Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1620 (16.8.1923)
- Date
- 1923-08-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Sk. im MW, DönneWckg Mener Movgenzeitung. 16. August 1986, Veite 8 Mchts gcfl.cn einen Mschen WMongreß,. denn gerade um einen WÄttongreß möglich zu machen als ein Tribunal, vor das das Problem der IewiH Agency wirMch beruhigt verwiesen wechen kann, ist es. wesentlich, daß die Frage der Erweiterung der Jswifh Agency als eine zwingende Angelegenheit Gehandelt wird, die um so weniger Verzöge Mngen verträgt, als die Zeit drängt. Fch habe brrests in meiner Eröffnungsrede gesagt, daß ich die Lösung der formallen Seite, nachdem ich die vier Grundbedingungen genannt habe, dem Kongreß selbst überlasse. No^h weinen Crlfahvungen glaube ich, daß eine Form geftmvw werden kann, die beiden Teilen genehm ist. Ich selbst versteife mich nicht auf irgend eine Form und werde jede für diskutierbar'halten, die Mit vorsichtig ger Sicherung unserer Interessen zugleich Elastizität verludst und so geartet ist, daß sie Vertrauen für diejenigen zeigt, die wir zur Mitarbeit heranziehen wollen. Ich bin der festen Ueberzeugung, daß mit Geduld, gutem Willen und Entgegenkommen schließlich eine gedeihliche Zusammenarbeit mit der Iewish 2lgeney erzielt werden kann. Ich weiß bestimmt, daß der Sturm, Aer wegen dieser Frage über unsere Organisation herein-gebrochen ist, zu keiner Zeit irgend erneu Grund in Gefahren hatte, die in der Lust lagen, aber ich möchte wünschen, daß es jetzt eine heilsame Bewegung war, die uns bald wieder vereint finden wird in genieinisamer Arbeit, unter modifizierten Methoden. Es ist sicher,'daß keine Zeit verloren werden soll, um den Anschluß der Nichtgionisten irr die Wege zu keilen. Wir werden guten Gebrauch machen können vor: jeder Erhöhung unseres politischer: Prestiges und unserer finanziellen Kräfte. Ich glaube, es ist unnötig, mehr darüber zu sagen. Die Erfahrung der letzten Jahre hat uns klar gemacht, daß in wehr als einer Beziehung unser Wirken in Palästina eine Reorganisation erwünscht erscheinen läßt. Wenn ich das sage, so ist es nicht etwa eine Kritik oder eine Schmälerung des Verdienstes der Männer, die bisher für die.Führung der zionistischen Geschäfte in Palästina verantwortlich waren und die das volle Anrecht auf Anerkennung ihrer Leistungen besitzen. Die Verhältnisse haben sich so schnell entwickelt, daß wir immer wieder vor n-ene Probleme gestellt wurden. Es bedeutet keine Hew-bmindemng dessen, was wir bereits erzielt haben, wenn ich der Meinung Ausdruck gebe, daß die Zeit gekommen ist, tvo unsere Verwaltungsmaschinerie sorgsam überprüft werden sollte. Sie wissen, daß der ausgezeichnete amerikanische Fachmann Elwood Mead im Herbst nach Palästina kommen wird, um uns in den Methoden der landwirtschaftlichen Kolonisation zu beraten. Ich möchte anregen, daß wir die Gelegenheit lvahrnehmen, um in ähnlicher Weise auch in anderen Zweigen unserer Palästina-Tätigkeit vorzugehen und daß Anstalten getroffen werden, 'damit eine gründliche Untersuchung von einer Anzahl qualifizierter und rinparteiischer Experwn, deren Bericht eine verläßliche Grundlage bilden wird, für die Aufnahme der vorr mir erwähnten Reorganisation im geeigneten Zeitpunkt durchgeführt werde. Möbelfabrik ]. Spira Feme °<°;' Wien, VII., Mntierngaise 1—1 Wohnungseinrichtungen. (Ecke Karl Schweighofergasse Es ist beinahe überftüssig für mich, hier vor Ihnen meine UeberzeuguvÄ cntszudrücken, daß all «.unsere Energien der Erhaltung MÄ Vergrößerung unserer finanziellen Hilfsmittel zugewendet werden müssen. Der Keren Hajeffod hat