Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1619 (15.8.1923)
- Date
- 1923-08-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Be-te 4 Wien, Mittwoch F. Wien. 15. August. Herr Ttresemann, der Naclffolger Cunos, der inrfllücklichsleu Figur auf einem deutschen Reichskanzserstuhlc, hat seine Antrittsrede gehalten. Er hat betont, daß die Aeuderung der Regierung kein Zeichen der deutschen Schwäche sei und darauf hin gewiesen, daß die Grundlage dieses Kabinetts breiter sei als je eine. Er hat wieder die Töne jenes protestierenden Stolzes angeschlagen, deren Melodie mm schon längst aufgehört hat, originell zu sein, und den Satz geprägt, daß in bezug aus das besetzte Gebiet.Freiheit und Arbeit identische Begriffe seien. Er hat sich zum ungeschmälerten Programm des passiven Widerstandes bekannt und war in der Lage, sich hierbei auf die englische Note zu berufen, welche die Legitimität der französischen Rlchrbesetznng bestreitet. Herr Stresemann hat in der letzten Zeit in seinen Parlamentsreden einen Standpunkt angenommen, der geeignet war, zwischen ihm und der Linken Brücken zu schlagen und es ist ihm, dank dieser Haltung, gelungen, Ennos Nachfolger zu werden. Er hat die Notwendigkeit von Opfern der Besitzenden anerkannt, welche ihren Teil beitragen miissen, um das Ganze zu retten, und ist offen für direkte Verhandlungen mit Frankreich eingetreten. Herr Stresemann findet bei seinem Regierungsantritt eine Situation vor, aus der bei politischer Geschicklichkeit rasch Kapital geschlagen Iverden könnte. Gleichzeitig mit seinem Regierungsantritt wird die englische Antwortnote an Frankreich und Belgien veröffentlicht, aus welcher erst der breite Riß sichtbar wird, der zwischen der englischen und der französischen Auffassung in der Ruhrpolitik besteht. Die englische Antwort macht von ihrer Enttäuschung über die Mißachtung der englischen Vorschläge durch Frankreich kern.Hehl; sie bestreitet ausdrücklich die Gesetzmäßigkeit der Ruhrbesetzung, welche der Haager internatiöuale Gerichtshof untersuchen müßte, und legt den Nachdruck auf die Erklärung, daß England nicht daran denke, in der Frage der interalliierten Schulden Zugeständnisse zu machen. Aus dem Gelbbuch der französischen Regierung geht, wieder hervor, daß es Frankreichs Absicht ist, die Frage der deutschen Reparationen mit der französischen Schuld an England zu verknüpfen oder vielleicht gar seine Schuld auf Deutschland zu überwälzen, itrib man muß wissen, daß Frankreich bisher auch nicht mit der Zinsenzahlung der Schuld begonnen hat, um . zu ermessen, welche starke-Mittel einer aktiveren Kantmentalpolitik Englands gegen Frankreich zu Gebote stehen. Wenn England mit dsr Forderung nach voller Bezahlung ernst machte, so wäre der Eintritt der Inslationswirtschast in Frankreich die sofortige Folge. Es gilt nunmehr für Stresemann und sein Kabinett, sich die momentan gegebene Situation zunutze zu machen und von der bisherigen Politik energisch abzurücken. Aber in dieser Hinsicht ist Stresemanns Rede nur durch das interessant, was sie zu sagen unterläßt. Er begnügt sich damit, aus die Notwendigkeit der Durchführung der beschlossenen finanzpolitischen Maßnahmen hinzuweisen, ivelche der Politik des Widerstandes die nötige Stütze geben und einen inneren Zusammenbruch verhüten sollen und weicht der Frage aus, wie ein Weg zu direkten Verhandlungen mit Frankreich gefunden werden könnte. Dafür aber ist seine gehörte die Aeüßerung eines anderen Gelehrten, der Graetz und I. H. Weiß zu den kleinen Geistern zählte, von denen zu reden es sich nicht lohne. Einen seltsamen Geschmack und ein besouderö „feines" Empfinden für Takt zeigte jenes fromme Frankfurter Blättchen, das Graetz zu den „Unreinen" zählte, die streng gesondert werden müssen von den „Reinen" a la S. R. Hirsch. Ein Enkel dieses letzteren verstieg sich sogar dazu, in Verbindung mit Graetz