Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1614 (10.8.1923)
- Date
- 1923-08-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite? '-i'.M.EMp'.'"'' Wien, Freitag .#? gogie!) Wir werden mit unseren ArveitSbrüdern, ob rechts oder links, immer zusammen stehen. Absolute Tolermtz ist Las oberste Prinzip -für unsere Politik. (Stürmische Oho-Rufo und Gelächter rechts.) Unser Ziel ist die Einigung aller palästinensischen Arbeiter. (Lärm.) Bei uns gilt religiöse Toleranz? (Stürmische Jlvischenrnfe rechts.) Die Politik ist für uns etwas Sekrmdäres, der leberterfüllte jüdische Mensch ist alles. Mt Intensität und aller Energie werden wir uns gegen jeden Versuch, uns irgendeine Anschauung aufzuzwmgen, rvehren. (Großer Lärm und stürmische Zwischenrufe.) Unfair ist der Appell der Misrachi an die Zionistische Organisation, ihre Kraft gegen nichtreligiöse Arbeiter einzusetzen. Tie religiösen Bedürfnisse sind, das mutz mit Nachdruck und Entschiedenheit hier erklärt werden, Pridatsache. (Bestall links. — Stürmische Pfui-Rufe und andauemder Lärnr rechts.) Gegen den Willen der Bevölkerung verwendet man Gelder fiir einseitig religiöse Zwecke. (Stürmische Rufe rechts: Lüge, llnlvahrheit!) Vorsitzende Lipski ersucht den Redner, die Gegenseite nicht Zu provozieren. (Lärnr links.) Kaplanski fährt fort: Der Gegensatz zwischen Misrachi und uns ist von allgemeiner prinzipieller Bedeutung. Der Redner bespricht sodann die politische Lage und betont', daß man jedeAusgleichs Möglichkeit mit den Arabern aus u ü tz e n müsse. Die Frage der Jewish Agency lenke bedauerlicherweise die Aufmerksamkeit des Kongresses von den sozialen und kolonisatorischen Fragen ab. Ohne den demokratischen und allweltlichen Charakter der Bewegung aufzngebeu, müsse man versuchen, andere Kräfte für die Palästina-Arbeit heranzuziehen. Das.aber ist kompliziert mkd heikel und hier stcht seine Fraktion der Entwicklung skeptisch gegenüber. (Lebhafter Bestall links. — Lärm rechts.) . Ter nächste Redner, Mereminski (Zette Zion), spricht jüdisch. Er betont, daß man von den großen Erfolgen in Palästina sehr viel rede, aber im Lande die innere Kraft der jüdischen Massen auf das empfindlichste schwäche. Unsinn ist die These von der englischen Palästina-Sympathie. Das ist ein Phantom, das sich eines Tages als gefährliches Trugbild erweisen werde. Wie man früher alles aus die englische Karte gesetzt hat, so will mau heute das.Wrack durch Mobilisierung nichtziouiststcher Kräfte flottmachen. Mereminski Polemisiert scharf gegen das jüdische Kapital, das nach seiner Ansicht mit skrupellose^ Gewinnsucht nur für die eigenen Taschen arbeite und kein Opfer gebracht habe. Die Zeit für die Weltkonferenz ist noch nicht gekommen. In dieser Periode der allgemeinen Reaktion mußte die Propaganda für den allgemeinen Weltkongreß kompromittierend wirken. Die jüdischen Arbeiter haben vor vier Jahren gegen den Willen der Instanzen die neue jüdische Einwanderung sbewegung geschaffen und damit das jüdische Palästina in andere Formen gezwungen. (Anhaltendes Gelächter rechts und in der Mitte.) 9Jton hat einen Num erus clausus für die jüdischen Arbeiter cingeführt. Die Prosi'bwirtschaft des Systems der kapitalistischen Unordnung erzeugt als letzte Konsequenz Arbeitslosigkeit in Palästina. Hierauf gelangt Vizepräsident Dr. Schallt . zum Wort. Hoher Kongreß! Die österreichische Landsmannschaft hat mich beauftragt, als ihr Sprecher aufzutreten. Um jedes Mißverständnis fermzuhalten, muß ich bemerken, daß die österreichische Landsmannschaft keine einheitliche Meinung, besonders betreffend die Erweiterung der Jewish Agency, besitzt. Was ich hier sage, ist der Ausdruck der Anschauungen der Majorität. Ich habe lediglich den Austrag, zu sagen, daß die Richtlinien der Exekutive mit unserer politischen Meinung übereinstimmen. Ich erfülle diese Aufgabe durch eine klare und eindeutige Erklärung. Die politische Anschauung der österreichischen Landsmannschaft