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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-15 · Heft 1619 (15.8.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1619 (15.8.1923)
Date
1923-08-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Wiener Morsenzeitrmg. 137 August 1923 J. Rr. 1tz19_- Wien, Mittwoch In einem zweiteir Artikel unterstreicht Sir Martin Co nway die Bedeutung der Sympathiender Juden Am eri ka s!v ä hr eu d des Krieges. Wären die amerikanischen Jlld-en gegen England getvesen, so hatten sich die Bereinigten Staaten wahrscheinlich nicht am Kriege beteiligt. Unterdiesen Bedingungen wurden die Verhandlungen geführt, die mit der Balfour-Deklaration endeten Großbritannien kann darum u n in ö g l i ch die B a l.f 0 u r - D e k l a r a t i o it zurückziche n. Was wir versprochen haben, müssen wir auch halten. Wenn es wichtig war, die Unterstützung.der Inden zu crlairgen, so war es nicht weniger ratsam, die aktive Unterstützung der Araber zu erlangen. Die Araber verlangten dafür das Gebiet zwischen dem Mittelmeer, dem Noten Meer/ dem Persischen Golf, dem Gehirgslande im Norden, außer Aden. Diese Forderung wurde nicht bewilligt. Syrien und insbesondere das Wilajet von Beirut, zu dem ganz Palästina nördlich von Jaffa gehört, wurde ausgenommen. In den übrigen Ländern sollten arabische Staaten gegründet werden. Das ist jetzt im Zuge der V e r w i r k l i ch u n g. Darüber herrscht auch kein Streit,- Nur wegen Syriens und Palästinas ist eine Meinungsverschiedenheit entstanden. Es bestehen zwei fundamentale Verpflichtungen für Großbritannien, von denen keine Regierung zurückweicheu kann. Wir sind verpflichtet, die Bildung eines jüdischen Rationa-lHeims in Palästina zu beschützen und zu fördern. Wir sind auch verpflichtet, daraus zu sehen, daß die bürgerlichen und religiösen Rechte der einheimischen Bevölkerung gewahrt werden. Die Balfour-Deklaration verlangt nicht, daß ganz Palästina in ein jüdisches Nationalheim verwandelt werde, sondern daß ein solches Heim in Palästina gegründet werde. Nichts — so schließt der Artikelschreiber — kann die Balfour- Deklaration abändern, wenn man auch am Mandat berumzupfuschen versucht. Ae Bildung des Advisord Gmittctt wieder verschoben. ScOlfofem, 12. August. '(3.6..«.) Di- Bildung des Advisory Council ist wieder verschöbe,: worden, da eines von den sechs Mitgliedern, die sich vorige Woche zur Mitarbeit erklärt haben, wieder demissioniert hat. Es sindsomit nur fünf von den zehn arabischen Mitgliedern, die in: Advisory Council Mitarbeiten wollen, verblieben. Richter Mail Wer seine PaKftina-kindrllcke. Aus Jerusalem ward uns berichtet: Das Präsidial-- nÄgjlickd der Brandeis-Gruppe, Richter Julian Mack, welcher jetzt mit seiner Gattin in Palästina weilt, gab einem- Mitarbeiter des ,/Davr Hajom" gegenüber seinem Entzücken über die während seines mehrwöchigen Aufenthaltes im hei'li-.- gen Lande gewonnenen Eindrücke Ausdruck. Er versprach, nach seiner Rückkchr in Amerika für die Intensivierung der Aufbauarbeit zu wirken. Gegenüber den Gerüchten, welche wissen wollten, Richter Mack habe sich be- Feine M ». III.. UMlMM 1—i Wohnungseinrichtungen. (Ecke Karl Schweighofergasse müht, Dir Valley Cohen und Mr. Abigdor Golds mit h pom Eintritt in die Jewish Agency obzuhM-en, erklärte Mack kategorisch, er habe in keiner Weise auf die genannten Persönlichkeiten bezüglich ihres Eintrittes in die Jewish Ag-epcy Einfluß genommen. Me Palästina-Einwanderung im Juni. Nach der offiziellen Statistik sind im I u n i 1923 7 0 0 Einwanderer nach Palästina gekommen, darunter 666 Juden, 33 Christen und ein Mohammedaner. Elf Emigranten wu-rde die Landung nicht gestattet, da ilhre Papiere nicht in Ordnung waren. Unter den Ankömmlingen waren 170 MitMeldee von bereits im Lande befindlichen Familien, 166 Personen, die bereits Arbeitsstellungen angenonrmen hatten und 275 Familienmitglieder