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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-11 · Heft 1615 (11.8.1923) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1615 (11.8.1923)
Date
1923-08-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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ftt. 1615 _Wtzn, Samstvy Jugoslawien. Rabic in Agram. Belgrad, 10. August. (Tschecho-sloiv.PreßLnr.) Nach Agramer Meldungen hat sich Na die einige Tage a:tf seinen! Äandgute aufgchalten und ist gestern. nach dlgram znriickqe kehrt. Zugoslawien laust die Südbahulinien? Aus» Belgrad wird gemeldet: Finanzmrnvstsr Doktor Stojadinovic ist nach Zagreb ab-gereist. Seine Reise wird mit der Frage des Ankaufes der Südbahnlinien in Zusammenhang gebracht, der auf Grund der in Rom abgeschlosjenen Konvention im Laufe d-rs Monats Oktober dieses Jahres durchgiefnhrt sein muß. Dr. Stojadinovic beabsi5/!:gr, wie verlautet, diese Frage so zu regeln, daß durch den Uabergang der Südbahn in die Hände des Staates die Aktionäre . der Südbahngescllschaft nicht benachteiligt werden. Polen. Die Koalition. Marschau, 10. August. (Del. d ^Wiener MorgenizelAng"). Di- Anfnahiw.' der Nationaldemvkraten in die Koalitimi, für welche als Preis fast sämtliche sogenannten „fetten" Posten den Angehörigen dieser Partei ausgelräfert werden mußten, Hai innerhalb kurzer Zeit bereits in der eigenen Gruppierung der Regievu-t-gsparteien schwere Enttäuschung bevÄtet. Es hat sich — was allerdings voransAufchen war — gegeigt, daß di-e mit der Uabevnalhnfc dieser Posten verbundene Pfliicht einer ordentlichen Verwaltung von den naticmaldemokrai'ilsch'LN Chauvinisten so mangelhaft erfüllt tvnrde, daß die Sidnavi-on Polens heute wcht schwierig geworden ist. Es mchren sich daher in Regiernngskreisen die Stimmen, welche auf durchgreifende AandeüMdgen dringen. Dem BeAvcldwe nahestehende Kreise wollen erfahren haben, daß der Staatspräsident Woje r cchowski bereits ernMch den Gedanken Lines völligen Regierungswechsels verrtilirere. Aus parbalmenidavifchen Kreisen Lammt die Mitteiilung, der Miimlsterchräisi'dent Witos und der Ssjmmarschall R a t a j hätten Derhauldliimgen mit den Führern der Oppositionsparteien begonnen. Ob diese auf eine neue KoMtion des Zrentrums mit den Linksparteien oder auf eine Koalition aller Polnischen Parteieu, von den NationaDemokraten bis zu den SoziaDdemükvalen, ab- Kiellen, ist noch nicht Aar. Wer es kann mit einiger Sicherheit angenommen werden, daß die gegenwärtige Koalition wohl nur noch eine Gnadenfrist bis zur Herbstfessivn des Slchms halben durfte. M AnleiheMifför. Warschau, 10. Augiust. (Tel. d. ,Memr Morgenzeitnrg".) Der ncstionatdemoikvatische Senator Hameriling, jener jüdische Täufling, über dessen Tätigkeit böi der Zusuimnew schweißung der gegenwärtigen R-egierungskoalitivn Ihr Korrespondent schon früher berichtet hat, ist soeiben mit einen! Diplomatenpaß nach den Bevem-iigten Staaten abgeroist. Da die Ausstellung' von Diplomatenpässen cm Deputierte und Senatoren, die nicht im RogiermlgsaustL-L'ge ins Ausland reisen, seit einiger Zeit eir.gestellt wurde, wird angenommen, daß Hamerling in offizieller Mission reist. Die Korrespondenz BarsMa will nun erfahren haben, daß Hamerbing als Emissär für die Erlangung einer amorika nischen Anleihe entsendet wurde. (Die Nationalldemokraten haben schon öfters solche Anleihe-Emissäre gestellt, da sie behaupten, ihre Partsilleute hätten die richtigen BeMMmgen in AmeMa zur Erlangung einer Anleihe. Bisher sind diese Berlfuche ohne Ergebnis gebliöben. Bei der Entsendung des Täuflings rechnen die NationMemokraten wohl ntit seinen „internationrlMdischen