Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1614 (10.8.1923)
- Date
- 1923-08-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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fee, 1)644 Wien, Freitag Eine Nnchtsitznng. Beginn halb 10 Uhr abends. Präsident Lipsky eröffnet pünlktlich die Sitzu-ntz und erteilt s-odann ifett Delegierten van Briesiland, Holland, das Wort. In seinen Ausführungen zeichnet der Redner ein ausführliches Bild des finanziellen Zustandes der Bewegung, den er als Demoralisation aufsaßt. Er verlangt eine methodische Finanzpolitik, das Fmkdament nmß ezcckt irnd solide sein, wenn der Bau gelingen soll. Nach ihm erhält Jean Fischer (Antwerpen) daS Wort. Der Saal ist ifefüttt. Mit großer Spannung erwartet das vollbesetzte Haus die für heute abe-nids erwarteten SchlußausjÄhrungen Weizmanns. Immer neue Schaven stauen sich bei den Eingängen. Die Bühne, Parterre, Logen und Ballone starren von Menschen. Es ist, von oben g^ehen, ein wundervoll ergreifender Anblick, dieses Meer von Gesichtern, die im Scheine der Luster bleich erscheinen. Das Hans zittert vor Erwartung und Nervosität. Es ist die große Red'e des Präsidenten augesagt, mit der die dreitägige Generaldebatte abgeschlossen werden soll. Ans der Estrade sind das gesamte Aktionskomitee, die ExeButive, die Beamten und Journalisten versammelt. Me Atmosphäre im Saale ist mit Elektrizität geladen und es gibt bald nach der Eröffnungfitznug Ausbrüche des Temperaments, denen der Vorsitzende feine ganze Autorität entgegenstellerr muß. Zunächst wird der Antrag auf Herabsetzung der Redezeit auf 10 Minuten gestalt. Me Abstimmung ist zweifelhaft. Der Vorsitzende entsc'/ließt sich,^die Ablehnung zu ennnzieren. Jean Fischer oerf-icht wieder seine alte Ansicht, das; man das Interesse Englands an Palästina überschätze und überschätzt habe. Unsere Bescheidenheit hat den Zweck verfehlt. Wir wollen Nicht die Rechte der Araber antasten, verwahren uns jedoch mit Entschiedenheit gegen ein jüdisches Nationalheim in einem Araber st aat. Wir müssen unsere Reihen aktivieren und Front gegen jede Resignation machen. Die Zionistische Organisation befindet sich aus schiefer Ebene, das herrschende System sieht jede Kritik als. ein oppositionelles Zersetznngsmoment an. Zur Frage der Jewish Agency erUärt der Redner, es wäre am besten, diese sensationell anfgebauschte Frage überhaupt von der Tagesordnung aHusetzen. Durch diese Frage wurden andere wichtigere Probleme des Zionismus an dritte und . vierte Stelle gerückt. Redner beantragt dvs Vetorecht der Exekutive zu str e i ch e n. Bei der Rede des folgenden Delegierten Farbstein, Misrachi (Polen), der in jüdischer Sprache spricht, kommt es wieder zu Überaus stürmischen Szenen, die minutenlang eine geordnete Fortsetzung der Sitzung unmöglich vrachen. Redner wendet sich in heftiger Polemik gegen die vormittägigen Ausführungen Kaplanskis und gegen dve Linke. Er erklärt, -aß die religiösen Forderungen in Palästina noch in weit höherem Ausmaße dnrchgestihrt werden müssen. In dieser Beziehung hat die zionistische Politik viel zu wünschen übrig gelassen. Redner wendet sich zur Linken und fragt, lvas denn die Sozialisten, die sich mit solchem Pathos als die alleinigen Schöpfer des jüdi- _Wiener Movgenzeituns. Möbelfabrik J. Spira Feine ->- M. VII., 1~3 Wohnungseinrichtungen. (Ecke Karl Schweighofergasse schon Palästina auMelen, für Palästina getan haben. Bon der Linken antworten ihm stürmische Zurufe: Keren H a j e s s o d! Me Schweißtropfen des Arbeiters sind mehr -wert, als Eure Sikbevstücke! Farbstein fährt fort: 80 bis 90 Prozent der Sammlungen find von der religiösen Judenheit aufgebracht worden. (Stürmische Zurufe und andauernder Lärm, der sich noch steigert, als der Redner sich wieder gegen Kaplanstt wendet.) Vorsitzender Lipsky