Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1618 (14.8.1923)
- Date
- 1923-08-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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I Wie«, Dienstag Wiertve MovgenzvAitrr«. ie englische Antwort. Die Zahlmmssahigkeit Deutschlands Problems. — Au Blaubuch. - London, 13. August. Die vom 11. August datierte Note des britischen Staatssekretärs des Aeußern Lord Curzon an die Botschafter Frankreichs und Belgiens in London umfaßt im ganzen 55 Paragraphen. Zunächst wird der Enttäuschung darüber Ausdruck gegeben, faß die Antworten Frankreichs und Belgiens, die rrahezu identisch find, keine Möglichkeit für eine direkte Beantwortung der letzten deutschen Vorschläge bieten und faß die in diesen Antwortnoten zu Tage getretene Auffassung über die Lage den Tatsachen nicht Rechnung trage. Sodann geht die englische Note auf Einzelheiten des ganzen Problems über, von denen rmr zwei Forderungen wirklich um sind: England fordert, entweder in der Form von Reparationen von Deutschland oder als Rückzahlung der Alliierlenschnldcn, den gegenwärtigen Wert seiner amerikanischen Schulden von 14 Millionen Goldmark. Die Note legt dar, faß nran ein entgegenkommende Behandlmrg der Alliierten in der Schuldensvage ausschließlich von dem Maße der Vernunft abhängig machen müsse, mit der Belgien und Frankreich die deutsche Wirtschaft behandeln. Eine Lösung der Reparationsfrage auf Grundlage belgischer und französischer Prioritätsansprüche und der Abänderung des' Verteilungsschlüssels von Spa lehnt die Note kategorisch ab. Die Note macht folgende drei Andeutungen darüber, was England tun werde, wenn die Alliierten sich nicht seinem Entschluß anschließen würden: 1. Die Meinungsverschiedenheiten über die Rechtnräßigkeit der Ruhrbesetzung müßten dem Weltschiedsgerrcht unterbreitet werden. 2. Wenn in den nächsten Wochen keine Einigung mit Frankreich und Belgien erfolgt, müsse England den Versuch machen, auf Grund eines Sonderabkommens mit Deutschland die Abschätzung der deutschen Leistungssähssgkeit durch Sachverständige vornehmen zu lasser:. 3. Die Zinsen der französischen Schuld müssen in der nächsten Zeit wenigstens teilweise bezahlt werden, wenn es Frankreich gelingt, in London ein Abkommen über die Stabilisierung des Franken zu treffen. Kkn Blanbnch. London, 13. August. Das'Blaubuch, dos auch die britische Note enthält, bringt den Schriftenwechsel mit üen Alliierten seit dem 7. Juni, an welchem Tage sich Deutschland erbot, die Entscheidung eines unparteiischen international-» Tribunals über die Höhe der Reparationen und die Zahlungsmethode anzuuehmen. In einem Schreiben an die Alliierten vom 13. Juni bestand Lord C u r z o n auf der Notwendigkeit, mittels einer Konferenz einen endgültigen Plan für die Regelung der gesamten Reparationsfrage aufzu stellen. Am 20. Juni hob er in einem Schreiben hervor, daß, wenn man Zahlungen von Deutschland erhalten wolle, Deutschlands Kredit wioderhergestellt, seine Währung stabilisiert, sein Budget ausgeglichen und seine Produktion ermutigt werden müßte. Lord Enrzou erklärte, daß die Reparationen, die mau sich im Jahre 1021 vorgestellt hätte, nicht mehr der Wirklichkeit der Lage entsprechen. Er fügte hinzu, daß die Besetzung des gesamten deutschen Gebietes außerhalb der im Versailler Vertrag festgesetzten Grenzen ein Ende mfy.iten sollte, sobald die deutschen Sicherheiten rmd Garantien wirksam gestaltet seien. Der britische Entwurf für eine gemeinsame Antwort der Alliierten an Deutschland anerkenne die Notwendigkeit, Deutschlarrds Verbindlichkeiten seiner Zahlungsfähigkeit a n z u p a s s e n, und sagt, daß die alliierten Regierungen geneigt seien, anzuuehmen, daß sich positive