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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-18 · Heft 1622 (18.8.1923) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1622 (18.8.1923)
Date
1923-08-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite s Wien, Samstag sich taktisch verschossen, fügt sich in ihr Schicksal und wird den Kampf nicht über den Kongreß hinaustragen. Bon großer prinzipieller Bedeutung sind die Beschlüsse. der Organisationskommission, die morgen abends dem Kongresse vorgelegt werden. Das tiefe natürliche Mißtrauen, das jedes Parlament gegen die Regierung hat, spricht sich hier aus. Die demokratische Kontrolle und die Verantwortlichkeit aller Organe der Bewegung wird aus das schärfste herausgsarbeitet. Die o b e r st e Behörde ist der alle zwei Jahre Zusammentretende Kongreß, dessen Zusammensetzung zu einer klaren und unverfälschten Projektion der Bewegung durch eine R eform des Schekelwesens gesichert wird. An Stelle des Fraktionsschekels tritt der gemeinsame Schekel, dessen Geldwert nach den Balutaverhältnissen in vier Kategorien abgestuft wird. Die Einrichtung des goldenen Schekels soll ausgebaut werden, damit aus dessen Erträgnis und aus denen des gewöhnlichen Schekels die Kosten der Exekutive gedeckt tverden. Die Jahreskonsirenz wird beibehalten. Der Finanz- und Wirtschaf t s r a t hört als höchste Institutton auf. Das Aktionskomitee wird von 35 auf 35 Mitglieder erweitert und erhalt ebenso wie die Jahreskonferenz das Recht, fopat Kongreßbeschlüsse mit Zweidrittelmajorität ab^uändern sowie einzelne Mitglieder der Exekutive zu Wahlen. Es soll mit dieser Bestimmung vermißen tvevden, daß wie im Falle Jckbotmski durch Austritt eines Mitgliedes ein Bakuum eintritt. Das Aktionskomitee hat mindestens zweimal jährlich Zusammenzutreten. In diesem Beschlüsse liegt das Bestreben, die Position des Aktionskomitees gegenüber der Exekutive zu stärken. Das Budget. Ter Kongreß setzte heute nachmittags die Beratungen fort und ging zunächst aüf die Beschlüsse der Budgetkommission ein. Berichterstatter New man erklärt, ' die Kommission habe fünf Tage lang fast unaufhörlich beraten. Es wurden 30 Referate angehört und der Bericht von acht Unterkommissionen entgegengenommen. Der Referent legt den folgenden Budgetvoranschlag vor: 1. Nachzahlungen: *• Pfund Sterling. 1. Fehlbetrag des Jahres 5633 54.000 2. Rückständiger Beitrag des Keren Hajessod an Len Jüdischen Nalionalfonds 10.000 3. Schuld des Restovatton Fonnd an den I. L. T. 5.000 Summe 69.000 2. Ordentlicher Gat. 1. Landwirtschaftlicher Kolonisationsfonds 100.000 2. Landwirtschaftliche Beihilfen und Ausgaben 17.000 Summe 117.000 3. Erzrehungswesen a) Schulen 67.000 b) Technikum 3.000 e) Nationalbiblioihek 1.300 d) Universität 5.000 Summe 76.500 4. Einwanderung 32.4)00 5. Arbeitsbeschaffung 36.000 6. SanitatSwefen 29.000 7. Verwaltung 12.000 S. Besondere Ausgaben 10.000 A. Landwirtschaftliche Versuchsstation 7.000 1s. Industrielle Beihilfe und Fördern nq von industriellen Versuchen 8.000 11. Unvorhergesehenes 500 Summe 397.000 & Kredite und Investitionen. 1. Heimstätten, Stedelnng 20.000 2. Beteiligung an der kooperativen Baugenossenschaft 8.000 3. Beteiligung an dem Jndustriefonds 2.000 4. Beteiligung an der Industriebau? 10.000 5. Beteiligung an der Palesttne Electric Company 25.000 6. Beteiligung an der .Hypothekenbank 25.000 7. Beteiligung an der Palesttne Land Development Company ’ 25.000 8. Beteiligung an der Handwerkerbank 2.000 9. Beteiligung an der Arbettechan? 