Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1619 (15.8.1923)
- Date
- 1923-08-15
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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ffkftt t Wien, Mittwoch Wlenee MopgenzEmrg. 16. AÄWst 1923 Rundschau. Tücke der Schicksals. Unser Warschau er Korrespondent schreibt unS: Es muß geradezu als Ironie des Schicksals aufgefaßt werden, daß der Staat, welcher den Minderheitsschntzpavagrcchhen so schwer empfunden hat, so häufig genötigt ist, diesen zur Wchrnng der Rechte seiner BolAgenossen in Anspruch zu nehmen. Erst vor kurzem hat die Polnische Regierung sich an den Böllerbund gewendet, um im Interesse der w Litauen ansässigen Polen den litauischen Staat zur Anerkennmvg der Minderheitsklausel, unter'Androhung des Ausschlusses aus dem Völkerbünde, zwingen zu lassen. Jetzt ist es aber so weit gekommen, daß Polen seine VoWgenoffen m Amerika schützen muß. Diese Tatsache erhalt ihre besondere Prkanterie' dadurch, daß das amerikanische System in der Behandlung der Nichtamerikaner in Polen immer glühende Bewunderer fand. Als der polnische Klaviervirtuose Paderewski Ministerpräsident dieses Staates war, erklärte er einer jüdischen Deputation, welche in Sachen der nationalen Rechte der Juden bei ihm vorsprach, die Juden könnten in Polen nicht mehr Rechte fordern als sie die nationalen Minderheiten in der großen ame rika-- nischen Demokratie genießen. (§& muß auch darauf hingewiesen werden, daß die in Amerika lebenden nationaldemokratisch orientierten Polen unter dem Einfluß ihrer Parteigenosten in der alten Heimat es stets als ihre oberste Pflicht betrachten, den amerikanischen Antisemit! smus zu unterstützen, der eigentlich als Teilbewegung des amerikanischen Fremdenhaffes betrachtet werden muß. Diese Politik ging davon aus, daß über kurz oder lang ja die in Amerika lebenden Polen Zum großen Teile in ihre Heimat zurüÄchrtzn und daher unter nationaler Bedrohung durch die immer schärfer auftretenden Ameribnrrsi-erungstendenzen nicht zu leiden haben würden. Ta aber die Entwicklung der Verhältnisse in Polen die früher stattgefundene Rückwanderung heute durchaus nicht begünstigt, ja sogar die gegenwärtig in Amerika lebenden Angehörigen der polnischen Nation immer neuen Zuwachs aus dem Mutterlands hevamziehen und auch erhalten, beginnen die amerikanischen Afsimilierungsmethoden dem national so eMpfindlichen polnischen Volke mehr als unangenehm zu weiden. Gerade die uatioualistische Presse, die sich bisher in Lobeshhmnen auf das musterhafte System der Amerikcmisierung nicht genugtunkonnte, entdeckt plötzlich Amerika als ein Land schwerer nationaler Bedrückung ihrer DollSgeuoffen. In der nationaldemokratischen>Presse hat einer der PwtagoMsttzndesEtt^ kritischen GMnkens unter den amerikanischen Polen, Herr Stanislaw O f a, eine Reihe von Aufsätzen unter dem Titel „Die amerllanische Auswanderung im Dienste der Nation" veröffentlicht, die von den bisherigen Lobeshymnen wert entfernt sind. Der Verfaster dieser Artikelserie geht von der Tatsache aus, daß die in Amerika lebenden Polen für das Mutterland nur so lange von Bedeutung sind, als sie ihre nationale Eigenart erhalten können; so wie sie assimiliert seien, sind sie schädlich. Aber, so führt der Artllelschverber weiter aus, der immer mehr wachsende übertriebene amerikanische Nationalismus macht. die nationale Erhaltung der jenseits des Lusans lebenden Polen immer schwerer. Die Amerikanifierung wird, wie der Verfasser angibt, auch in der katholischen Kir che betrie'ben. Priester mit polnifchnationaler Gesinnung werden gewaltsam entfernt. Auch die weltlichen Behörden zeigen starke amerikanisierende Bestrebungen. Im Jahre 1921 ist, wie Osa erzählt, im Washingtoner Kongreß nur mit ganz geringer Stimmenmehrheit ein Gesetzentwuiff abgelehnt worden, durch den die Polnische Preste in Amerika gezwungen sein soll, neben dem polnischen Text auch einen englischen zu drucken. Dieser Entwurf