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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-15 · Heft 1619 (15.8.1923) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1619 (15.8.1923)
Date
1923-08-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1619 Wien, Mittwoch Wiener Morgenzeitung. 15. August 1923 Seide 8 Polen. Nach längeren Ausführungen des Kommunisten Fröhlich ging das Haus zur Zustimmung über den Vertrauensantra'g der Regierungsparteien Wer. Lar Berttauevsvotum für die Negierung. Berk«, 11. August. (WoU.) An dor Abstimmung Wer den Bert ranensantrag der Regierungsparteien -n der heutigen Sitzung des Reichstages beteMgten sich 311 Abgeordnete. 240 Abgeordnete stimmten für den Antrag, 7 8 stimmten dagegen, 2ö enthielten sich der Abstimmung. Für das Vertrauensvotum stimmten geschlossen da8 Zentrum, die Demokraten und die Deutsche DolkSpartei sowie die Vereinigten Sozialisten, .dagegen die DeAtschnationalen, die De rrtschvölkq scheu und tüe Kommunisten. Die Bayrische VolkSpartei enthielt sich der Stimmenabgabe. Das Ergebnis wurde von der Mehrheit mit großem Beifall ausgenommen. Ne SoldanleihL mlgemmmrn. Berlin, 14. August. (Wolfs.) Nach der Abstimmung Über den Bertrauensantvag im Reichstag wurde die ® otb* onleihe endgültig gegen die Stimmen der äußersten Rechten mrd der äußersten Linken angenomme«. Kceditverhandlungen fn London? Paris, 14. August. Wie „Echo de Paris" aus zuverlässiger Londoner Quelle erfährt, habe der deutsche Bot» schaster Sthamer mit der britischen Regierung Unterhandlungen zur Erlangung von Krediten für das Deutsche Reich begonnen. Vorübergehende Nnftellnng der Sach« Nefernngen. Paris, 14. August. (Havos.) Die deutsche Reichs regierung hat der Repavationsl^mmifsion mrtgeierlt, daß sie die Sachlieferungen zeitweilig einstelle, um einen Zusammenbruch des ganzen deutschen Wirtschaftsgebietes zu verhüten. Die Lieferimgen würden wieder ausgenommen werden, wenn die deutschen Finanzen und die deutsche Wahrung stabilisiert seien. Die Aufnahme in Jugoslawien. Belgrad, 14. August. Im Zusammenhang mit dem Beschluß der deutschen Regierung, die Reparationslieferungen bis auf weiteres emzustellen, ist der hiesige deutsche Gesandte nach Berlin ab ge reist, um an den Reparationsberatungen teilzunehmen. Da sowohl Pa sie wie auch Nineic im Auslande weilen, wurde Über die Stellungnahme des.Königreiches S. H.S. zu dieser Haltung Deutschlands kein sofortiger Beschluß gefaßt. Voraussichtlich wird die Regierung zunächst die Reparationskommission in Paris über das Verhalten der Berliner Regierung in Kenntnis setzen. Die plötzliche Einstellung der deutschen Reparationslieferungen kommt in wirtschaftliche» Kreisen, insbesondere in Serbien, sehr ungelegen. Re Streiks. Berlin, 14. August. (Tel. der Wr. Morgeu^g-^ Eine heute bormiitags abgshaltene Versammlung der Betriebsräte der kommunistischen Partei beschloß, den Streik abzubrechen und die Arbeit morgen wieder aufzunehmen. Während nun in. Berlin die Generalstreikbewegmig vor ihrem Ende steht, hüben sich die wilde« Ausstande in Mitteldeutschland w e i t e r a u s g eb r e i t c >. L 1i.ulidjß an der Strecke Hall e—W i t t e n b e r g gelegenen chemischen und Bergwerksbetriebe stehen still. In Halle wurde ein Ausschuß zur Ausrufung der Räterepublik m Mitteldeutschland verhaftet. Die Ausflüge arbeitsloser Trupps in Sachsen und die Minderungen von Bauerngütern haben noch zugenommen. Auch in Hannover sind plündernde Banden aus das Land gezogen. Zur Wiedecherstellung der Ordnung mußte Reichswehr aufgeboten werden. In der Stadt selbst stu-d