Vorteile aus einer Prüfung der Frage durch unparteiische Sachver. ständige unter Mitwirkung Amerikas ergeben könnten, voraus gesetzt, daß nichts unternommen würde, was mit den Bestim mungen des Versailler Vertrages unvereinbar wäre. Der Entwurf wirft der deutschen Regierung vor, den passiven Widerstand an der Ruhr 'mit voller Ueberlägnng organisiert zu haben, ubd rät ihr, ihre Ordonnanzen und Dekrete, die diese Form des Wider stand cs anvatcn, sofort zurückzuziehen und alle Me von Gewalttaten und Sabotage offen zu mißbilligen. Die Aufnahme in Paris. Paris, 13. August. (Tel. der „Melier Morgenzeitung".) Der entschieden^ Ton der englischen Note hat die französische Preise offensichtlich überrascht, und zwar insbesondere in bezug auf die Be str e it u n g d e r 2 c g al l t ät der R n hr aktion und auf die Anzeige, daß England als Re Parationen zumindest einen ebenso hohen Betrag erhalten will, als es selbst an Amerika schulde. Dadurch ist in der Tat die Frage der Kriegsschulden endgültig aufgerollt worden. Eine offiziöseNote sucht heute die juristischen Einwendungen Lord Curzous gege^ die Nuhraktion zu widerlegen. Der „T e m p s" erblickt in der Note einen Druck, der auf die europäischeil Nationen ausgeübt wird, dadurch, daß Deutschland durch die Alliierten kür die Ausbringung .der englischen Schuld an Amerika solidarisch haftbar gemacht incrbon soll. Letzten Endes könriman aber auch in der Note einen Druck auf dft Bereinigten Staaten erblicken. Die Note scheine in der Tat zu sagen, als Angelpunkt des Reparations- - Sie Aufnahme in Frankreich. daß alles geordnet werden könne, wenn die Vereinigten Staaten auf ihr englijches Gut- Hab e n v e r ch 1 e n wurden. Das „Journal de Dubais" erklärt dagegen, daß die Note Lord Curzons keinerlei Unterlage nr eine Einigung darstelle. Obwohl das Kommenar der englischen Zeitungen wenig ermutigend et, könne man doch nicht glauben, daß das e n g l i s ch e Volk eine solche ungerechte Politik genehmigen wird, wie sie m der Note zum Ausdruck kommt. Ern französisches Gelbbuch. Paris, 13. August. (Del. der W'encie Morgenzeitung".) Die Zeitungen teilen mit, faß fas-französische Gelbbuch morgen Dienstag veröffentlicht wird. Es wird mehr Dokumente enthalten als das englische Blaubuch. Der „Jntransigeant" teilt mit, faß PoiHcare auf die letzte englische Note in einer Rede antworten wird. Ae Ausnahme in Brüssel. Brüffel, 13. August. (Tel. der ,Mr. Morgenztg") In belgischen Regierungskreisen erklärt man, faß die englische Note wie eine kalte Dusche gewirkt habe. Besonders peinlich berührt es, faß der belgische Vorschlag auf Neuregelung der Prozentsätze an den Reparationen, wie sie m Spa vereinbart wurden, von England mit Stillschweigen umgangen wurden. Immerhin meint man, faß die englische Note die T ü r z u weiteren Verhandlungen nicht verschließe. „E t o i l e B e l g e" meint, daß die belgische und die französische Regierung sich damit begnügen werden, lediglich den Empfang der Noten zu bestätigen, ohm sich in eine Diskusiion mit England vor Zusammentritt der Parlantente einzulassen. „Der ,ßt> ir", das Organ der belgischen Regierung, veröffentlicht eine halbamtliche Note, in der erklärt wird, daß die englische Note hinsichtlich der Forderung an Reparationen uftd KriegSguthaben ein n e u e s E l e m e n t m dem bisherigen Stand der Reparationssvage farstelle und faß die Reparationsfrage infolgedessen einer neuerlichen Prüfung unterzogen werben müsse. Sesterreich. m In Salzburg hat Sonntag der nationalsozialistische Parteitag begonnen, zu dem außer nationalsozialistischen Abgeordnelen aus Deutschland, der Tschecho-Slowakei und Oesterreich auch Abordnungen von Sturmtruppen aus Bayern und Oesterreich