Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1614 (10.8.1923)
- Date
- 1923-08-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XIII» Zionistenkongress (Kon&ressausgabe). Einzelnummer K1000 Wien; Zum Abholen in der Expedition, H.,Taborstr.l-3f. odler in einer Verschleisstelle (Trafik) monatl. K 28.000 Mit Postversand für Wien n. Oesterr. monatl. K 28.000 Tschecho-SI owa k e i: Mon. K17. Jugoslawien: Mon. Dinar40. Polen: Mon. Mk.45.000.D eutschlancf: Mon. Mk. 150.000. F r a n k r., Belgien: Monatl. Frcs. 8 WG7- Nachzahlungen *VB bei PreiserhöhungeiJ Vorbehalten Nr. 1614 Wim. Freitag. 10. August 1923 mmmmm . i—i ■ — T schecho «Slowakei Ischech. K 1.20 Italien: Monatl. 10 Lire Kn m an! en Mon. 90 Lev Bulgariens Mon. 75 Lewa, Sch w e i z und das übrige Ausland monatlich Frcs. 3 Redaktion u. Administration Wien, II., Taborstrasse 1—3 Telephone: 44-0-38,43-3-19» ab 6Ührabds.l9-483,16-301 Tel.- Adr.:, Morgenzeitung'' Wien ©österreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 5. Jahrgang Die Mrimg in Budapest. (Von rmserem.Budapester Korrespondenten.) Im Ungarn ist jetzt ein Prozeß im Zuge, der, wie em Politiker sich ausdrnckte, dazu führen könnte, die ehrlichen Menschen der verschiedenen politischen Richtungen zu gruppieren. Es würde sich dann Herausstellen, wer demokratisch gesinnt ist und bisher nur unter dem Zwange des Terrors seine Gesinnung verbergen oder maskieren mußte, und wer ans Ueberze-uguyg Reaktionär ist und nicht bloß deshalb den chvistlichnaüonaltzn Kurs mitmachte, weil er gerade in Mode war und seinen Anhänger reichlich nährte. De.r Austritt G ö m bös' aus der Einheitspartei der Regierung scheint nun ein wenig zu diesem Läutern ngsprozeß beizutragen, denn es sind nur sehr wenige, die bisher den Mut hatten, ihm zu folgen; hingegen haben manche, die anfangs ihren Austritt ans der Partei angemeldet hatten, ihn sofort widerrufen, als sie merkten, daß Gömbös heute noch nicht die Atacht unv die volle Krippe bedeute. Am besten kennzeichnet die Situation das Vorgehen der B e t h l c n - Regierung gegen das blutrünstigste AntisenriteMatt „A Nep", welches bisher wohl die aufreizendste Hetze zur Ermordung der Juden hat treiben Minen, ohne daß ihm auch nur eine Zeile unterdrückt worden wäre. 'Erst jetzt, als dieses Schandblatt — ermutigt durch die Fronde d'es Gömbös und die Czegleder Niederlage des Regierungskandidaten gegen den Kandidaten der „Erwachenden Ungarn" Dendvai-Lehner — gegen die Regierung und die gesamte Nationalversammlung in demselben verhetzenden, Ton zu schreiben wagte wie bisher gegen die Juden, würbe Hm das Ko'lportagerecht für die Damr von sechs Tagen entzogen und gegen den Autor dieses Artikels, den eben frisch gebackenen Abgeordneten L e n dv a i, wird nnt der strafgevichtlichen Verfolgung vorgegangen. Da. zeigtegäch aber auch gleich die Wirkung der neuen Gruppierung. Das Blatt erhielt von den Massenmördern Hejjas und Pronay sowie von der Leitung des Verbandes der Erwachenden Ungarn Sympathiekundgebungen und Aufmunterungsbriefe, in denen diese Gesellschaft sich „gegen die unwürdige Verfolgung des christlichen Gedankens" vertvahrt und versichert, daß die Erwachenden Ungarn gegenüber dieser Verfolg uugsta'M ihre Pflicht erfüllen und zur Tat greifen werden. Der christlichnationale Kurs will sich nunmehr auch der Börse bemächtigen. An der Budapefter Börse wimnrc'lt es heute von jenen uyverantwortlichen Elementen, den rasseureinen