2.000 10. Beteiligung an einer Konsumgenossenschaft 8.060 Summe 124.000 Zweite Rate der Schuld des Keren Hajessod an den Jüdischen Nationalfonds 10.000 Gesamtsumme ÄOOO (Die Posten 1 bis 5 m dem Etat von Krediten und Investitionen besitzen den Vorrang.) Bezüglich des Budgets für die Londoner Exekutive beantragt, die Kommission das Budget mit 204)00 Pfund mit Einnahmen und Ausgaben zu akzeptieren. Dieser Antrag wurde vom Kongreß fast.einstimmjg angenymmen. Dazu, beschloß der Kongreß folgende Resolution: 1. „Der Kongreß fordert, daß diePalästiua-Rej<r u rrg an den Kosten des hehvüischen S.Km4« __Wiener Movgenzeitung. Werkes in Palästina den Anteil, der dem Jischuw gebührt, beiträgt. 2. Der Kongreß erlvartet, daß der W a a d L e u m i die notwendigen Maßnahmen ergreife, um den Jischuw in stärkerem Maße als bisher zur Deckung des Schulbudgets zu verpflichten. 3. Bon den für die Universität bewilligten 5000 Pfund sind 3 000 für eine \\udä istisch-orre ntali sche, 200 0 für eine'naturwissenschaftliche Fakultät bestimmt,-jedoch unter der Voraussetzung, dtzß ein Universitäts-Board (Antrag Wavbuvg) gegründet wird und das Geld in Anspruch nimmt." AnchHiesi Resoln? tion wurde, f c st einfti m m i g angeno m m e n. In die Debatte über die hebräische Universität, in deren Verlauf Marburg den notwendigen Antrag stellte, griff auch Weizmann mit einigen Worten ein. Es tvar die erste Gelegenheit, bei der sich der Präsident an den rneritori« scheu Beratungen des Kongresses beteiligte. Der wichtigste Antrag Marburgs besagt:. Der Kongreß beschließt, daß die Exekutive alle Anstrengungen mache, um im Jahre 1924 die hebräische Universität in Jerusalem mit mindestens zwei Fakultäten zu eröffnen, und zwar der judaistisch-orientalischenundder naturwissenschaftlichen. Beim -Kapitel Erziehungswesen -vertrat Mossinson die Anträge, die eit blo c a nge u o m m e n wurden. Schluß der Sitzung 6 Uhr. * Zur Abstimmung über die Dechargc. Wir werden ersucht, dnitzuteilen, daß sich die österreichischen Dlegierten Dokwr Gelber« und Dr. Walkman«, die der demokratischen Fraktion angehören, bei der Abstimmung über das Absolutorium der Stimmenabgabe enthalten haben. (Bon unserem Jerusalemer Korrespondenten.) Am. Sonntag den 23. Ab boten die Straßen Jerusalems ein ungewohntes Bild. Zwei Reklamcwagen zogen durch die Gassen, über und über bedeckt mH Wahlaufrufen. An diesem Tage fanden die Wahlen in den Waad Hair, in die Vertretung der jüdischen Gemeinde, statt. Wie es schon in Jerusalem Mich ist, -waren die Wahlaufrufe aus Bibelsprüchen zusammengesetzt. >,Der in Jerusalem wählt" — hieß es mit seltsamem Wortspiel statt „der Jerusalem erwählt" —, „segnet sein Volk Israel mit Frieden." „In . Jerusalem, der- Stadt der Erwählung, gehe die ganze Gemeinde wählen." „Du aber wähle das Leben — ein geordnetes Gemeinschaftsleben in einer geeimgteu Gemeinde, wert der Hauptstadt unseres -nationalen Heims." ,Ausettvähltes Volk, werdet' zum lvähl-enden Volke." „Wählet euch Männer!" So und ähnlich sprachen die Wahlaufrufe des Wahlkomitees beim Waad Hair. Der Aufruf des % rbeiterrates von Jerusalem Mrte eine andere. Sprache. Hier herrschte die Terminologie der europäischen Kämpfe um die nationalen Rechte: „Arbeiter Jerusalems, der 23. Ab ist der Tag der Erfüllung unserer Wicht am Aufbau der jüdischen Autonomie im Lande. An diesem Tage schreiten wir zur Wahl des Waad Hair der Juden Jerusalems. Unsere aktive Beteiligung wird die Änderung bekräftigen, die wir an die Regierung stellen: BeslätiH-ung der jüdischen Gemeinde mit weiten Rechten. Unsere