erschienen sind. Aus Bayern sind unter Führung des Oberkommandanien der nationalsozialistischen Sturmabteilungen Deutschlands, Hauptmann G o e h r i n g, 70V bayrische Sturmtruppen »ach Salzburg gekommen. Durch chre einheitliche feldmarschmäßige Ausrüstung und durch ihr milit ärisches Auftreten fielen sie allgemein auf. Jede Kompagnie hatte ihre Fahne, Sanitätsabteilung, Radfahrerordonnanzen und Feldküche. Die bayrischen Sturmtruppen waren größtentells schon Samstag abends in Salzburg angekommen. Sie nächtigten in der A rtillerieka ferne. Aus Wien war ein Bataillon, aus O b e r ö st e r r e i ch ein Halbbataillon, aus den übrigen Alpenlä adern zusammen ein Bataillon gekommen. Insgesamt waren etwa 2500 Mann, zumeist junge Burschen, erschienen. Der Salzburger nationalsozialistische Landtagsabgeordnete Prodinger hielt die Eröffnungsrede, in der er die Jugend als Grundstock für die nenaufzustellenden Regimenter des neuen Deutschland begrüßte! War schon diese Rede bezeichnend für den Geist der „Fahnenweihe", so war Hauptmann Goehring noch beut licher, indem er erklärte, die deutschen Sturmtrupps seien bereit, mit entrollten Fahnen gegen den Rhein z u z ie.h en. Reich dieser Rede wurde die „Wacht am Rhein" und das nationalsozialistische „Sturmlied" gesungen, was die Erbaulichkeit der Versammlungsteilnehmer erhöhte. Dr. Riehl leistete sich dadurch eine Extratour, daß er Hakenkreuz und Edelweiß als unzertrennlich bezeichnete. Hitler aber, der Münchner Geschäftsführer der Herren vom Hakenkreuz, war nicht erschiene«, da er, wie gesagt wurde, „wegen der gespannte« Lage in München nicht abkömmlich sei". Ja, ja! Man hat es ja gelesen: Graf Reventlow, der Allzuvölkische, schreibt in der „Roten Fahne", R a d e k hält eine S ch a g e t t e r- Feier, schöne Seelen suchen und finden sich; di« Kommunisten suchen Anbiederung an die Herren Völkischen, wobei, wie es in den diesbezüglichen Instruktionen heißt, die alten Exzellenzen mit vollem Titel anzusprechen sind, während die Völkischen den Herren Bolschewiken mit voller Hochachtung eutgegenzukommen suchen. Daß heute, wo das Chaos in Deutschland seinen Höhepunkt erreicht hat und das Wasser tvüb genug geworden ist, um darin zn fischen, Herr Hitler von München „unabkömmlich" ist, leuchtet also wohl deutlich genug ein. a MP iKr ‘ «Mi» , ---------mnmmmmt Herr Schürff antwortet. In der Sitzung des Nationalrates vom 2. Juni stellt mehrere Abgeordnete an den Verkehrsminister eine Anfrage betreffend die llebergriffe eines Bahnbeamten i« Linz. Dreß Anfrage brachte folgenden Tatbestand vor: Eine .Reisegesellt schaft von deutschen Turnern hatte auf der Fahrt boi Wels nach Wien verschiedene, nicht zu ihrer Gesellschaß gehörende Reisende in grober Weise angestänkert. In Lich stellten die Hakenkreüzler an den diensthabenden Beamtet das Verlangen, ihnen einen eigenen Waggon zuzuweisen und dit nicht zu ihrer Gesellschaft gehörenden Reisenden aus dieses Waggon hinauszuweisen. Diesem Ansuchen kam der Beamt» nach, und als die Reisenden, die ihre Fahrkarten bezahlt hatten, seiner Aufforderung nicht Folge leisten wollten, lies er sie durch die Bahngendarmerie entfernen. Auf diese Anfrage hat der Minister für Verkehrswesen nun geantwortet. Aus dieser Antwort geht hervor, daß des Tatbestand im großen und ganzen dem in der Interpellation geschilderten entspricht. Tatsächlich haben die Turner eine» eigenen Waggon für sich verlangt und der Linzer Beamb hat das Verlangen, welches übrigens vom Welser Dienst» habenden bereits abgelehnt worden war, bereitwillig^ erfüllt. Angeblich zur Durchführung der genauen Fahr» kartenrevlsion. Hiebei scheint es tatsächlich zu einem Kon» flikt mit den Reisenden, die sich berechtigterweise von ihre^ Plätzen, die sie bezahlt hatten, nicht entfernen lassen wollten; gekommen zu sein, wobei der schneidige Beamte tatsächlich die Hilft der Bahnpolizei in Anspruch genommen hat In seiner Anfragebeantwortung fühlt sich der Herr Minister genötigt, festzustellen, daß es sich nicht um Hakenkreuz lerische, sondern um christlichsoziale Turner ge« handelt hat. Was natürlich an dem Tatbestand nicht dal mindeste ändert. Solche Vorfälle dürften übrigens, wenn sii sich öfter ereignen, außerordentlich zur Hebung des so fthw süchtig herbeigewünschten Fremdenverkehrs beitragen. llngaru. Ein wahres Dort. Der Justizminister über seine Kollege«. Budapest, 18. August. (Tel. der „Wr. Morge-NMtung"^ Das Montagblatt „A Reggel" behauptet, daß die Liste jene» Staatsbeamten, die von den Banken Gratisaktien en halten haben, mehrere Tausende von Namen enthalte darunter Vorsitzende der höheren Gerichtshöfe, Führer de» Bufapester Staatsanwaltschaft, Staatssekretäre und angesähr 100 Abgeordnete. Das Blatt macht auch die Mitteilung, fas Wg. Friedrich die vertrauliche Namensliste vom Justiz, minister Dr. Emil Nagy echo-lte» habe, obwohl dieser sich den Banken gegenüber chrenwörttlich zur Geheimhaltung der Daten verpflichtet hatte. Das Ziel dieser Beröffenilichnndes Justizministers sei der Sturz der Bechlen-Regierung Jvifrizmimster Dr. Emil Nagy beantwortete in den heutigen Abendblättern diese Mitteilungen mit einer dementierenden Erklärung, in der er unter anderem sagte: ,Hetzt hat sich einmal wieder bewiesen, wie richtig meine alte Auffassung ist daß in diesem Lande nur Verbrecher eini öffentliche Rolle spielen dürfen." Lie Anklage gegen die Migranten. Budapest, 18. August. (Tel. der „Wr. Movgenzoituug"-. Jwstizmimster Dr. Emil Nagh erklärte, daß er. vo« der AnNageschrift gegen die ungarischen Emigranten amt« lich keine Kenntnis gehabt habe. Cr habe daher Verfügungen getroffen, daß Hm die Anklageschrift vorge-legt werde. Die Staatsanwalltschaift hat dieser Aufforderung des Justiz Ministers heute Folge geleistet. Dr. Nagh konferierte üibödie Angelegenheit mit dem Ministerpräsidenten. Er erklärte sodann, faß er besonders gegen die außenpolitische^ Ausführungen der -Anklageschrist Einwendungen habe» und daß der Ministerpräsidervt sich seine Einwendungen zq eigen gemacht halbe. Er werde daher die ganze Anklageschrift umarbeiten. Die außenpolitischen Ausführungen der An«> klageschrift beziehen sich auf die kleiue Cnte.ntc Di- Staatsanwaltschaft beschuldig nänulich di« Führer der ungairischen Emigration, daß diese mit moMischer und materielle» U«terstützng der kleinen Entente die ungar'schr Regierung zu stürzen gedachten und die Besetzung -eS Landes durch die kleine Entente vovbereitet-en. Di^ft hauptAngen sind natürlich jetzt, umnitteBar vor der Enrsch^ dur«g über die ungarische Ausländsanleihe, deren Gewährung hauptsächlich von der Keinen Entente abhängig ist, unzeitgemäß. Zugoflawien. Wo ist Radirt Bon den eigenen Parteigenosse« in Sicherheit gebracht). Agram, 13. August. Wie der „Jutarnji List" aus Kreffen der kroatischem Bauernpartei erfährt, befindet sich R a Ä i c auf j u g o s l a w i s ch e m Gebiete. Alle Gerüchte über seine „Flucht ins Ausland" seien erdichtet. Auf Verlangen seiner Parteimitglieder habe sich Radic an einen sicheren Ort begeben, wie er das bereits einmal, zur Zeit des Bonus Tomasie, getan hat. Von der Entwicklung der politischen Situation werde es abhängen, ob sich Radic gezwungen sehen werde, sich nach.dem A u s l a n d e zu begebem Die Ursache der augenblicklichen Geheimhaltung seines Aufenthaltsortes in der letzten Zeit sei die Tatsache, daß gegen Radic Attentate durch solche Elemente geplant wurden, denen gtzgennfar Radic wehrlos ist. l