vielfach Streiks amsgebrochen. InLeipzig veranstaltete heute eine große Menschenanenge unter kommunistischer Führung eine KuNdgMl-ng für eine Arbeiter- und Bauernregierung. Eine Betriebsräteversammlung beschloß daraufhm den. Generalstreik. In Neu ko ln, einem Vororte Berlins, kam es heute zu blutigen Zusammenstößen, tvobei ein Polizeibeamter und LÜDeinoustranten verletzt wuüden. Auch in anderen Teilen der Stadt fanden Ausschreitungen statt. Zahlreiche Lebensmittelgeschäfte wuvden geplünderr. In der Frankfurter Allee hatten kommunistische Demonstranten aus Pflastersteinen eine Barrikade quer über die Straße errichtet. Ms sich ein Straßenbahn^ näherte, fielen die Demonstranten über die Wagen her, belästigten die Fahrgäste und mißhandelten den Schaffner. Das Innere des Wagens wurde völlig demoliert. Durch energisches Einschreiten der .Polize» wurde die Ruhe wieder hergestellt. Belagerungszustand in Hamburg. Homburg. 13. August. (Wolff.) Der Senat hat in Anbetracht der heutigen Vorgänge den Belagerungszustand über Hamburg verhängt. Die vollziehende Gewalt wurde Senator Heuse übertragen, der gleichzeitig zum Regierungskommissär ernannt wurde. Die „H a mburger Volkszeitung" ist beschlagnahmt und bas Gebäude des Blattes von Polizei besetzt worden. Hamburg, 14. August. Nach einer Meldung des .Hamburger Echo" haben die Zusammenstöße in Wilhelmsburg vier Todesopfer gefordert. Ferner wurden elf Zivilpersonen, zwei Schupobeamte und vier Landjäger verwundet. Entgegen allen Erwartungen sind heute vormittags in Hamburg Streiks ausgebrochen. Zu dem von den Kommunisten angekündigten Generalstreik ist es zwar nicht gekommen, jedoch rvbt die Arbeit in alle?» Großbetrieben, aus denen die Arbeiter hevausgeholt wurden. In der Stadt herrscht Rchc. Große Erregung wird dagegen aus WilhelmZbnrg gemeldet, wo Landjägrr bereits zum Teil c v 1 w c» s s v c t worden seien und Hamburger Polizei eingesetzt worden sein soll. Blutige Unruhen io Aachen. Aachen, 14. Aligust. Sin D:rionstr<rtionszitg bewegte sich gestern gegen das Polizeipräsidium und verbreitete sich in die umliegenden Srroßen, so daß das Polizeipräsidium von T emonstrantm vollständig umgeben war. Auf das Gebäude wurden Schüsse abgegeben und Eisen stücke geworfen. Das auf der Hauptwache befindliche Polizeikommando mußte von der Schußwaffe Gebrauch machen. Bisher sind etwa zehn Tote und eine größere Anzahl von Verwundeten festgestellt worden. Auch in der Umgebung von Aachen haben sich m den Mittagsstunden schwere Unruhen und Plüudevullgen ereignet. Zwei Beamte wurden verletzt. Im Gebiete von Jülich kam es zu Zusammenstößen mit Landjägern. Schwere Ausschreitungen wurden auch aus Alsdorf gemeldet. Bei einem Angriff auf das Rathaus wurde von der Menge eine Hangranate geworfen. Die Landjäger eröffneten das Feuer, wobei mehrerePerso nen getötet wurden. Sefterreich. Ae NatioualsorlEe« deklarieren fich als Patschpartek. Beschluß auf Wahlenthaltvng. — Ausbau des Schutzbundes für „politische Möglichkeiten". Der Mhrercmsschuß der Nationalsozialisten Großdeutschlands, bestehend aus Vertretern des Deutschen Reiches, der Tschecho-Slowakei und Dentschösterreichs, ist angesichts der katastrophalen Lage ton Reich einhellig zur UeberzenMng gelangt, der österreichischen Partei derzeit Wahlenthaltu n g zu enrpfehlen. Die Stellungnahme der Partei ist daher folgernde: Angesichts der im Deutschen Reich eingetretenen Verhältniffe ist die Partei der Anschauung, daß eine Beteiligungan den Wahlen derzeit nicht wünschenswert erscheint. Sie beschließt daher die NrchtbeteiIigung an den Wahlen zum Rat tonal