Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 5 (1923)
- Issue
- Heft 1613 (9.8.1923)
- Date
- 1923-08-09
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 1618 Wien, Donnerstag Wiener Morgenzeitung. Zer Höhepunkt der Ae Marl vor dem sSmüchen Untergang. - Reichstagsfitzung. — Was Wahnstnnskmse. — Die ULK? Berlin, 8. August. Die katastrophale Weitercnltwicklung der Markentwertung hatte im heutigen freiere Devisen'haudel eine gewaltige Höher- Lewertun g der ausländischen Zahlungsmittel Lei andauernd dringender Nachfrage und vollständigom Warenmangel zur Folge. Der Dollar wurde mit 5 Milliionen genannt. Der Börsenvorstand entschloß sich, unter diesen Umständen bekannt zu geben, daß von heute ab täglich amtliche Kurse für ausländische Zahlungsmittel festgestellt werden. - Die heutigen Notierungen zeigten eine wesentliche Ermäßigung gegenüber den Vormittags'krrsen. Der Dollar stellte sich dann auf 4,850.000. Auf dem Effektenmärkte schuf dieser Zustand die g r ö ß t e Ü n f i ch e r h e i t. Es herrschte große Zurückhaltung. Vieljach, mußte mit der Kursfeststellung wegen Mangel cur Ware zunächst ausgesetzt werden. 'Sonst zeigten die Kurse zum Teil E rhöHungen bis auf das Dreifache der Kurse vom Montag. Begehrt waren namentlich auch BalutaPaPiere, die göivaltig in die .Höhe schnellten. ~ / , 90 Billionen Notendruck in der nächsten Woche. Angesichts der ungeheuer steigenden Anforderungen nach Zahlungsmitteln, denen infolge des abermaligen schärfen- Mariksturzes die Großbanken nicht genügen konnten, . will es nun die Reichsbcmk mit allen Mitteln erreichen, in einigen Tagen allein aus den Berliner Druckereie.n täglich etwa 15 Billionen Mark neuer Notelr hemustzuholen. Danach müßten in einer Woche nündestens 90 B i l l i v n e n M a r k oder das Dreifache der bisherigen Gesamtennssion Ln den Verkehr geleitet werden. Die Reichstagrsihung. Berlin, 8. Augnst. Bei gut besetztem Saal und überfüllten Tribünen eröffnet Präsident Loebe die Sitzung des Reichstages mit einem Nachruf für den Präsidenten Harding,. den er mit den Worten schließt: Möge Amerika erkennen, welch große Verdienste es sich um die Menschheit erwerbe« kann, wenn diese größte und einflußreichste RepubW der Erde ihre Mitwirkung zur Gesundung und Befreiung der Welt leisten würde. (Beifall.) Als sich Reichskanzler Dr. Enno erhebt, erschallen, von den Bänken der Kommunisten lebhafte Rufe: Weg mit diesem Verbrecher, mit diesem Stinnes-Kommis! .Nachdem sich der Lärnr einigermaßen gelegt hat, ergreift der Reichskanzler das Wort. Er geht zunächst auf die Ruhrbesetzung ein und erklärt, die Bevölkerung am Rhein und an der Ruhr werde trotz alter Drangsalierungen trerr am Widerstand sesthalten. (Zwischruf der Kommunisten: Stinnes hat schon Vaterlandsverrat verübt!) Die Entscheidung liege jetzt bei England; aber es wäre zwecklos und g e f ä h r l i ch, sich in diesem Augenblick Mer Einzelheiten der englischen Aktion zu verbreiten oder Kombinationen daran zu knüpfen. . Unter dem Ruhrkampf, so erklärte der Kanzler weiters, leidet heute das ganze Gefüge der Weltwirtschaft und hohe wirtschaftliche, politische und ideelle Interessen fast aller Staaten, unter ihnen am tiefsten und schmerzlichsten das deutsche Volk. Mit Spannung verfolgt daher das deutsche Volk die Bemühungen, eine Lösung der Krise zu finden. Die Führung Lei dieser Arbeit, die in R o m A n t r r e b und weitere Förderung erfahren habe, liege in englischen Händen. Die Grundlagen,, auf denen sich die England vorschwebende Lösung aufbaut, sind für Deutschland wahrhaftig