bereits einen bemerkenswerten Erfolg in der Heranziehung neuer Kräfte zu der-, zeichnen. Es ist wesentlich/ daß die kräftigsten Anstrengungen gemacht werden, die Kreise der Beitragsleistenden und Mitavbertenden immer weiter zu ziehen. Es ist unsere erste Pflicht, keine ökonomischen OPser und keine Mühe zu scheuen, um den Keren Hajessod zu starken und ihn seiner Aufgabe gemäß auszugestalten. Das in Kürze und in allgemsinen Umrissen ist das Programm, zu dem ich stehe und das ich dem Kongreß zur Erlvägrmg unterbreite. Der Kongreß wird in seiner Weisheit darüber zu beschließen haben. Ich erivarte Merlässig, daß der Kongreß jenseits aller Leidenschaft und aller Vorurteile seine Entscheidungen treffen wird, geleitet durch die Sorge um das Wohl der Zionistischen Organisation und unser Ideal der Errichtung des jüdischen Nattonalheims in Erez Israel. An die Verlesung dieser Ansprache schloß Weizmann folgende bedeutsame Erklärung: Im, eigenen Namen und im Namen S o k o l o w s: Die Durchführung dieses Programms ist nur unter der größten Anspannung aller Kräfte möglich. Wir sind bereit, jene Laste n, die wir seit 1915 tragen, und die sich wahrscheinlich erschweren werden, auch weiterhin zu tragen. Aber dies ist nur menschenmöglich,^emt hinter uns das Vertrauen einer überwiegenden Majorität steht. Nur so ist eine gedeihliche Arbeit möglich. (Großer Beifall.) Tradiffig Bür@m@fo©i Unmittelbar nach der Rede Weizmanns traten d«H Permanenzausschutz und die politische Kommission zu einer gemchnfamen Beratung zusammen. Weizmann und Sokolow waren bei der Sitzung anwesend. Die Rade WeiManns hat die Entspannung der Situation herbeigesührt und sehr gute Wirkung geübt. Man kann sagen, daß WeiFmawn in diesem Augenblick bereits die große Majorität d-es Kongresses hinter sich hat. (Halb 12 Wtzr, die Sitzung dauert fort) : in Verbindung mit Patent-Akten Ordner ©IS PO NE N T Unentbehrlich für jedes Bureau Alleinerzongungsrecht füc alle Länder der Erde! American Trading' Co. Bnreaumöbolfabrikon Wien,!., t!liR Sternpasse 13, b. Holten Mi Telephone Tfr. 68500 Serie Die zionistischen gugendgrustpen. f; In der Zeit vom 3-1. Juli bis 2. August 1923 faul in Hohenberg im Fichtelgebirge der Bundestag des Blau-Weiß statt, an dem zirka'2000 Blau-Weiße aus Deutschland, Oesterreich un.d einige aus der Tschecho- Slowakei teilnahmen. Am 7. August fand irr Karlsbad eine Jugendführertagung statt, an der 80 Personen, teils Jugendliche, teils Delegierte, teilnahmen. Den Vorsitz dieser Versammlung übernahm auf Wunsch der Jugendlichen Doktor Kl ab er (Wien), der zunächst darauf hinwies, daß eine solche Tagung nur den Zweck der Information haben und bloß Anregungen bringen könne sowie auch den Kontakt der Jugendbünde der verschiedenen Länder zu festigen. Er erstattete hierauf einen kurzen Bericht der Jugendarbeit -in Oesterreich. Der nächste Redner Dr. Min ach t (Alt- Rumänien) berichtet, daß in Alt-Rumänien in zirka sechzig Städten Jugendorganisationen bestehen. Alljährlich fände in Bukarest.eine Jahreskonferenz statt. Zwei Jugendzeitschriften fördern die Arbeit der Erlernung der jüdischen Geschichte und der Hebraisierung. Es bestehen eigene sehr gut geleitete Sommerkurse und" eine Wanderbibliothek. Die wesentliche Arbeit werde iit den kleinen „Kwuzoth" geleistet. Hierauf sprach Vogel (Tschecho-Slowakei). Er wendet sich gegen die Art der Berichterstattung und fordert Eingehen auf die Probleme Palästinas, Klarstellung' der gegenwärtigen Lage und Einstellung der Jugend zu diesem Problem. Dr. Glanz (Wien) fordert Anschluß an die Hechaluz-Organisation und Schaffung jüdischer