rat. Der Ernst der Lage gebietet dringend den Ausbau der Partei des vaterländischen Schutzbundes" und Ihrer Kräfte. Die Parteigenossen werden daher aufgeordert, ihre ganze Kraft in den Dienst der Bewegung zu tellen. Die Nonwah! des Borstcmdes ergab die einstimmige Wiederwahl Dr. Walter Riehls zum Reichsparteiobmann. Mt Rücksicht aus politische Möglichk e iten wurden die Statuten einschneidend geändert. Die Ordnertruppen werden entsprechend dem Muster des sozialdemokratischen „republikanischen Schutzbundes" iu einen „vaterländischen Schutzbund" mngetrandelt werden. In Zukunft werden die nationalsozialistischen Parteien Oesterreichs, Deutschlands und der Tschecho-Slowakei eine taktische Einheit bilden. Gestern abends sprachen der Führer der bayrischen NätionalsoAvalisten, Adolf Hitler, der seit gestern der Tagung bergswohnt hat und der Führer der Nationalsozialisten m der Tschecho-Slowcckei I u n g m einer Masstnversanmrlung. ' Ungarn. Tor einer Regierungskrise. Wegen des Aktienpanamas. Budapest, 14. August. (Tel. der „Wr. Miorgenzeitung") Die rechtsstehenden Oppositionellen versuchen jetzt, die gesamte Opposition zum Kampfe gegen die Regierung zu vereinigen und wollen ihre stapften Angriffe Men die Person des Ministerpräsidenten richten,, dvr bei der Verteidigung der Panamisten im Vordergrund stand. In politischen Kreisen wird von einer Teilkrise der Regierung gesprochen, nämlich vom baldigen Rücktritt des Ministers des Innern RakovSky und besonders von der Demission des Iustizministers Dr. Emil Na gy. Wieder Fadeuausweisungen! Budapest, 14. August. (Tel. der „Wr. Morgenzejtung".) Gestern wurden 78 jüdische Familien von Budapest nach Kasch an transportiert. Sie wurden in mehreren Fvachtwagen einwaggoniert mrd unter Bewachung bewaffneter Gendarmen bis an die tschechische Grenze geleitet, wo sie an die polnische Grenze transportiert wurden. Freie Setreldttmsftchr. Budapest, 14. August. (Tel. der „Wr. Movgenzeitung") Der Volksernährrmgs minister hielt mit den Vertretern der Mühlenkonzerne eine Beratung, in -welcher er erklärte, daß die Regierung die freie Getreideoinjuhr evlauhen werde. Ae Bermögeussteuer. Warschau, 14. August. (Tel. der ,Mr. Morgerigtg.") In seiner letzten Sitzung beriet der Senat den Errtwuü der Vermögens st euer. Der Referent, der ehemalig» Finanzminister Karpinski, erklärte den Entwurf als änderungsbedüvftig, wies jedoch darauf hin, daß der Senat das Inkrafttreten dieses wichtigen Gesetzes, das dem Staate eine Einnahme von über eineinhalb Bil. Nonen Mark sichern soll, nicht hinauSschieben dürfe und beantragte unveränderte Annahme des Gesetzes. Dieses wurde auch von der Senatsmeheheit unverändert zu nt Beschluß erhoben. Die Abänderungsanträge' des Senators Wurzel (Jüdischer Klub), welche sich auf die Erhöhung des BesteuerungSministeriums gezogen, sowie die Ammerrdements des Senators Wozniek» (Wyzwoleni^ wurden abgeleh nt. Ae 8«de« «ud der holaifche Handel. Der Hinweis eines amerikanischen Finanz-elegierten. Warschau, 14. August. (Tel. der ,Mr. Morgenztg."^ Der amerikanische Financier StrawSbury, dessen Anwesenheit in Warschau zu mannigfachen Kombina- ' tionen über die Durchführung einer amerikanischen A nleihe für Polen Anlaß gab, stattete dem Ministerpräsidenten Witos einen Besuch ab. In einer längeren Konferenz mit dem polnischen Premier berührte der amerikanische Finanzdelegiert«, wie die Korvesp. ,Sarsovia" berichtet, unter anderem auch die Frage der nationalen Minderheiten und iusbesoMre die Indenfrage in Polen. Er gab der Ansicht Ausdruck, daß die jüdische Bevölkerung Polens einen