dieser Angestellten, 93 Pevsonm, welche über eigene Mittel zum Leben verfügten, und sechs, die ein religiöses Amt inne hatten. Liquidierung der atte« MNei. Aus K o n st a A t i n o p e l wird uns berichtet: Der Wahlprozeß kann bis auf einige östliche Wilajets nunmehr als abgeschlossen gelten. Der komplette Sieg der Partei der Verteidigung der Rechte wird die Schaffung eines völlig homogenen Regiernngsblocks zur Folge haben. Wohl wird es im Parlament auch Abgeordnete geben, die nicht ganz im Geiste des Angora- Regimes tätig sein werden, aber schon die Tatsache, daß auch diese Abgeordnete bei der Wahl auf der Regier un gs li ste kandidierten, beweist, daß sie sich der Re-; gierung gegenüber in gewisser Richtung verpflichtet haben. In dem Hauptpunkt, nämlich der Etablierung der nationalen Souveränität und der Ablehnung jeder persönlichen Souveränität, wird auch diese Gruppe mit der Regierung gehen, so daß in dieser wichtigen Frage in der neuen Kammer geschlossene Einmütigkeit herrschen wird. Mt diesem einmütigen Vorgehen erhält die endgültige, restlose Liquidierung der alten Türkei die solene Sanktion. Wer auch darin wird sich die Homogenität der neuen Kammer ausdrücken, daß sie genau so wie bisher keinen einzigen nichtmuselmattischen Abgeordneten aufweisen wird. Es wurde die Pa- - role ausgegeben, daß die n^chttürkischen Elemente, welche am nationalen Kampf nicht teilnahmen, auch an den öffentlichen Angelegenheit e n des Landes keinenAnteil haben dürfen. Die Türken wollen damit zum Ausdruck bringen, daß sie völlig aus eigener, nationaler Kraft ihr Land wieder aufrichten und ihr nationales Haus selbst bestellen wollen. Ans diesem Grunde wurde bei der Wahl jeder Kandidat genau unter die Lupe genommen und sorgfältig geprüft, ob er sowohl vom nationalen Gesichts- Seite- 3 punkte wie auch vom Standpunkte der Bildung und der. Fähigkeiten . den Anforderungen der Zeit entspricht. Dasselbe galt auch für die nicht unbeträchtliche Zahl von Offizieren, die ins Parlament gewählt wurden. Neben ihnen gehört der größte Teil der gewählten Abqeord-' neten den freien Berufen, dem Advokaten- und Medb zinerstand an, auch viele Notabelu, Techniker, und über^ Haupt Intellektuelle haben am 11. August ihren Gins tritt in die neue Kammer vollzogen. Hingegen gibt eß unter den Abgeordneten diesmal viel weniger Angehöq rige des geistlichen Standes als in allen früheren türkischen gesetzgebenden Körperschaften. Die neue Nationglvevsanrmlung zählt 280 Mitglieder und gils allgemein als eine Nationalversammlung der osmanischen Elite, als ein Parlament der ftuchtbrmgendeg Arbeit. Ae Wischen Kommunisten und dar jüdisch, Leben in Rußland. Bezeichnend dafür, wie die Mischen Kommunisten aul dem Mischen Leben geradezu hinausgedrängt sind, ist ei* Artikel ihres Führers Merezin im Moskauer -,Emes", welcher sich mit der Tätigkeit der ukrainischen „Jewsekew (so werden die Müschen Kommunisten nach der Mischest Sektion, die siir sie gebildet wurde, genannt) böfchastigt Mevezin schreibt umlMwuuden, daß die Lage der jüdische Sektionen in der Ukraine sehr traurig ist; die Zahl der „Jewseken" ist außerordentlich gering, es fehlt ihnen völlig an intelligenten Führern, und sie spielen im polü tischen und wirtschaftlichen Lehen der ukrainischen Indem schaft, welche nächst der litauischen bekanntlich die regsamsti ist, gar keine Nolle. „Die einzige Betätigung der Mischest Kommunisten," schreibt MveZm wörtlich, „sozusagen ihr» Spezialität, ist der Kampf gegen die jüdische Reli» givu und gegen den Ziron-ismus. Die jüdische kom> munistische Presse macht einen sehr schlechten Eindruck Ihr Niveau ist mchv als niedrig, und sie wird uicht ge« lese n. Die sogenannte Aufklärungsarbeit dev „Jewseken* ist schr gering. Mr die Wahrheit zu sagen — die Misch» Sektion der Kommunistischen Partei Rußlands hak es nicht einmal zu einer elementaren Auftlämngsschule gebrächt/ Es ist durchaus