Luftmenschen, die der ungarische Staat aus den los-getrennten Gebieten in sträflicher Weise nach Ungarn herangelockt hat und die er jetzt ihrem Schicksal preisgibt. Alle diese Elemente sind die sicheren Stützen des christlichnationaleu Kurses, was sie aber nicht hindert, aus der Börse über Nacht reich werden zu wollen. Diese Elemente haben nun die Führer der Börse dazu veranlaßt, Reformvorschläge auszuarbe'iten, durch welche das wilde Geschäft unmöglich gemacht und' die Börse auf solide Basis gestellt werden soll. Die chriftlichnationale Presse verlangt nun, nachdem sie festgestellt hat, daß die Börse heilte keine jüdische Domäne . mehr ist, bei der Durchführung der Börsenreform die Einführung des Numerus clausus gegen die Jude n auch an der Bors c. Daß diese Blätter diese Rechtseinfchränkung der Inden „im Namen des heiligen christlichen Grundsatzes des freien Wettbewerbes" fordern, fei zur Beleuchtung dieser vielwinkeligcn christlichen Denkungsart nur nebenbei erwähnt. Bisher hat bereits eine beträchtliche Zahl der Henlkersknechte, der Veranstalter der Massenjudermwvde, in den letzten drei Jahren dasjenige nachgeholt, was die christlichnationale Justiz Horthy-Ungarus pflichtgemäß hätte tun sollen. Immer größer wird die Zahl der Juden Mörder, die sich selbst justifizieren. So hat in den letzten Tagen einer der gefürchtetsten Judenmörder, der ohemalige Offizier des O Z z t e n b u r g -- Detachements Ludwig Zorboezh, Selbstmord begangen u>nd ihn in. einem Schreiben an sein Lei-Matt Magyar sag" augeknndigt, indem er schrieb: „Wenn mein Schreiben in Ihre Hände gelangt, liege ich bereits auf dem Donaugrunde mit einem großen Stein aus meinem Nacken, damit ich auch nach meinem Tode nicht an das Licht dieser herzlosen, sündhaften Stadt gelange." Dieser Oszteuburg-Offizier hat, wie man sieht, seinem durch Mordtaten verruchten Leber: auf ähnlicher Weise ein Ende bereitet, wie er und feine Spießgesellen so viele nnschnldsge Menschen vorzeitig aus. dem Leben gerissen haben. Wer denkt da nicht an die vielen Donauleichm, die, gefess-eilt, mit Steinen um den Hals, aus KM MM gezogen wurden! U, - ' |T. - 1V Der 13. swmsteukongreß. (Donnerstag-Bormittagssitzung.) Stricker — Borfitzender des Permanenzausschufies. — kinfetzuns der Kommissionen. (Spezialbericht der „Wiener Morgenzeitung".) Karlsbad, 9. August. Der Kongreß hat heule endlich die Beschränkung der Redezeit auf eine halbe Stunde beschlossen. Diese Maßnahme hat sich als notwendig erwiesen, da die meisten Delegierten mit der Zeit des Kongresses Verschwendung trieben und die Generaldebatte über Gebühr hinausgezogen wird. Im Per man en zausschuß, der sich heute vormittags konstituiert hat, wurde Oberbaurat Stricker zum Vorsitzenden gewählt. Im Namen dieses Ausschusses schlug S t r i ck e r in der Mittagsstunde dem Kongreß die Wahl von Kommissionen vor, und zwar eine sechsgliedrige Re s o l u t i o n § k o m m i s s i o n, welche die Textierung aller Anträge, bevor sie ins Plenum kommen, zu prüfen hat, um redaktionelle Widersprüche auszugleichen. In diese Kommission wurden gewählt: Du D a i ch e s (London), Dr. Arnold B a d t (Berlin), Dr. Rosmarin (Lemberg), Dr. O l s ch w a n g e r (Warschau), Dr. S ijrkin (Poale Zion), Dr. Landäuer (Hltachduth). Weiter wird gebildet: eine politisch e K o m m i s s i o n, eine B u d g 2 t k o m m i s s i o n, eine Organisationskomm i ssi0n, eine Kcren Ha j eff od- und eine N'a t i 0 na l f 0 n