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Wiener Morgenzeitung · 1923-08-07 · Heft 1611 (7.8.1923) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
5 (1923)
Issue
Heft 1611 (7.8.1923)
Date
1923-08-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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9fr- Ml Men, MiMg ELmond de Rothschild. Dieser edle Freund Palästinas steht heilte tatkräftig her -der Fahne des Wiederauf- Laues, und seine Tätigkeit geht einer neuen Entwicklung entgegen. Hoher Kongreß! Wir glauben, die Bestätigung des Palästina-Mandats bedeute das Ende der politischen Sorgen. Aber gerade die abgelaufene Kongreß- Periode hat diese Sorgen vermehrt. Eine förmliche Sturmflut von ArAagen und Beschuldigirrrgen braust gegen den Zionismus heran. Groteske Uebertreibnngen, Änmrenmärchm, Schauergemälde, in denen eine zügellose Phantaisi-e Orgien feierte, wurden über unsere Tätigkeit und Absichten verbreitet. Unser Programm mag noch so Aar und bchi.mmt.vor dm Augen der Welt liegen, man dichtet trotzdem unserem Programm. Dinge au, von denen wir keine Ahnung haben, ja, die im diametralen Gegensatz zu unserem Programm stehen. Mr, die wir durch Tradition uu& Fw; terefstuyememschast die cmfrichtWen Freunde des arabischen Volkes sind, wir begeisterte Anhänger des Grundsatzes gegenseitiger religiöser Achtung, die wir un-z<chlige Male «Märt haben, die heiligen Stätten des Christentums auf das sorMltigfte zu achten und zu schützen, wurden als Feinde des Araber- und Christentums verschrien. Durch unsinnige und widerspruchsvolle Kombinationen wurden Schreckgespenster gemalt, Zerrbilder, um einMtige Leute zu schrecken. Leuchtet mau einem solchen Gespenst ins Gesicht, verschwindet es, um neuen Phantomen Platz zu machen. Es ist tief zu beklagen, daß wir einer solchen Verwirrung, einem so gründlichen Verkennen der tatsächlichen Verhältnisse dort begegnen müssen, wo wir reifes politisches Urteil zu finden gewohnt waren, in einer Presse, die den großen Prinzipien der Gerechtigkeit und Freiheit huldigte, in einigen Organen der englischen Presse. Es ist dies' eine ernste Erscheinung, die aber nicht so tragisch aufgefaßt werden darf. Es sind vier Ursachen für diese Kampagne: die Reaktion, der AntisemitiZmus, die Konkretisierung der zionistischen Ziele und die Tagespolitik. Bulfours Deklaration war ein Moment des Aufschwunges der nationalen Gerechtigkeit. Das Gesetz der Rückschläge nach großen Ansätzen tritt hier in Erscheinung. Eine Idee hat durch die Bemühungen ihrer Anhänger, durch die Gunst der Verhältnisse, durch ihre sittliche Kraft die gegnerischen Kräfte überwunden und ist zur WiMchkeit geworden. Aber dann sammelten sich die besiegten Kräfte wieder und unternahmen neue Angriffe. Mit -erschreckender Eile zeigte sich die fatale Gesetzmäßigkeit einer solchen Reaktion nach jeder Judenomauzipation in allen Geschichtsperioden und in allen Ländern der Welt. Wie sollte , die Reaktion nach der nationalen Emanzipation auMeiben? Diese Reaktion findet reichliche Nahrung in der antisemitischen Welle, die sich während des Krieges und nach dem Kriege über verschiedene Länder ergossen hat. Die freiheitlichen Einrichtungen, die Achtung für das Gesetz und der gesunde Sinn des englischen Volkes machte die Ausbreitung des Ä n t is ewitismus in diesem Lande zu einer aussichtslosen Chimäre. Nichtsdestoweniger ist es kein Geheimnis, daß es Kreise und Zeitungen gibt, die dorr dein Gisthanche des Judenhasses nicht verschont find. Der Antisemitismus wird nicht müde, die Juden als international zu beschuldigen, aber er ist die ausgMdetste internationale Odnisation, die es je gegeben hat. Die Brutstätten seiner Hetzereien