Beziehungen", gegen welche sie immer loszichen. Einen Erfolg würden sie lvohl auf ihr eigenes Konto buchen; im anderen Falle gibt es wieder Hetzstaff gegen die Juden.) Die Brodher „Kloster"-Affare. Aus L'embierg wird uns öevichte-t: In Angelegenheit der gewaltsamen Bchetzwng eines großen jüdischen Gelbäudckomplexes durch Handlanger der Rozwoj-Organisation, Mit der Motivierung, daß sich dort einst ein. Kloster befunden halbe, traf gestern efe Deputation aus Brody in Lemberg ein, die sich an die jüdischen Mgeordneten mit der Bitte wandte, in dieser Sache Bei den Zentralbehörden neuerlich zu intervenieren. (Me wir berichteten, nracheu die Brodyer RoAvoj-Lente alle Anstrengungen, um das Haus gewaltsam zu expropriieren, so daß eine jüdische Wache Tag und Nacht auf dem Posten sein Miß.) Litauen. Me Wahlen für die Wische Nationalversammlung in Litauen. Kowno, 9. August. (I. C. B.) Die Wahlen für die j üdische Nationalversammlung Litauens sind für den 2 7. und 26. September d. I. ausgeschrieben worden. Ganz Litauen bildet einen Wählikreis und die einzelnen Parteien werden mit eigenen Kandidatenlisten austreten. Es wird erwartet, daß zehn verschiedene Sifte.it ei,«gereicht werden. Die Nationalverfamntlung wird aus 8 9 M i tglied ern bestehen. > , Memel soll litauisch werde». Paris, 9. August, (Havas.) Die Botschaftevkonlfereuz hat ser litauischen Regierung den Entwurf eines Abkommens übermittelt, durch das die Souveränität über Memel Litauen übertragen wird. Die litauische Regierung soll binnen einen! Monat äußern, ob sie bevsit fei, das Aibkalumen zu untergoichnen. Wiener Morgenzeitung. 11. August 1923 Seite 5 Heute 5 TThr nachmittags des ZSvöffnuns Grand-Cafe Stadt Wien II„ Taborstrasse 8 (nächst der ehemaligen Ferdinandsbrücke) Telephon 43-4-94 Cafe ersten Ranges Cafe ersten Ranges Elegante Ausstattung Erstklassige Spelten und Getränke Täglich ab halb 9 IJhr abends. Konzert der ehemaligen Deutschmeisterkapelle unter persönlicher Leitung des Kapellmeisters Max Geissler Der Ertrag des Eröffnungstages fliesst den Armen des II. Bezirkes zu Heute bis 3 Uhrfrüh! Kommerzialrat Ludwig Hraby Ungarn. Der Sturm auf Gratisaktien. Budapest, 10. August. (Tel. der „Wr. Movgenzeitnng".) In der Nationalversam mlu ng brachte heute Stephan F r t t drich die Angelegenheit der Gratisaktien für einige Politiker des gegenwärtigen Kurses zu Sprache und machte die einigermaßen sensationelle Mitteilung, daß 65 Abgeordnete, damnter auch Mitglieder des Kabinetts, ferner die Frau, des Ministerpräsidenten, hohe Staatsbeamte, unter anderen de-rOberstaatsanwalt und der Polirzeirat Andreka, die beide mit der Führung der Untersuchung 'n der Bestech-nngsaffare der Großbanken beauftragt waren, von diesen Banken G r a t i s a k i i c n itt gwßm Mengen erhalten hatten. Die Sitzung verlief sehr stürmisch, und in einer wichtigen Frage wurde die Regierung von Mitgliedern der eigenen Partei und von den Kleinen Landwirten im Stiche gelassen. Der Justizminister ließ unter den Abgeordneten einen Bericht verteilen, in dem er die der Regierung so peinliche Arvg-elsgercheit der GraÜSMien schilderte und motivievle, waMm er nicht gegen den Beschluß des Untevsuchungstichbers. das Verfahren emzustellen, am Veto eingelegt hätte. Als Abgeordneter Friedrich diesen Bericht verlesen wollte» erhob die RegierumgApart-sr lärmenden Protest. Friedrich appellierte an das Haus und in der Abstimmung stimmte die Partei der Kleinen Landwirte zusammen mit anderen Mitgli-edern der Regierungspartei mit der Opposition gegen die Regierung; dadurch wurde die Vorlesung unter großem Jubel der Opposition ermöglicht. Der 'Bericht stellt fest, daß die erwähnten 66 Abgeordneten