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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-12 · Heft 1616 (12.8.1923) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1616 (12.8.1923)
Date
1923-08-12
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 161(3_ Wien, .Somttag__ Tagesbericht. Gedenkrede kür Alexander Marmorek Im folgenden veröffeMichei: Mir die GedeEvede, ivelche Jean. Uifch'vr. Antwerpen, em intimer Freund Alexander MnrlmovÄs, Ms «der Weiten SltziuM des KaÄLbnldrr Kongresses hielt. Geährter Kongreß Wir fühlen heute über Ms den Schotten, den Schutz zweier großer Tote::. Unseren Meister Morttem hat gestern abends bereits nwin Fvountd CÄwen 'in groß angelegter Gedächtnisrede getviütrdigt. Unser Präsident, H-err Sokolow, hot iit treffenden Worten Alexcwder Marmorek geschildert. Seine Worte kamen ans dem Herzen und gingen uns allen zn Herzen. Wenn ich Sie dennoch bitte, mir noch einige Worte der Trauer zu gestatten, so geschieht es nur, weil ich zu den beiden Toten in besonders engen:, freundschaftlichen: Verhältnis gestanden habe. U-eber die machtvolle Erscheinung Nordaus will ich nicht mehr sprechen. Der tote Nordcm wird uns stets eine Lebendige Macht bleiben. Nur über unseren großen, lielben Marmorek will ich einige Worte sagen. Alexander Marmorek war eine sehr komplizierte Natur. Gleich Herzl und Nordau war er bereits vor seinem Eintritt in die zionistische Bewegung ein Mann von Weltruf, von erstem, wissenschaftlichem Rang. Sein Kampf um seine medizinischen Entdeckungen übersteigt die < Grenze des Gewöhnlichen; es war ein heroischer Kampf, den er, ungeheueren Schwierigkeiten zum Trotz, durchgeführt hat. Sein Wirken in der Medizin ist auch nicht mit seinem Tode zu Ende. Er war nicht bloß einer der bedeutendsten Bakteriologen unserer, Zeit, er war auch ein sehr großer Arzt. Während des Krieges stand Marmorek in Ungarn an der Spitze eines Spitals für Infektionskrankheiten, Tausenden von Menschen aller Nationen hat er das Leben gerettet oder die Leiden gelindert. Ein tragisches Geschick hat ihn, der so erfolgreich Krankheit mcd Tod ibEmpft hatte, in der Vollkraft feines Lebens hinweggerafft. Marmorek war eine Ausnahmsnatur, ein gottbegnadeter flammender Geist. Seine Herzensgute, seine Opserfreudigkeit Md selbstlose Freundschaft suchen ihresgleichen. Er war ein lauterer, ganzer Charakter, ohne Riß, hart wie Stahl, unbeugsam bis zur Starrheit und zugleich von seltener Wärme und Weichheit und einem beinahe Eiudlichen Gemüt. Sem inniges Freundschaftsverhältnis zu Nordau war so -rührend, daß man es mit dem Verhältnis zwischen Jonathan und David vergleichen kann. Gr 'hatte viele ergebene F-veunde, aber er hatte auch viele Gegner. Ich will am offenen Grabe keine Wunde aufveißen, aber es wäre ein falsches Bild von seinem Leiben, wenn man Wse Tatsache verschweigen wollte. Seme intpulsive Art brachte chm viele Goguevschasten ein. Aber auch er konnte e!m scharfer GsM-er sem. Er hat viel gelrM, aber er konnte auch besonders aggveWv sein. Sie kennen seinen Kampf im Zionismus, fein unentwegtes Festhalten an der: Herzlichen Theorien, feine Auffassung, daß man an diesen Grundfesten nicht Mteln dürfe, ohne das ganze Gebäude /ins Wanken zu bringen. Marmorek war der Typus der Mischen CharaktersöstWüt, die uns durch Jahrtausende erhalten hat. Es ist schwer, von einenr solchen Freunde zu Weiden, sich an dm Gedanken zu gewöhnen, daß er tot ist. Mit Schnurz urid Anhänglichkeit werden seine Anhänger streifen, und mag die griechische Kavltur immer wieder anlocken dmch die Zanberuracht der ihre marinvMen Schöpfungen adeln-. «den Harmonie: ihre Wirkungskraft kann sich mit der des jüdischen Geistes nicht messen." DaZ will der Verfasser in seinen werteren Ausführungen, für die er drei Künde in Aussicht genommer: hat, erweisen. Es scheint mir