von einem „Tendenziösen C h a r l a t a n i s m u s" zu reden. Zu einer solchen „Höhe" gelangte von der anderen Seite nur Ludwig Bamberg er, der sicher ein sehr bedeutender Financier war, aber von jüdischen Dingen nicht die leiseste Ahnung hatte. Als in den ersten Zeiten des Antisemitismus die Propheten dieser neuen Bewegung über Graetz mit allerlei Beschimpfungen wegen seines „jüdischen Fanatismus" herfielen, fand sich eine gewisse Sorte von Juden, die es für opportun hielten, in diesen Ton einzustimmen. Ludwig Bamberger sagte damals geschmackvoll: Graetz, von dem er natürlich nur die von den Antiisenliten beanstandeten Stellen kannte, sei der „Stöcker der jüdischen Kirche". Es ist erhebend, zu sehen, wie Graetz, von allen diesen Stimmen unberührt, sein ganzes 75jähriges Leben hindurch mit ruhiger Heiterkeit sein Werk schuf, in der richtigen Ahnung, daß schon die nächste Zukunft ihm gerecht werden würde. Schmerler erzählt uns dieses 75jährige L-eben voller Arbeit und Mühen mit Ehrfurcht und Liebe, doch ohne blinde Voreingenommenheit, er kennt und betont sehr genau di>e Grenzen und Fehler seines Helden. Schmerler gibt der Gesinnung und dem Urteil der Besten der Gegenwart einen vollendeten Aus'orick, wenn er zum Schlüsse des stursten Kapitels seines Buches das Lebenswerk Graetzens folgendermaßen chavakterifiert: „Er war nicht nur ein Forscher und Gelehrter, sondern ein Gelschichtsschreiber, das heißt, er besaß di« Kamst, die große Masse des trockenen Stoffes künstlerisch zu bearbeiten und aus ihm einen anmutigen und zugleich erhabenen Bau aufzusühren, der noch heute unerreicht dasteht ... Er hat die verborgenen Ursachen und treibenden Kräfte vieler Vorgänge ausgedeckt . . . den historischen Persönlichkeiten verstand er es, Leben einzichauchen und sie vor fett Leser so plastisch hinznstellen, daß sie seine Gefühle wA '_Wiener Movgenzeltung. erste Regierungstat, daß er die Einstelluwg der Sachlieferungen an die Ententemächte proklamiert und damit Frankreich die Arbeit erleichtert. Er gibt den Franzosen ein willkommenes Stichwort und Poinoare wird bald triumphierend aus einen neuen Beweis des bösen Willens Deutschlands verweisen dürfen. Diese Rede macht rasch den Stresemann von vorgestern vergessen, der die Notwendigkeit einer aktiven Politik betont hat und es scheint, als wollte sich die deutsche Polittk aus das Zuwarten festlegen, mn eine id. Atgust '1325 .. vtt. tör» iveitere Entwicklung des englisch-französischen Gegensatzes'abzuwarten. Stresemanns erstes Debüt macht kaum den Eindruck, als würde das neue Kabinett eine -tiefergehende Aenderung der deutschen Außenpolitik bringen. Die Koalittonsbildmn'g mid der Rücktritt Cunos ist unter dem Drucke der Straße erfolgt; die kommunistische Propaganda hat momentan eine Schlappe. erlitten und daraus erklärt sich, daß .Here Stresemann zu sagen unterlassen hat, was zu sagen eMich an der Zeit wäre. Stresemanns Antrittsrede. Weitere Politik des passiven Widerstandes. — Ter Ruf «ach den» Schiedsgericht. — Stützung der Währung. — Das Berttaneurvotuu» der neuen Koalition. Berlin, 14. Anglist. Wolfs.) Der Reichstag ist heute nach 2 Uhr nachmittags zur Entgegennahme der Erklärungen der neuen Regierung zusommerigetrcten. Das Hams und die Tribünen waren voll besetzt. Der Kommunist Kähnen beantragte vor Eintritt in die Tagesordnung die sofortige Beratung der Verordnung des Reichspräsidenten detzüglich Unterdrückung von Zeitungen sowie des Verbotes des - pre-nßischen Ministärinnls des Innern betreffend Veranstaltungen unter freiem Himmel und bezüglich der proletarischen Hundertschaften. Nach Ablehnung der Anträge ergriff Reichskanzler Dr. Stresemann das Wort. Er wicrde von den Kommunisten mit lärmenden Zurufen empfangen. Die Zwischenrufe wurden auch während:der Verlesung äxr Ministerliste fortgesetzt. Zur Minifterlisbe erklärte Dr. Stresemann, daß die