nicht erfreulich. Es findet sich darin nmnches Anlsinuen, das uns unmöglich scheint, soweit sich ohne Kenntnis der Begleitdokumente ein Urteil bilden läßt. In dem Bestreben, das g.ute Einvernehmen mit Frankreich ausrech t zu erhalten, ist England in seinen Zugeständnissen außerordentlich weit gegangen, aber es ist nicht unsere Sache, uns darüber zu verbreiten, was England für sein Interesse hält. Es wäre auch zwecklos und gefährlich, Kombinationen für die Zukunft archnstellen. Für große Hoffnungen liegt kein Anlaß vor, doch kau/uns der Glaube nicht genommen werden,- daß die wirtschaftliche Vernunft und der Sinn für Gerechtigkeit sich schließlich auch im Auslände durchsetzen werden. Auch heute noch müffen wir uns aus eine lange Dauer der Leid'enszeit gefaßt machen. Der Reichskanzler/ der dann auf die Forderung nach politischer Aktivität und nach Verhandlungen mit Frankreich zu sprechen karn, erklärte, er halte Verhandlungen mit Frankreich für falsch, und erinnerte in der Begründung seiner These an die ununterbrochene Kette der von Deutschland ausgegangenan Berständignngsversuche während der letzten vier Jahre. Wir dürfen nicht an Wuilder, sondern an uns selber glauben. (Beifall.) Wir haben immer den Willen zur Verständigung mit Frankreich klar bewiesen, aber Frankreich fordert, daß wir vor jeder Verhandlung den passiven Widerstand aufgeben, das Rheinland also den Franzosen auf Gnade und Ungnade übergeben. Das ist eine Forderung, auf die die Negierung n i ch t e t ngehen kann. (Beifall.) Hinter dieser einen Urmwglichkeit ^.vürde eine Kette weiterer Unmöglichkeiten kommen. Franlreich braucht zur Verwirklichung seiner Gewaltpläne eine neue Unterschrift, die Deutschland dann wie einen Klotz am Beine mtt sich schleppen wüßte. Wir kennen die Gewaltpläne des Herrschers und Verderbers von Europa. Wir sind ihnen gegenüber nur auf uns selbst angewiesen. Zur Erhaltung des Bestandes unseres Landes müssen wir jedes, aber auch jedes Opfer bringen! (Ruse bei den Kommunisten: Aufgelegter Schwindel!) Wir wollen sesthalten an dem gewaülofen passiven Widerstand, frei von Gewalttaten. (Abgeordneter Ledebour ruft: Sie unterstützen ja Sabotageakte!) Der Reichskanzler geht dann auf die innere Politik, vor allem auf die Wirtschaftslage, ein. Die Gesundung der Wirtschaft, fa\gt er, müsse erreicht werden ohne Rücksicht aus irgendeinen Stand oder auf bestimmte Wirtschafts--; kreist. Im Anschluß an Liest Worte kommt es zu minutenlangen Lärmszenen. Die Abgeordneten Fröhlich sind Koenen (Kommunisten) rufen: . Sie Bankrotteur! Die Mahnungen des Präsidenten bleiben erfolglos und erst nach einigen Minuten kann der Reichskanzler in seiner Rede sortfahren. Er kündigt als die nächsten Vorschläge der Regierung an; Wertbeständige Anleihen, neue, schärfere Steuergesetze und Forderung der Wirtschaft. Es komme vor allem darauf »an, die Tätigkeit der Notenpresse einzuschränken und jede über- . flüssige Einfuhr zu unterbinden. Soweit in einzelnen Wirtschaftszweigen der Weltmarktpreis erreicht sei, sei die Tätigkeit der Außenhandelsstelle überflüsiig geworden. Die Reichsbank stehe vor wichtigen währungsPolitischen'Aufgaben, die mit Vorsicht und Entschlossenheit gelöst werden müßten. An die Landwirtschaft richte die Regierung die dringende Mahnung, nicht nur in der Arbeit, sondern auch in der Lieferung der Lebensmittel ihre Pflicht zu tun. Die Arbeitgeber aller Stände sollten der Entwertung des Geldes bei der Bemessung der Löhne unkt Gehälter R e chnung tragen. Das vaterländische Bewußtsein muß heute das Band der Einigung