ziemlich unerheblich, ob man alle:: EinzechMen in den Prämissen und Ergebnissen des Buches zustimmt. Selbst wem: man, wie Schreiber dieser Zeilen, dies nicht vermag, so wird marr doch rückhaltlos zngestchen müssen, daß wir es mit einem großartigen Versuch zu tun haben, ans dem Wege der sozialpsychologischen Methode eirr bisher ungelöstes Problem zu meistens Wir glauben freilich nicht, daß das Wesen der jüdischer: Kultur in seiner Totalität von dem Verfasser erkannt ist, wiewohl er darüber mitunter Dinge von einem Tiessinn und einer aüfklärendelr Erkenntnis zu sagen weiß, an die wohl vieles von Juden Gesagte schwerlich heranveicht. Daß der Verfasser drrrchaus wissenschaftlich eingestellt ist und sich von konventionellen Parteiurteilen freihält, darf ihm angesichts des heiklen, denr Gezanke so vielfach ausgesetzten Thernas, besonders hoch angerechnet werden. Umso grotesker wirkt cs, wenn das Organ der Berliner jüdischen Liberalen, die jüdisch-liberale Zeitung", diese wissenschaftliche Arbeit fiir ihre Asfimilationsideologie auszrmutzen sucht und in-einem Reklameariikel „Jüdische Kultur ist religiöse Kultur" Mückle als Kronzeugen anruft. Das; das, was der Verfasser über jüdische Kultur und vor allen: über ihre Wirkungen sagt, weit über den religiösen Rahmen (wenigster: iu dem Sinne, den das Blättchen hier zu unterstellen scheint) hinausgeht, ist der Umsicht des Artikelschreibers, der wohl nur die letzten Seiten des Buches gelesen hat, entgangen.. Gewiß kann mau sagen, jüdische Kultur ist .. religiöse Kultur. Aber diese Kultur war doch etwas anders geartet, als der Begriff Religio;: in: landläufigen Sinne deckt. Sie war sehr, sehr weltlich und unterlag in: Laufe der geschichtlichen Entwicklung einer fortlaufend sich steigernden Säkularisierung. Und die seit mehr beim einem Jahrhundert aus diesem gewiß religiösen Boden erwachsenen Keime einer neuen Kultur sind, so gering nran ihre Bedeutung auch veranschlagen will, nichts weniger als rieligiös. Um dies auszufi'chrcn, müßte man! eine Ergänzung des Atucklcschen Werkes schreiben, die freilich! den Rahmen feines Themas sprengen würde. v* . .SeaHn-tzalensee. . Josef ' Wiener Mve-enzeitung. 12. August 1923 Seite und Freunde dieses Mannes gedeicken. Wir sind ärmer geworden. Rur das Bewußtsein, daß unser Volk solche Sohne hevvorbringt, ist uns ein Trost, ein schwacher Trost für uns Näherstcheiide. Die Erinnerung an Alexander Marmoreks Gestalt tvird sin Leitstern der Hoffnung bleiben fiir alle nufere konWönden Generationen. Ir. Lslar Kassel gestorben. Wie ans Berlin gemeldet tvird, ist dort der bekarmte liberale Politiker, Geheimer Justizrat Dr. Oskar Cassel, nach langer Krankheit in: Alter von 71 Jahren gestorben. Dr. Cassel war Ehrenbürger und langjähriger Stadtverordneter Berlins. Er war lange Jahre Vorstandsmitglied des Ver-bantdes der deutschen Juden und auch Mitglied des Hi-lssvereins der deutschen Juden. Erst vor kurzem wurde einer Berliner Realschule der Name Oskar Eajftl-Realschnle gegeben. Ae Gesellschaft zur Erforschung jüdischer KunftdeukmAer i» Frankfurt am Mai«. Aur Ende des 19. Jahrhunderts erwachte das Interesse anr jüdischen Eigenleben wieder und im Zuge dieser Entwicklung faß auch der Wunsch, die (durch die Assimilationsepoche) unterbrochene jüdische Kunsttradition von neuem ausileben zu lassen. — Bis zum Anfang dieses Jahrhunderts hatte die aus der klassizistischen Schule Goethes und Winkelmanns hervorgegangene Ansicht noch Geltung, daß man durch Kopie alter Vorbilder hervorragende Kunstwerke schassen könne. Dieser Ueberzeugung und dem Wunsche, das Knnsthandwerk zu heben, folgte marr, als man in Knnstgewerbebibliotheken und -Museen Wbildungen und Originale alter Kunstdenkmäler sammelte. — Im Sinne dieser Kunstförderung suchte die Gesellschaft zur Erforschung jüdischer Kunstdenkmäler zu