Ernennung des Ministers des A e u ß e r n ■ und des Reichspostministers noch erfoligen werde. Der Redner stellt fest, daß die Kritik an der Regierung Enno die Tatsache nicht übersehen dürfe, daß bisher jede Politik zur Konsolidi-erung der deutschen Verhältnisse von auswärts n n m ö gl i ch gemacht worden sei. Das Ausland möge nicht glauben, daß der Mbinettswechsel ein Zeichen der Schwäche sei. Das neue Kabinett, das aus der breitesten Grundlage aufgebant ist, breiter als je ein Kabinett seit dem Bestände der deutschen Republik, will das stärkste Kabinett gegen jeden Gedanken einer Vergewaltigung Deuischland-s sein. Die Erreichung dieses Zieles hängt von dem Zusammenwirken des Reiches mit den Ländern und mit dem ganzen Volke ab. Gewalttätige Angriffe gegen den Staat und seine Verfassung werden auf den unbeugsamen Willen der Regierung stoßen. Die Reichsvegierung hat die Absicht, ihre Machtmittel gegen jeden.emzüsetzen, der sich vermißt,^en Staat und seine Verfassung unterminieren zu wollen. Der Kanzler kam dann kunz auf die Veröffentlichung der britischen Dokumente und die darin enthaltene Feststellung des an Deutschland im Rrchvgeibvvt begangenen U nrechtes zu sprechen. Der passive Widerstand, erklärte der Kanzler, hat seine tiefsten Wurzeln im festen Bewußtsein des guten Rechtes. Unzweideutig wind dieses gute Recht nunmehr auch von der britischen Regierung anerkannt. Die R-eichsregierung ist damit einverstanden, WB——————— Sympathien erregen und wie lebendige Zeitgenossen wirken... Bor allem ist es ihm gelungen, feinen Volksgenossen auf dem weiten Erdenrund das Selbstbewußtsein wiederzugeben und ihnen die Ueberzeugung beizubringen, daß sie allen Verfolgungen und Erniedrigungen zum Trotz eine wunderbar strahlende Vergangenheit hatten und aus einen geistigen und moralischen Sieg in der Zukunft hoffen dürfen. Trotz alter Fehler und Jrrtümer, die die Kritiker in Graetzens „Gcifchichte der Juden" entdeckt haÄn, wird sie wie ein Stern erster Größe am Himmel des jüdischen Schrifttums leuchten." Schmerler hat seinem Werke einen Artikel über Graetz hinzugefügt, den der kürzlich verstorbene Professor Gotthard Deutsch (ein Qesterreicher und Schüler von Graetz) zu dessen hundertsten Geburtstag in englischer Sprache geschrieben hat und der hier in fließender, schöner hebräischer Uebersetzung erscheint. Diese Abhandlung sowie diaussülitti.h: Bibliographie der Schriften des Meisters erhöhen bedeutend den Wert des Werkes. Sehr dankbar werden die Leser für die „Einführung" sein, die R. Brainin zu Schmerlers Werk geschrieben hat. Der hervorragende hebräische Schriftsteller gibt eine geistvolle Eharäkteristik der jüdischen Historiographie, wobei bedeutsame Lichter auf die Entwicklung des historischen Sinnes in unserem Volke fallen. Seit einigen Jahren erscheint in New-Aork die Monatsschrift „Hatoren", welche jetzt unter der Redaktion des oben erwähnten jüdischen Schriftstellers R. Brainin sich zu dem gediegensten hebräischeil Qrgan entzück nt hat. R. Brainin hat vergangenen Winter in New-Uork seinen sechzigsten GeburrStag erlebt. Dieser Tag wurde von der ganzen jüdischen Bevölkerung auf eine Weife gefeiert, wie noch nie in Europa ein hebräischer Schriftsteller gefeiert wurde. Ein Komitee hat eine bedeutende Summe aufgebracht, um eine Gesamtausgabe von Bvainrns Werken in dreißig Bänden zu veranstalten, von denen der erste berits erschienen ist. R. Braimn, der mehrere Jahre in Wien gelebt hat und unter der älteren Generation, dieser Stadt zahlreiche Bekannte besitzt, verdient eine b'eslmdere Studie. Sigma» daß die Frage der Rechtmäßi^kert oder iUnrschtmäßvgfleit fet Ruhraktion o'mcm internationalen Schiedsgericht unterbreitet werede. Wir zweifeln nicht daran, daß jede inv parteiische Entscheidung uns die Verfügung über das Ruhrgebiet wieder geben wind. Wirt sehnen uns danach, an der Ruht zur Arbeit zurückzrvkohren, a<ber