wichtigen Faktor im Auslandshandel dieses Staates bilde. Strawsbury hat sich von Warschau nach Bukarest begeben, um von dortnach Konstantinopel weitevzureifen. Ar Mlnaer IlukversM Mer de« Numerus klausus. Aus Warschau wird uns berichtet: Bekanntlich hat der Untersuchungsausschuß des Sejm Lei der Beratung des I Numerus clausus-Proj-ekts beschlossen, bei sämtlichen Fakultäten der einzelnen polnischen Hochschulen Gutachten einzuhvlen, dor allem über die pädagogischen und wissenschaftlichen Konsequenzen, welche die Einführung des Numerus clausus hoben könnte. Die Antworten, welche von den Hochschulfakultäten eingetroffen sind, entsprechen, ausgenommen das Gutachten der Krakauer medizinischen Fakultät, jene traurige schwarze Liste, die auch in' ber polnischen Ooffentlichbeit Entrüstung erregt hat, wohl nicht ganz den Erwartungen der nationaldemokratsschen Hetzgesetzfabrikanten, welche auf die Einholung dieser Gutachten drängten; selbst die Fakultäten, welche sich für Einführung des Numerus clausus ausspvechen, tun dies sehr verklausuliert. Sehr wenig befriedigt aber dürsten die Lutoslawski und Konsorten von den Antworten der medizinischen, juridischen und naturwissenschaftlich-mathematischen Fakultät der Wilnaer Universität sein, welche sich ganz eutschiL-LU-^se g e n den Numerus clausus ausgesprochen haben. Das Gutachten der juridischen Fakultät verdient ob seiner scharfen und llaren Formulierung und seinem von keinerlei Chauvinismus getrübten Geiste besondere Erwähnung. Das Gutachten führt aus, daß die Fakultät die Einführung des Numerus clausus in wissenschaftlicher, pädagogicher und erzieherischer Hinsicht für schädlich halte und motiviert dies mit fünf Punkten: 1. Bedingung für jede fruchtbare wissenschaftliche Arbeit ist streng tendenzlose unobjektive Urteilskraft und ein ausschließlich auf den inneren Wert geistiger Anschauungen gestütztes Verhältnis zu allen wissenschaftlichen Problemen oder Theorien. Diese Anschauung muß von allem Anfang an in der Jugend, die wissen» schastliche Bildung erwerben will, geweckt werden. Die Einfühnmg des Numerus elausuS verstößt gegen di-eses Prinzip, da sie den Anteil an wissenschaftlichem Leben nicht von wissenschaftlichen Qnalikfrkation, sondern von solchen abhängig macht, die nichts mit der Wissenschaft zu tun haben. Es besteht begründete Furcht, daß eine solche Denkweise rasch in die Jugend eingehen würde. 2. Die Grundbedingung ftnchtbrrer pädagogischer Tätig, feit ist das Vertrauen der Studenten zu der moralsschert Reinheit und der Gerechtigkeit der Professoren. Dagegen würde die projektierte Aenderung des Hochschulgesetzes v e r st o ß e n, da ihre Bestimmungen schwer objektiv angewendet werkönnxn. 3. Ebenso wichtig für die erzieherssche Aufgabe der Hoch, schule ist die Harmonie zwischen den Studenten und ihre! Selbstachtung. Die Einführung des Numernclausus aber, die Politik in den Schulen einsühren würde, wüvde Reibungen zwischen den Studenten Hervorrufen. 4. Die projektierte Verordnung würde sich schwer dort durchführen lassen, wo es kein klares Kriterium füt di^ nationale Zugehörigkeit gibt. Dies betrUt insbesondere die flawischen nationalen Minderheiten. 5. Die Einführung des Numerus clansuS hält der Fakub tätsrat für widersprechend der Verfassung, deren rechtliche Grundlagen eben an dieser Fakultät gelehrt werdrNi Dieser Widerspruch könnte zu einer völligen Demoralis Jatiott der Studentenschaft führen. Es sei bemerkt, daß dieses ehrliche und offene Gutächte« einstimmig von der Prosessorenschast angenommen wurde

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