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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-11 · Heft 1615 (11.8.1923) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1615 (11.8.1923)
Date
1923-08-11
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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_ Das sind meine* Erachtens die nnmugängllchsten Siche- /mtgsmaßnaymeti bei -der Ausgabe von Auleihegcldcrn im Kreditwege. » Im knappesten Umriß ton-oden hier die wichtistteu Bedenken augemerkt. Dem Plan als ganzen aber wird nach gründlicher Prüfung (feiner sachlichen Unterlagen jeder Wirtschaftspraktiker znstimnlcn können. Er knüpft nicht nur an die besten Herrschen Traditionen an, er bringt nicht nur endlich wieder Großzügigkeit in unsere täglich iiiim<r kümmerlicher werdende sinauz- und wirtschaftspvlitischen Gedankengänge, er Berlin, 10. August. (Tel. d. „Wr. Ädotigetrzeitung".) Dos Chaos ist vollständig. Dem völligen Zusammenbruch der Ncark folgt nun ein Zusainnlenbruch der ganzen Wirtschaft, der aber schon seht solche Dimensionen annimmt, daß nmn um die nächste Sufunft Deutschlands ernstlich besorgt sein muß. Schon machen sich unter der Bevölkerung inuuer lauter (stimmen bemerkbar, die eine rasche Aendernng der Berhältnisse fordern, scholl gebt die Erregung der Arbeiterschaft in wilde Streikausbrüche Wer, so daß die Polizei itni> Reichswehr in Alarmbereitschaft konsigniert wurden. Die Rcichöregiermig hat sich in P e r nr a n c u; erklärt, da man jeden Moment ans das ärgste, aus bcu Ausbruch einer Revolution, gefaßt ist. Die Heswrbcit von links und rechts hat jede Zurückhaltung fallen lassen und propagiert ganz offen einen Generalstreik. Die Gewerkschaftsführer scheinen in diesen entscheidelldeu Stunden immer mehr die Herrschaft über ihre Leute zu verlieren. Ohne Aviso von oben, ganz auf eigene Verabredung, legen die Arbeiter einzelner Betriebe die Arbeit nieder. So haben heute vielfach die Angestellten mehrerer E i s e n b a h n w e r f ft ä 11 c n ihre Betriebe verlassen^ ans denn Potsdamer imb Stettiner Güterbahnhof lwben die Arbeiter die Arbeitsleistun>g vcrweig-ert, so daß der Güterverkehr allmählich ins Stocken gerät. Da sich auch schon die Eisenbahner dieser Resistenz stellenweise anschließen, ist mit einer baldigen Einstellung des gesamten Zngsverkehres zu rechnen. Der Berliner Lokalverkehr ist bereits durch die Stillegung der Stadtbahn sowie der Hock- und Untergrundbahn ganz uuterb u n d e n. Die Straßenbahner, die zum größten Teil heute der kommunistischen Parole gehorchen, wolletr ebenfalls in Streik treten. Die Angestellten der W a i s e x iu c x i c drohen gleichfalls mit der sofortigen A r b c i ts u i e d e r l c g u n g, lvas die völlige Abschneidung der Wasserversorgung Berlins bedeuten lvürde. All dies hat die Erregung der Berliner Bevölkerung in höchstem Äcaßc gesteigert. Rtan trachtet, sich um jeden Preis Lebensmittel chtgufaufctt, doch scheitert dieses Bestreben an beit spärlichen Zufuhren und dem Mäugel an Zahluugsmitteln. Die Folge hievon sind lärmende Auftritte zwischen Käufern und Verkäufern, bei welchen die Polizei wiederholt einschreiten muß. Das Nichterscheinen der Zeitungen infolge des Buchdrucker st r e i k s erhöht die allgemeine Unsicherheit und begünstigt nur die Unterminierarbeit der Putscht st e u. Aber nicht nur in der .Hauptstadt ist die Lage ehre so verworrene. Auch aus der Provinz kommen recht beunruhige nde Nachrichten. So herrscht in Hamburg ein allgemeiner Streik auf den Schiffswerften. Zn Crefeld ist es zu blutigen Teuerungsumuhen gekommen. Die Polizei sah sich