Arbeit und Freiheil' sind für das Ruihvgebiet identische Begriffe. An dem Tag, ai dem uns die Verfügung über das Ruhrgebiei zurückgegeben wird, werden alle Kräfte sich regen, um die im ertä gliche Stillegung ixt Schlagader der deutschen Wirtschaft zr beenden.. Wenn dies emtreten werde, werde Deutschland nack einer zu getvährenden Atempause unter Aufbietung aller totTfr schaftlichen Kräfte des Landes auch die Mittel für eine Regelung der Rrparallonssrage aufbringeu kömven, sofern die ihn: auserllqgtrn Lasten bei Harts Arbeit die Existenz J'<sd staatlichen und wirtschaftlichen Leben« und die Weiterentwicklung des Volkes gewährleisten. Die Korr solidierung unserer politischen und wirtschaftlichen Berhältniff ist die Voraussetzung für die Wiederaufnahme der Sach lief er un gen, die infolge der durch die Ruhtzbesetzuw herbeige führten wirtschaftlichen Zerrüttung unterbrochen Werder: mußten. Zur inneren Politik übergehend, bemerkte der Reichs kanzler: Die beste außenpolitische Aktivität, die entfaltet werdet kann, ist die Ordnung der Verhältnisse im In nereu. Die Verabschicdirng der Stcnervovlagen und die b' vorstehende Bestätigung der Goldanleihe durch den Reichstag sind verheißungsvolle Aiisänl^v. Tr Währungsfrage rüttelt die größten wirtschaftlich?!! Pro bleme auf. Die Landwirtschaftsfrage darf nicht mi' vom konservativen Standpunkt aus angesehen werden, obtvoh jedem Kamps angesagt werden unrß, ,der die Erna h r u n i des deutschen Volkes und feie Wiederherstellung gesnirder Wirt schaftlicher Verhältnisse erschwert. Die Aufgabe von I n d u st r i e u n ld Hand e l bcsteh besonders darin, die RsichsrsgieMng bei der Stützung de' Währung und namentlich auch bei der - Zurverfügung stelvung von Devisen und Uebernahme von Ga, rantien fiir dje großen Verbindlichkeiten de) Reiches zn nuterstützen. Die Wertbestäudigkeit der Entlohnmrg ist eine berechtigte Forderung. Eine Ueberspannmrg a-ni diesem Geibiete birgt aber die Gefahr in sich, daß di7 douttfche Wettbewerbsfähigkeit auf denn Welt, markt erlischt und damit Äe Voraussetzung fiir ein A kti vum der deutschen Handelsbilanz, ohne das a» eine Regelung internationaler Berpflichtungeu und an eiw Aiusrechterhaltuug der Wirtschaft im Inland nicht z n d e nken ist. Bei diesen Erklärungen erhoben die Kommiu nistev zahlreiche Zwischenrufe, auf . die der Reichskanzler entgegnet« daß er ihre Erregung über den Zusammenbruch oims mv Verantwortlichen Streiks wohl verstehe. Der Reichskanzler schloß mit der Aufforderung, seiner Regierung das Vev trauen ausMsprechen. Der tatsächliche Beweis des Lebenswillens der deutschen Nation werde ihr den Weg in die Freiheit cbn-en. Ms erster Diskussionsredner wies Müllar-Franken (Sozialdsm^rat) darauf hin, daß Optim-isimls und s ch n e l l st o Entschlußkraft in den schtoergn Woche» notwendig seien. Das von: Reichstag beschlossene S t e u e v prvgramm müsse unverzüglich durchgeführt werden Das gesamte Steuersystem Müsse auf w e r t b e st ä n d ' g c > Grundlage umgebaut werden. An der Spitze, müsse Wt gesetzliche Garantie für die Erfassung der Sach werkt stchen. Für die Befreiung des Nuhrgebietes unL für die Herstellung vertragsmäßiger Zustände im Rhein-lande werden weiiere Opfer gebracht werden müssen. D.s neue Rogievung könne bei der Durchführung ihres Programms der Anterftütziung seiner Partei sicher sein. ■ . Abg. Marx (Zentrum) begrüßte die große .KoaMion namentlich aus aal,ßenpoLitischen Gründen. Er, verlas sodann ein gemeiitsames Vertrauensvotum der vier Regierungsparteien, da» die Erklärungen der ReiSMegievung billigt. Dagegen erklärt«'der Deutschnational« Hergt, der neuen Regierung das Dertrmren versagen KU müssen. Der Mg. Leicht (Bayrische Volkspartei), der den außenpolitischen Richtlinien der RegievungseMävung ausdrücklich zustimmt, erklärte, daß sich seine Partei der Abst-i |m mnng enthaLHen werde.