in den verschiedensten Teilen der alten und neuen Welt stehen in engem Kontakte miteinander. Die unterirdische MaulwUrfsapheit geht von Land zu Land. Die Methode ist überall die gleiche. Hinter der angeblichen Furcht vor der Judenherrfchaft verbirgt sich _ mm* MWMMMü.8_ die Leidenschaft der Indenbeherrschung oder Ausrottung der Juden. Im zaristischen Rußland war der Jude außer- -halb des Gesetzes, Mr verantwortlich; er war rechtlos, aber Sklave aller Pflichten. Er war immer derjenige, vor dem Hum düs Volk schützen zu nrüssen behauptete. Der Pägrom von Kischinew wurde von Plehwe angezettelt, um die KiWn-ewer Bevölkerung vor den Juden zn schützen. ' Wer wÄ-ß, ob nicht auch die blutigen Hetmane der Ukrainer» Me solche Schutzidre im'Auge 'hatten. Jetzt heißt es, Pa« lästina schützen. Dazu kommt noch ein andererPunkt der antrfeyMschen Meihode: die Megalopsie, d. ih.chie Neigung, bei dem Gegner alle Gegenstände in monströser Vergrößerung zu scheu. 'Haben die Juden Menschenrechte errungen, so wird Lärm geschlagen, daß sie alle Privilegien an sich gerissen haben. Ist ihnen das Recht zuerkannt worden,-auf dem Boden ihrer Väter eine Heimstätte für ihr Volk zu errichten, so wächst diese Idylle in der anttsemitischen Phantasie zu einem mächtigen Staatswesen aus. Gegen dieses System der Aufbauschung und der Entstellung ist kein Beweis und keine Berichtigung kräftig genug. Daß jetzt der Zionismus zum Hauptziel von Angriffen geworden ist, wundert uns gar.nicht. Der Zionismus ist die markante sie Ers che rnnng des jüdischen Lebens. Wie sollte ihn der Antisemitismus nicht verleumden und verunglimpfen? Daß der Neid und die Mißgunst nicht schon früher zum Ausbruch gekommen ist, mag feinen Grund auch in dem Umstand haben, daß das jüdische Nationalheim fri'cher ein kaum faßbares Objekt, ein Nachklang eines Mythos zu sein schien. Als aber dieser Begriff sich in eine etwas Plastischere Gestalt - umzusetzen begann, als -er Realität BQromöbel in Verbindung mit' Patent*Aktenordner DSSPGNE Unentbehrlich für jedes Bureau AUeinerzeugun gerecht für all» Länder der Erde: American Trading Go. Buroaumöbelfabrikon Wien, I.. tUlR 3igrn» 13, b. Roben Markt Telephone Nr. 68500 Serie wurde, änderte sich auch die ganze Art der Behandlung dieser Frage und an Stelle der großen Gesichtspunkte der Humanität, der Geschichte, der nationalen Gerechtigkeit, traten kleine, angeblich praktische, iw Grunde jedoch sthr rmpraktische und kurzsichtige Erwägungen, die den Blick trübten. So geschah es, dvß die welthistorische Balsour-Deklnration in die Wahlkampagne hin ein gezerrt wurde, und daß in manchen Kreisen die große sittliche Autorität dieser internationalen Entscheidung ihre große Not hatte, der Zugkraft des opportunistischen Schlagwortes zu widerstehen. Das Gemeine heftete sich an das Große, das Momentane an das Ewige und zog es mit sich in den Schmutz. Aber trotz vorübergehender Jrmmgen und Wirrungen zweifeln -wir keinen Augenblick an dem Gerechtigkeitssinn des englischen Volkes und der englischen Presse. Wir sagen uns, - diese Etappe muß durchgemacht werden. Es wird allerdings noch schwere Kümpfe kosten und wir nrüssen 7. August 1923 _Seite 3 einen klaren Blick für die lauernden Gefahren behalten. Ohne Kampf kein Seg. Die neue politische Einrichtung, -das nationale Heim für das jüdische Volk in Palästina, muß seinen Platz und seine Daseinsberechtigung mit Irrungen und Arbeit erkämpfen. Es ist für uns ein 'erhebendes Bewußtsein, daß in der letzten Zeit in der großen Presse Englands mächtige Stimmen für unsere gerechte Sache erhoben worden find. Wir fühlen uns erhoben und begeistert durch die Erklärung Lord Miln ers und durch den Aufsatz, den Lloyd