Lehrbücher. Dr. Weisl (Jerusalem) spricht für religiöse Erzieziehung und berichtet gleichzeitig über die jüdische Jugend in Syrien und Griechenland. V Sperber (Wien) wünscht, daß außer dem „Blair- Weiß" auch die anderen Organisationen Beachtung fänden. Vogel (Tschecho-Slowakei) wendet sich gegen das Auftreten „Nichtjugendlicher" in den Fragen der Jugendbewegung. Auf Antrag Schrämet (Straßburg) wird für Samstag eine Tagung der Jugendführer mit der Tagesordnung „Chalnzbewegung" beschlossen. Die Vorbereitung übernahmen die Herren Werner Bloch (Blau-Weiß, Berlin), Vogel (Techeleth-Äwan, Tschecho-Slowakei) und Sperber (Schomer, Wien). G*»S£5SR8iiimnifl»verkauf 9m Schiffmann taBBiani Wrieslsche Lyrik. Von Max Brod. Würde ich nreine ganze Bibliothek tveggeben müssen und hätte die Wahl, nur ein Dutzend Bände zurückzub eh alten —, die Wahl wäre schwer, aber bestimmt fände ich unter denr geretteten Dutzend das Büchlein „Chinesische Lyrik", das vor Jahren Hans Heilmann in der Piperschcn Sammlung „Die Fruchtschale" ediert hat. So oft ich zu diesen Versen griff, immer haben sie mich im Tiefsten meiner Seele ergriffen. — Drei von den Gedichten habe ich, noch lange ehe Mahlers grandioses „Lied von der Erde" erschien, in Musik gesetzt. Seltsamerweise sind unter diesen drei Gedichten zwei, die sich in Mahlers sechsgliedrigem Zyklus wiederfinden. Dieser Beweis einer geheimnisvollen Seelenvcrwandtschaft hat mich erschreckt. Denn das Heilmannsche Buch enthält 68 Gedichte — und auch Mahler wählte aus einer recht umfangreichen Sammlung, ans Bethges „Chinesischer Flöte". — Heilmann übersetzt in Prosa; Bethges Uebertragnngen sind wortreiche Zerziehungen und Umschreibungen des Urtextes, die poetisch wirken sollen, aber immer wieder in Konvention und Kitsch münden. Nur umweht von Mahlers klingender Inspiration sind diese Verse erträglich. Chinesische Lyrik zu übersetzen ist tatsächlich ein Unterfangen. Ungemeine Konzentration der Worte verbindet sich mit gewissen Wirkungen der chinesischen Schrift, Pe natürlich im Deutschen ganz Wegfällen. Ein Gedicht, das den Nachtmarsch einer Affenhorde über Banmwipfcl hin schildert, zeigt auch in den Schriftzeichen zackige, bewegte Formen. Man übersetze das! Oder man versuche es, die zahlreichen Anspielungen auf ältestes Schrifttum nachzuahmen, die dem gebildeten Chinesen so teuer sind und die ihm ganze Reihen dichterischer, erhabener Assoziationen auftauchen lassen. .* Heilmann spricht mit übergroßer Bescheidenheit von jeitter Arbeit. Indem er treu die Linien der chinesischen Dichter nachzieht, ohne Schmuck und Beiwerk, ist es ihm gelungen, die reine zarte Stimmung der Urbilder, die Ur- Mingung ferner Dichterseelen nachzittern zu lassen. — Run ist ein neuer Band chinesischer Lyrik erschienen. »MKo-ZAeu" nMgeWM von Albert Ehrenste i n (in II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-79 En gros En detail wundervoller Ausstattung vom Verlag Rowohlt herausgebracht). Sage ich es gleich und laut: ein Meisterwerk. Es ist der ganz seltene Fall eingetreten, daß wirkliche Deutsche Gedichte entstehen, Gedichte von Ehrenstein, mit der ganz besonderen Sprachbehandlung, die diesen ehrlich bitteren, ehrlich leidvollen Dichter aus Hunderten kenntlich macht — und dennoch wird die Substanz des alten chinesischen Dichters nicht angetastet. Wie bei. der Mündung eines breiten Flusses in einen mächtigen Strom ist es: nmnerkljch mischen sich die Wasser. lieber die Persönlichkeit Pe-Lo-Thiens schreibt Ehrenstein in einem Geleitwort (und ich ergänze seine Angaben aus dem Buche Heitmanns), daß dieser Dichter im Jahre 772 n. Ehr. geboren