Beteiligung wird unser Verhältnis zum Ausdruck bringen gegenüber den bekannten Elementen, die zum 'Zwecke der Fortführung ihrer dunklen Tätigkeit jeder Organisierung und jeber Gemeinschaftsbildung aus dem Wege gehen. Unsere Beteiligung wird unsren Abgeordneten die Kraft gaben, das gleiche Wahlrecht Dr Frauen und Männer zu verlangen. Erfüllen wir unsere Pflicht. Tragen wir unseren Teil an der Verantwortung. Gehen wir in Massen zur Wahl." Das Sonderbare war, daß alle Wahlaufrufe der neun verschiedenen. Kandidatenlisten friedlich nebeneinander hingen und von denselben Paar Maultiere durch die Straßen von Jerusalem gezogen wurden. Der Wahlkampf ging nicht Zwischen diesen Parteien vor sich, es war ein Kampf der Wählenden und der Ni chtwählendm. Ein Kampf gegen die Kräfte, welche der Organisierung einer einheitlichen jüdischen Gemeinde in Jerusalem aktiven und passiven Widerstand entgegensetzten. Der bekannte rechte Flügel der Orthodoxen unter Führung von Rabbi Sonnen selb, der einen eigenen Waad Hair Haaschkenasi hat, ein Teil der Sophardim und Kreise um das Großrabbinat, die allerdings im letzten Momente mnschwenkten. Bon den 40.000 Juden Jerusalems waren nur die erwachsenen Männer, also zirka 10XKW wahlberechtigt. Bei der VÄHl erschienen 3000 Wähler, eine immerhin ganz rentable Summe. Die größte Zahl der Stimmen, 1193, erhielten die Bereinigten orientalischen Gemeinden. Ihnen folgten die Arbeiterparteien mit 906, die Arbeiter des Misrachi mit 366 und das Zentrum (B'nei B'rith) mit 367 Stimmen. Aber wie gesagt, das Verhältnis der einzelnen >Parieifett ist ohne Bedeutung. Wichtig ist nur die Frage, ob T >1 18. August 1923 Nr. 1622 die starke Wahlbeteiligung einen Erfolg gegenüber der M gierung und gegenüber den Feinden der nationalen Organisierung tut Innern haben wird. Seit Kriegsschluß bemühen sich die -Juden Palästinas vergeblich um. das primitive Recht, welches die Juden der Gaktch-fast überall, haben: Das Recht auf Bildung eigener Gemeinden mit dem Rechte innerer Verwaltung nnd Besteuerung. Dieses Recht ist nicht errungen worden, tmd für die Regierung ist der von Tausenden geiwählte Waad Hair nicht wehr als ein gewöhnlicher Bereinsausschuß. Bon hier aus kann man es auch verstehen, obzwar nicht billigen, daß sich oineS TeileS der Wähler GleichMttgkeit bemächtigt hat gegen« über diesen Wahlen, die einen ohnmächtigen Vertretung^ kövper ergeben. Dieser Stimmung gibt Jttamar Ben Wv! im „Doar Hajom" Ausdruck: ,Warum," fragt evj verschwenden wir unsere wenigen Kräfte auf die Erhaltung einer Körperschaft, die uns. keine Hoffnung gibt, unsere. Angelegenheiten zu ordnen. Warunt laden wir aus die jüdischen Bewohner der Stadt neue Ausgaben zur Ett Haltung eines Waad, der keine Rechtskraft hat, der sie nich zur Steuerlei-stung zwingen kann und dessen Steuern bloß als Bereinsibeiträge empfunden, werden? . Ist nicht ein Waad Hair der Juden Jerusalems nrit einem jährlicher Budget von 2500 Pfund Sterling eine Lächerlichkeit?" Den gegenüber verlangt der Redakteur des „Doar Hajom" du Konzentrierung der.ganzen Energie aus die Eroberung der Stadtgemeinde Jerusalem. In der Stadtgemeinde Jerusalem herrschen, aber eigent-ümliche Zustände. Sie ist, obzwar die Mehrheit der Bewohner Jerusalems Juden sind, eine fas! ganz arabische Institution. Der allergrößte Teil der Be. amten ist arabisch und um jeden hebräischen Zettel ntuf der jüdische Bewohner Jerusalems erst kämpfen. Die Stadt, gemeinde ist nicht gewählt, sondern ernannt. An ihrer Spitze steht ein ernannter Araber. Jetzt ist auch ein