hat, wie Osa weiter angibt, jetzt große Möglichkeit, auge nommen zu werden. Die nationaWemokratffche Presse, welche diese Amtsführungen widerlegt, tröstet sich mit hem Gedanken, daß eine Inter v ention der polnischen Regierung für die Rechte der amerkkanischen Polen hier Wandel schaffen dürfte. Daß eine solche Intervention aber im Mutterlande selbst die volle Wahrung der Minoritätenrechte zur Voraussetzung haben müßte, daran denken wohl die Nationaldemokraten nicht, welche die Unterdrückung der Nationaliiäfcn geradezu zum Programm haben! Kn französisches Gelbbuch. Parks, 13. August. (Hcwas.) Das Ministerium für auswärtige Angelegenheiten veröffentlicht ein Gelb buch» das die zwischen den Verbündeten in der Zeit vom 2. Mai bis zmn 3. August ausgebauschten Dokumente über die aus die deutsche Note zu erteilende Antwort der Verbündeten enthält. Das Gelbbuch führt insbesondere ein unveröffentlichtes Dokument vom 20.-Juni au, welchrs eine au dm französischen Botschafter in London gerichtete Darlegung der französischen Ansichten. über die bei den Rsparationsverhandlungen zu befolgenden Methoden ent- ^halt. Poincare erklärt, Deutschland halte nur unter dem Gebot der Notwendigkeit Wort. Die Alliierten hätten niemals etwas anders erhalten als unter Androhung der Gewalt. Mm dieser Situation ein Ende zu setzen, hätten Frankreich und Belgien das Rührpfand genommen. Vor dem Eintritt m Verhandlungen mit Deutschland sei es unerläßlich, -daß dieses sich vorerst besiegt fühle und dem Druck der Verbündeten nachgebe. Poincare. erinnert daran, daß Deutschland absichtlich dm Kredit in seinen staatlichen Zahluugs lich,die britischen Ansichten zuteiken, ohne die -Unabhängigkeit^ FfMkreichs zu gefährden. Dieses müsse vielmehr das Ruhrpfand behalten und werde es nur unter den festgelegten Bedingungen aufgeben. Poincare weist den Gedanken zurück, daß Frankreich Deutschland e rniedrigen und die Herrschaft über Europa erlangen wolle. Frankreich werde seine Kva-st nur zu dem Zweck brauchen, um die ihm gebührenden Genugtuungen zu erlangen, und tverde mit Deutschland in Verhandlungen eintveten, sobald dieses seine Niederlage anerkannt haben und sich verpflichtet fühlen werde, seine Verbindlichkeiten einzuhalten. Bezüglich der Frage eines allgemeinen Reparationsplanes ist Poincare der Meinung, daß es Sache der britischen Regierung sei, jetzt einen Beschluß zu fassen. Wir können, fügt er hinzu, mit der Zahlung unserer Kriegsschul d e n erst an dem Tage beginnen, an dem die verwüsteten Gebiete wiederhergestellt sein -werden, und nach Maß gäbe der Bezahlung unserer Forderungen. Wenn die englische und die amerikanische Regierung einer Herabsetzung oder Erleichterung der französischen Schuld zustimmw, werden wir von Deutschland nur das verlangen, was von uns verlangt werden wird. Eine verhinderte Rede Lloyd Georges. Aus London wird gemeldet: Lloyd George wohnte in Wrexham (Wallis) einer Versammlung bei. Von einigen Freunden ersucht, eine Ansprache zu halten, erhob er sich, um diesem Wunsche zu entsprechen. Er erklärte, er halte die Ru h r b e se tz u n g für Wahnsinn und bezeichnet das Vorgehen der Franzosen an der Ruhr als einen gewaltigen Irrtum. Cr wurde hierauf aber von der Versammlung am Weitersprechen verhindert, die seine Worte mit lautem Schreien übertönte. Lloyd George ergriff darauf seinen Hut und verließ den Saal. . Abessinien will in den Völkerbund. Aus Genf wird gemeldet: Die Regierung von Abessinien übermittelte dem Sekretariat des Völkerbundes eilt Gesuch um Aufnahme in den Völkerbund mit der Bitte, das Gesuch auf die Traktandenliste der nächsten Versammlung zu setzen. Wiederwahl Kemal Paschas zum PrSfideute« der Aatioualversammlung. Aus Kontstantinopel wird gemeldet, daß Mustafa Kemal Pascha neuerlich von der Nationalversammlung zum Präsidenten gewählt wurde. Zum Vizepräsidenten wurde Sabbi Bet, zum Meilen Vizepräsidenten Jsmek Pascha gewählt. Tagesbericht. Betrachtungen zur Kenessu Gedanloh