begreiflich, daß die Mische Bevölkerung Ru-Wands in keinerlei geistigem Kontakt mit jenest Elementen sein kann, welche die Verbindung mit dem Mi. schen Leben und Wesen unterbrochen haben und verleugnen und an ihre Stelle nichts als unverstandene Parteischlag. Worte setzen konnten. Solchen Elementen, die es, wie ersj in jüngster Zeit berichtet wurde, in ihrem dumm fanatischest Kampf gegen die Religion so wert gebracht haben, das sie eine Synagoge stürmten, die Dhoravollen aus der Lad« zerrten und in Äücke-miffen/ Elementen, die gegen di» Tradition des eigenen Volkes so auftveten, wie die ärgsten Judenhrsfer, tot die Juderchvit Rußlands in keiner Weist Gefolgschaft leisten. Dies muß schon gegenüber den antö semitischen Verleumdungen über die Identifizierung der Juden mit dem Kommunismus festgeftellt werden; denn das Judentum hat immer auf Reinheit gehalten und kann sich nie mit denen identifizieren, die es beschmutzen, selbst wenn sie seines Stammes sind. -> QlSSfiSRäumMnflwerkauf -"SMeiSchif f mann II., TaborstraBe 4t Telephon 47* 1-79 En gros En detait Hebraismus in Amerika. Wer vor fiinfzig Jahren geglaubt hätte, daß wir eine Ueberfttzung der Reden Buddhas ans dem Original in das reinste und schönste Hebräisch besitzen würden, den hätte man als Träumer verschrien. Nicht als ob es zu jener Zeit jüdische Kenner des Sanskrit und der indischen Weisheit nicht gegeben hätte — mm: braucht nur an Benfey zu denken —, aber keiner von ihnen betrachtete das Hebräisch als seine Heinnit, in die er Schätze nach Hause bringt, die er in der weiter: Welt findet. Unter denen aber, die im Hebräischen als in ihren: Vaterhause wohnten, fand sich weit und breit keiner, der Sanskrit studiert hatte.und in der Lehre Buddhas heimisch war. Wie haben sich doch die Zeiten geändert! Heute lieg: vor mir ein stattlicher, wunderschön gedruckter und gebundener Band mit den: Titel „Thomt Buddha", zu deutsch: „Die Lehre Buddhas", eine hebräische Uebechetzung ans den heiligen Schriften der Tripitaka, von Götzel Selikowitsch (Hebrew Publishing Co., New-Yörk, 1922). Doch zuerst einige Worte über den Uebersetzer. Eine äußerst merkwürdige und höchst interessante Persönlichkeit. Er ist ein geborener Litauer und hat die iu Litauen übliche Erziehung des jüdischen jungen Mannes in der Jeschibah genossen, wo er sich durch erstaunliches Gedächtnis und hervorragende Fasstmgsgabe auszeichmtc. Er sollte natürlich Rabbiner werden, aber plötzlich verschwand er ans dem Gesichtskreis seiner Bekannten ud tauchte erst einige Jahre später aus als — Offizier in: Stabe des englischen Generals Gordon in: Kampfe mit dem Dt ah di um die Herrschaft über den Sudan. Selikowitsch, der an europäischen Universitäten Orientalia studiert hatte, kannte die ambische Sprache so gründlich und war mit den Sitten und der Lebensweise der Araber fo vertraut wie ein Eingeborner. In der Armee des Generals Gordon diente er als Dolmetsch. Aber seine Sympathien waren auf seiten der Eingebornen gegen die Engländer und in Unterhaltungen mit dem General, dessen Liebling er war, machte er kein Hehl aus seinen ^Gesinnungen, die ihn den: errtzlischen Heerführer entftemdeten. Der General fürchtete, daß der Dolmetsch zu den Eingebornen übergehen könnte und — mild war seines Bleibens bei Gordons Armee nicht mehr. Er studierte darauf an der Pariser Universität Chinesisch, Sanskrit und Altäghptisch und veröffentlichte bald in Fachzeitschriften Uebersetzungen aus den alter: Literaturdenkmälern dieser Sprachen, welche großes Arrsfehen in Gelehrten kreisen nrachten. Doch Selikowitsch blieb seiner alten Liebe, der hebräischen Sprache, treu und veröffentlichte Skizzen aus seinen: abenteuerreichen Leben in dem alten „Hameliz", die später, gesammelt und vermehrt, im Jahre 1910 in Warschau rmter dem Titel „Reisebilder" erschienen. Eine Reihe vor: gelehrten Abhandlungen rmd Büchern machte den Namen des Verfassers