George letzhin in der Presse veröffentlichte. Sie -haben mit lauten Worten gemahnt und gewarnt. Mt Beruhigung haben, wir auch die Kunde der eng« lischen Regierung vernonmien, daß alle Versuche, die gegen das Mandat und gegen die in Mandat gewährleisteten Rechte gemacht wurden, gescheitert sind. Wir fetzen darauf die Hoffnung, daß es dein Bestreben der Mandatare noch gelingen wird, die Schwierigkeiten zu beseitigen, damit der <Ägen gedeihlicher' Kolonisation dem Lande unseres Voltes voll und ungestört gewahrt bleibe. Mit Ernst und redlichen Willen werden wir an die wichtigen Aufgaben herantreten, die uns nach dieser Richtung gestellt sind, iw Geiste der Gerechtigkeit und Billigkeit, aber auch stets eingedenk der verantwortungsvollen Pflicht, die uns die Interessen -des nationalen Heimes für das jüdische Volk auferlegen. Unsere Direktiven lausen auf vier Punkte hinaus: Ausübung unserer durch Mandat gewährleisteten Rechte, rücksichtsvolles Entgegenkommen gegen die nichtjüdische L a n d e s b e v ö l k e r u n g, moralischer Einfluß' durch vorbildliches kulturelles Wirken, Förderung einer int e i le Li'u e ll e n Annäh erung. Gewiß stellen wir uns schtvere Aufgaben, aber unlösbar sind sie nicht. Der heilsamste Rat -ist der dritte: das vorbildliche, vorsichtige, kulturelle Wirken; denn daraus beruht im letzten Grunde die ganze Zukunft. Aber wir legen nicht weniger Wert auf eine Annäherung an die nichtjüdischen Kreise im Lande. Die Gegnerschaft, die sich gegen uns organisiert -hat, setzt ihre Agitation gegen uns fort. In ihrem bisherigen Verhalten liefert sie uns den. Beweis, daß sie sich in die unvermeidliche politische Notwendigkeit nicht zu fügen gedenke. Diese durch nichts auszusüllenden Gegensätze sind es, ivelche uns vom Standpunkte dieser Gegnerschaft trennen. Uns gilt das der' Regierung Großbritanniens erteilte Mandat mit der darin ausgesprochenen Anerkennung des nationalen Heims als die unerschütterliche politische Rechtsordnung, an welcher n-ach dem fortschreitenden Bedürfnissen wohl ein entsprechender Ausbau, niemals aber ein Aufheben des Grundsatzes zugelassen werden kann. Ohne daß wir den Standpunkt entnehmen wollten, -daß internationalen Verträgen ewig-e Dauer gesichert werden müsse, ist es doch zweifellos: Menu im Interesse des Friedens und der Zivilisation und mit Rücksicht auf die historischen Traditionen und die Grundsätze des Völkerrechtes eine Rechtsordnung statuiert wird und die Großmächte sich zur Einhaltung und Unterstützung ' feierlich verpflichten, so muß diese Auflehnung gegen eine solche Einrichtung als schwere Erschütterung des Vertrages betrachtet werden und als ein Versuch, die Grundlagen de§ Rechtes im Bewußtsein der Bevölkerung zu untergraben. Voll Freundschaft für die. Völker des Orients, denen der Aufbau Palästinas nur Heil und Segen bringen GigRäumungwerkauf “"SliiSchiff mann II., Taborstraße 4s Telephon 47-1-79 Er grös En detail iMUiLwn^iwwarai Wenn niemand zusicht. Von Maym Gorki. Wie sich Menschen benehmen, wenn niemand zusteht, darauf wurde ich zum ersten Male aufmerksam, als ich noch ein kleiner Knabe war. Da sah ich einmal den englischen Artisten Randal durch den langen Korridor des Zirkus gehen, in -dem er auftvat. In dein Korridor stand ein großer Spiegel und als Randal sich darin sah, blieb er stellen und zog höflich den Hut vor sich. Mich wunderte das sehr: Ein Artist, noch dazu ein Engländer, ein Künstler in seinem Fach, und so verrückt! Sonderbar... Wer das war nicht meine letzte Beobachtung. Ich sah einmal, wie Anton Tschecho'w in seinem Garten sich bemühte, einen Sonnenstrahl mit seinem Hute aufzu-sangen und den Hut dann 'aufzusetzen. Bon weitem erkannte ich, daß