Von Kultusvorst-eher Jakob Pinkas. Seit einigen Tagen treffen hier Talmudgelehrte und viele gesetzestreue Inden ein, um an der von der Agudah ernberufemn Keneffio Gedanloh teilzunehmen. Seit Monaten wird eine umfangreiche Propaganda betrieben und die inieveffverten Kreise messen dieser Versammlung große Bedeutung bei. Die Veranstaltung soll jedoch nicht nach' der Qualität und Quantität ihrer Teilnehmer bewertet werden, sondern einzig und allem der Zweck ist es, welcher einer solchen das Gepräge verleiht. Schön und zweckdienlich wäre diese Kewefsio Gedanloh, wenn, sie, vom Geffte der Einheit des jüdischen Volles getragen, die Zusammenarbeit mit anderen Organisationen ' gleicher Tendenz avftreben würde. Biel Schönes und Gutes könnte geschaffen werden, wenn die Organisationen, statt einander zu bekämpfen, einander ergänzen würden. Leider machen wir die tieftramige Wahrnehmung, daß die Agudah wohl die Einheit des jüdischen Volles als religiöses Gesetz predigt, dieselbe jedoch in -i'hisem Sinne interpretiert und jede Gemeinsamkeitmit Andersgesinnten ablehnt. Sie bemüht sich gar nicht, BerühmnOSparikte für ein Zuscvmmenwitzken zu suchen, sondern isoliert sich vollständig und wendet alle Mittel an, eine Trennung und Teilung des jMfchen Voltes hevbeizuführen. Dieser Zweck ist aber weder heilig noch Misch. Es ist unbestritten, daß die Agudah im internen jüdischen Lek«n manches leistet und die Errichtung von Dalnmd-Thoraschulerr, die Einrichtung von Schiunm und religiös-jüdischen Vorträgen kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, da solche Institutionen der Erhaltung des Judentums dienen. So lange diese jedoch nicht Selbstzweck sind, sondern der Durchführung des Trennungsgedankens dienen und 'bloß Mittel sind, um den Zweck zu heiligen, Jozo Sechorom bchefsedom, übevwregt der angerichlete Schaden den Nutzen solcher HaMungen. Wenn wir die Tagesordnung der Kenessw Gedanloh lesen, können wir den von der Agudah betriebenen Aufwand von Mühe, Zeit und Geld unmöglich verstehen und müssen uns fragen, welchen Nutzen diese dem jüdischen Volle bringen kann. An erster Stelle steht: „Die Konstituierung eines Rates der Autorität, der als oberste Instanz zu betrachten ist." Gemeint ist wahrscheinlich der Rabbinischr Rat. Ein solcher Rat ist freilich sehr notwendig, jedoch nur dort, wo es eine jüdische Gerichtsbarkeit mit exekutiver Gewalt gibt, wie in Palästina. Halachische Entscheidungen jedoch werden gewöhnlich von jedem Rabbiner selbst gefällt, und es ist auch bis heute ohne einen solchen Rat kaiO WWWl>---1 'r~v ' V Diesen Punkt der Tagesochmmg «Wörttgt einen so großen Arrfwand mchL -, Ein Punkt dev Tagesordnung wird jedem Mitglied der Ovgcrnffcckion die abftkÄe ordrmug unter daS Diktat der Rekigkvn zur Pflicht m chen." Dabei läßt die Tagesordnung die Frage offen, -wa unter dieser absoluten Unterordnung zu verstehen ist. Der letzte Punkt der Dagesochnung endlich sprüh von der Stellungnahme der orthodoxen Mmr zmn Wiche» aufbau Palästina s. Hier muß gleich .feftyestrllt werde« daß nur von A g -n d a h-Orthodoxen die Rede sein karr' Denn diejenigen orthodoxen QÄ«, welche m der Zionistischen Ovgamsatton und im Misrachr organisier sind, haben schon «längst ihre Stellungnahme zum Au^ bau Palästinas präzffiert und' «festgelegt in de«t einfachr» Satze: „Erez Israel leam Jisroel alpi toraS Jfrocb (Erez Israel für das Volk Israel nach der Lehre Israeli und in diesem Sinne schon Jahrzehnte gsarbeitet. In einer Zeit, da der sehnsuchtsvolle' Traum d<^ jüdischen Volles WiEchkett werden will und alle Welt bei Recht des jüdischen Volkes ans Palästina anerkennt, dt schon seit einigen Jahren Millionen von Inden groß! Opfer an Geld, Arbeit, sogar an Blut für diesen Aufbw gebracht haben, werden die orthdoxen Juden, welche in de Agudah vereinigt sind, erst ihre Stellungna-Hme zu Pa lästina erörtern. Diese kühle, stiefmütterliche Bchandl-un» einer für das jüdische Volk so eminent wichtigen Fragt