ersucht den Redner dringend, sich zu mäßigen. Färbst ei^: Wir sind eine sozialpolitische Partei (Gelächter links, stürmische Rufe): Ein Konsortium von Fabrikanten seid Ihr! Ein Institut zur Entrechtung der Arbeiter! Das ist ja erne Ironie! Unter lebhastester Unruhe verläßt der Redner seinen Platz. Nachdem Kaplary Amerika, gesprochen hat, teilt Vorsitzender L i p s k y mit, das Präsidium habe beschlossen, die Generaldebatte zu unterbrechen und eine Interpellation vorzunehmen, die Senator Dr. Ringel im Namen seiner Gruppe an den Präsidenten richtete. Ringel erhält das Wort zur Begründung seiner Interpellation. Sie betrifft die Einschränkung der Emigration in Palästina und die Palästina-Politik dev englischen Negierung. Dr. Ringel zittert die englischen Erklärungen, wie sie in der Balsour-Deklaratton, dem Mandate und dem Weißbuche niedergelegt sind, und mit denen die Praxis der englischen Negierung in solchem Widerspruche steht, daß das jüdische Volk in immer größere Unruhe versetzt würde. Er protestiert gegen die falsche Interpretation der Balfour- Deklaraiion und des Mandates durch die englische Regierung, die dem Sinne des Beschlusses des Völkerbundes widerspricht», England hatte ein Depositum übernommen, das es intakt bewahren muß. Präsident Weizmann habe sich in dieser Sache die Initiative entreißßen lassen. Nach dieser Juterpellationsbegründung wird die Generaldebatte fortgesetzt. Es spricht Wikansky (Palästina) hebräisch. Die Unruhe und Nervosität im Saale hat sich gesteigert, so daß man den Redner kaum vernimmt. Nach ivenigen Minuten verläßt er die Tribüne. Nach ihm spricht Rottenberg (New-Iork), der in einer längeren, vom Hause wiederholt mit Beifall aufgenommenen Rede die Vorschläge der amerikanischen Delegatton verteidigt. Er erklärt, es handelt sich den Amerikanern vor allem darum, Juden nach Palästina zu bringen. Nach ihm spricht ein kanadischer Delegierter. S o k o l o w und Weizmann werden erst lange n a ch Mitternacht das Wort ergreifen. Die Ätzung dauert fort. _10. August 1923_Seit« d Kongreßtasebuch. Karlsbad', 8. August. „Bannrzwah-Kori greß." Es stellte hoffentlich zur rechten Zeit ei» gutes Wort! sich' ein. So ko low hat es am ersten Abend geprägt. Die Haftarah, die er im Namen des Varmizwah-Jüngliugs aufsagte, war reichling. lang. Aber bekanntlich ist es ehrend für den Knaben und ein besonderes Zeugnis seiner Reife,! wenn der ihm anvertraute Abschnitt recht ausgiebig ist. Die versammelte Gemeinde war festlich gestimmt und nickte zufrieden. Schon bei der nächsten Sitzung, unmittelbar nach der! B'armizwah-Feier, erwies aber der Kongreß, daß er seine göttliche Knabenfrische noch nicht eingebüßt hat und befreite' sich rasch aus dem Zwange der Gemessenheit, die einem „Barmizwah" ziemt. Die äußerste Rechte und äußerste Linke, die reisigen Misrachi und die kongreßfrommen Poale Zion gerieten mit knabenfastem Elan auseinander. Es waren frisch-fröhliche Augenblicke.' Die graubärtigeu Herren von Rechts gingen nicht minder jünglingshaft los wie die braungebrannten Palästinenser von Links. Das Präsidium ging unter in dieser Brandung. Der Redner in der Generaldebatte mußte gestatten, daß von der Rednertribüne ans eine Generaldebatte über seine noch nicht beendeten Ausführungen geführt wurde. Die Bocksprünge des „Barmizwah^ währten so lange, bis ein Misrachist durch eine langwierige Erklärung der Kämpfenden ermüdete. Dann trat „Schalem^ ein. Dieses Wort hat bekanntlich Präsident Weizmanu in seiner Programmrede das echt jüdische Sinnbild dev zionistischen Bewegung genannt. Das „Sich-Begegnen inr Zeichen des Friedens und der Brüderlichkeit. In die senk .Geiste wollen wir mrs jetzt die Hand reichen", sagte er. Poale Zion und Misrachi werden es sich erst bei den Abstimmungen sagen. Da pflegen die durchs eine Weltanschauung