schließlich gezwungen, die' Umgebung des Rathauses mit der b l a nk -e n a s s e zu säubern, wöbet zahlreiche Demonstranten Verletzungen erlitten. Die großen Industriebetriebe von Crefeld wurden planmäßig dttrch jugendliche Arbeiter besetzt und die Arbeiter gewaltsam ans freu Fabriken herausgeholt. Die Mehrzahl der Betriebe befindet sich derzeit in der Hand der revolutionären Arbeiter. Berlin, 10. August. Im den späteren Abendstunden ist der „Vorwärts" erschienen. Die Abendcms-gube des Blattes wurde um 10.000 Mark verkauft. Das GefchaftslÄben während des Tages war völlig beherrscht von dein, wenn auch nur vorübergehenden Stillstand der Notendruckerei der Reichsbank. Als gegen 10 Uhr vormittags sich die Meldung verbreitete, die R e i ch 8 b a n k gebe keine N o t e tt mehr aus, erfolgte ein A n st u r m auf alle B a *t f e n, der aber ziemlich erfolglos blieb, da die Notenvovräte bald amsge'händigt waren. Inzwischen hatten sich Tausende von Kassenboten vor der Reichsbank angesawmelt, so daß Schutzpolizei zu Fuß und zu Pferde langsam die Straßen räumen mußte. Zn länger dan-f^m : r k ehrsstö ru ng e n kam es jedoch ui;v . . Wiener Morgenzeitlmg. ist vor allem auf einer Grundlage aufgebant, der geistig und wirtschaftlich die Zukunft gehört: in Europa gehe» die Völker zugrunde weil sie dem Prinzip der ungehemmten wirtschastlicheu und politiischeu Konkurrenz alle Lebenswerte geopfert haben. Wir wollen aber int Frieden unsere Heiiual wieder aufrichten und der Friede im politischen und wirtschaftlichen Leben heißt: Solidarität. Arlosoroff stellt die kollektive Bürgschaft der jüditscheu Ration in das Zentrum seines Finanzplanes. Ob er es belvußt wollen mag oder nicht, er folgt hier einer uralten jüdischen Tradition: Kol IIsrael arewim seh ba seh. Das ist der Geist, in dein wir bauen luolktt. Entmutigt,ng drr Bevölkerung über die ernste Störung des GKdverkchres tvar allgein e i n e r f e n u b a r. Mehrfach gaben g r o ß e B et riebe, die nicht über die nötigen Lohngelder verfügten, Notgeld aus und richteten au die Geschäftsleute das Ersuchen, dieses Geld als Zahlung aitpttdjnieit. Die Meldung der Reichsbank, daß die Reichsdruckerei den Betrieb .nach nt i t t a g s w jeder v o l l st ä u d i g a u f g cnommen habe, schaffte allgemeine Erleichterung. Bei nr e h r e r c u G r o ß f i r m e tt der Berliner Metallirtidnstrie, so in den S i e me n s - We r ke n, bet Bergmann, in den Deutschen Kabel werben und bei der H. A. G. ist es teilweise zu turbulenten Szenen gekommen. Die Arbeiterschaft demonstrierte in den Fabrikshöfen und verweigerte die Arbeit bis zur Au sz a h l tt it g von B orsch ü s sc u. Der Verband der Berliner Metallindustriellen hat beschlossen, morgen eiuett Vors ch n ß von LH Ri i l l i o n e n allszahlen zu lassen, falls es gelingt, das Geld aufzntr-eiben. I-n Wittenau b-ü Berlin ist es heute vormittags vor den dortigen Fabriken zu größeren Aufatumlungeu vom Arbeitern gekommen. Der auf Lastkraftwagen heobeieilenden Schutzpolizei gelang es, die Ansammlungen zu zerstreuen und die Ruhe wieder herzu stellen. Esrilchtr Mrr 6»uos Mcktritt. Berlin, 10. August. (Tel. der „Wiener Morgenzeitu'itg".) Int Reichstag verlautet g e r« chtweise, daß Reichskanzler C n -n o bereits persönlich und v e r- 11 a u l i ch mit dem Reichspräsidenten Eberl wegen seines etwaigen Rücktrittes sowie auch wegen der . Betrauung eines Nachfolgers mit der KubinettÄbiDuug in Fühlung getreten sei. Eine Bestätigung dieses Gerüchtes lag bis in den Abendstundelt n i ch t v o r. Mn Ausruf des ReichOMdenten. Beriin, 10. August. Ter Reichspräsident hat aus