darf nicht damit begrirndet -werden, daß die englische Re? gievung imd der Völkerbund dje zionisttsche Organisation als Vertreter des jüdischen Volkes anerkannt haben. Ein in der T o r a sestgelegber Grundsatz besagt, das jeder Schritt, welchen ein einzelner Mensch tut, eine Be stimmung der Vorsehung ist, um so wehr, wenn es sich un das Interesse -des ganzen jüdischen Volles handelt. Es kann gerade vom religiös-jüdischen Standpunk nicht als Zufall angesehen werden, daß die Zionistischi Organisation als J-ewish -Agency anerkannt wurde, -Zben sotvenig - wie die Balfour-Deklavation, die Mandatsübev nähme durch England, die Ratifizierung des Böllevbundet als bloßer Zufall anzufchen ist. Und was die Frage de- Führerschaft anlangt, so hat -das jüdische Voll immer nu( solch: Männer anerkannt, welche ein gwßes Herg 'hatter und alle Juden in ihr jüdisches -Herz einschließen, nicht abe^' jene, die nur für einen Teil des Mischen Volles in ihren! Herzen Platz haben. Jüdischei Führer haben stets die ganU Herde treu gohütet und verirrte Schafe mit -Liebe und Gütz zur Herde Aurückgebracht. Es ist daher Aufgabe -derjenigen Juden, welche sich all Führer berufen fühlen, die Kluft mb die Spaltung in jüdischen Balle nicht zu erweitern und gu vertiefen, sonder» zu übev'brücken irnd di- Plattform zu suchen, auj der ein Zusannnenarbeiten möglich ist, damit die E in<^ heit des jüdischen Volkes im Sine der Thova im Interesse des jüdischen Volles aufrecht schalten bleibt,' Und nur wenn die K. G. in diesem Sinne-wirken -wird dann werden die Opfer au Zeit, Mühe und Geld nicht vergeblich sein. Die Kenessto Geda«loh. Der Kongreß der Agndas Jsroel wich heute nach< mittags im Zivkus Renz, 2. Bez., Zirkusgasse 44, eröffnet Auf einem gestern nachmittags stattgefundenen Presi« empfang wurde mitget-eilt, daß 442 Teilnchmer ihr Eck scheinen angemeldet haben. Davon stammt die Mehrzahl — 242 — aus Polen, Deutschland erktsendet 45, di? Tschecho-Slowakei 21, Rumänien 26 Dels legierte, acht Delegierte kommen aus Mästina, 14 aui Nord-Amerika. Die Tagung wird nach einem Bck grüßungsatbend, der die Botzlage einer Resolution an der Völkerbund vorsieht, Referats Über Idee und Wchetz der Organisation, ferner Berichte über die Wünsche de: orthodoxen Judenheiten in den verschvederben Läudevl und Beratungen auf voKserziieherischem und Wirtschaft lichem Gebiete bringen. Einen breiten Raum —. >so wick' erklärt — soll die PalDina-Frage eimvchmen. Mißhandlung von Reisende« an der «ngarß scheu Grenze. Aus Kosice (Kaschau) Wir^ uns berichtet: Bei der hiesigen Polizeidivektion erstattete dieser Tage der gswesen? Gerichtsbeamte Moritz Sichler die Anzeige ,übe( schwere Mißhandlungen, die ihm bei einem Grenzübev tritt von FnnMonären der Grenzpolizei zugefügt wuchm. Eichler fuhr vor einigen Tagen mv einem legal ausgestellten Reisepaß. nach Ungartz hinüber, von wo er, nachdem er seine Angelegenheiten eck ledigt hatte, wieder seine Heimreise antrat. In der GrenK station HaidasMeti werden die Paffe der Reis-vndei eingesammelt, überprüft und dann ihren Besitzern zurück? gestellt. Eichler erhielt jedoch seinen Paß nicht zurück, wurdt auf Befehl des Ko mm and ante n der Grenzpolizei vor bewaffneten Soldaten ans dem Coupe geholt und in eil, Einzelzimmer der Bahrchofwache geführt. Hier wuM Eichler durch Stockstreiche und Fauftschlage st schwer mißhandelt, daß ihm das Blut von Ralfe und Munk hervorquoll. Auf feinen Protest etztlärte der die Mißhand« lu-ng kommandierende Offizier, daß diese auf einen Bck fehl von oben erfolgen muffe, ,/weil der st . . c -Jude auf der schwarzen Liste stche". Eichler gelang es in einem unbswa-chten AugeEck aus der Machisdubi zu entkommen und auf -den über die umgarisch-ffchecho-si^ww. kifche Grenze fahrenden Zug in dem Momente auljizw springen, als dieser sich in Be-wogmlg setzte. Der schwer« verletzte Mann wurde polizeiarztlich untersucht Md vev! Lurchen. Laut dem ärztlichen Pareve wich sMe AMM ~ . •amm*.