wurde, hohe Würden, Staatsämter erlangte, die ihn belästigten. Schließlich zog er sich auf den Hinng-Schmr-Berg zurück, lebte mit einigen Freunden verborgen, trank und dichtete in freier „Dichterrepublik". Die Freunde wurden bald unter dein Namen der „Neun Greise vom Berge Hiang-Schan" berühmt. Der Kaiser wollte sie kennen lernen, lud sic an den Hof nitib fand in ihrem Führer, Zu seiner Ueberrasrhung den entlaufenen Gerichtspräsidenten Pe-Lv-Thien. Der mußte nun wieder ins Amt, versah es in höchster Redlichkeit. Doch in seinem Park ließ er sich einen künstlichen Berg nach Vorbild deS'Hiang-Schan errichten und auf diesem Berge versammelte er, am 1. und 15. jedes Monats, den gerichtssreien Tagen, seine acht Freunde. — Der eine biographische Zug enthüllt alles, was dep Dichter Pe-Lo-Thien kennzeichnet: eine merkwürdige Synthese freischweifender Phantastik mit mächtigem sozialen Mitgefühl. Er schwelgt in Legenden und zierlicher Eremitage, doch verbirgt sich ihnr der Arme, der .Hungernde, der Ausgebeutete, die klägliche Wirklichkeit der Gegenwart niemals. Der Zusammenklang beider Elemente ergibt düstere Güte, schmerzlich Zuckende Melancholien. Sind die Nachdichtungen deshalb so gut gelungen, weil onch in Ehrenstein diese beiden Elemente der jungphantastischen Märchenwelt und des Gegenwarts-Erbarmens schrill aufeinanderstoßen? — Ich denke an Ehrensteins „Briefe an Gott", dieses viel zu wenig beachtete Leidenschastsbnch, das alle Verzweiflnng der Kriegs- und Nachkriegsgreuel zu. prophetischen Visionen verzaubert und dessen Dominante immer wieder in grenzenloser Verlassenheit und Selbstanklage tönt: „Lieber Gott, ich lebe auf einem Weltkörperchen, / das Du nicht kennst; lieber Gott, ich lebe in einem Land, das Du nicht ahnst, sonst würdest Du es nicht so lassen." — Oder: „Ich bete für Dich, o Gott, daß Du Dich besserst, und endlich das Leib der Armen mitstihlst, linderst, minderst oder nirs aus Barmherzigkeit gänzlich vernichtest." — Schreibt nicht aus demselben erbittert-verzweifelten Gefühl hervor der chinesische Staatsmann-Dichter, die Dorfarmen apostrophierend: Ihr habt die Sorgen, ihr des Unkrauts Plage. Ich Wintergartens Lust, Gehalt und Freudentage. In Frost und Mühsal,. Hitze, Durst Verhungert,- Arme, ihr auf Ackerhügeln; In warme Wolle, Taft und Pelz gehüllt, Lieg, sitze ich, gestillt, gefüllt. In Worten geht mein Leben hin Und euer Gram wird ineine Scham. Ich frage mich, was für ein Mensch ich bin'? * Es ist bewundernswert, wie schonend Ehrenstein das Original behandelt und wie er doch mit ganz kleiner Wendung die Verse in Ehrensteinsche Poesie hinüberführt. Liest man etwa gleich das erste .Gedicht von der Insel der Papageien: „Ein Mensch weint in der Nacht", so käme man nie ans die Idee, daß es sich um eine lkebersetznng handelt. In bizarr lieblichen Kindheilsvorstellungen, in merkwürdigen Bolksliedanklängen fingt es nicht anders als Ehrensteins sonstige Lyrik. — Und doch kann man sich durch einen Vergleich mit der HeiliNaunschen Prosa-Uebersttzung davon überzeugen, daß es Wort für Wort dem ursprünglichen Texte folgt, mit ganz geringfügiger, nie stilloser Abivcichung. Ilebrigens fußt auch, Ehrenstein auf einer Prosa-Uebersetzung. Sie stammt von August Psizmaier, der (ich zitiere Ehrenstein) „ehe er zum Gymnasiasten, Juristen, Mediziner, Universitätsprofeffor, wirklichen Mitglied der Akademie der Wissenschaft herabsank, Koch gewesen.' Für die philologische Akribie Pfizmaiers bürgt außerdem der Umstand, daß der Wiener Sinologe, die Tatsache des deutschfranzösischen Krieges (1870/71) erst nachträglich aus chinesischen Blättern ersubr."