Anlaß des morgigen V e r j a ss u n g s t a g e s einen A u f r tt f an das deutsche Volk erlassen, in dem cs unter am derem heißt: Das deutsche Volk hat sich Line Verfassung gegeben, um sein Reich in Freiheit und Gerechtigkeit zu erneueett und zu festigen und detn inneren und äußeren Frieden zu dienen. Gerade ans den Tag sind sieben Monate oergangen, seit Franzosen und Belgier in mtfec Land eilt* gebrochen sind. Sie haben tinser redliches Bemühen, Unerfüllbares erfüllbar zu machen, in tiefe Erbitterung verwandelt. Etwas Gutes für sich und Europa haben sie nicht erreicht. Verzagt nicht! Noch nie hat em oieflet im Rausche seiner Macht Recht behalten. Seid euch stets bewußt, daß der Kampf um Rhein und Ruhr, daß die Nvlst der Stunde von allen Gliedern unseres Volkes selbstlose und große Leistungen verlangt. Der Marlverlauf Ins Ausland verboten. Berlin, 10. August. (Wolfs.) Gestern ist eine Notvcrordimng des Reichspräsidenten erschiene, die den Mar k v e rkanf ins Ausland verbietet. Von jetzt Äb dürfen nur noch Beträge bis zum Gegenwert von zehn en-glis ch e n P f u nb 'ins Ausland gebracht werden. Münzen von 1 Million Marl. Berlin, 10. August. .Sämtliche Fraktionen außer den Kommunisten haben int Reichstag den Antrag gestellt, kiiniftighin Münzen im Eiuz-elwert von einer Million Mark ansprägen zu lassen. Der An'trag wird damit begründet, daß die Geldentwertung dahin geführt habe, daß die bishevgen Mnminrummüitizen von 200 und 600 Mark als Zahlungsmittel nicht mehr in Frage kommet!. Sie deutschen Kohlrnvrelse. Berlin, 10. A-uguist. (Tel.-Komp.) Der N ei ch s k o hl e nrat beschloß gestern eine Erhöhung der Preise für deutsche Kohlen um r tt it b 3 5 2 P r o z e tt t. Die neuen Preise treten sofort in Kraft. Ende nächster Woche sollen sie 0on neuem n a chgeprüft werden. Annahme der neue« Steuern. Berlin, 10. August. In.'der Abendsitzung des Reichstages stand die zweite und dritte Lesung der Steuervorlagcn zur Debatte. Der Zentrumsabgeordnete Oberfohren beantragte im Namen der Mehrheitsparteieu möglichst einstimmige ' ÄwmHW der W Ausschuß von allen ZMeM mst JdrAnatzM. ii. Augustim Nr. xm der Komnntuistcu angenommenen Vorlagen. Der Soztaldcmi trat Keil sagte mm-ens seiner Fraltünt diese Stianme d- Ausschußfassung zu. hr der sie einen kvaswollen Schritt uat vorwärts iit der Finanzpolitik erblicke. Sic bodaner^ daß erst eine k a t a st r v p h a l e Z e r r ü t t u n g der Wnhruu» die Einigung ermöglicht habe und fordere sofortige um d ur chgreifeNde R e f o r m der Währung und des Finanz Wesens sowie alsbaldige Erfassung der Sachwerte. Der Reichstag nohtn die Stenorgesetze in zweite r u n [ dritter Lesung a n, und zwar das Gesetz über die Eu Hebung eines Rhein- und RuhrvPferö und das Stcuerziusgeset ein st im migr bei den audereit Gesetzen stimmteu die Komi mn nisten dagegen. Der Reichstag vertagte sich sodants bis Montag, lvo die Abstimtnung über den von den Kam nunüsten bcaittragteu Mißtrauensautrag stattfiuden wird. Beilegung des Bnchdrnckerftrett». Der Rotertdruck gesichert. In später Abendstiuldc tvurde dttrch die Vemithung^ des Rcichsarbcitöministers Tr. B r a n n der R o t c» d r u t in der Reichsbant' in vollem Umfange wieder an sge» item iimt und führten die ivciteren vom Minister geleitete» Lerhandlutigen zur Beilegung der Berliner Buch d r u ck e r st re i ks in später Nbetidsttind« zu einer volle» B e r st ä n d i g u u g. Die Arbeit lvird im Laust' des morgigen Tages all gern ein wieder a it| ß i: tt o ,n nt e * werden. Ruhrhille nnd BMemitismur. Aus Berlin meldet F. C. B.: Der Leitcr der B.'v llilungsistelle der Ruhrlitwer