stimmt mit der politischen Richtlinie der Zionistischen Exekutive überein und wir sind daher in der Lage,,. der Exekutive die D c ch a r g e zu erteilen, besonders dem Präsidenten der Organisation unser uneingeschränktes und v ol lständig es Vertrauen zu votieren. (Lebhafter Beifall.) Die Frage, ob die Jewish Agency zu erweitern sei, müsse bejaht werden. Als wir 1920 zur Iaihreskonferenz in London zusauuneutraten, fanden wir eine neue Situation vor. Zwei Männern wer es gelungen, das reale Fundament für den Aufbau Palästinas zu legen. Diesen beiden Männern ist die U n st e r b l i ch k e rt gesichert. Wie kurzlebig ist doch das Vertrauen in der Zionistischen Organisation und wie langlebig unsere .Kritik. In London waren wir alle eines Sinnes. Wir Zionisten werdvn das große Werk des Palästina-Aufbaues schassen. Keiner von uns dachte, daß unsere Kraft versagen werde. Ich erinnere an den feierlichen Augenblick, als wir die Schaffung des Keren Hajessod beschlossen. Wir 'hatten ein Budget von 25 Millionen Pfund für fünf Jahre angesetzt. Drei Jahre politischer Erfolge sind ins Land gegangen. Wenn Sie aber alle Summen gufammeurechnen, erhalten Sie 600.000 Pfund an jährlichen Leistungen. Darum mußten wir unser Budget restringieren. Wir haben versagt und unser politisches Versagen birgt politische Gefahr in sich. Heute 'beweibt man gegen uns in London eine politische Agitation. Wir müssen eine Rückendeckung schaffen und neue Menschen suchen, die dieser Agitation wiMngsvsL entgegen-» _ Wiener Morgenzettuns. treten können. Das ist keine Schwäche. Wir haben die Erfahrung von drei Jahren gesammelt. Unsere Erkenntnis hat sich gewandelt und es sei Stärke, daß wir das einschen. Als einer von denen, die dabei waren, als der Kongreß geschaffen tvurde, kann!ch Sie versichern, daß wir nie daran gedvckst haben, der Kongreß sei unser Ziel. Er war nur unser Instrument. Wenn es nötig ist, muß man einen anderen Weg beschreiten. Zlwanzigtansend Menschen haben wir nach Palästina gebracht, die keineswegs versorgt sittd. Wir haben nicht die Sicherheit, daß unsere Geldvechältnisse die Einwanderungsziffcr von jährlich Zehntausend garantiere. Aber selbst in tiefem Falle würde cs Jahrhunderte dauern, bis wir einen verschwindenden Bruchteil unser Volkes nach Palästina herüberbringen. Darum ist die Fortsetzung unserer heutigen Politik keine nationale Sache, sondern 'ein Herabsteigen zur Chowewe Zion-Bewegung. Geld ist eine große Macht, Geld kann einzelne Personen, aber keine Nation kaufen. Erinnern Sie sich, daß Sie in einem Lande zu Gaste sind, wo alle Machtmittel des Staates n'cht verhinderten, daß ein Boi! wieder neu erstanden ist. Geld ist für uns keine Gefahr. Es kann uns nicht entz ionisieren. Unsere Idee hat gesiegt, glauben wir noch an unsere eigene Kraft und' an die Macht der Idee. (Lebhafter Beifall.) Neiger, westgalizische Landsmannschaft, bedauert, daß man so viel von der Krise spricht. Er hat den Eindruck, daß die Situation in der jüdischen Oeffcntlichkeit viel ärger dargestellt wurde als sie in Wirklichkeit sei. Er spricht der Exekutive das Vertrauen aus, betont jedoch, baß der Sah Weizmanns: „Noch ein solches Jahr würde uns das Rückgrat brechen", gefährlich nach Defaitismus schmeckt. Es wäre unsinnig, von einer Liquidation in der Bewegung zu reden. Wir sind für die Erweiterung der Jewish Agency, fordern aber weitgehende Sicherungen für die Integrität und den Aktionsradius der zionistischen Aktion. Die Fraktionsschckel müssen abgeschafft werden, die P r o p a g a n d a muß viel großzügiger geführt werden. Dr. Schmarjahu Lewin, von großem Beifall empfangen, spricht jüdisch. Wenn wir über die zionistische Bewegung sprechen, so müssen wir verstehen, daß es die Vorsehung gewesen ist, die das amerikanische Judentum hat entstehen lassen, damit es in diesem Moment seine Aufgabe erfüllen kann. In Amerika vollzieht sich heute eine innere Entwicklung, die wir genauer beachten müssen. Es