sein. Wir können eine erfolgreiche äußere Politik nur treiben, wenn der Reichstag hinter einer starken Regierung steht. Reichsfrnanzminister, Dr. Hermes eygveist das Wort, um die neuen Steuervorlagen zu begründen. Das Reich hat durch den Ruhrkarnpf nicht nur große Lasten auf sich genommen, sondern auch einen ungeheuren Ausfall an Einnahmen erlitten., Die Reichs- Post ist in einer noch ungünstigeren Lage als die Reichsbahn. Der mit einer.Billion veranschlagte Fehlbetrag der Post dürfte westnllich höher werden. Um eine oesündere Wirtschaft zu ermöglichen, werden wertbeständige Tarife eingeführt werden, bei der Bahn am 1. September, bei der Post am 15. September. An Leistungen aus dem Versailler Vertrags hat Deutschland bisher annähernd sechs Billionen in Geld- und Sachlieferungen aufgebracht. Im Herbst wird bei einer Reform der Einkomme nsteuer auch die Frage der Goldbilanz und der G ol d re chunng zu entscheiden sein. Im Aufträge der Regierung sind Sachverständige mit der Frage beschäftigt, ob sich eine Festmarkrechnung einifuhven läßt. Den Ländern und Gemeinden soll durch den neuen Finanzausg l e i ch eine große finanzielle Selbständigkeit gewährt werden. Die neue Goldanleihe soll bis zu einem Betrage von 600 Millionen gesichert werden. Gesunde Verhältnisse können aber erst dann. emtrsten, wenn die Ruhvbesttzn-ng durch einen unparteiischen Spruch über den Umfang unserer Reparationsverpftichtungen abgeschlossen wird. Dir Zeuemng. Berlin, 8. August. Die Verteuerung der Lebensmittel, namentlich des Brotes, schreitet unaufhaltsam fort. So ist im Laufe von acht Tagen bereits die fünfte Brotpreiserhöhnng ei-ngetreten-. Es wird von nun an das markenfreie Brot 160.000 Mark kosten. Ausgabe von 800.000 Mark-Sutfcheine« in Nutzem. München, 8. August. Die Bayrische Staatsbank gibt zur Behebung der augenblicklichen ZahlungsmtttHknaPPheit Notgeld in Form von Gutscheinen über 600.000 Mark heraus. Zustellung des Streiks ln de« Berlkner Metallbetrieben. Berlin, 8. August. Der Streik in den Berliner Metallbetrieben, der infolge Lohudifferenzen «mszubrecheu drohte, ist in letzter Stunde ab ge wendet worden. Die Mehrheit der Funktionäre hat sich für das neue, in den Verhandlungen im Reichsministerimn vereinbarte Lohr> ab klommen ausgesprochen. 9. August 1923 Seite'8 Die ZentralstreAeitung der Angestellten der Metallindustrie erläßt einen Aufruf, in dem sie die Angestellten auffördert, die Arbeit nicht, niederzulegein »nid in jenen Betrieben, wo der Streik bereits heute begonnen wurde, die Arbeit morgen früh wieder ans zunehmen. , Ausschreitungen in ßhenmitz. Berlin, 8. August. In Chemnitz kam es geistern zu Ruhestörungen. Eine tausendköpfige Äderige erzwang m einer Niederlage den Verkauf von 175 Zentner Margarine' zum Preise von 80.000 Mark für. daS Pfund. Die Polizei, die eingreisen wollte, war der Menge gegenüber m a ch t l o s. OlnschrSnkung de« Personenverkehrs. ' Berlin, 8. August. Die Notwendigkeit, in der nächsten Zeit alle Kräfte der Eisenbahnen für die Beförderung der lebenswichtigen Güter, besonders der Ernte, einzufetzen, wird zu Einschränkungen des Personenverkehrs führen müssen. Neuerliche Berkehrssperre im Ruhrgebiet. Berlin, 8. August. Wie das Bürgermeisteramt Lud» wigshafen mitteilt, hat die Interalliierte Rhernlandskommission wegen des Attentats auf die Besatzungstruppen in Düsseldorf allen Personen deutscher Nationalität den Verkehr zwischen dem besetzten und dem unbesetzten Gebiet bei Tag und Nacht für die Dauer von a ch t T a g e n v e r-. boten. Kne zwei - Millionen > Dollar-Kampagne die heiligen StStten in PMstina. Ans New-Bork m-Ädet I. C. B-: Der frühere Swi-tätA oiffrKer in Palästina, Mr. Barron, ist in Mw-Uork emgetroffen, um Mit dem Vorsitzenden, der Zwei-Millionen-lDollar- Kämpagne, Büsch of Mann ing, Verhandlungen zu Wegen. Die Zjw'eiMillloneN'-Dollar-lKaNlpagne ist in den Vereinigten Staaaten omgeleitet worden, um die. Mittel für die Erhaltung der heliligen Plätze in Palästina zu beschaffen. Mr. Barron ist der Vorsitzende der von der Palästina- Verwaltung eingesetzten, Konrmiffion zur Li quiidierung d.es orthodoxen Pätriarchat es in Jerusalem, das den Schutz der heiligen Stätten besorgt. Radiotelephonie mtt Luftfahrzeugen. Montag nachmittags wurden.in Prag die ersten radiotolephor/lschen.Mcrsuche.. in der. Tschecho-iSlawakcii .mit Flngzsugen währen-d des. Fluges - unternommen. Das aus- London hier eingetroffem Flugzeug der Avion Jnstone Air Line stieg Um 1- Uhr.vom Flugplätze Mel . aus und während des etwa eine . Stunde währenden Fluges in einem Umkreise von 50 Kilometern m.» der. Umgebung. Prags stand dieses Flugzeug m ständiger radiotelephomscher Verbindung mit der Postradiostation Prag 31. Die Gespräche wurden sowohl im Flugzeug, wie auch in der Postradiostation glänzend gehört. Der telegraphische Weltverkehr. WWerhersMung -er Festlandsverbindung London—Teheran —Indien. Eine der besten technischen Errungenschaften, die direkte telegraphische Verbindung von London nach Indien ans dem Fejstlande, wnrde durch den Krieg zerstört. Nun ist es nach laUAwievigxn, schwierigen Verhandlungen zwilscheuder englischen Postverwaltung, dein deutschen' Postministeriurn und der indoeuropäischen Telcgraphengesellschaft in London gelungen, einen Vettrag zn schließen, der die Wiederherstellung dieser telegraphischen Verbindung ermöglicht hat. Die Linie, läuft von London über Emden, Berlin und W.ar«^ schan nach Odessa, dann längs der Küste des Schwarzem Meeres über Tiflis nach Teheran; dort teilt sie sich: ein Teil führt nach Karachi^ in Britisch-Indien, der andere über B i s ch h i r zum persischen Golf, wo der Anschluß an das Kabel nach Britisch-Indien durchgeführt.wird. Die in dm! letzten Tagen vorgenomnrenen ■ Versuchssendungen von Telegrammen aus Berlin nach. Bombay hatten günstige Resultate. Der normale Festlandstelegranunverkchr ■ auf. dieser!. Linie hat bereits begonnen. Auch der deutsche Telegramnwerkeihr mit Südruß'land und der Türkei soll durch diese Linie erleichtett/ werden, worüber gegenwärtig VerhaMungen ge-" pflogen wevdev. . Hardingr Leiche in Washington. Washington, 8. August. (Tel. d-r „Wr. Mor«tg.'^ Der Sarg der Leiche des Präsidenten. H a r d i n g wurde Dienstag Nacht in das W e i ß e Haus überfi'chrt, wo vier Offiziere die Ehrenwache übernahmen. Während der Ueberftchvung wurden in den Straßen, die Lichter ausgelöscht, Straßenbahnen und Fuhrwerke mnßterr anhalten» Heute vomrrttags wurde der Sarg mit HaMngs Leiche auf das Kapitol gebucht. Disziplinarverfahren gegen Professor Plate. . . ’Frankfurt a. M., 7. August. (I. C. B.) Das Unterrich-tsmlinisterium von Thüringen gab dem Re'ktor der Jenaer Universität die Weisung, gageit den Zvologieproisessor an der Universität Jena Dr. Ludwig P l a t e das dieirHliche S t r a s lv e r s a h r >e w toegen Dttßbrauchs der LehrkaiMl einzuleiteu. . (Wie gemeldet, hatte sich Professor Plate in der letzten Zeit während seiner zoologischen Borlcsnugen rüde antisemitische Ausfälle er laicht. Plate bchchimpfte die jüdischen Ur.-iivevsitätsangethörigen und »kannte die Iu-deir Träger der sexrWllen Mmoral.)