in Kreisen der Fachgelehrten rühnrlich bekannt. Bald finden wir ihn, als Professor der ostasiatischen Sprachen am Franklin-Institut zu Philadelphia und an der Universität von Pennsylvania in den Vereinigten Staaten. Gleichzeitig ist er Mitarbeiter der zahlreichen dort erscheinenden jüdischen Zeitschriften und Zeitungen, und neuerdings auch des hebräi- Tagblattes „Hadoar". Jetzt bietet er uns die Reden Buddhas in einem klassischen Hebräisch und in biblischer Diktion. Den aus dem Tripitaka ausgewählten Stoff hat er in 19 umfangreiche Kapitel, gegliedert, die den Entwicklungsgang Buddhas von seiner Erleuchtung bis zu seinen: Tode enthalten. Jedem Kapitel folgt ein kurzer Kommentar, in der nnfeievlichen, flüssigen, rabbiuischen Diktion gehalten. Ein besonderes alphabetisches Lexikon erklärt den: Leser die Kernausdrücke in Buddhas Lehre, wie Nivwanua, Atmaun, Karma. Ueberall ist der Uebersetzer bemüht, die Analogien zwischen der Lehre Buddhas und des Judentums hervorzuheben. Im ganM entrollt das Buch vor uns ein Bild der seltsam feinen und tiefen Gedankenwelt des indischen Lchrers, der ein Zeitgonosse etwa des Jesaja und Jerewrah gewesen. Es berührt uns eigentümlich, jene Gedanken in die Sprache dieser Propheten gekleidet zu sehen. Welten trennen die Weltstimmung der ■ israelitischen Propheten von der, in welcher der indische Weise atmet, aber es gibt zahlreiche Gedanken und Lchren von Buddha, die ganz dem Geiste unserer Propheten entsprechen. Professor Selikowiffch weist darauf mit großer Fe-inheit mW Geschicklichkeit hin. Wir sind dem großen Gelehrten und hochverdienten Schriststellev zu großen; Tmck für diese Ver-. pflichtet, die hoffentlich aus diesem und verwandten Gebietest nicht die letzte sein wird. Eine schöne Biographie von H. Graetz bietet uns C. Schmerler (Bloch PMMng Co. NewDork 1922). Et ist bezeichnend, daß man in Amerika das Bedürfnis einer hebräischen Biographie des großen jüdischen Historikers cher euch, funde»: hat, als in Ecrropa. Im Jahre 1917 feierte das ganze jüdische Volk, die hundertste Medevkehr des Geburtstages von Graetz, in allen europäischen Sprachen wurde der mnigeu Dankbarkeit Zlusdruck gegeben, die wir dem großen rastloD Arbeiter schulden. Aber selbst an dichem Tage verstummten dii Stimmen des Hasses und des Neides nicht, die sein Schaffe» das ganze Löben hindurch begleiteten, freilich ohne ihn im geringsten zu stören oder zu beunruhigen. Ems aber bezeugen diese Stimmen unwiderleglich: die große Bedeutung des Mannes und seines Werkes. Es waren meist die extremen Parteien von rechts und von links, die ihn anseiudeten. Den Liberalen" und Reformern war er ein „Fanatiker^, weil et für alle .Heiligtümer des jüdischen Volles so überaus wann eintrat un>d an den ewigen Bestand des jüdischen Volkes als solches Kaiubte. Die andere Seite haßte und schmähte ihn, weit er eben an diese Heiligtümer seines heiß geliebten jüdischen Voltes furchtlos die Sonde der streng wissenschaftlichen Forschung anlegte und ar: eine Entwicklung des Indem tums glaubte. Es gab noch eine dritte Sorte von Verkleinerer» Graetzms: das wäre» die Neider aus der Zunft. Graetz war ein BMmeister, der sich das Baumaterial selber sammeln mußte und alle, die ebenfalls Barrmaterial sammelten, aber denen die Kraft fchlte, ein stolzes, ragendes Bcmtwerk daraus zv formen, konnten Graetz seinen Erfolg nicht verzeihen. Ich kannte einen alten Herrn, der in seinen jüngeren Jahrer 17 Bände einer fchr wertvollen Zeitschrift für die Wissem schaft des Judentums herausgegeben hackte, aber keine zehr selbständige Sellen zu schreibm imstande war — der war sch: ungMMch, <ä& wir 'Jungen den siebzigsten Geburtstag mst fesefi großen Historikers feierten, mtd versicherte allen Ernstes Graetz sei ein vollendeter Ignorant und die ganze Geschichy i« 11 fanden KM — seine F«m verfaßt. In dieselbe Reih«

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