästina-Politik zieht und uns (für alle Rückschlagsmöglichkeiten sichert. Eine politische Bindung, nach welcher Seite immer, muß abgelehnt werden. Das jüdische Volk, das sich unter schweren Krisen aus der politischen Hörigkeit löst, muß frei bleiben und nur das jüdische Interesse als Richtungspunkt seiner Arbeit im Auge behalten. O Halb 1 Uhr nachts. Im Plenum des Kongresses dauert die Debatte über das Organisationsstatut fort. Um Mitternacht wurde ein Antrag, das passive Wahlrecht an die Erfüllung der Maasserpslicht für den Keren Hajessod zu Lin-- den, unter lebhaftem Beifall angenommen. Die Sitzung dauert fort. Der Permanenzausschuß hat die Beratungen über die Zusammensetzung der Exekutiven bereits beendet. Wie wir erfahren, schlagt er dem Kongreß folgende Liste für die Exekutive vor: Londoner Exekutive: Weizmann, S o k o I o w, S o l o w e j t s ch i k, L i p s k y, C o >w e n. Paläst ine »fische Exekutive: Oberstleutnant Kish, Dr. Ruppiu, van Vriesland, Prof. Pick (Misrachi), Sprinzak (Poale Zion). Die Sitzung dürfte bis gegen 4 Uhr morgens dauern. Soeben werden die folgenden Anträge der. politischen Kommission vorgelegt: 1. „Der Zionrstenkongreß begrüßt mit freudiger Genugtuung, daß die im Völkerbunde vereinigte Gemeinschaft der Völker in dem von ihm bestätigten Mandat über Palästina die unzerstörbare historische Verbundenheit^ des jüdischen Volles mit Palästina und die Ansprüche des jüdischen Volkes auf ein freies Volksleben in diesem Lande seiner Vergangenheit und seiner großen Schöpfungen anerkannt hat. In der großen Krise der heutigen Welt, die das jüdische Volk schwer getroffen und seine ganze bisherige Diaspora existenz ins Wanken gebracht hat, ist die Lösung der Judenfrage eines der kategorischen Gebote der Gerechtigkeit und eine Vorbedingung der Konsolidierung der Welt im Zeichen des ftiedlichen Zusammenwirkens der Völker. Der Zionistenkongreß sieht im E r w a ch e n d e s Orients einen der wichtigsten Faktoren des Neuaufbaues der Welt. Das jüdische Volk, das in seine alte Heimat zurückkehrt, ist entschlossen, sich mit all seinen geistigen, moralischen und materiellen Kräften in diese heute noch im Werden begriffene, aber an Energien und Möglichkeiten reiche Welt einzugliedern und als gleiches unter gleichen mit den Völkern, die seine Schicksalsgenossen sind, in enger Verbindung und unter Herstellung einer fruchtbaren Jn-- teressenharnwnie Zusammenarbeiten. Der Kongreß stellt sch daß Palästina durch die historischen Bande, durch der: Volkswillen zur Rückkehr, durch die Arbeit im Lande und nunmehr auch durch die internationale Garantie die Stellung als Land der nationalen Heinrstätte des jüdischen-Volkes einnimmt. Der Kongreß wiederholt seine Erklärung, daß unter allen Umständen die Rechte aller Gemeinschaften in Palästina gleich heilig sind und bleiben ivevden. Das jüdische Volk, .das unter den schwersten äußeren und inneren Bedingungen in diesen Tagen allmählich zu neuern produktiven Leben erwacht, wird durch seine nationale .Heinrstätte in Palästirra zur vollen Entfaltung seiner Kräfte im Dienste des Knlturaufstiegs der Menschheit gclarrgen urrd ein Faktor sein, der den verwarrdten Völkern bei ihrer Neugestaltung aktiven Beistarrd leisten karrn. Der Kongreß erwartet, daß auch das arabische i Volk, das weite Territorien außerhalb Palästinas zur Der abgelaufene Kongreß hat die Einheit der zionistischen Bewegung wiederhergestellt. Sie öffnet weit alle Tore zur Arbeit in Palästina. Sie ist nicht schlvach und mutlos, und wenn auch die Kritik zu wiederholten Malen sich zur Selbstqual steigerte, so sind wir doch weit davon entfernt, unser System, unsere Arbeitsmethode und den Bau unserer Organisation aufzugeben und unser nationales, demokratisches und kulturelles Bekenntnis wegzuwersen. Wir sind nach diesem Kongreß wieder so stark und geschlossen wie früher, und jede Spekulation, die sich auf eine Ucberschätzung unserer inneren Differenzen gründet, würde sich sehr bald als verfehlt Herausstellen. Wir sind die paujüdische Bewegung und wollen den Frieden im Judentum; aber wir legen die Waffen nicht aus der Hand. Der Zionismus ist unverändert, das llt der Sinll dieses Kongresses.