d s k 0 m m i ss'i o n, die alle bezügliche ihrer Zahl und Zusammensetzung dem Permanenzausschuß gleich sind. Die Palästina- K 0 w m i s s i 0 n hat die doppelte Anzahl von Delegierten da sie drei U u t e r k 0 m m r s s i 0 n e n bildet, und zwar Kommission hat die doppelte Anzahl von Delegierten städtische Kolonisation, die Einwanderung s k 0 m m i ss i 0 n und die Kommission flir S ch ulen und Sanitätswesen. Der Kongreß beschloß weiter prinzipiell die Bildung eines tinanzpolitischeu Ansschu sses, der die B a n k g e b a r u n g und die Wirtschaftsarbeiten im allgemeinen zu Prüfen und Reformvorschläge zu erstatten Hai. Der heutige Tag hat gleich drei Sitzungen beschert. Die erste Sitzung am Vormittag lvar eine teilweise sehr bewegte Fortsetzung der inneren Auseinandersetzungen. Die Sitzung nahm einige Male einen fast dramatischen Charakter an, als Kaplansky mit Schärfe und Temperament gegen die Palästinensische Arbeitspobitik des Misrachi Stellung nahm. Die Zwischenrufe fielen hageldicht, und während die Linke ihrer Genugtuung durch lärmenden Beifall gab, geraten die Misrachi in sich immer steigender Erregung. Der Vorsitzende' Lipskh mußte wiederholt vermittelnd eingveisen, und als Kaplansky mit Nachdruck betonte, daß Religion Privatsache sei und bleiben müsse, ertönten minutenlang die stürmischen Pfuirufe der Rechten. Weniger wirkungsvoll, darum auch mit viel mehr Gelassenheit angchört, sprach der zweite sozialdemokratische Delegierte M e r e m i n s k y. Ihm folgte der Sprecher der österreichischen Landsmannschaft Dr. S ch a l i t, der in eindrucksvoller Weise den Standpunkt der Mehrheit der österreichischen Delegierten darlegte. Nach ihm folgte die mit großer Spannung erwartete Rede Dr. Schmarja Lew ins. Bon stürmischem Beifall begrüßt, ließ er seinem ganzen heißen Temperament die Zügel schießen. Der erste Redner des heutigen Tages ist der Poale Zion-Führer Kaplanski, der jüdisch spricht. Redner präzisiert die Stellung seiner Fraiktion zu den Problemen der äußeren und inneren jüdischen Politik. Es gilt, so führt er aus, in Palästina-für den j ü d i s ch e n A r b e i t e r Lebensmöglichikeiten, Expanfiansraum und erträgliche Produkt!0 nsbedingnugen zu schcpfsen. Das nationale Kapital muß großzügig mobilisiert, die Finanzierung des schaffenden Chaluz - mit Intensität dnrchgeführt werden. Von dem positiven Wirken der Privatinitiative, für das ll s s i s ch k i n mit solcher Wärnre eintrat, ist wenig zu verspüren. Die negative Ausiwirkung der Mklimatisation westenropäischer Wirtschaftssysteme bedürfe keiner Erörterung und ist nicht wegzudcnken. Redner weist aus Grund einer von ihm ausgestellten Statistik darauf hin, daß. von den w den Jcchrey 1919 bis 1922 ins La ndgcb rächt en yy ' " {iini MUliomu WM nur ein bis eineinhalb Millionen ans die Privatinitiative entfallen, während dreieinhalb Millionen! aus nationalen Quellen: Nationalfonds, Keren Haje^sod, Hilfsfonds und den jüdischen Banken stammen, die ja Mr die geschäftliche Form der nationalen Kaprtalskonzentratron bilden. Redner erklärt, daß die Kwuzah das primärste* Instrument der kolonisatorischen Seßhafknachung armer Einwanderer fei. Die einzelnen Posten des PalästlnabicÄgets werden vom Redner einer ausführlichen Kritik unterzogen. Für Ku-lturzwecke habe man 50 Prozent der ausgeworfenen Summen vevwendet. Dagegen habe man bei der Landwirtschaft auch Lei den notwendigsten AusMben g espart. Im, Jahre 5681 habe