wirken. lieber ihre Entstehung berichtete Frauberger auf der ersten Hauptversammlung 1903 wie folgt: „Am 1. Dezember 1895 machte ich die Wahrnehmung, daß die Borbilderfammlungen von Kunstgewerbemuseen versagen, wenn Mister alter, jüdischer Kimstwerke begehrt werden, und faßte den Plan, diesem Mangel abzuhelsen. Am 5. Jänner 1896 erhielt ich auf meine Bitte von Herrn .Hallgarten einen Betrag, um Vorstudien zu machen. Am 17. Jänner 1897 legte ich ihm und einen: Kreise von Interessenten das gewonnene Material vor; - es wurde ein Komitee zur Gründung einer Gesellschaft gebildet. Die Gesellschaft selbst trat gelegentlich der erster: Publikation mit einem Statut in: Herbst 1900 auf und erhielt in: Jahre 1901 juristische Rechte durch Eintragung in -das Vereinsregrster." ' Wie schwer es damals noch war, Abbildungen zu beschaffen, geht aus den weiteren Ausführungen Fraubergers, des verdienstvollen wisserrschastlichen Leiters der' Gesellschaft, hervor. „Ich hatte gehofft, daß ein paar Briefe an die großen Pho tographiegeschäste in Deutschland, Oesterreich, Italien, Frankreich und England die Gesellschaft mit einenr Schlage in den Besitz einer großen Sammlung von Wbildungen alter Synagogen und Kultusgeräten bringen würden. Allein, anstatt der erhofften Pakete, empfing ich bloß einzelne Blätter." Auch von den Bearbeitern der altchristlichen, der romanischen, der gothischen und der späteren Kunstdenkmäler war kein jüdisches Material zu erhalten. Den Herstellungen von Neuaufnahmen stellten sich große Schwierigkeiten entgegen, von denen Frauberger sagte: „Ich hatte gehofft, daß es mit bescheidenen Mitteln gelingen würde, photographische Aufnahmen der alten Synagogen Herstellen zu lassen, mußte aber gar bald erfahren, daß diese, zumeist weitab vom Verkehr, oft Tagereisen weit von einer Eisenbahnstation entfernt liegen, in Gegenden, wo lveit und breit kein Photograph zu finden ist, oder doch kein solcher, der es versteht und im Besitze der erforder- ■ liehen Apparate ist, um in den wenig erleuchteten Syna- UND ER J AUCH SEINE ANHÄNGER GEBRAUCHTEN_ sS,w«£aeNöBS* N C^***«& Qologne flOflcu brauchbare Aufnahmen herzustellen. Ich hatte mich verrechnet in bezug auf die künstlerischen Vorkenntnisse derjenigen, die, durch ineine Absichten begeistert, bereit waren, Ausnahmen machet: zu lassen. Ich erwartete Abbildungei: alter Kunstwerke und empfing unverwendbare, kunstlose, späte Werke in Abbildungen. Sammlungen jüdischer Kunstdenkmäler gab es nur wenige und diese waren sehr zerstreut in kleinen Abteilungen der größten Museen und bei einzelnen größeren Gemeinden untevgebracht. Was Frauberger auf den .Hauptversammlungen der Gesellschaft 1903, 1904, 1905 sagte, gilt auch heute noch mit kleinen Einschränkungen. Wohl mit beeinflußt durch die Existenz unserer Gesellschaft, sind an verschiedenen Plätzen kleinere Sammlungen entstanden. In Paris ist die Sammlung Strauß in einem Raume des Aöusee Cluny ausbewahrt. In London, wo seinerzeit die Anglo Jewish Historioal Exhibition stattfand, haben die beiden führenden Museen schöne Knltusgegenstände aus der Rennaissancezeit; insbesmwere prächtige Ringe aus^ Silber, Gold mit Schmelz in Filigran und mit sauberster Ziselierung. Das Museum in Washington hat einen illustrierten Katalog seiner meist aus sephardischen Stricken bestehenden jüdischen Sammlung herausgegeben. In Prag sind im Museum des Gemeindehauses eine Reihe jüdischer Kultusgegenstände ausge-. stellt. In Wien ist das Museum der Gesellschaft zur Konservierung jüdischer Altertümer in mehreren Räumen untergebracht, einer ist in eine ländliche, jüdische Bürgerstube aus der Biedermeierzeit umgewandelt. In den übrigen Zimmern sind Knltusgegenstände aus' älterer Zeit ausgestellt und alte Kupferstiche von Kultusbauten, jüdischen Friedhöfen und Porträts be-> rühntter Rabbiner. Eine