getrennten Randbewohner des Hauses übereinzustimmeu. Ben Zwi. Während' dieser temperamentvollen Szenen führte del palästinensische Ar beitersührer Ben Zwi den Vorsitz. Er versagte vollkommen und ich gewann ihn sofort lieb'. Ein naiver ursprünglicher Mensch, himmelfern von; Diplomatenkunst und Präsidentenweisheit; er ist höchst unzufrieden, tveun ein Redner sagt, was ihm mißfällt und gibt: dieser Unzufriedenheit durchs Zeichen vom Präsidenteuplatz! Ausdruck, jedes Wort am grünen Tische mit dem.Präsidentenhammer festnagelnd. Die brandenden Wogen rechts und links will er mit Handbewegungen beschwichtigen, ist verdutzt, daßman dem Präsidenten die Teilnahme am. Rededuell übelnimmt und gestattet dafür, jedem, der dazu! Lust hat, ohne Meldung zum Worte, vom Präsidium aus' Reden zu halten. Geschäftsordnungsmäßig handeln und die Kunst des Präsidierens — das sind Dinge, die zu lernen und zu üben der Chaluz nicht Zeit noch Lust hat. Ich gebe diesen Ben Zwi nicht für alle geölten Ar-' beitersührer der europäischen Großstädte zusammen. . 2 i „Bezalel." Boris' Sch a tz war vor zwei Jahren in Wien und erzählte mir von seinen neuen Absichten. Er wolle, sagte <5 roßer^ES Sommerwaren »ans II., Taborstraße 48 Telephon 47-1-73 En gros En tiefaSi Wie BeMsnmne« entstehe«. I Es gibt eine beträchtliche Zahl international gebrauchter Begriffsuamen, bei denen gar mancher, der sie hört oder liest, kaum eine Ahnung davon hat, daß sie ursprünglich Eigennamen von Personen waren. In einer recht instruktiven Studie weist der ungarische Linguist B a l a s s a darauf hin, daß einzelne Gestalten der alten und der neuen Literatur bereits znnr Begriff geworden sind und als Ausdruck für gewisse Eigenschaften oder Individualitäten dienen. So benützen wir heute als Begviffsbezeichnung die Gestalten der griechischen und römischen Literatur, wie zum Beispiel C r ö s u S, M e n t o r, Nestor, Adonis, Meäeenas, von den biblischen Gestalten Goliath und Judas, von den Figuren der neuen Literatur Don Juan, T a r t ü f f e, H a r p agon; und ein Begriff wurde auch Seladon, der.Name eines verliebten Rmnanhelden aus dem siebzehnten Jahrhundert. Im Sprächbereich der W i s s e n s ch a f t werden bewußt aus den Namen einzelner Gelehrter neue Worte gebildet. So wurden die Niaßeinheiten der elektrischen Kraft nach Gelchrten benannt und so sprechen wir von A m p e r e, Volt, Watt und Hekto w a t t, von R ö n t g e n st r a h l e n und M a r c o n i g r a m m, in der medizinischen Wissenschaft kurz von Wasser m a u n, V idal, vom Darwinrsmus, Ln ma r ck i smu s, M e n d e l i s utt u s usw. In der Militär spräche sind die Eigennamen Man n l i ch e r und Zeppelin Begviffsncmmr geworden, im Geldwesen ist der Louis und der Napoleon in allen Sprachen bekannt. Auch in der. Botanik und Mineralogie werden sehr häufig Pflanzen oder Mineralien nach Gelehrten benannt und die Erinnerung an den Ursprung dieser Benennungen hat sich bei vielen heute schon so stark verwischt, daß heute kaum noch ein Laie weiß, daß die Kamelie ihren Namen von einem Botaniker namens Camelli erhielt und, daß in der Dahlie der Name des schwedischen Botanikers Dcchl, in der Magnolie der Name des französischen Botanikers Magnol, erhalten blieb. Wenn wir uns an der lu g l o t te" erquicken, denken wir sicherlich nicht-daran, daß sie ihre Benennung der Gattin des französischen Königs Franz des Ersten,' Elende, zu danken hat und ursprünglich Prune de la reine Claude (Pflaume der Königin Claude) hieß. Die Hortensie ist demgegenüber bürgerlicher Abstammung, denn sie wurde nach der Gattin eines Uhrmachers, Lepante, aus dem achtzehnten Jahrhundert, die.Hortense hieß, benannt. Auch einzelne K l e i d u n g's st ü ck e ivurden sehr häufig nach Personen, die mit Vorliebe das betreffende Kleidungsstück trugen, bezeichnet. So