nicht «m Gratisaktien anHenommen, sondern um solche die BanLen sogar stürmisch an ge s u cht - haben. Von fei-t er^-..so^ IustizministerZ — war von einer Bestechungsabstcht kerne Rede, im Gegenteil, die Politiker und die betresfMden Staatsbeamten waren es, die ura jeden Preis sich Grabisaktien verschaffen, wollten. Unter den von Friedrich verlesenen Namen befindet sich der Minister des Innern Rakovszky (Zwischenruf d's Abg. B i r o: Der Mini-ster des Innern mit feiner Familie'st ein alter Klient der Kommerzialbank!), Polizeivat Andreka. der die Untersuchung gegen die Banken führte, hat a ch th u n d e r't Gratisaktien, Oberstaatsanwalt Dr. P o lau y i 25 Gratisaktien erhalten. (Zwischenruf des Mg, Rupert: Wenn, ein Wachmann eine Zigarre annimmt, so wird er suspendiert und eingesperrtl) Abg. Stephan Friedrich verlangte die Entfendung einer parlamentarischen Kommission oder die Verhandlung der skandaWfen Angelegenheit im Plenum. Justizminister Dr. Emil Nagy und Ministerpräfidellt Graf Bethlen sprachen sich gegen den Antrag aus. Die. Mehrheit lehnte den Antrag des Mg. Friedrich ab. Hieraus ergriff JustiMimster Nagh das Wort und erklärte, sämtliche Behauptungen Friedrichs seien irrtümlich, weil von den genannten Herren keiner mit der betreffenden Bank in Verbindung stehe. Was die Angelegenheit des Ministers des Innern betreffe, so habe er dessen materielle Lage . ohne sein Wissen untersullsi und festgestellt, daß die materiellen Angelegenheiten des Ministers des Innern von seinem Bruder versehen werde. Tie Familie Rakovszkys sei seit 10 Jahren Ment der betresfeüden Bank, die ihm ohne vorheriges Befragen Aktien zuteiltc. Ministerpräsident Graf Bethlen ersucht den Abgeordneten Friedrich, ihnr offen zu antworten, ob er die 'Abgeordneten und öffentlichen Angestellten der Bestechung beschuldige. Mg. Friedrich: Ich habe nie gesagt, daß sie bestocherr wurden. Ministerpräsident Graf Bethlen: Es ist zu ersehen, daß es sich hier nur um Politik handelt. Ter Miliister des Innern kann nnt seinem Privaivermögerr tun, was er will. Mari könne weder von einem Minister noch von einem Abgeordneten ver-. langen, daß er sein Geld ans Sparbücher einlege, wo das Geld täglich an Wert verliert. Nachdem noch mehrere Redmer gesprochen hatten, erklärte der Minister des Innern R a k o v s z k y, er müsse sestftellen, daß er sofort nach seiner Ernennung zum Minister des Innern die Verwaltung seines Vermögens feinem Bruder anvertraut habe. Seit seinem Amtsantritt sei er in keircer Verbindung mit irgendeiner Bank gewesen. Der Antrag des Abg. Friedrich, die Aktieuaffäre auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung zu setzen, wurde mit großer Mehrheit ab ge lehnt. Der Mammenschluß der Rasseuschlltzler. Aus Budapest wivd mrs berichtet: Julius G-ömbä-s ist trotz dN MchuuM. die er sin ersten Moment: nach seinem Austvrtt aus der Regierungspartei bei denen gefunden hat, die er für Gleichgesinnte hielt, nicht müde geworden, eine starke, rechtsradikale Opposition aus der Reihe der gegenwärtigen Mitglieder der Bereinigten ° Regierungspartei zu schaffen. So klopfte er auch beim Grafen Julius Andrassy an, von dem er nach seiner politischen Haltung in den letzten zwei Jahren mit R-echt voranssehen durfte, daß er in bezng auf den Rasienschutz und die Judenfeindl i ch k e i t sein Gesinnun-gsgenosse sei. Andrassy zögert vorläufig noch, Werl ihn seine logitimistische Auffassung daran hindert, mit Gömbös, der beim letzten karlistischen Putsch brr Budaors auf den König schießen ließ, eine gemeinsame. Partei zu gründen. Dasselbe Hindernis besteht auch fiir Stephan RakovSzky, der sich mit den rassenstürzlerischen Tendenzen des