geht dabei nicht nur ums Geld, es vollzieht sich eine Revolution gegen die A s s i m i l <t 1 i o n, man beginnt sich zu organisieren. Die hebräische Sprachbewegung wächst über alles Erwarten, dazu kommt noch, daß wir vielleicht bald nicht nur unser finanzielles und organisatorisches, sondern auch unser politisches Schwergewicht uach Amerika übertragen werden. Die Annahnre der Beschlüsse für die Balfour-Deklaration in beiden Häusern des amerikanischen Parlaments war ein großartiges Zeichen für die wachsende Kraft des amerikanischen Zionismus. Wir haben bei uns viele wunderbare. Sachverständige für die Frage, wie man das Geld ausgeben soll, über darüber, wie man das Geld h e r e i u bringt, spricht man gar nichts. Offenbar glaubt mau, daß dies eine ganz einfache Sache sei: wenn rnam das Gcld braucht, schickt man den Laufburschen einkassiereu oder man schickt den Präsidenten der Organisation. (Stürmische Heiterkeit.) Die Aufbringung des Geldes ist eine Frage der Begeisterung. Wen man das Zionistische Gefühl nicht zu vertiefen vermag, dann wird man kein Geld bekommen. Ich komme nun zur Person Weizmanns. Ich erkläre hier offen, daß ich Schulter an Schulter und Hand in Hand mit ihm gehen werde. Und wenn man ihn abfetzt, lverde auch ich die Arbeit Verlassen. ■ Er hat in Amerika geradezu ü b e t m enschliche Arbeit geleistet, er hat alle anderen gezwungen, zu arbeiten. Ich erinnere mich an die erste Versammlung im Astor-Hotel. Ich habe noch nie eine so national empfundene und national begründete Rede gehört, und gerade diese Rede hat auf die Anwesenden einen tiefen Eindruck gemacht. Es ist ein großer Irrtum, wenn man sagt: „Die Not zwingt uns da>zu, die anderen zu rufen." Es ist n5ch t b t c No t, sondern die Er fü llung unseres a l t e u T r a u m e s, es ist die Zeit gekommen, zum jüdischen Volk zu gehen und alle zu rufen: „Kommet, nehmet Anteil an der Verwirklichung!" Das zweite aber ist: „Man soll nicht mit dem Feuer spielen". Man hat hier von Artikel 4 des Nt audats gesprochen und cs kann der Moment kommen, wo wir gefragt werden, wo die andere n Juden sind. Tann müssen wir wenigstens sagen können, daß wir alles versucht halben, sie herarizugiehen. Die Wirkung, die wir auf jene Schichten ausgeü-bt haben, ist geradezu ein Wunder. Ich mache die misrachistischen Rabbiner darauf aufmerksam, daß diese Schichten uns gar nicht so ferne stehen. Wenn es sich darum handelt, die Grundlagen der zionistischen Idee zu sichern, so mutz man eim Form suchen und man würde sie wahrscheinlich in fünf Minuten finden. Man muß sich aber imt gutem Willen znfammensetzen und darf sich nicht in Leidenschaften hineintxei'bcit lassen. Wir müssen uns bewußt sein, daß Millionen Juden aus diesen K o n g r e tz ' schauen. (Stürmischer Beifall und Händellatschen.) Schluß der Sitzung um halb 2 Uhr. ■ ' 10. August 1923 _ Donnerstag-Nachmrttagssihurrg. Beginn & Uhr. Der erste Redner ist der holländische Delegierte de Lieme. Er ist für dir Jewish Agency, well er sie als der: Endpunkt einer Erltwicklung bettachtet, die schließlich dazu führen Wird, die wiederholt verlangte Reform, insbesondere die Dezentralisation in den Einnahmen und Ausgaben herbrizuführen und so ein System der Verwaltung zu schaffen, bei dom die Ausgaben nicht vom Standpunkt der Rentabilität, sondern von dem bet Produktivität beurteilt werden. * Slbatopolski (hebräisch) verlangt die Einführung eines Finanzsystems. Es ist ungesund, daß die Gelder in Amerika nur dem Umstand zu Liebe gesammelt werden, Werl sie der Präsident verlangt. Delegierter G e I b st e i n (New-Zork) spricht jüdisch: Er verivahrt sich gegen die Schlagworic von der Notäbelnpolitik unb der Gefahr für die Demokratie. Di? Frage der Jewish Agency ist zu scheiden von der Frage dcr Arbeit in Palästina und den Fragen unserer Organisation. Leider wurden diese Fragen zusämmengeworfen und über die Jewish Agency wird schon jetzt gesprochen, obzwar! das bezügliche Referat iwch