in Insterburg, Zänicke, hat einem augescheuen tüdischeu Katiftnaitn, der ein Kind auS dem Ruhrgebiet in seiner Familie u n t e r-b r i tt a c tt wollte dieses n b {] c 1 e h n! mit der Begründung, daß die Kinder nur bei T r e n d e n i > ch e n ' nntergobracht wenden. Als christliche .Herren die Antwort des Fänicke crftchren, erliärten sie, daß sie unter die-sru llmstäudeti Ruhrkittder, deren Aus« nähme sie bereits zu gesagt hallet,, nicht aimohnien würden da es gegett ihr Gerechtiakeiisges-ithl verstoße, daß öestiunnte oaterländisch fühlende Kreise wegen ihrer Mstawmuug uu'r 'hres Glaubens von der Ziiteilttng von Rtihrliuderti ausgeschlossen jcrn sollten. Asgntth gegen die Ruhrbssetznng. London, 10. August. In C a nt b x i d g c verurteilt' 2l squit h in einer Rede über die europäische Lage.die Be sctzn n g des Rnhrgebietcs durch Frc.nkreick nachdrücklich und erklärte, die Regierung sc! zis tadeln, weil sie keine Politik in dieser Richtung Hab« Was auch irnmer die »lvsprüngllch-e Absicht Frankreichs go Hk feit sei, so sei das tatsächliche Ziel Frankreichs bkc .per* beiflihrtlilg des politischen und wirtschaftlichen Chaos itl Deutschland. Es liege aber weder im Interesse der Aliier-i len noch Envopas noch der Welt, daß Deutschland bankrot und aus der Gesamtheit der Nationen ausgeschloftetr werde. Jer MötSersaW der belgischen Wiihrnng. Verbot jeglicher VatnLensPekul<rtionen. Brüssel,!0. August. Der König hat eine R et gier u n g s e r k l ä r n u g unterzeichnet, wodurch di< Spekulation mit Valutett u u t e r sagt wird. Nur wouige Bankhäuser erhielten das Recht, mit Deviftrt zu handeln. Diese Baukett müssen eine hohe Summe als Kaution hinterlegen und dürfen mtr auf Grund von ver^ Menen Handelsrechnungen Käufe oder Verkäufe tätigen. Jede Art P r i v a t s P e k n l a t i o tr r. st u n t e r s a g t unk wird mit Gefängnis und Geldbußen bestraft. Paris, 10. August. (Wolfs.) Wie die Blätter au4 Brüssel melden, ist heule eine Verordnung erschienen, wodurch die Ka r t os f-el aus fuhr untersagt wird. Diese» Verbot stehe mit dem Sinken d-es belgischen Fravk-en auf dem iuteritatioualeu Markte int Zusammenhang. Kreditbevhandlrrngen. Paris, 10. August. (Del. drr „Wiener Morgen.zeitung".ji Das „Joumtal des Dobats" teilt ruft, daß Untechandlnugen zwischen der Pariser und der Brüsseler Regierung behufs Gewährmtg eines großen Privat-ba-ntkredites von Belgiev zuur Zwecke der Stützung des belgischen Franken im Gangs sind. Es ha-irdelt sich tun einen Betrag von 500 Millionett Fvaukeu, der von mehreren Pariser Bankett auf dem An, lechetvege gezeichnet -tvurde. Der Bizeg-ouiverneur der belgischen Nationalbank be« findet sich gegenwärtig in Paris. Lesterreich. Re Heerschau der Halenkreurler. Hitler in Salzburg. Vom 11. bis 16. d. findet iu Salzburg der Parteitag der österreichischen Nationalsozialist-ett statt. Sonnt aß vormittags wird vom Mirahellplatz znnt Residcuzplatz ein Festzug veranstaltet, worauf der Führer der österreichischen Nationalsozialisten, Dr. Walter Niehl, und der Führer dett Nationalsozialisten Deutschlands, Adolf Hitler, die Fahuenenchüllung der Ordnertru-PPen ooruehmeu werden. Auch h einer am Dienstag in der gedeckten Reitschule stattfindeuden -großen Versammlung wird Hitler sprechen. Zur Heb uns des Fremd -e n v e r k c h res im Salztammergut tvird diese Veranstaltung der gLsährlichsten Hetzer sicherlich nicht hchragen? Dar khaos in Deutschland. Allgemeine Serwirrnng. — Wilde Streiks. — Stillstand der Eisenbahnen. — Mutige Zusammenstöße. — Permanenrtagmg der Regierung.

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