ärabi. scher Stellvertreter des Bürgermeisters von der Re« gieüng ernannt worden. Die vielen Arbeiten, welche di« Stadtgenteiude Jerusalems, besonders in der' letzten Zei' un Zusammenhänge nrit der Regulierung der Straßen vergibt, fallen fast sämtlich, beinahe ohne jede Konkurrenz, ausschreibuug, an arabische Unternehmer, welche wicdcrnn nur Araber beschäftigen. Und selbst wenn im gegenwarti. gen 'Augenblicke Wahlen in die Stadtgemeinde ausgvschric« ben> würden, würde sich der Zustand nicht sehr ändcrw denn tvir hasten noch immer kein S t a a t s b ü r g c vgesetz und BoWürger sind noch immer nur die che. maligen ottomanischen Untertanen. So if- Jerusalem, obzwar es der Zahl nach eine große jüdisch«.. Major itat hat, rechtlich weit davon entfernt, eine jüdi. sche <§tabt zu sein. Die Wahlen in den Waad .Hair-haben wieder eimna> dringend gezeigt, wie brennend die Frage einer innerer Organisierung der Judenheit Palästinas ist. Ohnesi». tverden wir niemals nach außen hin die Stellung erringerr. die uns nach unserer Zahl und Bedeutung im Lande zu.- lourmt. Sin Unentwegter. Ein Gast des Zionistenkongresses übermittelt uns dar folgende launige Bild: Wenn Nahunr S o k o l o w auf tzew Kongreß das Wort engreist, so strömt alles ans. den Couloirs, aus den Beratungszimmern und Speiseramncn h den Kongveßsaal, um sich ja fein Wort der Rede unseres Außenministers und diplomatischen Vertreters (sehr diplomatischen Vertreters) - entgeherr zu lassen. Aber einer Mann gibt es aus dein Kongreß, der sich in dem Genuß, den er dort abseits vom Weltgetriebe geftmden hat, aitcf dann nicht stören läßt, lvemr Sokolow spricht — oder otr Ende gar deshalb nicht stören läßt, weil Sokolow spricht dem er erbitterter politischer Gegner zu sein, scheint. Dies» gelassene Unentwegtheit oder verbissene Ablchnung hat er freimütig gestanden. Natürlich bei, wo die Herzen fick, leicht öffnen — beim Wein. Im Kongreßgebäude gibt Hf nämlich eine lauschige Paläftina-Weinstttbe, in welcher de» von der staÄerr Sonne Erez Israels dnrchgluhte Traubensaft nach altem jüdischen Spruch „das Herz erfreuet". eine Wand dieses Raunres, der so manchen Delegierten und Gast lockenßmag, hat eines Zechers Hand den nicht gerade einwandfreien, dafür aber offtnherzigen Vers Ae schrieben: „So oft auch sprach der Sokolow, ich stets an diesem loco soff." Es muß ein fester Charakter sei«, der sich durch Sokölows Rede, die zu den Sensationen des Kongresser gehört, nicht vom Men Zechttsch weglocken läßt. Er nmf trinkfest' sein und polittsch nnüberzeu^bar. Trinkfest, b» man während einer Rede Sokolows gar manchen Becher Erez Israel-Wein leeren kann, und der Wein ist starV Unüberzeugbar und unversöhnlich in politischer Gegnerschaft, da er den fein pointiertesten Argumenten des p» wandten Meisters unserer Diplomatie immer wieder em ' einziges Aygttment entgegensetzt: Ich trinke weiter! Unt wenzr man's recht nimmt, sirck eigentlich solche politische Gegner immer die angenehmsten. SW haben Charakter und schweigen. Das letztere kann man von den änderest Freunden. WeShakb ja auch der Kongreß verlängert tver- Frmcken. WeShcckb ja auch der Kongvetz verlängert tver. den mußte. Wäre es nicht zwecksvrderlich, den WeMugungstveuen, unentweNten Zecher in der PalästiiMMernstiübe alleuchtendes BÄsPiel im Protokoll zu verewigen? Gram kann man ihm wirklich nicht sein, trotz dev schlechten Berse. Und dapum ist auch zu hoffen, daß ans dieser poetischen Enunsiation keine Krise in der LeituiNK. entstehen wiijd

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