Gömbös noch abftnden könnte, aber wegen des Gegen- ' satzes in der Konigsfrage sich vorläufig durch ein Zusammengehen mit Gömbös nicht kompromittieren will. Selbst Stephan Friedrich verhält sich noch schr zögernd, und sogar der Führer der Budapester antisenntischen Rathau spartet, Wolf f, der in allen politischen Fragen mit Gömbös' eines Sinnes ist, wagt es noch nicht, mit der Regierung offen zu brechen, weil er damit riskieren würde, daß seine Benrühungen, die Mandats- Lauer des gegenwärtigen Gemeinderates zu verlängern, scheitern könnten. Daher ist die Gömbös-Gruppe genötigt, ihr Augenmerk hauptsächlich auf die Unzufriedenen unter den kleinen Landwirten zu richten, deren Anschluß sie schon in den letzten Tagen, jedoch vergeblich,- erwartet hat. Um ans diese einzuwirken, beabsichtigt Julius Gömbös, in einer der nächsten Sitzungen die Forderung zu stellen, die Nationalversammlung möge noch vor den Sommerferien die Novelle zur Bodenreform in Beratung ziehen. Sollte dieser Wunsch erfüllt oder ihm durch einen Jnitrativschritt der Regierung zuvorgekommen werden, so wird Gömbös und sein vorläufig .noch kleiner Anhangs mit den radikalsten- Forderungen zugMsten der kleinen Landwirte der Regierring Verlegenheiten . zu bereiten suchen. Tagesbericht. Grober Brauin ziorrow. Aus Lemberg wird uns berichtet: In der Nacht vom Freitag ans Samstag brach im jüdischen Viertel in Zloczpw ein Brand aus, der sich rasch verbreibete und z ehn Häuser einäscher t e. - Er währte bis Samstag .früh Etwa 50 jüdische Familien sind obdachlos. Todesopfer sind nicht gu beklagen; der Materialschaden ist ungeheuer. Bemerkl maß werden, daß die alarmierte Ortsfeu-erwehr wenig Energie: dareinsetzte, des Brandes Herr zu werden. Telephonisch wurden die Feuerwehren der benachbarten Städtchen L n t n r o w und S ie r adz berufen; der Umsicht des Kommandanten der Feuer-, wehr von-Sieradz ist es auch zu verdanken, daß der Brand sich' nicht,.wie kürzliä) erst in Rawaruska, über das ganze BieriÄ ansdehntk. Der Umstand, daß das Feiner mitten in der SaLllat-- nacht im Mischen Viertel ansbrach, spricht dafür, daß der Brand von fr'entder Hand gelegt wurde. Wenn man de« denkt, daß die ganze Bevölkerung der Gegend durch den Vikar des ganz nahe bei Zloozo.lv gelegenenett Ortes LuLutow zu Uniaieit gegen die Juden aufgeyetzt wurde, so ist der Schließ näheliegelld, daß dieser Brand auch eine Folge der Judenhetze ist. - Französische Wauvknifte«. Pnris, 10. August. (Wolfs.) Nach einer Meldung bes „M a t i n" haben die französischen und belgischen Gesellschaften der Augenärzte es ablehnt, an detn von der englischen Gesellschaft für 1925 nach London einberufe'neniilternationalen Kongreß der 2lngenärzte tdO zuriehmen, weil auch die deutschen Aerzte nach dem Beschluß der letzteit Washingtoner Konferenzvon 1922 an dem Kongreß teilnehmen und die deutsche Sprache als eine der offiziellen Sprachen des Kongresses anerkannt werben soll. Die Einberufung des Kongresses ist deshalb vertagt wordcil. '• * Fraue» in der Politik. Edith Lyttelton ist zunt Ersatzdelegier teil Englands für die bevorstehende V ö l k e r b u n d v e r s a mnrlung ernannt worden. Sie ist die zweite Frau in Euglartd, die diesen Posten bekleidet. Im vorigen Jahre gehörte Frau C o o nt b e - T e n n a n t der britischen Abordnung an. In der Frauenbewegung ihres Landes ist Frau Edith Lhttelton sehr bekannt. Sie ist die Witwe nach .Alfred Lhttelton, dem früheren Kolonialminister. Seit 1917. ist sie Vizedirektor der Fraueiiabteilung im Ackerbauministerinm, in dem sie gleichzeitig die nationale Bereinigung von Fraueninstitutionen. vertritt.;

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