Reihe geeigneter Kuiltusgegen-. stände befindet sich wohl geordnet in der Synagoge in' Worms; in einem Raum in der Synagoge zu Braunschweig ist ein Grundstock fiir eine lokale Sammlung> dieser Art. Der Besitz des um die Geschichte jüdischer Künstler hochverdienten Dresdner Rentners Wert: Wolfs ist in der Berliner GemeindebMiothek zur Aus-, stellung gekommen. Die Stiftung des verstorbenen! Philanthropen F. D. Mocatta in London ist der Anglo: Jewish Historical Society znr Gründung des Mocatta-' Museuins and Library übergeben wovdsn. Der um die Erforschung jüdischer Knnstdenkinäler verdiente Matthias Versöhn hat'seine wertvolle:: jüdischen Kultusgegenstände der Synagoge zu Warschau und Herr Grel-i dzinsky hat seine mehr als 80 Nummern enthaltende' Sanunlung der Synagoge zu Danzig zur dauernden. Aufbewahrung überwiesen. Das historische Museum in Frankfurt (die Gegenstände sind jetzt im Museum jüdischer Attertümer untevgebracht) und das Bayrische' Nättonalmujseum in München enthalten ein paar Schränke ntit alten jüdischen Gegenständen. Einzelne schöne Stiicke besitzt das Hamburgische Museum für Kunst und Gewerbe und ebenso fast jedes Museum den emey oder den anderen jüdischen Gegenstand. Besonders, hervorzuheben ist das LuitPoldMnsemn in Würzburg,, das neben ein paar Schränken mit jüdischen Altertümern der ansgemalten Holzsynagoge aus Kirchheim Unterkunft gewährt. Diese und verschiedene andere auf die Erhalttmg jüdischer Altertümer gerichtete Schrittes sind mit der Propaganda in Zusammenhang zu brin-' gen, die die Gesellschaft und besonders-ihr Leiter ge-! inacht haben. Es ist wohl mcht unberechtigt, diesen das BeMenst zuzusprechen, daß man sich nnt größerem. Eifer der SanurEung und Erhaltung jüdischer Knnstdenkmäler zuwendet. Illustrierte Handschriften besitzen das Britische Atuseun: in London, die NationalbiMothek in Paris, die Boolaiane Library in Oxford, die Rossiana in Wien/ die Staatsbibliotheken in Berlin und Dkünchen und die ' Stadtbibliotheken in Frankfurt a. M. und Hamburg. . Photographische Ausnahmen aus den Beständen dieser Institute gemacht und damit das Interesse und das' Verständnis für de:: Bilderschmuck hebräischer Handschriften gefördert zu haben ist das unbestreitbare Ver-. dienst der Gesellschaft zur Erforschung' Mischer Kunstdenkmäler. Neben dem Sarnmeln von Abbildungen wurde das Sammeln vor: Gegenständen und Büchern, so weit es die bescheidenen Müel erlaubten, estrig betrieben. Die Eröffnung eines eignen Museums war der Gesellschaft nicht möglich, weil sie keine passenden Räumet fand. Verschiedentlich stellte sie Einzelobjekte bei Ausstellungen aus und 1906 konnte aus der dritten deutschen Kunstgewerbeausstellung einmal ein ganzer Raum gezeigt werden. Eine eigene Ausstellung erfolgte? 1908 in: Kunstgewerbemuseum zu Düsseldorf, wo die wertvollen Bestände bis dahin nntergebracht waren i und wo sie bis znr Eröffnung des Jüdischen Museums in Frankfurt bleiben mußten. Anfänglich bestand die Absicht, den ganzen Besitz im historischen Ncuseum zu Frankfurt auszustellen und dasiir entsprechende Räume in dem damals geplanten großen Erweiterungsbau zu schaffen. Die durch den Krieg veränderten Zeitumstände machten den Plan zunichte. And es war mit Freuden I zu begrüßen, daß sich endlich der Sannnlnng ein würdiges Unterkommen in den: ehemaligen Geschäftshauses [ der v. Rothschrldschen Familie — dem jetzigen jüdischen Gemeindehaus — bot. In den Nebenränmen der früheren Privatooinptoire ist die Samnüuug, bereichert um die bisher im historischen Museum befindlichen jiidischen Kunstdensinäler (die von: Magistrat als Leihgabe über^ lassen wurden), von Herrn Pros. Dr. Bernard Müller ansgestellt worder:. Einer: Teil des Attstemns bilden die Privatconiptoire selber, die stffttlngsgemäß in ihrer

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