man für kolonisatorische Zwecke nur 160.000 Pfund, d. h. etwa 40 Prozent, bereitgestellt. Im vorigen Jahr war die Budgetordnung relativ güuftiger, jedoch noch lange nicht zufriedenstellende Ehe wir das Kulturprogramm in Palästina realisieren, müssen wir eine W i r t f ch a f t s b a s r s, die Deibensmöglichkeiten für unsere opferbereiten Menschen, schaffen. Kaplanski wandte sich sodann gegen die gestrigen Ausführungen der Delegierten Gottlieb und Berilin. Die Entwicklung des Zionisinus sei ein tiefgreifender Revo'lutionsprozeß und in'Errz Israel bilde sich die Struktur eines neuen Lebens und einer neuen Wirtschaft. Es kommt zu stürmischen Szenen, als Kaplanski eine scharfe Kritik an der Arbeitsmethode des Misrachi übt. Er ivirft dem Misrachi Unkonfeqnenz vor, indem er einerseits einen Teil der Exekutive repräsentiert, andererseits aber in Opposition steht. In Erez Israel ist das jüdische Volk das Fundament, der Physische und seelische Impuls der werdenden Heimat. (Stürmischer Beifall links — Zwi sch rufe rechts.) Zugunsten des Arbeiterelements und der Landwirtschaft muß das Kleinbürgertum zurücktreten. Cs ist ein Skandal, daß die Misrachi hinter dem Rücken der Zionistischen Organisation mit der Exekutive u l t i in a t i v verhandle und sie zur Bewilligung eines Budgets von 28.000 Pfund zwinge. (Große Erregung, links, Rufe: „Unerhört!" „Pfui!" — Stürmischer Widerspruch rechts: Das ist eine infame Verdrehung!) Kaplanski wendet sich zu den Misrachi und sa,gt: Euer soziales Programm steht im Gegensatz zu dem, was wir wollen: religiöse Freiheit und Toleranz. Wir Sozialisten wollen ein angemessenes Kulturbudget, aber kein einseitiges, auf orthodoxe Ideologie zugeschnittenes. Mit 28.000 Pfund hatte man neue Kolonisationsmöglichkeiten schaffen können. Wir verlangen die Mittel fiir den Aufbau unserer sozialen Gemeinschaft. (Erregung rechts. — Rufe: Sie bauen nicht a>uf! Skrupellose Propagandisten! — Lärm links.) Wir sind für religiöse Toleranz nnd Wahrung der Demokratie. Der Misrachi ist ausgesprochen antisozial, klerikal und reaktionär. (Beifall links.) Mit skrupelloser Agitätion sucht man den Boden für eine extrem religiös gerichtete Arbeitergewerkschaft reif zu machen. Als während der gestrigeil Debatte das Wort Streikbrecher fiel, gerieten die Misrachi in Arrfregung. Unter „Streikbrechern" verstehen wir alles, wodurch in den eigenen Reihen fystenratisch und prinzipiell Kraft und Inhalt-der Bewegilirg verringert' wird. Die Misrachi — Siedler und Kapitalisten — nehmen arabische Arbeit er und lassen die Chaluz im hungern. Das ist die misrachistische Solidarität. (Stürmische Pfui-Nnfe links. Erregte Gegenrufe rechts.) Wenn uran Jhllen die Wahrheit sagt, regen Sie sich auf. Die palästinensische Arbeitslosigkeit ist drückend und schwer. Wir werden rms mit Herz und Hand für unsere Palästinabrüder eiwsetzeir. (Beifall links.) Meine Herren von der Misrachi: Sie haben durch Ihre egoistische Politik die gesamte Position' iit Palästina verschlechtert. (Großer Lärm rechts.) Die Situatioil ist sehr ernst.. Die sozialistischeil Arbeiter schließt man aus den Betrieben aus. Mit methodischen Schikanen, mit Intrigen aller Ar. arbeitet man gegen den freiheitlich eingestellten Teil der palästineusischen Arbeiterschast. Streikbrecher sind verächt. Durch die Unterminicruugspolitik der Misrachi kämme und ninuner unsere Arbeilersolidarität erschüttert weu (BoiM linW. « AtüMHKe 9W rechts: Dem«