gar nicht erstattet wurde. Es muß vor allem festgestellt werden, daß die Lage in Palästina und der geringe Umfang der jüdischen Arbeit dortselbst unhaltbar sind. Man darf aber nicht unterschätzen, was uns gelungen ist. Die ganze Ica verfügt über zwei Millionen Pfund, während cs in kurzer Zeit gelungen ist, eine Million zu sammeln. Mehr Initiative und' Energie in Palästina sind notwendig. Oberrabbiner von Jerusalem, Jakob Meir, spricht hebräisch von dem ausgezeichneten Einvernehmen und den brüderlichen Beziehungen zwischen I u d en u n d A rädern in Palästina in bet Zeit vor dem Kriege. Er sei überzeugt, daß die U n st i mmigkeiten von gestern und die verschärften Gegensätze von heute n i ch t v o n Da n e r sein können. Er spricht sich als Angehöriger der Misrachi ttotzdem dagegen aus, daß es F r a k t i o n e n gibt. L i p o r s k h (Palästina) erklärt hebräisch, die Lage sei nicht so schlecht wie man es schildert. Der Redner gibt! einen Überblick über die gegenwärtige Arbeit und die wirtschaftlichen Verhältnisse. Die wichtigste Beschäftigung im Lande lvar in der letzten Zeit der H ä u s e r b a u. Run ist in Ja ffa schon jetzt keine Nachfrage nach Wohnungen, und in Jerusalem u-ud in Haifa wird es auch bald so lveit sein. Hier liegt eine der Hauptnvsachen der augenblicklichen. Krise. Redner beschuldigt die Leitung in Palästina, daß sie durch die Drosselung der Privatimtiave die wirtschaftliche Krise Vevschräft hat. Daß die Chaluzim die Krise überdauern konnten, haben sie doch nur den Aufträgen der Privatinitiative zu danken. Redner protestiert dagegen, daß die Männer der Privatinitiative Geschäftsleute geschimpft werden. Nach seiner Erfahrung und Ueberzeuguug wird nur die Privatinitiative Palästina' bauen. Glückssohn (Palästina, hebräisch): Man arbeitet uichv aus der Basis der gegebenen Bevhältuisse, die uns bagatellisiert und uns ans Schritt und Tritt Knüppel in den Weg legt. Dell Fellacheu hat sie große Ländereien u m s o n st gegeben. Uns gilbt iua lt keinen Du na nt. Selbst die jüdischen L e g i o n ü.r c, die für England kämpften, erhalten erst nach langen Be-» mühungen Land, und zwar in der Wüste, ivo kein Wasser ist. Auch die Kulturarbeit der Regierung gilt bloß den Arabern, nicht aber uns. Die Bürgermeister, die von der Regierung ernannt werden, sind durchaus Araber. Unsere Sch-ülen werden zu wenig gc-< fördert. Wir brauchen unser hebräisches Schulwerk und müssen es auch weiter erhalten. Jüdische Beamte stellt die Regierung höchst selten an. Das alles geschieht ohne Pr-otest unserer Leitung. Diese Zustäudei sind daraus zuvückzusühven, daß unsere Leitung in L o ndon ist statt in Palästina. Am zwölften Kongreß wurde beschlossen, eine Mission nach Palästina zu entsenidclt. Es ist zu bedauern, daß dieser Beschluß in den Papierkorb siel. Redner fordert, die Leitung aller Institutionen und die Leitrmg der Politik nach Palästina zu verlegen. Dante Latles, (Rom, hebräisch): Eine wesetttliche Frage ist die Einüvandermrg und das ist eine Geldfrage. Die Ehalrtzim leiden lvegen des Matigels an Geld unsägliche Qualen, und nicht die Negievurtg hat die Schuld, sondern wir. Eilte Einwanderung ohlte Geld ist ein schwerer Fehler und würde einen rrnerlräglichen politischen und ökonomischen Zustand schaffen. Da die verarttwortliche Eimvandevung nur aus uns, lticht aber auf der Negientng lastet, so muß auch die K o u t r o l l e über die E i n w a n d er u n g in den Händen der Zionisten bleiben. Das ist nufere wichtig ft c Fordcru n g. Auch dann, wenn diese Forderung erfüllt ist, wird' Palästina nicht ein Zusluchtsland für Flüchtlinge sein dürferr, sondern wer hinkommt, wird stark und gesund sein nÄsseat. Er wird nicht zurückweichen dürfen, was auch immer kolnnten möge. Die Menschen nrüssen des Landes lvürdig sein. Die Et Weiterung der Jewish Agency wivd der erste Schrift zu»u Weltkongreß sein ttnd lvir müssen diesen Schritt tun. Schluß der Sitzung uw dreivierlel 7 Uhr.