Tschechow sehr ärgerlich darüber war, weil der Sonnenstrahl sich nicht im Hut ari/ffangen ließ; ja, er wurde geradezu Mtend, faßte seinen Hut und schleuderte ihn über das Knie; dann setzte er ihn wieder auf und verabfolgte dabei seinem Hündchen einen Fußtritt, kniff die Augen ein, blickte in den Himmel und ging verdrießlich in sein Zimmer. Dort angelangt, inächte er sich sofort mit allem Eifer daran, einen dicken Rotstift in den schmalen. Hals seiner kleinen Flasche zu zwängen. Der Versuch konnte natürlich schon nach den physikalischen Gesetzen unmöglich gelingen, aber Tschechow preßte eigensinnig, tmt aller Gewalt den dicken Bleistift m den schmalen Flaschenhals, als ginge es ihm ums Leben, gelänge der Versuch nicht. Ich hörte einmal mit eigenen Ohren, wie Leo T o il- I st o i eine Eidechse, die in seinem Garten über ein Beet I schnellte, leise fragte: „Dir -geht's gut, was?" Die Eidechse hatte sich inzwischen auf einen Stein gesetzt, der auf dem Gartenlveg -lag.'und sonnte sich. Tol-' stoi stand. neben ihr, die Hände in feinen Ledergürtel gesteckt, blickte sich vorsichtig nach allen Seiten um und dann sagte einer der größten Menschen der Erde zu dem kleinen Tierchen: „Aber mir geht es nicht Mt, gar nicht out." Prof. M. N. T-ichwinski, ein -berühmter Chemiker, saß einst bei mir im Eßzimmer. Als er sein Spiegelbild in einer Kupsertasse erblickte, ftagte er: „Ah, grner Freund, du lebst?" Das Spiegelbild antwortete nicht. Der Professor seufzte schwer auf Und versuchte, -mit der Hand sei« Spiegelbild abzuwischen. Jemand hat mir erzählt, er habe einmal den Dichter Lesk-ow bei folgender Arbeit getroffen: Leskow saß beim Tisch, nahm ein Stückchen Watte, warf es nach einer Porzellanschale- und horchteob ein Ton zu hören sei. Mehr als einmal hatte ich Gelegenheit, zu sehen, daß Menschen äuflachen oder in Tränen ausbrechen, wenn sie allein siüd, und keiner zusieht. Ich kannte einen Schriftsteller, einen sehr nüchternen Mann, der jedesmal, wenn er die Melodie eines bestimmten Loierkastenliedes pfiff, in.Tränen ausbrach. Dabei pfiff er sehr schlecht, da seine Lippen nervös zitterten, und^och rollten Tränen aus seinen Augen auf seinen dunklen Bart. Diese Wernanfälle, angeregt durch den Eursall des Werkelliedes, kamen gewöhnlich in seinem Hotelzimmer; dabei lehnte er seine Schulter ans Fenster und machte mit den Händen Schwimmbewogungen. - Daß Frauen Selbstgespräche vor dem Spiegel führen, wenn sie sich putzen, verstehe ich noch, aber einmal sah ich, wie eine sehr intelligente Dame Bonbons aß. Sie wähnte sich von niemanden bemerkt und sprach 'zu jedem Bonbon also: „Und gerade will ich dich aufessen!" Dann höhnte sie das verzehrte Bonbon: „Aber ich 'habe dich doch ausgegessen, sichst du?" Dabei saß diese Dame auf einem Stuhl beim Fenster, es war Sommer, etwa 5 Uhr nachmittags. Von der Straße her drang der Laym der Großstadt. Die intelligente Dame übte ihre TätUüt nui todernstem Gesicht aus und wandte die ganze Zeit ihr:: '.Mauen Augen nicht von der Tüte nüt Bonbons. Im Foyer eines Theaters beul achtele ich einmal folgendes Spiel: Mn gMwses, dun klhaariges Frauchen, das zu spät ins Theater kam. blieb beim Spiegel stehen und richtete-die'Frisur. T uber fragte sie streng, mit ganz lauter Stimme: /„Nun, muß man sterben^" Im Foyer befand sich niemand ar.ßer mir. Mich aber -hatte die kleine, duiMhciavlge Frau nicht bemerkt. Bis 'heute krage ich'mich, ob Wohl me kleine, dunkelhaarige Frau, hatte sie mich geschefls aull' cm mich die Frage gerichtet hätte, ofc man sterben muß oder nicht. Ja, solch' munderliäis Beobachtungen cm Menschen -komüe lch'yft^ sehr, oftl'mächen..

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