wird die ungarische Nationaltracht nach heute Attila genannt und in Oesterreich-Ungarn hieß der Bratenrock bekanntlich lange Zeit Franz Josef. Weniger bekannt ist der Ursprung des Namens des P e p -i t a st o s f e s. Er hat ihn einer spanischen Tänzerin Pepita de Ortega zu danken, die in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in Budapest großes Aufsehen hervorrief und sich mit Vorliebe in Kleidern aus Stoffen mit kleingewürfeltem Muster zeigte. Der Spenzer erhielt seinen Namen vom englischen Staatsmann gleichen Namens, während — und auch das dürfte uur sehr wenigen bekannt sein — das Gilet seinen Ursprung auf eine beliebte Figur des alten französischen Lustspiels, eine Art dummer August, der dort den Namen Gille führte, zurückgeht. Dieser Gille erregte ganz besonders dadurch das Lachen der'Zuschauer, daß er immer in einem kurzen RÜckchen ohne Aermel erschien. Die Bezeichnungen Ch a u v i n, Chauvinismus, Chauvinist stammen von einem einfachen, für sein Vaterland und Napoleon begeisterten französischen Soldaten, der bann durch em Lustspiel von Seribe.,^Le Soldat laboureur" verewigt wurde. Allgemein bekannt dürfte es sein, daß das französische Hinrichtungsfallbeil Guillotine nach dem Namen eines französischen Arztes benannt wurde, der im achtzehnten Jahrhundert mit einer, einer besseren Sache würdigen Ausdauer für dieses Hinrichtungsinstrirment eintrat. Wenn wir heute so häufig vom _ Lynchen und Lynch gericht lesen, so sei daran evmnert, daß Lynch ein amerikanischer Richter war, der in Südkarolina gegen das dort zu seiner Zeit in erschreckender Weise überhandgenommene Devbrecherttmr nur blutiger I Strenge vorgiug. Seine Urteile wurden vour Volk vollstreckt, was auf Grund des „Lynch-law" (Lynchgericht) geschah. Heute' hat das Wort eine andere Bedeutung und wird für das selbstverständliche Vorgehen ohne Urteil und ohne Gesetz durch das Volk oder die Voltsmasse gebraucht. Das Wort Boykott und die Ableitung davon ,/boykottieren" ist verhältn-ismäßig jungen Ursprungs. Boykott stammt aus dem Jahre 18 80. Damals geschah es, daß das Volk gegen einen englischen Kapitän namens Boykott, der sich als Gutsverwalter eines irischen Gutsherrn schlverer Ungerechtigkeiten und' Willlürakte schüldig^ machte, in der Werse vorging, die wir honte „boykottieren" nennen. Die Bilderteppiche Gobelins verdanken ihren Namen den Besitzern der im fünfzehnten Jahrhundert gegründeten berühmten Pariser Teppichfabrik (Mauufakture des Gobelins), wodurch auch der. Name dieser Fabrikanten weltberühlnt wurde. Interessant ist die Geschichte der Silhouette. Ettenne de Silhouette war im Jahre 1759 Generalinspektor für Finanzwesen in Frankreich und ftel nach achtmonatigem Witten in Ungnade. Damals entstand das geflügelte Wort „a la Silhouette" für alles, was kirrzlebig und rasch vergänglich ist. Nach einer anderen Erklärung sollen die gefallenen Günstlinge mit Photographien a la Silhouette verhöhnt worden sein. Auch die Architektur hat solche aus Eigennamen entstandene Worte: der Erfinder des Makadum-Holzpflasters hieß John Mac ad am (1819). Die Mansarde wurde vom französischen Architekten Francois Mansard zum erstenmal im siebzehnten Jahrhundert gebaut. Im Nikotin ist der Name eines französischen Diplomaten Nico, der diese Pflanze im Jahve 1660 Katharina von Medici geschickt hatte. Nach ihm wubde diese Pflanze Herba Mcotiana genannt. Zum Schluß sei noch auf den Ursprung der auch heute noch so beliebten, unter dorn Namen Pralinees bekannten Süßigkeit gedacht. Diese erhielt ihren Namen nicht von ihrem Erfinder, sondern von dem C'hef desselben. Diese Süßigkeit soll zum erstenmal vonr Koch des französischen Marschalls P l e s ji i s - P r a l i n erzeugt worden sein und die Kochkunst dieses namenlosen Künstlers hat zur VerewMng des Marschalls geführt. ^6069374